Kurzes #34 – Begegnung auf dem Friedhof

von
Armin A. Alexander

Der folgende Text ist ein kurzer Auszug des Roman »Adalberts Erbe«. Zur Zeit noch in Bearbeitung.

Die Schatten waren beträchtlich länger und durchsichtiger geworden. Malte mußte wohl etwas eingenickt sein. Ihm fiel ein, daß er auf jeden Fall noch zum Friedhof gehen wollte, dem Grab seines Patenonkels einen Besuch abstatten. Eilig räumte er das Geschirr in die Küche. Tisch und Stühle ließ er stehen, wo sie waren. Er holte die etwas ungelenk angefertigte Skizze, die ihm der alte Notar von der Lage des Grabes gegeben hatte, aus einer mitgebrachten Mappe mit diversen Schriftstücken das Erbe betreffend. Vermutlich hätte er das Grab nach einigem Suchen auch ohne diese Skizze gefunden, allzu groß war der alte Friedhof ja nicht, wenn auch in die Länge gezogen.
Sorgfältig schloß er das Haus ab, trat durch das Tor auf die Straßen hinaus und ging gemächlichen Schrittes zum Friedhof, der kaum zehn Minuten Fußweg vom Haus entfernt lag.
Auf gelegentlichen Spaziergängen mit seinem Patenonkel waren sie häufig an dem Friedhof vorbeigekommen. Aus der halb im Scherz gemachten Bemerkung seines Patenonkels, eines Tages würde er ihn dort besuchen, war nun traurige Tatsache geworden. Die halbhohe Mauer aus roten Ziegeln, die den Friedhof umfriedete, die kleine aus denselben Ziegeln erbaute mit bunten Glasfenstern versehene Kapelle, die akkurat angelegten gepflegten Kieswege, hatten auf Malte schon immer wie Zeugen der Ewigkeit gewirkt, als wären sie schon immer hier gewesen und würden bis zum Ende aller Zeiten hier sein.
Er trat durch das offenstehende Tor, ging an der Tafel mit den Öffnungszeiten und Winterpflegehinweisen nebst einer Kurzfassung der Friedhofsordnung achtlos vorbei und holte die Lageskizze des alten Notars aus der Jackentasche. Nach dieser mußte er die Kapelle rechter Hand liegen lassen und den Hauptweg mehr als die Hälfte entlang gehen. Dieser war schnurgerade angelegt und bot einen ungehinderten Blick auf das gegenüberliegende Tor, das auf einen breiten asphaltierten Feldweg hinausführte. Nach etwa siebzig Metern mußte er sich links halten, dann ein Stück geradeaus gehen, vorbei an zwei schmalen Seitenwegen und sich erneut nach links wenden. In der Nähe einer alten Eiche mußte es dann sein.
Malte steckte die Lageskizze wieder in die Jackentasche zurück und hob den Blick.
Hatte er zuvor, während er kurz den Hauptweg entlang geblickt hatte, niemand gesehen, so schrak er fast zusammen, da ihm in vielleicht dreißig Metern Entfernung eine junge Frau entgegenkam, die Hände in den Taschen ihrer langen dunklen Lederjacke vergraben. Sie ging den Weg mit ruhigen gemessenen Schritten entlang, was jedoch nicht an den auffallend hohen Absätzen ihrer Schuhe lag, denn auf diesen schritt sie sicher. Sie fiel ihm nicht nur auf, weil sie groß gewachsen war und eine ansprechende Silhouette besaß, sondern vor allem weil sie einfach zu damenhaft elegant für diesen kleinen Ort wirkte. Zur Lederjacke, deren Gürtel sie so fest geschnürt hatte, daß ihre schmale Taille betont wurde, trug sie einen dunklen, scheinbar schlicht geschnittenen Lederrock gleicher Farbe, helle zarte Strümpfe und gepflegte Schuhe aus feinem braunem Leder. Langes, üppiges rotbraunes Haar, im Nacken leger mit einer breiten schwarzen Samtschleife zusammengebunden, umrahmte ein traurig wirkendes, hübsches, dezent geschminktes, ovales Gesicht mit vollen weichen Lippen. Eine ebenso elegante wie schlichte dunkle Sonnenbrille verdeckte die Augen. Scheinbar nur geradeaus sehend, den Blick mehr auf den Weg vor sich gerichtet als ihre Umgebung wahrnehmend, schritt sie an Malte vorbei. Wobei ihm für einen Moment ihr dezentes fruchtiges Parfum, dessen Duftnote ihm unbekannt war, in die Nase wehte. Er konnte sich des Eindrucks jedoch nicht erwehren, daß ihr Parfum alles andere als zu den preiswerten zählte.
Kaum war sie an ihm vorbei geschritten, blieb er einen Augenblick stehen und sah ihr nach, wie sie zielstrebig auf den Ausgang zuging.
Irgend etwas an dieser Frau war eigenartig, ohne daß er es hätte präzisieren können. Und es lag eindeutig nicht allein an ihrer Erscheinung. Aus dem Ort war sie auf keinen Fall, es gab hier so gut wie keine Bewohner, die sich eine so offenkundig teure Garderobe hätten leisten können oder auch wollen. Sie repräsentierte vom Scheitel bis zur Sohle die Städterin.
Nachdem sie durch das Tor getreten war, sich nach rechts gewandt hatte und somit aus seinem Blickfeld verschwunden war, ging Malte weiter. Er folgte der Lagekizze und mußte – wie nicht anders erwartet – ein wenig suchen, worüber er die Begegnung mit der schönen Unbekannten vergaß.
Lange stand er vor dem Grab seines Patenonkels. Die Sonne stand bereits tief über dem Horizont, Myriaden von Insekten schwirrten in ihren letzten Strahlen, die Schatten waren dünn und sehr lang geworden. Ein leichter Wind trug vom angrenzenden Wald Tannenduft herüber. Die meisten der bereits verwelkten Kränze war entfernt worden. Darüber daß eine Vase mit frischen Blumen und ein Grablicht, das noch nicht lange brennen konnte, mitten auf dem Grab stand, machte Malte sich keine Gedanken. Sein Patenonkel besaß genug Freunde und Bekannte im Ort, die dafür verantwortlich sein konnten. Morgen vormittag würde er als erstes einen Kranz in der Gärtnerei unweit des Friedhofs bestellen.
Malte ging auf einem Umweg nach Hause zurück, vorbei an einem Waldstück, das an den Friedhof grenzte. Auf jedem Schritt und jedem Tritt wurde er an seinen Patenonkel erinnert und führte ihm vor Augen, daß er über die Jahre so gut überall hier mit ihm gewesen war. Malte erinnerte sich an die vielen Geschichten, die er ihm auf ihren Spaziergängen erzählt hatte. Geschichten aus seiner Jugend ebenso wie aus dem Leben der Dichter, über die er Zeit seines Lebens geforscht hatte, aber auch über die Flora und Fauna des Waldes hatte er einiges zu berichten gewußt, und der kleine Malte hatte stets aufmerksam zugehört.
Mit den Jahren wandelte Malte sich vom kindlichen Zuhörer in einen interessierten Jugendlichen, der nachfragte, wenn ihm etwas widersprüchlich oder unvollständig oder ungereimt erschienen war, und sich von seinem Patenonkel in interessante Diskussionen hatte verwickeln lassen. Sein Patenonkel hatte sich seine vorgebrachten Argumente aufmerksam angehört und ruhig und sachlich geantwortet, und Malte vor allem das Gefühl gegeben, ernst genommen zu sein.
Im Nachhinein erkannte Malte, daß er in seinem jugendlichen Ungestüm manches von sich gegeben hatte, über das sein Patenonkel eigentlich nur den Kopf hätte schütteln und nachsichtig lächeln müssen, doch er hatte sich die Zeit genommen, Maltes Argumente zu widerlegen oder ihn dazuzubringen, seine Gedanken noch einmal einer Prüfung zu unterziehen, so daß Malte mehr als einmal das Gefühl gehabt hatte, ihm seien von allein die Widersprüche und die Ungereimtheiten in seiner Argumentation aufgefallen.
In leicht melancholischer Stimmung gelangte Malte zum Haus zurück. Es dämmerte bereits, und während er das Tor aufschloß, schaltete sich bereits die Straßenbeleuchtung ein.

 

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