Kurzes #33 – Frühling

von
Armin A. Alexander

Er war noch nicht vollständig aufgewacht, da wußte er bereits, daß dieser Tag etwas Besonderes besaß. Ein leises Glücksgefühl durchströmte ihn, als habe sich etwas ereignet, das er schon lange herbeigesehnt hatte. Voll Elan sprang er aus dem Bett und zog die Vorhänge zurück. Morgendliches Sonnenlicht flutete ins Zimmer. Er mußte kurz die Augen schließen, denn die Helligkeit schmerzte seine noch ans Halbdunkel gewöhnten Augen. Dann riß er förmlich das Fenster auf. Milde Wärme strömte ins Zimmer, begleitet vom Gesang der Vögel und einem leicht süßlich herben Aroma. – Der Frühling war endlich da!

Er kam nicht wirklich überraschend. Angekündigt hatte er sich ja bereits, doch bisher eher zaghaft, als traute er sich nach dem zurückliegenden harten Winter nicht so recht nach draußen, fürchtete sich davor, daß der Winter allzu entschlossen seinen Platz verteidigen könnte, obwohl seine Zeit längst abgelaufen war. Doch hatte er sich in den letzten Wochen ja wiederholt aufgebäumt, als man bereits dachte, er sei nun endlich vorbei.

Aber dieser Morgen ließ keinen Zweifel mehr zu; der Frühling hatte endgültig den Sieg davon getragen.

Nachdem er die notwendigen morgendlichen Verrichtungen erledigt hatte, beschloß er einen langen Spaziergang durch den nahegelegenen Stadtpark zu machen. Den ersten richtigen Frühlingstag in einem geschlossenen Raum zu verbringen, erschien ihm als Frevel. Er nahm lediglich ein Buch mit.

Kaum stand er vor dem Haus, fuhr ihm der Frühling schon durch alle Glieder. Die Wärme, das Licht weckte Euphorie in ihm. Er schritt fröhlich aus.

Aber nicht nur ihm ging es so. Alle Menschen, denen er begegnete, schienen ähnlich zu empfinden. Nichts Mürrisches lag mehr auf ihren Gesichtern. Nicht der Drang, sich nur so lange als nötig draußen aufzuhalten, keine hochgeschlagenen Mantelkragen mehr, keine in die Stirn gezogen Mützen, keine dicken Schals, die kaum noch etwas vom Gesicht sehen ließen, keine dicken Handschuhe, kurzum, keine bis zur Unförmigkeit vermummten Gestalten in dicken derben Schuhen. Leichte Kleider, farbenfrohe Stoffe, leichte Schuhe beherrschten das Stadtbild.

Zu Beginn des Frühlings wunderte er sich immer wieder aufs neue, wie viele gutaussehende Frauen es gab, wie chic sie waren, wie leicht ihr Gang war. Wo waren sie den Winter über? Wenn es nicht so albern wäre, würde er behaupten, daß sie Winterschlaf hielten. Sie waren selbstverständlich auch im Winter da, nur war unter den dicken Schichten von Wolle und Stoff nichts von ihnen zu erkennen.

Er bevorzugte keinen bestimmten Typ. Ausstrahlung war für ihn wichtiger als die Übereinstimmung mit irgendeinem – von den Medien – vorgegebenen Schönheitsideal. Einer Frau, die mit sich selbst im Einklang ist, die ihren Körper vorbehaltlos akzeptiert, die seine Stärken kennt aber die – vermeintlichen – Schwächen nicht leugnet, strahlt ohnehin eine Faszination aus, der sich kaum jemand entziehen kann, am wenigsten er.

Während sich die Knospen bisher eher zögerlich entfaltet hatten, als zweifelten sie, ob sie sich bereits nach draußen wagen konnten, entfalteten sie sich nun geradezu hemmungslos.

Der Stadtpark war belebt wie schon lange nicht mehr in den zurückliegenden Monaten. Man schlenderte gemeinsam oder allein über die gepflegten Wege, Kinder lärmten fröhlich, die Erwachsenen sprachen angeregt und entspannt miteinander. Manch einer saß auf einer der vielen Bänke oder mitten auf den Rasenflächen, las in einem Buch oder einer Zeitung oder hatte die Augen geschlossen, saß entspannt zurückgelehnt, ließ sich von der Frühlingssonne bescheinen und hing seinen Gedanken nach.

Er setzte sich auf eine der wenigen freien Bänke, halb im Schatten eines großen Strauches, der fast vollständig erblüht war und ein intensives angenehmes, fast aphrodisisches Aroma verströmte. Er setzte sich nur ungern auf eine Bank, auf der schon jemand saß, dabei war er alles andere als schüchtern. Doch es ihm war einfach lieber, der Zufall führte jemand zu ihm. Selbst wenn bereits jemand dort saß, mit dem er gerne ein Gespräch begonnen hätte. Wie beispielsweise die attraktive Brünette auf der Bank schräg gegenüber, die selbstversunken und entspannt zurückgelehnt, in einem Buch lesend, saß, die schönen langen Beine leger übereinandergeschlagen, die schwarzumrandete Brille bis auf die Nasenspitze geschoben. Hin und wieder umspielte ein leises Lachen ihre vollen Lippen. Gemächlich blätterte sie die Seiten um. Sie schien ihre Umgebung vollständig vergessen zu haben.

Er schlug gleichfalls sein Buch auf, doch er las nicht, er betrachtete sie lieber. Ihre Selbstvergessenheit ermöglichte es ihm, das in aller Ruhe zu tun.

Er betrachtete sie mit den Augen des Bewunderers nicht mit denen des Eroberers, der zuerst das Terrain sondiert, um seine möglichen Chancen herauszufinden. Ein Bewunderer erfreut sich bereits am Anblick des Schönen und Reizvollen. Er schaut aber auch unter die Oberfläche, ja ihm gefällt es, wenn sich das Schöne, das Reizvolle nicht auf den ersten Blick erschließt, das Oberflächliche ist seine Sache nicht. Denn allzu leicht erweist sich Oberflächliches schnell, als das was es ist. Oberflächliches stellt ohnehin nur den flüchtigen Betrachter zufrieden, der gar kein Bedürfnis hat, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Manch einem wäre die Frau gegenüber zu üppig oder gar zu alt erschienen. Alt für jemanden, der einem Jugendwahn huldigt. Alt war sie keineswegs, allenfalls eine Frau im besten Alter, aber auch das hat etwas Abwertendes, beinhaltet es doch, daß sich ihre »besten« Jahre bald dem Ende nähern und die Rolle der Matrone ihr besser steht als die der Liebhaberin. Doch ist erotische Ausstrahlung nicht vom Alter abhängig.

Sein Gegenüber mochte irgendwo in den Vierzigern sein, aber das war letztlich nebensächlich. In ihrem dichten kastanienbraunen Haar zeigten sich nur vereinzelt graue Strähnen, die nur bei näherem Hinsehen ins Auge fielen. Die kleinen Lachfältchen um die dunklen Augen machten sie höchstens reizvoller. Ihre Make-up war dezent und betonte ihre schönen dunklen Augen und die weichen Lippen.

Sie strich sich eine Strähne aus der Stirn, die ein leichter Wind dorthin geweht hatte und schlug gemächlich eine weitere Seite um, wippte dabei leicht mit dem freien Fuß und scharrte mit dem anderen kurz über den Boden, was seinen Blick unwillkürlich auf ihre Beine zog.

Kein Zweifel, sie wußte um die Schönheit ihrer langen Beine. Der enge schwarze Satinrock mit dem breiten schwarzen Lackgürtel, der ihre Taille schmaler erscheinen ließ als sie war, war gerade so lang, daß er noch als »züchtig« durchgehen konnte, aber doch so kurz, daß er einen Blick auf ihre muskulösen Schenkel und zugleich der Phantasie genug Raum bot. Und doch war er, ob beabsichtigt oder nicht – das ließ sich beim besten Willen nicht sagen – so weit hochgerutscht, daß sein Kennerblick den Ansatz ihrer Strumpfsäume sehen konnte und er befriedigt feststellte, daß es sich bei ihren hautfarbenen zarten Strümpfe um echte Nahtnylons handelte.

Genießerisch ließ er den Blick an ihren Schenkeln hinunterwandern, zu ihren angenehm geschwungenen Waden, die in auffallend schmalen Fesseln ausliefen. Wie bei einer Frau, die um die Schönheit ihrer Beine weiß und sie gerne zeigt, nicht anders zu erwarten, waren die Absätze ihrer schwarzen Schuhe relativ hoch. Obwohl gepflegt, wirkten sie ein wenig ausgetreten, wie Lieblingsschuhe halt sind.

Fast als wäre ihr bewußt, daß jemand ihre schönen Beine bewunderte, ließ sie den Schuh über dem rechten Fuß baumeln.

Mehr aus Angst, sie könne bemerken, wie er die Blicke auf ihre Füße, ihre Beine gerichtet hatte, hob er wieder den Blick.

Sie wußte nicht nur um die Schönheit ihrer Beine, sondern auch um die ihres Dekolletés. Sie hatte die oberen Knöpfe ihrer hellen Bluse mit dreiviertellangem Arm soweit geöffnet, wie es ging, ohne allzu kokett zu wirken.

Sie blätterte erneut eine Seite um und sein Blick blieb an ihren schönen schlanken Händen hängen, deren halblange Nägel in einem dunklen Rotton lackiert hatte und die unberingt waren.

Er konnte nicht sagen, wie lange er sie bereits betrachtet hatte. Sie hatte nicht einmal den Blick gehoben. Sie schien ihn nicht zu bemerken.

Er vertiefte sich fast schuldbewußt in sein Buch.

Solange hatte er schon lange nicht mehr eine Frau, die ihm gefiel, betrachtet, ohne daß sie es bemerkt hatte. Zwar wußte er, daß ein bewunderndes Betrachten nur selten abweisend aufgenommen wird. Aber er hatte sie bereits dermaßen lange angesehen, daß er sie eigentlich schon hätte ansprechen müssen. Aber er wollte ja nur bewundern und nicht verführen. Dieser Frühlingstag war einfach zu schön, um mehr als einen angenehmen Augenblick verlangen zu können. Noch war alles zu fragil. Es war ja noch kein Sommer. Frostige Nächte waren noch immer möglich, auch wenn die Wahrscheinlichkeit von Tag zu Tag geringer wurde.

Er überlegte bereits, ob er seine Wanderung durch den Park fortsetzen sollte, da sah er aus den Augenwinkeln heraus, wie die Schöne Lesende ein Lesezeichen zwischen die Seiten ihres Buches legte, es schloß und in ihrer geräumigen Tasche verstaute. Sie zog ihren Schuh wieder an, stand auf und strich den Rock mit einer fast zärtlich selbstverliebten Geste glatt. Sie schien sich ein wenig unschlüssig umzuschauen. Er vertiefte sich angestrengt in sein Buch, bevor ihn ihr Blick treffen konnte. Er traute sich nicht aufzusehen. Er hörte ihre Schritte auf dem Kies. Er widerstand der Versuchung, aufzusehen, denn er wußte nicht, in welche Richtung sie davonging. Er würde den Blick erst heben, wenn er ihre Schritte sich entfernen hörte.

Er war dermaßen darauf konzentriert zu lauschen, in welche Richtung sich ihre Schritte entfernten, daß er in Wahrheit gar nichts hörte, denn es gingen ja fortwährend Leute in beiden Richtungen an ihm vorbei. Und da er ihren Schritt ja gar nicht kannte, ging er in den Schritten der anderen unter.

Die Zeit schien ihm endloslang.

Er schrak fast ein wenig zusammen, als plötzlich ein Schatten auf ihn fiel. Und kurz darauf eine angenehm warme Stimme fragte, ob denn auf seiner Bank noch Platz sei.

Er wollte fast schon gelangweilt antworten, daß das natürlich der Fall sei. Doch weil er wußte, daß man einen Menschen ansieht, wenn man mit ihm spricht, sah er erst auf und staunte nicht schlecht, als die Schöne Lesende von gegenüber vor ihm stand und ihn mit einem heiteren und auch ein wenig schelmischen Lächeln ansah.

Fast hätte er gestottert und ihr übereifrig Platz angeboten, doch er besann sich und bat sie charmant, sich neben ihn zu setzen.

Noch bevor er seinen Satz beendet hatte, hatte sie sich bereits mit einer elegant fließenden Bewegung dicht neben ihn gesetzt und schlug mit damenhafter Lässigkeit die Beine übereinander, so daß ihm gar nichts anderes übrig blieb, als erneut einen bewundernden Blick auf sie zu werfen.

Sie sah ihn mit einem Lächeln an, das keinen Zweifel ließ, daß ihr seine bewundernden Blicke von Anfang an aufgefallen waren und daß der schöne Frühlingstag gerade erst begonnen hatte.

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