Unterschichten im Spiegel der Zeit

von
Armin A. Alexander

Verbale Entgleisung und Diskreditierungen gegenüber den Schwächsten einer Gesellschaft, den Armen, die auch gerne als Unterschicht bezeichnet werden oder neuerdings auch als Prekariat, was nur scheinbar weniger abwertend klingt, durchziehen die gesamte abendländische Geschichte. Verbale Entgleisungen gegen eine Gesellschaftsschicht, die zwar immer mit ihrer – billigen – Arbeitskraft half, den Wohlstand einer Gesellschaft zu mehren, aber zugleich von den Früchten dieses Wohlstandes ausgeschlossen war. »Wäre ich nicht arm, wärst Du nicht reich«, wie Brecht den armen zum reichen Mann sagen läßt, beschreibt in einfachen Worten treffend Ursache und Wirkung. Die Armen haben immer nur Arbeiten verrichten müssen, die von der Gesellschaft als niedere angesehen worden, oder wurden herangezogen, wenn die anfallende Arbeit für die regulären Kräfte allein nicht zu schaffen war, zur Erntezeit in der Landwirtschaft. Die Landwirtschaft war bis zur einsetzenden Industrialisierung der Wirtschaftszweig mit den meisten Beschäftigten. Sie wurden abwertend als Tagelöhner, heute euphemistisch Saisonarbeiter, bezeichnet, wodurch sie auch sprachlich vom Arbeitenden mit regulärem Beschäftigungsverhältnis abgesetzt wurden, der seinen Lohn wöchentlich erhielt.
Daß sie dumm seien, an ihrem Elend selbst Schuld, dem Trunk verfallen, derb, es nie zu etwas bringen würden, faul, an regelmäßiger Arbeit nicht interessiert, sich hemmungslos ihren Trieben hingeben würden, und was es an Vorurteilen mehr gibt, wurde ihnen fortwährend vorgehalten, ohne auch nur die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, daß hier Ursache mit Wirkung verwechselt wurde. Als ob Menschen, die systematisch ausgegrenzt und diffamiert werden, das auch noch mit Begeisterung und Dank und besonders vorbildlichem Verhalten quittieren würden!

 

Ein historischer Abriß

Nicht nur wirtschaftlich sondern auch politisch waren Unterschichten gewollt. In den streng hierarchisch gegliederten Gesellschaften und Staatssystemen der europäischen Vergangenheit sorgten die Unterschichten dafür, daß die Bevölkerungsgruppen, die die Hauptwirtschaftsleistung erbrachten und damit erst den Prunk der Herrscherhäuser und des Klerus’ ermöglichten, aber ebenso wie die Unterschichten von der politischen Willensbildung ausgeschlossen waren, sich dennoch ihrer Ohnmacht nicht so bewußt werden konnten; es gab eine Bevölkerungsschicht, die noch niedriger stand als sie und denen, ebenso wie ihnen selbst, der Aufstieg in eine höhere Schicht so gut wie verwehrt war. Geht es einem selbst nicht so gut, dann kann es durchaus beruhigend sein, zu wissen, daß es jemand gibt, dem es noch schlechter geht. Darüber hinaus konnte sich im Mittelalter die begüterte Oberschicht mit Mildtätigkeit den Armen gegenüber einen besseren Platz im Paradies »erkaufen«, ein möglicherweise schlechtes Gewissen mit ein paar Kupfermünzen beruhigen.
Auch an Vorschlägen der Bessergestellten, den vermeintlichen Eliten, wie die Armen ihr Los mildern könnten, ist nie gespart worden. Marie-Antonettes: »Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen«, ist stellvertretend dafür zu sehen.
Mit dem Beginn der industriellen Revolution, eingeläutet durch die Erfindung des mechanischen Webstuhls und der Dampfmaschine, sollte die Durchlässigkeit der Gesellschaftsschichten größer werden, vor allem nach unten. Zwar ist das industrielle Zeitalter auch der Beginn des Bürgertums, das überwiegend aus den Kaufleuten und den Handwerkern hervorging, aber eben auch der Beginn der Verarmung breiter Bevölkerungsschichten bedeutete, die vorher zu der gleichen Gesellschaftsschicht wie das spätere Bürgertum gehörten.
Die Weber waren die erste Berufsgruppe, die durch die Einführung des mechanischen Webstuhls zuerst in England, Massenarbeitslosigkeit zu spüren bekamen. Doch nicht nur in England wurden zahllose kleine Weber von den Fabriken verdrängt. Die maschinelle Massenproduktion von Tuch ermöglichte es, die Preise drastisch zu senken und große Mengen zu exportieren. Obwohl sich in Deutschland die Industrie erst allmählich während der zweiten Hälfte des 19 Jhd. zum wichtigsten Wirtschaftszweig entwickelte, bekamen die Weber ihn bereits zu Beginn der 1840er Jahre zu spüren. Gewebt wurde bis dahin vorwiegend in Heimarbeit im Auftrag einiger weniger Großhändler, die das Garn stellten und die durch die billigeren Produkte aus England gezwungen waren, ebenfalls billig zu produzieren, was im vorindustriellem Deutschland nur ging, in dem die Löhne der Weber drastische gesenkt wurden, so daß der Verdienst nicht mehr zum Leben reichte. 1844 kam es in Folge der starken Verarmung zum sogenannten Weberaufstand, der von der Obrigkeit blutig niedergeschlagen wurde. Bis hinein ins 20 Jhd. sollte noch der Staat aktiv in Arbeitskämpfe zugunsten des Kapitals eingreifen.
Durch die Industrialisierung waren nicht nur die Weber, sondern auch Töpfer, Schneider und Schuhmacher, um nur einige als Beispiel zu nennen, mit ihren Waren des täglichen Bedarfs gegenüber der industriellen Massenproduktion nicht mehr konkurrenzfähig. Weshalb ihnen nichts anderes übrig blieb, als sich in den Fabriken für weniger Geld bei gleicher Arbeit zu verdingen, was ein gesellschaftlicher Abstieg bedeutete. Nur wenigen gelang es, sich mit ihren handgefertigten Produkten weiterhin in einer Nische ein Auskommen zu verschaffen.
Die Folgen des gesellschaftlichen Abstiegs, das Los, der von wenigen Industriellen Abhängigen, beschreibt Charles Dickens bereits früh, besonders anschaulich, mit der ihm eigenen Portion Ironie, in »Harte Zeiten«. Die Dichter des Naturalismus, allen voran Emile Zola mit »Germinal«, nahmen sich den Problemen der Arbeiterschaft an und versuchten Vorurteile gegenüber Unterschichten zu widerlegen und die wahren Ursachen für deren Lebensumstände aufzuzeigen.
Im 20 Jhd. beraubte der konsequente Einsatz von Maschinen in der Landwirtschaft, die längst der Wirtschaftszweig mit dem intensivsten Maschineneinsatz geworden ist, unzählige Bauern ihrer Existenz, die sich nun ebenfalls in den Fabriken verdingen mußten. Doch durch den großen Bedarf an Industriegütern und daß die frühindustrielle Produktion noch im hohen Maß manuelle Arbeit erforderte, fand die Mehrzahl jedoch Arbeit, wenn auch schlecht bezahlte.
Jedoch erkannte die Arbeiterschaft, die sich ja ursprünglich überwiegend aus der Mittelschicht rekrutierte, schnell, daß sie sich organisieren mußte, wollte sie nicht trotz Arbeit verarmen. Die organisierte Arbeiterschaft sorgte dafür, daß die, die den Reichtum einiger weniger durch ihre Arbeit mehrten, einen Anteil daran bekamen und somit die nötige Kaufkraft, um die von ihnen gefertigten Produkte auch erwerben zu können und dadurch den allgemeinen Wohlstand erst ermöglichten.
Der beispiellose wirtschaftliche Aufschwung der frühen Nachkriegsjahre ließ die Unterschicht scheinbar fast zu einem Relikt der Vergangenheit werden. Es gab mehr als genug Arbeit, so daß Arbeitskräfte aus dem Ausland rekrutiert werden mußten.
Doch nahm bereits in den 1960er Jahre eine Entwicklung ihren Anfang, die die Arbeitswelt ebenso umwälzen sollte, wie seinerzeit die Dampfmaschine und der automatische Webstuhl: Die EDV. Die eben nicht nur in der Industrieproduktion Einzug hielt, sondern in alle Wirtschafts- und Lebensbereiche, die öffentlichen wie die privaten dermaßen durchdrang, daß längst ohne sie nichts mehr funktionieren würde.
Trotz Fließbandproduktion waren es lange Zeit noch Menschen, die mit Unterstützung der Maschinen Waren produzierten, die EDV jedoch ermöglicht, daß Maschinen selbständig Güter hoher Qualität herstellen können. Menschenleere Fabrikhallen, in denen Roboter alle Produktionsschritte verrichten, sind längst keine Utopie mehr.
In der Verwaltung sieht es nicht viel anders aus. Arbeitszeiterfassungssysteme sind an die Stelle der alten Stechuhr getreten, Daten werden zentral erfaßt und ausgewertet, schneller und effektiver als Menschen es je könnten. Geldautomaten haben viele Angestellte am Schalter überflüssig werden lassen und mit dem Online-Banking nimmt der Kunde den Banken auch Arbeit ab.
Und ein Ende dieser Entwicklung ist noch lange nicht abzusehen. Nicht ohne Grund stellte der US-amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin bereits 1996 in seinem Buch »Das Ende der Arbeit« die These auf, daß die konsequente Rationalisierung dazu führen wird, daß nur noch wenige Menschen für den Arbeitsprozeß notwendig sind.

 

Gegenwärtige Situation

Traf die Automatisierung Anfangs die überwiegend die angelernten Kräfte in der Industrie, so sind heute längst auch höher qualifizierte Kräfte davon betroffen. Maschinen arbeiten billiger und effizienter.
Unterschichten rekrutieren sich längst nicht mehr nur aus den sogenannten Geringqualifizierten. Noch nie war in der neueren Geschichte die Gefahr gesellschaftlich abzurutschen so groß wie in der gegenwärtigen Situation. Denn neben dem Wegfall vieler Arbeitsplätze hat eine kaum weniger fatale Entwicklung eingesetzt; der ausufernde und gewollte Niedriglohnsektor, der dafür sorgt, daß Menschen trotz Vollzeitstelle nicht genug für den täglichen Bedarf haben, der zwar von staatlicher Seite aufgestockt wird, aber letztlich nichts anderes als versteckte Lohnsubvention ist.
Dieser Niedriglohnsektor wurde und wird unter dem Scheinargument der internationalen Wettbewerbsfähig mit aller Macht betrieben. Ist Arbeit nur billig genug, werden die Unternehmer mehr Leute einstellen und alle haben Arbeit und der Konsum kommt von allein in Gang. Offenbar fällt den Urhebern der neoliberalen Ideologie – die weder neo noch liberal ist – gar nicht auf, daß, selbst wenn alle in Lohn und Brot sind, was gar nicht gewünscht ist, denn bei Vollbeschäftigung verlagert sich das Machtgefüge zu den Arbeitnehmern hin, da Vollbeschäftigung nichts weniger bedeutet, als daß jeder jederzeit Arbeit findet und leicht von den Arbeitgebern einen angemessenen Lohn fordern kann. In der gegenwärtigen Situation bedeutet der Verlust des Arbeitsplatzes oft genug den finanziellen Abstieg. Nicht nur, weil die Arbeitslosenunterstützung lediglich noch für ein Jahr gewährt wird, sondern weil der Druck, der dadurch erzeugt wird, den Menschen keine Zeit läßt, sich nach einer anderen adäquaten Stellung umzusehen. Unter der Angst des finanziellen Abstiegs sind die Menschen zwangsläufig bereit, ihre Arbeitskraft unter Wert zu verkaufen. Schließlich ist nicht nur das nicht zum Leben reichende ALG II – vulgo Hartz IV genannt – eine erschreckende Perspektive, sondern die Schikanen, die die Bezieher von ALG II behördlicherseits und in den Mainstreammedien ausgesetzt sind, die eindeutig gegen die Menschenwürde verstoßen, sind weitaus schlimmer.
Abgesehen davon haben Menschen, deren Einkommen gerade zum Leben reicht, kein Geld für Waren übrig, die nicht zu den Gütern des täglichen Bedarfs zählen und oft reicht es kaum dazu. Im Grunde herrschen wirtschaftlich bereits wieder feudale Verhältnisse.
Daher ist es mehr als nur perfide, das Prekariat mit den alten – neuen – Vorteilen zu belegen, wie Faulheit, Dummheit, Zügellosigkeit, trunksüchtig und was auch immer, und weiterhin die Umverteilung von unten nach oben zu betreiben.
Mit aberwitzigen und weltfremden Vorschlägen, wie das »finanzielle Austrocknen« des Prekariats, damit sie sich Arbeit suchen müssen, ohne zu sagen, wo diese Arbeit denn herkommen soll, dem Prekariat vorzuwerfen, es würde sich hemmungslos vermehren und es müsse verhindert werden, daß Frauen aus dem Prekariat Kinder bekommen, da diese ja nur das Heer der Dummen vergrößern würde, die niemals qualifizierte Arbeitskräfte werden können. Diese Vorschläge machte der Bremer Soziologen Professor Dr. Dr. Gunnar Heinsohn in einem Interview der FAZ vom 16 März 2010 (online siehe hier:) Auch hier wird in reiner Schwarzweißmalerei Ursache mit Wirkung verwechselt.
Daß Menschen, die in Perspektivlosigkeit gedrängt werden, bestimmte von Hoffnungslosigkeit geprägte Verhaltensweisen entwickeln, wird ignoriert. Es gilt: »Wer will, daß Menschen sich schlecht benehmen, der muß sie nur schlecht behandeln«.
Längst entscheidet in Deutschland die soziale Herkunft über den schulischen Werdegang eines Kindes. Es ist gerade existenziell wichtig dafür zu sorgen, daß die Fähigkeiten der Kinder entwickelt werden.
Daß eine höhere soziale Herkunft nicht automatisch klügere Kinder bedeutet, zeigt der steigende Bedarf an professioneller Nachhilfe, die sich eben nur die Eltern leisten können, die über ein adäquates Einkommen verfügen. Familien, die mit jedem Euro rechnen müssen, können sich eine professionelle Nachhilfe nicht leisten und geraten dadurch zwangsläufig ins Hintertreffen. Auf diese Weise tut ein Teufelskreis auf, denn auch diese Kinder werden dadurch nie in die Lage, ihren Kindern eine höhere Bildung zu finanzieren, was natürlich die pseudointellektuelle Argumentation gewisser Personenkreise bestätigt.
Abhilfe würde eine ganztägliche Betreuung der Kinder schaffen, vormittags Unterricht nachmittags betreute Hausaufgaben, die keinen Unterschied zwischen Arm und Reich macht und Kinder aus bildungsfernen Schichten zu Kindern mit Bildung macht. Kinder nur wegen ihrer sozialen Herkunft von höherer Bildung auszuschließen, bedeutet nicht zuletzt eine beispiellose Verschwendung von Talenten.
Doch es fällt in der gegenwärtigen Situation leicht, das Prekariat auszugrenzen. Anders als die Arbeiter des 19 Jhd. und 20 Jhd. ist das Prekariat nicht organisiert und überwiegend unpolitisch. Die Gewerkschaften haben durch Zurückhaltung in den Tarifverhandlungen trotz Wirtschaftswachstum seit den 1990er Jahren viel Vertrauen verspielt, das sie erst wiedergewinnen müssen. Ansätze gibt es dazu bereits, aber sie sind und bleiben zu zaghaft und haben es bisher nicht geschafft, die neoliberale Propaganda als solche nachhaltig zu entlarven. Noch immer glaubt der sogenannte Mittelstand, daß seine Interessen sich mit denen der wohlhabenden, der selbsternannten Eliten deckt. Dabei decken sich die Interessen des Mittelstandes ausschließlich mit denen des sogenannten Prekariats. Erst wenn das Prekariat verschwindet, das eben nicht nur zu Rekrutierung billigster Arbeitskräfte dient, sondern ebenso als Prügelknabe und Schreckgespenst, um den Mittelstand zu disziplinieren und auszubeuten, dann wird es auch wieder einen soliden Mittelstand geben, der letztlich die wahre Stütze einer Gesellschaft bildet. Ohne Prekariat gibt es nämlich nur einen Mittelstand, abgesehen von ein paar Wohlhabenden und mittelmäßig Reichen, mit denen eine Gesellschaft aber leben kann, außerdem werden dann Einzelpersonen kaum noch über soviel Kapital verfügen können, um die Mehrheit damit manipulieren zu können.
Je weiter die Schere zwischen Arm und Reich auseinanderklafft, desto mehr ist der in über einhundert Jahren erkämpfte soziale Frieden gefährdet, der nicht zuletzt auch die Demokratie als solche gefährdet, nicht weil es das Prekariat sonst selbst ernannten Heilsbringern in die Arme treibt, sondern weil sie in ihrer Politikmüdigkeit sich selbst von der politischen Willensbildung ausschließen und damit sich der Möglichkeit berauben, an ihrer Situation etwas zu ändern und somit nur diejenigen stärken, die von der Armut des Prekariats profitieren.

 

Dieser Beitrag ist eine leicht überarbeitete Version, die bereits am 2.05.2010 unter dem Titel »Wäre ich nicht arm, wärst Du nicht reich« im online-Magazin einseitig.info publiziert worden ist.

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