Kurzes #56 – Chambre d’Amour

von
Armin A. Alexander

Blitze zuckten. Der Donner grollte unnatürlich laut. Das Gewitter befand sich genau über dem Stadtteil. Er schaffte es gerade noch, den schützenden Hausdurchgang zu erreichen, bevor der fast schwarze Himmel seine Schleusen öffnete.

Der Regen peitschte durch die Straßen. Das Wasser konnte gar nicht so schnell abfließen, wie es von oben kam. Die auftreffenden Tropfen bildeten auf der dünnen, alles überziehenden Wasserschicht Blasen. In den Straßenrinnen hatten sich kleine reißende Bäche gebildet. Keine Menschenseele war mehr zu sehen.

Er lehnte sich mit der linken Schulter an die Wand des Durchgangs und beobachtete interessiert das Naturschauspiel. Was blieb ihm auch anderes übrig, wollte er nicht innerhalb kürzester Zeit bis auf die Haut durchnäßt werden?

Es waren nur wenige Augenblicke vergangen, als er hinter sich eine Tür gehen und das Klacken hoher Absätze auf Betonplatten hörte. Diese Melodie erfüllte ihn stets mit einem leichten, lustvoll prickelnden Gefühl. Es waren entschlossene Schritte, die sich schnell näherten. Er widerstand dem Drang, sich umzudrehen, weil er kaum mehr als Umrisse gesehen hätte, lag doch der ganze Durchgang im Dunkel.

Die Schritte verstummten auf seiner Höhe. Zugleich hörte er einen ungehaltenen Seufzer, der zur Hälfte in einem erneuten Donner unterging. Er blickte leicht zur Seite. Da sie jetzt auf seiner Höhe war, konnte er es unauffälliger tun.

In diesem Fall konnte das Gewitter ruhig noch was dauern, war sein erster Gedanke. Sie war groß. Das mittellange, üppige blonde Haar erweckte den Eindruck gepflegter Nachlässigkeit, daß frau gerade aus den Armen ihres Liebhabers kommt und es gar nicht einsieht, warum sie die Spuren der genossenen Lust schamhaft verstecken soll. Den blauen Trenchcoat hatte sie enggegürtet, was ihre Taille schmaler wirken ließ und ihre ohnehin recht ansehnlichen Busen betonte. Ihre Schuhe waren aus schwarzem feinem Leder, handgenäht und unübersehbar auf ihren schlanken Fuß gearbeitet. Schwarze hauchzarte Nahtnylons umhüllten ein Paar schmaler Fesseln und sanft geschwungener Waden.

Sie blickte trotzig aus schönen dunklen, unter dichten Brauen liegenden Augen in den Regen hinaus, als empfinde sie das Wetter als persönlichen Affront, kaute nervös auf der vollen Unterlippe herum. Die Hände hatte sie in die Manteltaschen geschoben. Sie tippte ungeduldig mit der rechten Fußspitze auf den Boden, drehte den Fuß gelegentlich auf dem Absatz hin und her, was ein scharrendes Geräusch verursachte. Ihm schenkte sie keinerlei Beachtung, tat, als sei er gar nicht vorhanden.

Vielleicht war seine Vermutung ja gar nicht so abwegig und sie hatte hier ihren Liebhaber für ein nachmittägliches Schäferstündchen besucht. Darüber hatten sie die Zeit vergessen, bis ihr schlagartig bewußt wurde, daß ihr keine mehr blieb, sich in Ruhe anzuziehen, die Haare zu kämmen, das Make-up aufzufrischen. Sie war hastig aus dem Bett gesprungen, eilig in ihre Kleider geschlüpft, hatte sich im Bad noch schnell die Lippen nachgezogen, die Augen mit dem Kajalstift umrandet, den Mantel übergezogen, während sie ihm einen letzten flüchtigen Kuß gab, ein Dankeschön für die schönen Stunden, die wie immer leider viel zu kurz gewesen waren, hatte die Wohnung verlassen und war die Treppen hinuntergeeilt. Der Grund für ihren überstürzten Aufbruch, ihre Ungeduld konnten ein wichtiger geschäftlicher Termin sein oder gar die zurückkehrende Lebenspartnerin des Geliebten, oder daß ihr Lebenspartner sie um eine bestimmte Stunde zurückerwartete. Und jetzt hielt sie dieses Gewitter hier im Hausdurchgang fest.

Es blitzte und donnerte ohne Unterlaß. Der Regen fiel mit unverminderter Heftigkeit.

Natürlich waren das nur wilde Vermutungen. Ihre Ungeduld, der Anlaß ihres Aufenthaltes hier konnte weitaus banaler sein; der Besuch einer Freundin beispielsweise – daß sie hier wohnte, schien ihm wenig wahrscheinlich, denn dann hätte sie das Ende des Gusses in ihrer Wohnung abgewartet, was einen Besuch auch nicht wahrscheinlicher als seine romantischen Spekulationen sein ließ, denn welcher Gastgeber läßt seinen Gast schon bei so einem Wetter gehen?

Mit einem resignierenden Seufzer lehnte sie sich mit der rechten Schulter an die ihm gegenüberliegende Wand des Durchgangs. Sie schien einzusehen, daß sie das Ende des Gusses wohl oder übel würde abwarten müssen, wollte sie nicht förmlich geduscht werden, denn ihr Mantel hätte sie lediglich vor einem leichten Regen hinreichend geschützt. Außerdem war ihr Schuhwerk nur bedingt für Regenspaziergänge geeignet und schon gar nicht für einen Wolkenbruch von tropischer Intensität.

Ihn ignorierte sie weiterhin. Sie hatte bisher nicht einmal den Blick zu ihm gewandt. Es schien sie auch nicht zu kümmern, daß er sie beinahe unverhohlen, wenn auch nicht aufdringlich, sondern vielmehr bewundernd, was nur selten abwehrende Reaktionen hervorruft, betrachtete, denn wann wird einem schon einmal die Wartezeit auf das Ende eines Gewitters durch die Gegenwart einer derart interessanten Frau verkürzt?

Ab und zu kaute sie ungeduldig auf der Unterlippe, scharrte aber nun mehr gelangweilt als ungehalten mit den Fuß und sah in den Regen hinaus.

Das Gewitter zog sich ungewöhnlich lange hin. Oder kam es ihm nur so vor? Nur langsam wurden die Pausen zwischen den Blitzen länger, der Donner leiser. Aber der Regen hatte so gut wie nichts von seiner Heftigkeit eingebüßt.

Ein Auto fuhr langsam vorüber, das Wasser spritzte in Fontänen zu beiden Seiten auf, die Scheibenwischer liefen auf höchster Stufe, trotzdem durfte der Fahrer kaum etwas sehen.

Seine schöne ›Leidensgenossin‹ löste sich von der Wand. Für den Augenblick befürchtete er, sie könnte die Geduld verloren haben und doch in den Regen hinausgehen, es in Kauf nehmen, schon nach wenigen Schritten durchnäßt zu sein, nur um damit zu demonstrieren, daß sie die Dominanz der Natur nicht akzeptierte, doch sie ging nach hinten, wo die Tür sein mußte, aus der sie gekommen war. Er glaubte schon ein wenig enttäuscht, sie würde wieder ins Haus zurückgehen. Doch sie ging auf die andere Seite, wo die Mauer einen leichten Versprung machte und Mülltonnen standen. Sie hockte sich neben die Tonnen. Er konnte ihre Silhouette sehen. Kurz darauf hörte er ein leises Prasseln auf dem Pflaster. Er mußte schmunzeln. Sie pinkelte einfach hier im Durchgang, als sei sie allein, als könne er sie nicht sehen und bestünde auch keine Gefahr, daß plötzlich jemand aus der Tür kommen könnte, die genau gegenüber der Stelle war, wo sie hockte.

Als sie fertig war, verharrte sie noch einen Augenblick, bevor sie aufstand. Sie schritt gemächlich nach vorne und nahm ihre alte Stelle an der Wand wieder ein, die Hände lässig in den Manteltaschen. Sie wirkte nicht mehr ungeduldig, fast schon gleichgültig.

Der Regen hatte schon merklich nachgelassen, war aber immer noch zu heftig, um sich bereits aus dem Schutz des Durchgangs wagen zu können.

Sie strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Er lächelte ihr freundlich zu. Doch sie ignorierte ihn scheinbar noch immer, aber ihre Augen umspielte ein schwaches zustimmendes Lächeln, ihre Haltung besaß absolut nichts Abweisendes mehr.

Als nur noch vereinzelte Tropfen fielen – das Gewitter endete fast so plötzlich, wie es begonnen hatte – trat sie unvermittelt aus dem Durchgang, verharrte einen Augenblick, als sei sie unschlüssig, ob ihre getroffene Entscheidung die richtige sei, und schritt resolut aus.

Er zögerte nicht einen Moment und folgte ihr. Für ihn gab es im Augenblick keine Alternative. Die gute halbe Stunde, die sie zusammen in dem Durchgang gestanden hatten, hatte ausgereicht, ohne jedes Wort Vertrautheit zwischen ihnen zu schaffen, so daß es ihm fast als Sakrileg erschien, ihr nicht zu folgen. Denn daß er ihr folgen sollte, war offensichtlich.

Sie ging schnell die Straße entlang, die Hände in den Manteltaschen, den Blick entschlossen geradeaus gerichtet. Er hielt einen Abstand von nur wenigen Schritten, betrachte angetan ihre Rückfront, ihre vielleicht ein wenig zu breiten Hüften, die sich bei jedem ihrer Schritte auf betörende Weise wiegten.

In diesem Teil der Stadt gab es viele verwinkelte Straßen inmitten alter Häuser aus der Gründerzeit. Oft genug mußte er sich beeilen, um sie nicht aus den Augen zu verlieren, sobald sie in eine Seitenstraße einbog und dabei mitunter auch noch die Straßenseite wechselte.

Es regnete längst nicht mehr, aber der Himmel war immer noch verhangen. Es waren wieder Leute unterwegs, die jedoch weder auf ihn noch auf sie achteten. Während des ganzen Weges sah sie sich nicht einmal nach ihm um. Und doch war er sicher, daß sie darauf achtete, daß sie sich nicht verloren.

Er hatte längst die Orientierung verloren, wußte allenfalls ungefähr, wo sie sich befanden. Durch die Mehrzahl der schmalen oft nur kurzen Straßen ging er heute zum ersten Mal. Sie jedoch schien sich hier bestens auszukennen.

Mehr als einmal fragte er sich, ob sie ihn vielleicht an der Nase herumführte.

Sie bog in die nächste Seitenstraße ein. Er ging schneller. Für den Moment verlor er sie aus den Augen. Er blieb stehen, lauschte auf das Klacken ihrer Absätze. Er vernahm es auch in einiger Entfernung, was ihn erleichterte und schon erblickte er, wenn auch nur für einen Moment, ihren blauen Trenchcoat. Da war sie bereits in einem der Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite verschwunden. Auf Anhieb hätte er nicht sagen können in welchem.

Hier war also ihr ›Spaziergang‹ zu Ende, dachte er leicht enttäuscht. Sollte er sich so in ihr geirrt haben? Irgendwie schien es ihm unsinnig, jetzt einfach aufzugeben.

Er besah sich die infrage kommenden Häuser auf der anderen Straßenseite genauer. Über einem schmalen Durchgang hing die Leuchtreklame eines Hotels, das im hinteren Teil des Hauses lag. Es war eines dieser kleinen nicht zu teueren Häuser mit einer Handvoll gepflegter, durchaus stilvoll eingerichteter Zimmer, wo man sich mehr als Freund des Hauses denn als Gast fühlte, deren Zimmer man ganz gewöhnlich tageweise, aber auch stundenweise mieten konnte, wenn der Portier sah, daß hier nicht bloß ein ›Geschäft‹ abgewickelt werden sollte, sondern zwei Verliebte ein paar schöne Stunden miteinander verbringen wollten.

Das gab ihm die Zuversicht wieder. Ein letzter Zweifel blieb aber, ob er nicht doch ein Opfer seines Wunschdenkens war. Er schüttelte diesen schnell ab – so sehr konnte er sich schließlich nicht getäuscht haben – und ging mit leicht klopfendem Herzen auf den Eingang zu.

Er betrat einen gut beleuchteten langen Durchgang, der in einen Hof führte. Kurz davor lag der Eingang zum Hotel. Er ging die beiden Stufen hinauf und öffnete die Glastüre, die in einen nicht sehr großen Vorraum führte. Hinter der Theke stand eine Frau in den Fünfzigern, in dezenter Eleganz gekleidet.

Ihre Blicke trafen sich. Sie lächelte ihm freundlich zu.

»Die junge Dame, die Sie suchen, befindet sich auf Zimmer 7 im zweiten Stock«, sagte sie freundlich, »die Treppe hinauf und dann die zweite Tür links.«

Er nickte freundlich und ging den bezeichneten Weg. Ein dicker Läufer auf den Stufen dämpfte die Schritte. Auf der zweiten Etage sah er sofort den Lichtschimmer, der durch die benannte leicht geöffnete Türe fiel.

Seine Hand zitterte, als er sie auf die Klinke legte. Er atmete tief durch, gab sich einen inneren Ruck – schließlich gehört den Mutigen die Welt – und öffnete die Tür ganz.

Im Sessel unter dem Fenster gegenüber dem breiten Messingbett, das mit roter Seidenbettwäsche bezogen war und auf das der erste schwache Sonnenstrahl fiel, der durch die dichten Wolken drang, saß seine Schöne aus dem Durchgang. Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen, wippte gedankenverloren und keinesfalls ungeduldig mit dem rechten Fuß, die schönen schlanken Hände mit den halblangen in einem dunklen Rot lackierten Nägeln lässig auf den Armlehnen liegend. Den Mantel hatte sie geöffnet, darunter trug sie ein kurzes körperbetontes Kleid aus blauer Seide, ein schmaler Streifen der Säume ihrer Nahtnylons war zu sehen.

Sie lächelte ihm aufmunternd zu. Er erwiderte ihren Blick und ihr Lächeln.

Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, stand sie auf, ließ den Mantel über die Schultern nach hinten gleiten, so daß er auf dem Sessel zu liegen kam, und ging langsam auf ihn zu, jeden Schritt bewußt tuend.

Sie legte nicht bloß eine Entfernung zurück, sondern durchmaß eine Distanz, den Blick auf ihn gerichtet, den seinen suchend. Er wich ihm nicht aus, konnte es gar nicht, verspürte zugleich nicht nur Begehren nach ihr, sondern vor allem Vertrauen. Jeder Schritt – es waren kaum vier –, brachte sie ihm nicht nur räumlich näher. Ihr Lächeln beinhaltete nicht nur Ermunterung und Einladung, sondern im gewissen Sinn auch Triumph, daß er ihrem Zauber erlegen war. Er konnte es schon bei ihrem ersten Schritt kaum mehr erwarten, bis sie endlich dicht vor ihm stand, sie sich berührten.

Sie blieb dicht vor ihm stehen, legte ihm zärtlich die Hände auf die Schultern, berührte seine Lippen mit den ihren, von denen ein leichter Himbeergeschmack ausging, massierte sie sanft mit ihren und schob ihm die Zunge fast schon besitzergreifend zwischen die Lippen. Bei der ersten Berührung ihrer Zungenspitzen durchströmte beide eine Art leichter elektrisierender Schlag. Ebenso genüßlich wie sie ihn küßte, erwiderte er ihr Zungenspiel; für ihn der Beweis, daß sie alles andere als Phantasie war.

Während sie sich küßten, voll von ruhigem Genuß, wie zwei erfahrene Gourmets, die wissen, daß in der Ruhe die Kraft liegt, streifte sie ihm die Jacke über die Schultern, so daß sie langsam zu Boden glitt, knöpfte ihm mit geschickten Fingern das Hemd auf. Sie zog ihn langsam aus, ohne dabei mit der Intensität ihrer Küsse nachzulassen.

Es dauerte nicht lange und er stand nackt vor ihr. Sie selbst war noch immer angezogen, hatte es verstanden, alle seine Versuche, den Reißverschluß ihres Kleides zu öffnen, geschickt abzuwehren, doch ohne ihm dabei irgendwie das Gefühl zu vermitteln, daß ihr seine Berührungen unangenehm wären. Er verstand, daß sie, zumindest vorerst, nicht bereit war, ihr Kleid abzulegen, sie die Führung behalten wollte, und legte dafür lieber seine Hände auf ihre Hüften, spürte ihren warmen festen Frauenkörper durch die dünne Seide des Kleides hindurch.

Als er nackt war, löste sie sich von ihm, trat einen Schritt zurück, stemmte die Hände in die Hüften und sah ihn mit einem zufriedenen, aber auch schelmischen Lächeln an. Dann hob sie den Arm und ehe er sich’s versah, hatte sie ihm einen kraftvollen, leicht schmerzenden Stoß versetzt, der ihn rücklings aufs Bett warf.

Er schaute sie verdutzt an. Bevor er begriff, was weiter geschah, hatte sie ihm die Arme mit kurzen Seilstücken ans Bett gefesselt. Er sagte auch nichts, als sie mit seinen Beinen das gleiche tat. Dann kniete sie sich neben ihm aufs Bett. Er spürte ihr rechtes zartbestrumpften Knie in seiner Seite. Sie sah ihn triumphierend an und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn, auf der kleine Schweißperlen glänzten.

Sein Herz schlug schneller. Er war einer Fremden ausgeliefert und doch ängstigte ihn das nicht. Es gefiel ihm sogar auf eine ganz eigene Weise.

Sie formte die Rechte zu einer Kralle und strich ihm mit den Nägeln über den Bauch. Sie wendete nicht allzu viel Kraft auf und der Schmerz bestand mehr in seiner Vorstellung, aber sie hätte ihn problemlos blutig kratzen können, ohne daß er etwas dagegen hätte machen können. Sie spürte, wie sich seine Bauchmuskeln anspannten und ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre schönen, halbgeöffneten von ihren Küssen noch feuchten Lippen.

Ihre Nägel hatten eine, sich langsam rötende Spur auf seiner Haut hinterlassen.

Sie beugte sich über ihn, zum Nachttisch auf der anderen Seite. Er spürte die Seide ihres Kleides auf der Haut, ihre Wärme. Obwohl sie sein Gesicht kaum berührte, raubte es ihm den Atem.

Sie zog sie Schublade auf und holte einen Knebel und einen schwarzen Seidenschal heraus und schloß sie wieder. Sie stieg über ihn, setzte sich auf seinen Bauch und drückte die Knie gegen seine Rippen. Er spürte ihr ganzes Gewicht auf sich und fühlte seinen Körper leicht in einen Schraubstock eingespannt. Das verstärkte das Bewußtsein, dieser Frau hilflos ausgeliefert zu sein noch mehr und zugleich erregte es ihn so sehr, daß er eine vollständige Erektion bekam.

Sie beugte sich hinunter. Küßte seine Augen, blickte ihn noch einmal lächelnd, sich ihrer Macht über ihn bewußt seiend, an und verband ihm die Augen mit dem Schal, der nicht den kleinsten Lichtstrahl durchließ.

So eines seiner wichtigsten Sinne beraubt, nahm er mit den anderen alles intensiver wahr. Ihr Gewicht auf seinem Körper verstärkte sich, ihr Kleid schien bei jeder Bewegung lauter zu rascheln, der Stoff rauher, ihr Atem zu einem lauten Keuchen geworden zu sein. Was würde sie jetzt machen?

Jeder Augenblick zog sich endlos hin. Da spürte er ihre Hand an seinen Wangen, doch war es kein zärtliches Streicheln. Sie drückte ihm zwar durchaus sanft, aber nachdrücklich den Mund auf und kurz darauf schmeckte er ihren Speichel, den sie ihm aus der Höhe in den Mund laufen ließ. Wollte er nicht, daß ihm dieser den Atem raubte, mußte er ihn schlucken. Kaum hatte er es getan, entließ sie sein Gesicht aus ihrem Griff und küßte ihn noch einmal, bevor sie ihm den Knebel in den Mund schob.

Als sie von ihm stieg, er so plötzlich ihres Gewichtes beraubt wurde, fühlte er sich alleingelassen.

Sie stand neben dem Bett und betrachtete ihn mit einem selbstzufriedenen Ausdruck, die Arme in die Hüften gestemmt. So gefiel er ihr. Er sah gut aus, keine Frage und ihm gefiel offenkundig, was sie mit ihm machte.

Sie kniete sich wieder neben ihm aufs Bett und begann ihn zu streicheln. Immer wieder benutzte sie die Nägel, die sichtbare aber nicht sonderlich schmerzhafte Spuren auf seiner Haut hinterließen. Dieser ständige Wechsel von liebevoller Zärtlichkeit und leichtem Schmerz, steigerte seine Erregung schnell ins Unerträgliche, aber ihm war auch klar, daß es ganz allein in ihrer Hand lag, wann und vor allem, ob sie ihn erlösen würde.

Vorerst jedoch dachte sie nicht daran.

Von ihren sensiblen Fingern wechselte sie bald zu Lippen, Zunge und Zähnen. Lindernd leckte sie über die Kratzspuren, die sie auf seiner Haut hinterlassen hatte. Dafür biß sie ihn leicht an anderen Stellen, nagte und leckte an seinen Brustwarzen. Doch anstelle, daß sich seine Lust verminderte, wie er glaubte, als sie ihn das erste Mal an diesen empfindlichen Stellen biß, steigerte es sie.

Als sich ein leichtes Gefühl des Wundseins an den Brustwarzen bei ihm einstellte, hörte sie auf, nahm ihm den Knebel ab, schob ihr Kleid bis zur Taille hoch, kniete sich auf Kopfhöhe über ihn und hielt ihm ihre feuchte nackte Venusmuschel vor Mund und Nase. Er sog ihren Duft fast gierig ein. Sie roch wunderbar. Sie ließ sich so auf seinem Gesicht nieder, daß er gerade genug Luft bekam, aber ihm nichts anderes übrigblieb, als sie mit der Zunge zu verwöhnen, wollte er wieder frei atmen könnte. Um diese Position länger halten zu können, stützte sie sich mit den Armen am Kopfteil des Bettes ab. Sie spürte seine Zunge an ihrem Schoß, bewegte ihn leicht, damit er auch jede Stelle erreichen konnte.

Sie warf den Kopf in den Nacken, stöhnte und keuchte laut. Er machte es wirklich gut. Er mußte es aber auch, wollte er jemals seine Freiheit wiedererlangen.

Sie gab sich ausgiebig seinen Liebkosungen hin. Ihm wurde warm unter ihrem betörenden erregten Frauenkörper. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Doch er genoß es kaum weniger als sie.

Als sie spürte, daß ihn langsam die Kraft verließ, befreite sie sein Gesicht von ihrer Last, rutschte tiefer und fand, daß er jetzt eine Belohnung für die Lust die er ihr verschafft, verdient hatte.

Sie nahm seinen hart angeschwollenen Schwanz in die Hand und führte ihn sich ein. Sie beugte sich vor, stützte sich mit den Armen auf und verlustierte sich an ihm. Er tat das einzig Richtige in seiner Lage – er genoß es einfach.

Als sie ihm die Augenbinde abnahm, blinzelte er. Seine Augen mußten sich erst an das helle Licht gewöhnten. Sie trug bereits ihren Mantel. Der Lichtfleck, der bei seinem Eintreten ins Zimmer aufs Bett gefallen war, war auf halber Höhe der Wand angelangt.

Sie lächelte ihn fast zärtlich an, während sie ihm die Arme losband. Aber nur diese. Bevor er richtig begriff, noch erwartete, daß sie ihm auch die Beine losband, sich schon darauf freute, sie in die Arme zu nehmen, zum Dank für diesen erfüllten Nachmittag, der ihm eine ganz neue Welt des sinnlichen Erlebens aufgezeigt hatte, warf sie ihm noch einen letzten Blick zu und war schon aus dem Zimmer.

Er brauchte einige Augenblicke, bevor er begriff und sich einer besonderen Ohnmacht bewußt wurde.

Reichlich enttäuscht band er die Beine los. Er betrachtete fast sehnsüchtig die Seile, die er in der Hand hielt, den Knebel und den Schal, die auf dem Nachttisch lagen, die einzig wirklich unbestechlichen Zeugen für die Realität der zurückliegenden Stunden.

Mit dem Seufzer der Erkenntnis, daß er sie wohl nie wiedersehen würde, sollte nicht eines Tages der Zufall sein Verbündeter sein, aber zugleich von der schönen Gewißheit erfüllt, daß ihm diese Erinnerung niemals würde genommen werden können, begann er sich anzuziehen.

Erst jetzt, wo er die Enttäuschung halbwegs überwunden hatte, fiel ihm auf, daß sie die ganze Zeit über nicht ein Wort miteinander gesprochen hatten, er nicht einmal ihren Namen wußte.

Bevor er das Zimmer verließ, warf er noch einen letzten Blick hinein, auf das Bett.

Dieselbe Frau stand immer noch hinter der Theke, nickte ihm kurz zu und wünschte ihm einen schönen Tag. Er erwiderte ihren Gruß. Für den Moment war er versucht, sie nach der unbekannten Schönen zu fragen. Aber sie würde sicherlich nichts sagen. Zu ihrem Metier gehörte Verschwiegenheit und dieses Gelübde würde sie sicherlich nicht einem Fremden zuliebe brechen.

Er trat auf den Gehweg hinaus. Die Sonne stand tief, das Pflaster war fast schon wieder getrocknet, nur hier und da standen noch Pfützen. Die Wolken hatten sich fast alle verzogen.

In den folgenden Wochen kam er noch oft an jenem Durchgang vorbei, blieb häufig lange davor stehen, fast schon so lange, daß er Aufmerksamkeit erregte, aber ihr ist er nie mehr begegnet. Das Hotel hatte er später zwar wiedergefunden, aber er ist nicht hineingegangen, vielleicht weil er mittlerweile fürchtete, daß dieser Nachmittag bloß in seiner Phantasie existiert hat, der Anblick des Hotels, das ihn bei einem seiner früheren Gänge durch dieses Viertel aufgefallen war, dazu animierte hatte, sich auf diese Weise die Wartezeit im Durchgang auf das Ende des Gewitters zu verkürzen. Selbst wenn es ›nur‹ ein Tagtraum war, so nahm ihm das nichts von seiner Schönheit.

 

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