Kurzes #21 – Marthas Gummiregenmantel

Die folgende Kurzgeschichte ist die erste einer Reihe in loser Folge erscheinenden Kurzgeschichten zum Thema Fetischismus.
Die rund zweihundert Meter lange Gasse mit dem ausgetretenen Pflaster genoß bereits seit dem Mittelalter einen zweifelhaften Ruf, ohne daß selbst alteingesessene Bewohner sagen konnten, worauf dieser sich begründete. Sie hatte sich seit dem Mittelalter nur insofern verändert, als daß alte Häuser neuen gewichen, die Gasse befestigt und an die öffentliche Kanalisation angeschlossen worden war. Ansonsten verlief sie noch immer im Bogen und mit geringer Steigung die kleine Anhöhe hinauf, auf die die Stadt erbaut worden war. Sonnenlicht drang lediglich am späten Nachmittag und auch nur im Sommer für ein bis zwei Stunden bis auf das Pflaster hinunter. Es gab zwei Werkstätten, die mehr schlecht als recht gingen. Wer hier wohnte, der tat es nicht freiwillig, sondern weil es ihn hierher verschlagen hatte und er es nicht mehr schaffte, fortzuziehen. Ungefähr in der Mitte lag ein kleines Hotel, mehr eine Absteige, sauber zwar, doch kaum heimelig, denn alles schien schon bessere Zeiten gesehen zu haben. Wer hier ein Zimmer wollte, der nahm es nicht, um zu übernachten, sondern mietete es stundenweise. Eine Handvoll Prostituierte ging dort ihrem Gewerbe nach; das einzige in dieser Gasse ausgeübte Gewerbe, das sich halbwegs für die, die es ausübten, rentierte. Die Frauen gingen unbehelligt von Zuhältern ihrer Arbeit nach. Lediglich die lokale Verwaltung hatte ein wachsames Auge auf sie, was sich jedoch in der Sorge erschöpfte, ob die Gunstgewerblerinnen die regelmäßigen amtlichen Untersuchungen durchführen ließen und ihre Steuern und sonstigen Abgaben ordnungsgemäß entrichteten, schließlich galt ihr Broterwerb seit einigen Jahren offiziell als ein Beruf wie jeder andere. Die Frauen warteten unaufdringlich auf Kunden. Sie gingen anschaffen, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Jede hatte ihren festen Platz, den die anderen respektierten. Sie waren nicht übertrieben geschminkt und von durchschnittlicher Attraktivität. Ihre Röcke waren nicht unbedingt kürzer als die herrschende Mode und auch die Blusen nicht sonderlich tief ausgeschnitten. Im großen und ganzen unterschiedenen sie sich in keiner Weise von ›anständigen‹ Bürgersfrauen. An kalten wie an Regentagen suchten sie in der schummerigen kleinen Kneipe schräg gegenüber dem Stundenhotel Unterschlupf. Dort hatten sie ihre Ecke, in der sie auch von Freiern angesprochen werden konnten, diskret, damit die übrigen Gäste, ausnahmslos Bewohner der Gasse, nicht gestört wurden, die sich ohnehin nicht an ihnen störten. Die Frauen gehörten für sie zu ihrer Gasse und keiner wäre je unhöflich oder gar herablassend ihnen gegenüber geworden, schließlich mußten sie mitunter nicht weniger hart für ihr Geld arbeiten als sie. Man tolerierte sich, aber man suchte nicht den Kontakt zueinander, wenn es nicht unbedingt sein mußte. Jede der Frauen hatte ihre Stamm- und ihre Laufkundschaft; Lehrlinge wie Gymnasiasten, Arbeiter wie Angestellte und hin und wieder auch jemand aus der ›Oberschicht‹ des kleinen Ortes, dem die gepflegten und ungekünstelten Frauen dieser Gasse lieber waren als die aufgetakelten und ihren Kunden etwas vorspielenden Frauen in den Bordellen der nahen Großstadt.
Marthas Platz war nicht nur ungefähr in der Mitte der Gasse, kaum zehn Schritte vom Hotel entfernt, an der Einfahrt zu der kleinen Schreinerei, auch ihr Alter lag ungefähr in der Mitte des ihrer Kolleginnen. Sie war auf ihre besondere Weise die hübscheste von ihnen. Kräftig vom Wuchs wie die anderen; breite Hüften, stämmige Beine, jedoch mit ungewöhnlich schmalen Fesseln, üppigen schweren Brüsten. Das dunkle, dichte kaum schulterlange Haar wirkte immer ein wenig ungekämmt, was ihr einen sinnlich verwegenen Ausdruck verschaffte. Sie schminkte sich kaum und roch immer nach Lavendelseife. Sie trug ausnahmslos enge, knielange, seitlich hochgeschlitzte schwarze oder dunkelblaue Lederröcke, die bei jedem Schritt den Saum ihrer zarten Strümpfe und einen schmalen Streifen nackter Haut sehen ließen. Ihre überwiegend hellen, fast züchtig geschlossenen Blusen aus dünnem Stoff ließen deutlich sehen, daß sie nichts darunter trug. Auf ihren gepflegten Schuhen mit beinahe turmhohen Absätzen ging sie sicher. Martha trug Lederröcke, Strümpfe und hochhackige Schuhe weil sie sich wohl darin fühlte und nicht nur weil sie zur klassischen ›Arbeitskleidung‹ ihres Gewerbes gehörten. Sie war wie die meisten ihrer Kolleginnen eines Tages in der Gasse aufgetaucht, hatte stillschweigend den Platz neben der kleinen Schreinerei eingenommen, die bereits seit Generationen hier ansässig war und bei der es schien, als würde sie keine weitere Generation mehr überleben können, und doch gab es sie immer noch. Da niemand auf diesen Platz Anspruch erhob, hatte Martha ihn behalten. Es wurde sich lediglich kurz darüber gewundert, warum niemand vor Martha den Platz für sich beansprucht hatte, obwohl die schmale Durchfahrt einen guten Schutz vor Regen bot, einen besseren als die Hauseingänge in deren Nähe die anderen Frauen meist ihre Plätze hatten. Woher Martha kam und was sie vorher gemacht hatte, wußte keiner. Weil sie sich den allgemeinen Gepflogenheiten im Umgang miteinander fügte, wurde sie schnell respektiert. Sie bewohnte ein kleines Zimmer in einer Pension am Rande des Ortes, die sauber war und wo den Pensionsgästen keine Fragen gestellt wurden, solange sie pünktlich ihre Mieten bezahlten und nichts taten, was die Vertreter der staatlichen Ordnungsmacht auf den Plan gerufen hätte.
So angenehm es an kalten Tagen auch war, sich in der kleinen Kneipe aufzuhalten, so nervte es Martha doch an Regentagen außerhalb des Winters. Sie mochte den Regen auf eine eigene Weise. Nicht den heftigen Guß, der einen binnen weniger Minuten bis auf die Haut durchnäßte, sondern den leichten, den Landregen, der einen ganzen Tag ohne Pause niedergehen konnte. An ihrem Platz stand sie ja recht gut geschützt. Doch irgendwann war jeder Mantel durchnäßt und mit Schirm herumzustehen war auch nicht das Wahre. Ein einfacher Plastikregenmantel fand nicht ihren Zuspruch, er war nicht unbedingt etwas, das Kunden anlockte. Eine Zeitlang hatte sie mit dem Gedanken gespielt, sich einen schwarzen Lackmantel zulegen, aber der schien ihr irgendwie zu auffällig für diese Gasse.
Beim Besuch einer entfernten Tante in der nahegelegenen Stadt, die in ihrer Jugend dem gleichen Gewerbe nachgegangen war, jedoch nicht auf der Straße sondern in einem der ersten Häuser, bevor sie einen erfolgreichen deutlich älteren Notar geheiratet hatte, der bereits seit mehreren Jahren verstorben war, löste sich Marthas Problem. Sie hatte ihrer Tante beim Aufräumen ihres Kleiderschranks geholfen, die regelmäßig Kleider, die sie nicht mehr brauchte, die nicht mehr modern waren oder die sie aus anderen Gründen nicht mehr trug, an wohltätige Einrichtungen gab. Dabei waren Martha zwei dunkelgraue Regenmäntel aus leichtem gummierten Stoff aufgefallen, die zwar alt aber sehr gepflegt wirkten. Ihre Tante hatte ihr Interesse bemerkt und ihr mit einem Schmunzeln erzählt, daß diese Mäntel nicht nur bestens vor Regen schützten, sondern daß ihre Tante zu ihrer ›aktiven‹ Zeit einige Kunden gehabt hatte, die sich gerade von diesen Mäntel erotisch angezogen gefühlt hatten. Damit hatte ihre Tante bereits viel von ihrer Vergangenheit erzählt. Sie fragte Martha, ob sie sie haben wollte, sie selbst habe sie seit ihren ›aktiven‹ Tagen nicht mehr getragen und eigentlich nur als Erinnerungen an die alten Zeiten behalten. Martha, die sich in erster Linie für die beiden Mäntel als Witterungsschutz interessierte, nahm das Geschenk nur zu gerne an.
Wenige Tage darauf bot sich die erste Gelegenheit, einen der Mäntel während ihrer Arbeit zu tragen. Obwohl der Frühling bereits in vollem Gang war, ließ das Wetter wenig davon spüren. Es war zwar nicht ausgesprochen kühl, aber es regnete häufiger als es wünschenswert wäre. Es ging ein ausgiebiger Landregen nieder. Marthas Kolleginnen verbrachten die meiste Zeit des Tages gezwungenermaßen in der Kneipe. Nur Martha hielt sich überwiegend draußen auf. Der Mantel war bequem und leicht, sie spürte ihn kaum, und hielt sie trocken. Die Kapuze hatte sie übergezogen und den Gürtel enggeschnürt, so daß ihre üppigen Brüste, die sie übrigens sehr mochte, betont wurden. Der Regen ließ die wasserundurchlässige Außenseite glänzen. Ihre Schuhe waren zwar recht bald durchweicht und ihre Strümpfe naß, aber das machte ihr nichts aus, denn es war ja nicht kalt.
Martha genoß diesen Regentag. Der Geruch des frischfallenden Regens, sein leises Rauschen, die relative Ruhe, die ihn begleitete – wirklich lärmend war es in dieser Gasse nie –, gefiel ihr. Es erinnerte sie an ihre Kindheitstage, wo sie an Regentagen stundenlang am offenen Fenster gesessen und in den Garten hinausgesehen hatte. Sie war auf dem Land groß geworden, und dort wurde Regen eben nicht als widriges Wetter betrachtet, sondern war seine lebenspendende Funktion bestens bekannt.
Regen besaß für Martha etwas Sinnliches, und nicht nur weil sie dabei immer an ihr Erstes Mal erinnert wurde. Sie war fünfzehn gewesen und hatte mit einem Nachbarsjungen vor einem plötzlichen Regenguß in einem Heuschober Unterschlupf gesucht. Sie waren beide völlig durchnäßt gewesen. Der Duft des frischen Heus hatte sein übriges dazu getan. Es war an sich nichts Besonders gewesen, aber sie hatte dabei einen Orgasmus gehabt.
Die Erinnerung, der Regen ließen sie sogar ein wenig feucht werden.
Sie hatte an diesem Tag nur zwei Kunden, nicht mehr als sonst an einem Regentag und auch ihre Kolleginnen, die sich im Stillen über ihr Verhalten wunderten, aber nicht weiter darüber nachdachten, hatten kaum mehr. Futterneid gab es unter ihnen nicht.
Von diesem Tag an trug Martha den Gummiregenmantel stets, sobald nur irgendwie der Anschein von Regen zu entdecken war, schloß ihn aber nur, wenn es wirklich regnete. Schnell hatte man sich an diese äußere Veränderung bei ihr gewöhnt.
Martha besaß den Mantel vielleicht zwei Wochen. Es nieselte seit dem Morgen ohne Unterlaß und sie stand wieder einmal allein in der Gasse. Sie schlenderte einige Schritte neben ihrem Platz auf und ab, die Hände in den Manteltaschen geschoben, lauschte auf das Klacken ihrer hohen Absätze auf dem ausgetretenen Pflaster, umrundete geschickt die vielen kleinen Pfützen, genoß das leise Trommeln des Regens auf ihrer Kapuze und hing ganz ihren Gedanken nach. Sie hatte den Mann nicht kommen gesehen. Sie bemerkte ihn erst, als er sie ansprach und nach dem Preis fragte. Mit einem geschäftsmäßig freundlichen Lächeln, das dennoch liebenswürdig war, nannte sie ihren Tarif, der bei allen Frauen in dieser Gasse derselbe war.
»Was tust du dafür?« fragte er leise, fast schüchtern, obwohl niemand in der Nähe war, der sie hätte belauschen können. Und selbst wenn, hätte sich keiner daran gestört.
Sie sah ihn mit leicht schiefgelegtem Kopf und einem freundlichen Lächeln um die Mundwinkel an. Sie hatte ihn hier noch nie gesehen. Er schien nicht unsympathisch, fast etwas schüchtern als sei es das erste Mal, daß er zu einer wie ihr ging. Er war relativ groß, schlank, doch nicht hager, wirkte irgendwie ›besser gestellt‹ und sah insgesamt nicht schlecht aus. Er hielt seinen Schirm fest in der Hand, fast als wollte er sich daran festhalten. Sie schätzte ihn auf Anfang Vierzig. In ihren Augen ein eher untypisches Alter, um das erste Mal zu einer Hure zu gehen. Aber das bedeutete letztlich nichts. Er schien sie zielstrebig ausgesucht zu haben. Das kannte sie eigentlich nur von Stammkunden. Die anderen gingen erst einmal langsam die Gasse auf und ab, musterten jede einzelne von ihnen, ehe sie sich entschieden.
»Das übliche halt. Vaginal, einen runterholen oder dir beim Abwichsen zusehen«, entgegnete sie freundlich als plauderten sie über Belangloses. »Doch alles nur mit Gummi«, fügte sie entschieden hinzu.
In dem Punkt hatten sie und ihre Kolleginnen noch nie Kompromisse gemacht und ihre Freier hatten auch noch nie dagegen Einwände erhoben.
Er nickte derart zustimmend, als könne er sich selbst nichts anderes vorstellen.
»Und sonst?« er fragte weiterhin fast zaghaft.
»Blasen, anal und spanisch geht extra.«
»Und darüber hinaus?« er stockte leicht bei dieser Frage.
Seine Schüchternheit rührte sie innerlich. Bisher kannte sie so etwas nur von kaum Zwanzigjährigen.
»Kommt darauf an. Wenn es nicht zu ungewöhnlich ist«, sie vermied es bewußt ›abartig‹ zu sagen, denn in ihren Augen gab es nichts ›Abartiges‹. Solange sie nicht zu etwas überredet werden sollte, das auf irgendeine Weise ein gesundheitliches Risiko in sich barg, ob für ihren Kunden oder sie selbst, störte sie sich nicht daran. Sie verlangte auch keine übertriebenen Preise dafür, wie es andere ihres Berufstandes gerne taten, sollten sie etwas machen, das vom allgemein Üblichen abwich. »Oder wenn es nicht zu eklig ist. Gerade bei letzterem sind die im Hotel sehr eigen. Wenn überhaupt, ginge es nur im einzigen Zimmer mit Bad, des Saubermachens wegen.«
Er nickte, aber so, als ob das für ihn ohnehin nicht in Frage käme.
»Was machst du nicht?«
»Alles was mit einem gesundheitlichen Risiko verbunden ist. Zungenküsse nur mit jemandem, der mir wirklich sympathisch ist.«
Er nickte erneut, als hätte er keine andere Antwort erwartet.
»Machst du es auch angezogen?«
»Angezogen, ausgezogen, kommt darauf an. Ich trage jedenfalls kein Höschen und keinen BH, nie, nur Strapse. Ist praktischer.«
Er nickte wieder, schien zu überlegen. Sie ließ ihm Zeit. Ein anderer Freier war ja nicht in Sicht und irgendwo war der Kunde auch König.
»Gut, einverstanden«, sagte er.
Sie ging die wenigen Schritte zum Hotel voraus. Während sie sich einen Zimmerschlüssel geben ließ, ganz gleich welche Tages- oder Jahreszeit war, in dem schmalen Durchgang war es immer dämmrig, schloß er penibel seinen Schirm.
»Mit Bad«, fragte sie ihn, sich zu ihm wendend, in einer Eingebung, als sie den Zimmerschlüssel schon der Hand hielt.
Er schüttelte entschieden den Kopf. Das hatte er nun wirklich nicht mit seiner Frage gemeint. Sie zuckte kaum merklich mit den Achseln. Obwohl ihr feuchte Spiele mitunter wirklich Spaß machten. Es kam nur auf den entsprechenden Mann an.
Sie ging vor ihm die schmale, ausgetretene Holztreppe, die vernehmlich unter jedem Schritt knarrte, hinauf. Auch hier herrschte wie in den schmalen Fluren ewiges Dämmerlicht. Die Zimmer gingen entweder nach hinten, auf einen kleinen Hof in dem eine Gruppe uralter Linden wuchs, oder nach vorne zur Gasse hinaus. Sie hatte den Schlüssel für ein Zimmer im zweiten Stock zum Hof hinaus bekommen. Die Zimmer zum Hof waren ihr lieber. Bevor sie nach getaner Arbeit nach unten ging, warf sie gerne einen Blick auf die alten Linden.
Sie und ihre Kolleginnen hatten keine festen Zimmer. Welches gerade frei war, wurde genommen. Das Zimmer mit Bad wurde nur selten von einer von einen verlangt. Martha konnte sich schon gar nicht mehr erinnern, wann sie es das letzte Mal benutzt hatte.
Sie ließ den Mann zuerst eintreten, schloß dann die Tür hinter ihm und steckte den Schlüssel von innen aufs Schloß.
Er ließ den Blick durch das kleine, relativ adrette, wenn auch sichtlich verwohnte Zimmer wandern. Ihm schien es zuzusagen.
»Und?« fragte sie und schlug die Kapuze zurück.
Er sah sie an.
»Für was hast du dich entschieden?« fragte sie mit einem freundlichen Lächeln.
Irgendwie war sie immer neugierig, was ein Kunde von ihr verlangen würde.
»Würde es dir etwas ausmachen, deinen Gummiregenmantel anzubehalten?« fragte er leicht unsicher und ließ die Blicke an ihrem Körper entlang wandern.
»Nein, warum?« antwortete sie und mußte an den Grund denken, warum sich ihre Tante diesen Gummiregenmantel angeschafft hatte.
Das war in ihren Augen nun wirklich nichts, was irgendwie ungewöhnlich war. Es gab genug Kunden, die sie lieber angezogen wollten, das verstärkte wohl in Augen das ›Verrufene‹ am Sex mit einer Prostituierten. Aber sie blieb selbst gerne beim Sex angezogen, so machte es ihr einfach mehr Spaß.
»Ich meine, würdest du nur ihn anbehalten, nackt darunter?«
»Ja, natürlich.«
Sie legte den Mantel ab und zog die Bluse aus.
»Den Rock kannst du auch anbehalten«, sagte er, als sie den Reißverschluß öffnen wollte. »Ich wußte ja nicht, daß du einen Lederrock darunter trägst.«
»Ich trage immer Lederröcke«, erklärte sie freundlich und zog den Gummimantel wieder über.
Er lächelte leicht verlegen und legte seinen Schirm auf die Fensterbank.
»Würdest du auch die Kapuze überziehen und den Gürtel so eng schnüren, wie es geht, ohne daß es dir unangenehm ist?« fragte er jetzt forscher und betrachtete sie zum ersten Mal begehrend, doch nicht herablassend aufdringlich.
Sie kam seinem Wunsch nach. Durch den enggeschnürten Gürtel, der ihr leicht ins Fleisch schnitt – sie hatte etwas übertrieben, wollte sich aber vor ihm keine Blöße geben –, wurden ihre üppigen Brüste betont.
An seinem Blick sah sie, daß er zufrieden war, sie ihm so gefiel. Was würde jetzt kommen? Trotz aller Erfahrung war das für sie eine neue Situation.
»Gefalle ich dir so?« fragte sie nicht nur geschäftsmäßig freundlich.
»Ja, sehr«, er klang fast überschwenglich. »Du hast schöne Brüste und Beine.«
Sie wurde für einen Moment verlegen, denn sie spürte, daß er es ernst meinte.
»Und weiter?« fragte sie. »Was willst du nun machen?«
»Ich würde mich gerne an dir reiben.«
»Weiter nichts?«
»Weiter nichts. Was nimmst du dafür?«
Sie überlegte kurz. Eigentlich war das weniger anstrengend als Vaginal und Blasen, kaum mehr Als abwichsen. Genaugenommen müßte sie sogar etwas weniger dafür verlangen. Und doch schien er damit zu rechnen, daß sein Wunsch als ungewöhnlich empfunden wurde, er mehr als üblich dafür bezahlen müsse. Sie war überzeugt, daß er enttäuscht wäre, vielleicht nicht ernst genommen, wenn sie nichts aufschlug.
»Dasselbe wie beim Blasen«, sagte sie und nannten ihm den Preis, der derselbe wie für alles andere war.
Doch für ihn schien er höher als der übliche zu sein. Er nickte, holte einige Geldscheine aus der Hosentasche, zählte sie ab und gab sie ihr. Sie steckte sie in die rechte Manteltasche.
Er zog sich flink aus, hängte aber alles ordentlich über die Stuhllehne. Es war für sie nichts Neues, vor allem biedere Familienväter verhielten sich so.
Erst als er nackt vor ihr stand – sein Körper war drahtig, aber muskulös – bemerkte sie seine heftige Erektion. Er war auf nackten Füßen nur wenig größer als sie auf ihren hohen Absätzen.
»Wenn du aber doch in mich eindringen willst, dann nicht ohne Gummi«, mahnte sie nachdrücklich.
Er schüttelte entschieden den Kopf.
»Ich möchte mich nur an dir, an deinem Gummimantel reiben.«
»Bitte, du hast bezahlt«, meinte sie nur.
Er trat auf sie zu, umarmte sie sogar zärtlich. Er barg den Kopf an ihrer Schulter. Sie legte leicht die Arme um seine Taille.
Er rieb sich intensiv an ihr, vor allem mit dem Schoß an ihrem Bauch und den Oberkörper an ihren Brüsten. Sie spürte seinen heftiger werdenden Herzschlag, wie ihr dort, wo er sie mit seinem erhitzten Körper berührte, warm unter ihrem Mantel, ihre Haut feucht wurde. Er rieb seinen harten Schwanz an ihrem Bauch. Er machte es sicherlich nicht zum ersten Mal auf diese Weise. Er wußte genau, was seine Lust steigerte. Es war für sie ein eigenartiges, neues Gefühl.
Sie konnte nicht sagen, wie lange er sich an ihr rieb. Unangenehm war es ihr nicht. Ihre Brustwarzen wurden durch den über sie reibenden Stoff steif. Sie wurde mit der Zeit sogar selbst feucht. Er unternahm keinen Versuch, in sie einzudringen. Er würde bald kommen, denn er stützte sich immer mehr an ihr ab, als daß er sie umarmte. Sie war kräftig genug ihn zu halten. Durch ein sanftes Stöhnen bemerkte sie, daß er über ihrem Mantel kam. Kurz darauf hörte er auf, sich an ihr zu reiben, hielt sie aber noch einen Moment fest, ehe er sich von ihr löste.
Er sah auf die Stelle auf ihrem Gummimantel, über die er gekommen war. Es war reichlich gewesen, lief bereits an ihrem Mantel hinunter. Sie wollte es mit einem Papiertuch abwischen, damit es nicht auf den Boden tropfte.
»Nicht!« rief er aus. »Laß mich es noch etwas sehen.«
Mit einem Achselzucken sagte sie: »Wenn es aber auf den Boden tropft, dann wischst du es auf.«
Er nickte nur und verschlang sie mit den Blicken.
Ihr fiel auf, daß er seine Erektion behielt. Das kam selten bei einem Kunden vor, die meisten verloren ihre schnell, kaum daß sie ihre Befriedigung erlangt hatten.
Ehe sein Sperma am Mantelsaum angekommen war und hinuntertropfen würde, wischte er es selbst, und das genüßlich, mit einem Papiertuch ab.
»Ich würde gerne noch einmal«, sagte er zaghaft, während er das Papiertuch sorgfältig zusammenlegte und in den Abfalleimer warf.
»Noch mal an mir reiben?«
Es war das erste Mal seit einem Monat, daß einer zweimal hintereinander wollte.
»Nein, ganz normal, aber du mußt oben sein.«
»Gut, das macht dann noch einmal die Hälfte von vorhin«, sie konnte schließlich nicht das gleiche für einen Vaginalkoitus nehmen, wenn sie ihn vorhin hatte glauben machen wollen, daß Oralverkehr teurer war.
»Ja, gut«, sagte er und holte das Geld aus seiner über dem Stuhl hängenden Hose.
Sie steckte es ein. Er legte sich aufs Bett. Sie zog ihm ein Kondom über. Sie hockte sich über ihn und führte ihn in sich ein. Normalerweise bemühte sie sich, selbst nur einen leichten Orgasmus dabei zu haben, damit sie nicht zu schnell von der selbstzufriedenen Stimmung erfaßt wurde, wie sie sich in der Regel nach intensiven Orgasmen einstellt. Aber sein Reiben an ihr hatte sie dermaßen erregt, daß sie spürte, wie sie bald ein durchaus intensiver Orgasmus ereilen würde. Sie wäre nie auf die Idee gekommen, ihren Kunden einen Orgasmus vorzutäuschen. Andererseits erwarteten die meisten auch gar nicht, daß sie einen dabei hatte. Für sie war es selbstverständlich, daß alles getan wurde, damit sie selbst einen bekamen.
Martha ließ ihn relativ schnell kommen, kurz nachdem es ihr unter einem leisen Aufstöhnen selbst gekommen war. Er blickte die ganze Zeit auf ihre üppigen Brüste unter dem Gummimantel.
Während sie sich wieder anzogen, fragte sie ihn, nun doch neugierig geworden, warum sie denn unbedingt ihren Gummiregenmantel anbehalten sollte?
Die anfängliche Unsicherheit schien jetzt weitgehend von ihm gefallen zu sein, denn er antwortete selbstsicherer: »Vor ein paar Tagen war ich in der Schreinerei, um ihr einen Auftrag zu erteilen. Da habe ich dich in deinem Gummiregenmantel neben der Einfahrt stehen sehen. Da du mir gleich gefallen hast und mich Gummiregenmäntel sexuell anziehen, ist der Wunsch in mir gereift. Zumal der Schreiner mir sagte, was für einen Beruf du hast«, er lächelte ein wenig verlegen. »Außerdem habe ich es schon lange nicht mehr auf diese Weise mit einer Frau gemacht«, fügte er fast entschuldigend hinzu.
»Ist schon in Ordnung«, sagte sie jovial.
Als sie wieder auf ihrem Platz stand, er schon lange gegangen war, dachte sie sogar ein wenig angetan an ihn.
Bereits am nächsten Tage hatte sie ihn vergessen. Erst als er eine Woche später, an einem erneuten Regentag, vor ihr stand, erinnerte sie sich wieder an ihn.
»Dasselbe wie letztes Mal«, fragte sie freundlich.
Gegen einen neuen Stammkunden hatte sie nichts einzuwenden und wenn einer ein zweites Mal kam, dann kam er auch öfter.
»So ähnlich«, nickte er und folgte ihr ins Hotel.
Von nun an kam er einmal wöchentlich zu ihr. Bald machten sie einen festen Tag aus. Regnete es dann nicht, deponierte sie ihren Gummiregenmantel beim Portier im Hotel.
Mit der Zeit wurden sie vertrauter miteinander und es blieb nicht mehr nur beim Reiben an ihr und einem anschließenden Ritt. Als Martha feststellte, daß nicht mehr sie ihm einen sexuellen Dienst erwies, sondern er sie richtig verwöhnte, sie sich endlos seinen ausgezeichneten linguistischen Fähigkeiten hätte hingeben können, wußte sie nicht, wie sie sich verhalten sollte. Sie hatte längst mehr von ihren Begegnungen als er. Und eigentlich müßte es nun an ihr sein ihn zu bezahlen. Es war eine verrückte Situation im Wortsinn. Doch er zahlte gut und warum sollte sie einen guten Stammkunden vor den Kopf stoßen, in dem sie ihn auf einige scheinbare Widersprüche aufmerksam machte und sie selbst mehr als befriedigt wurde?
Er kam annähernd ein Jahr zu ihr. Bereits seit einiger Zeit spürte sie, daß eine Veränderung mit ihm vorging, daß ihn etwas zu beschäftigen schien. Obwohl er sich ihr stets mit der gleichen Aufmerksamkeit widmete, schien er mit einem Teil seiner Gedanken woanders zu sein. Mit einem leicht wehmütigen Seufzer sagte sie sich, daß sie wohl bald einen guten Stammkunden verlieren würde.
Wie er dann doch die Geschäftsbeziehung zwischen ihnen beendete, hätte sie niemals erwartet. Und doch hätte ihr ihre Tante als Beispiel dienen sollen. Relativ nüchtern für eine derartiges Vorhaben, erklärte er ihr, daß er nun in einem Alter sei, in dem er an eine feste Partnerschaft, ans Heiraten denken solle, brachte eine Menge Argumente vor, die teils Allgemeinplätze waren, teils aus innerem Bedürfnis herauskamen, die sie ein wenig irritierten, weil sie nicht wußte, worauf er eigentlich hinauswollte, was sie beide betraf. Kurz, er würde es gerne sehen, wenn sie den Platz der Frau an seiner Seite einnehme – er sagte es tatsächlich derart geschraubt.
Martha erkannte, daß es ihm ernst war und er sie um ihrerselbst wollte und nicht aus irgendeiner Sozialromantik heraus. Sie überlegte nicht lange und willigte ein. Ihre Tante war ihr ein gutes Vorbild.
So wie Martha von einem Tag auf den anderen in dieser Gasse aufgetaucht war, so verschwand sie von einem Tag auf den anderen aus dieser Gasse. Ebensowenig wie sich Gedanken darüber gemacht worden war, warum sie hier anschaffen gegangen war, wurde sich darüber Gedanken gemacht, warum sie es nun nicht mehr tat. Eine Zeitlang war ihr Platz neben der Schreinerei verwaist, bis eines Tages eine andere junge Frau ihn wie selbstverständlich in Anspruch nahm.









Am 5. Juli 2010 um 13:03 Uhr
Warum hatte er keinen Regenmantel an, wenn er darauf abfährt.
Am 5. Juli 2010 um 13:54 Uhr
Weil er in erster Linie darauf abfährt, wenn eine Frau einen Gummiregenmantel trägt. Das voyeuristische Moment ist bei ihm stark ausgeprägt.