Kurzes #65 – Nachgang und Ausblick

von
Armin A. Alexander

Die Fortsetzung von »Die Belohnungt«, »bloß gestellt«, »Ein »blinde date« im Wortsinn« und »Der unbekannte nächtliche Anrufer«

 

Nachdenklich ging er nach Hause. Er hatte diesen Nachmittag außerordentlich genossen, dennoch konnte er sich im Nachhinein nicht wirklich daran erfreuen. Ihr schnelles Zurückziehen, nachdem sie ihn zum Orgasmus gebracht hatte, ließ ihn nicht los. Dabei war es nicht auffällig schnell abgelaufen, nicht im Sinne von hastig oder gar fluchtartig. Er war sich sicher, daß sie den Blick noch eine Weile auf ihn hat ruhen lassen, bevor sie ihn verlassen hatte. Vielleicht hatte sie ihn sogar mit einem liebevollen Lächeln betrachtet.

Als er seine Wohnungstür aufschloß, wußte er, was ihn bedrückte; sie hatte in jedem Augenblick bestimmt, was abzulaufen hatte, und – was für ihn ebenso schwerwiegend war – er hatte sie anschließend nicht in die Arme nehmen können.

Er zog die Schuhe aus und ließ sich, die Beine weit von sich gestreckt, aufs Sofa fallen. Nein, heute würde er nicht vor dem Schlafengehen duschen. Er wollte IHREN Geruch solange als möglich am Körper behalten.

Er konnte nicht sagen, wie lange er einfach nur dagesessen und versucht hatte, seine Gedanken, seine Eindrücke zu ordnen, als das Telefon läutete. Es war gerade einmal früher Abend. Die Dämmerung setzte erst ein und doch wußte er, daß sie es war.

»Wie hat dir deine Belohnung gefallen?« fragte sie sofort, nachdem er sich mit etwas rauher Stimme gemeldet hatte.

»Ja, doch, gut«, erwiderte er mit leicht kratzender Stimme

»Das klingt eher nach dem Gegenteil«, fragte sie unwillkürlich teilnahmsvoll und ihre Stimme zitterte zum ersten Mal leicht. Doch ihm entging das, er war zu sehr mit seinen eigenen Gefühlen beschäftigt.

»Es war schon schön, dich zu spüren. Aber du bist nicht zum Zuge gekommen«, erwiderte er, zu sagen, daß er sie gerne noch in die Arme geschlossen hätte, traute er sich nicht.

»Nein, das wollte ich ja auch nicht«, lachte sie fröhlich und wieder selbstsicher auf. »Die Belohnung war auch für dich allein gedacht. Wäre ich auch gekommen, hätte ich in erster Linie mich ›belohnt‹.«

»Macht dir denn Sex an sich keinen Spaß?« Schon wieder so eine blöde Frage! War er am Ende seit seiner Pubertät nicht weitergekommen? Er hätte sich selbst in den Hintern treten können.

»Es gibt kaum etwas, was ich so gerne habe wie Sex. Und wenn die Menschen ehrlich gegen sich selbst wären, dann würden sie vorbehaltlos zugeben, daß sie nichts lieber als Sex haben und am besten sooft und fantasievoll wie möglich. Daß Sex eines der wenigen Dinge ist, die ihren Sinn in sich selbst tragen und für die es sich allein zu leben lohnt. Aber du scheinst da doch eher eine reichlich überkommene Vorstellung zu haben«, sie klang einerseits nachsichtig andererseits spürte er, daß sie am liebsten sagen würde, daß er für einen Mann seines Alters reichlich naive Vorstellungen besaß. »Beruhigt es dich, wenn ich dir versichere, daß du noch genug Gelegenheit bekommen wirst, zu erleben, wie ich komme? Wie ich meine Lust, meine Geilheit genieße? Allerdings wirst du unter Umständen dabei leer ausgehen.«

»Ja«, beeilte er sich zu sagen und nicht nur, weil sie recht hatte und ihm die Frage im Nachhinein über alle Maßen peinlich war.

»Siehst du, du mußt mir nur weiterhin vertrauen. Du wirst es nicht bereuen. – Gibt es sonst noch etwas, was dich beschäftigt«, fügte sie gönnerhaft hinzu.

»Ja, ich wüßte gerne, wie du aussiehst.«

»Du hast doch schon soviel von mir ›gesehen‹.«

»Wie denn? Du hast mir doch entweder verboten dich anzusehen, oder mir die Augen verbunden.«

»Sehen ist mehr als nur ein Abbild auf der Netzhaut. Das wird gerne in einer visuell orientierten Welt vergessen. Du kannst davon ausgehen, daß du auf diese Weise ein differenziertes Bild von mir bekommen hast.«

»Ja, wahrscheinlich hast du recht«, er dachte an ihren Genitalgeschmack, ihren Geruch, er hatte ihr Gewicht gespürte, ihre Lippen, ihre Zunge, ihre Zähne, ihr Haar im Gesicht. Ja, doch, er hatte sie ausführlich ›gesehen‹. Er wußte, daß sie groß und sportlich schlank war, vielleicht mit einer Tendenz zum Molligen, mittelgroße Brüste, lange Haare, volle weiche Lippen und, mittellange Nägel hatte. Wahrscheinlich hätte er sie auch sofort wiedererkannt, wenn er ihr zufällig irgendwo begegnet wäre. Aber dennoch hätte er gerne ihr ›Abbild auf der Netzhaut gehabt. »Aber ich kenne weder deine Haar- noch deine Augenfarbe«, war das einzige Gegenargument, das ihm noch einfiel.

»Ist das denn so wichtig«, lachte sie erneut nachsichtig auf. »Ist es wirklich so entscheidend, ob ich blond oder brünett oder rothaarig bin oder rabenschwarzes Haar besitze, dunkle oder graue oder blaue Augen?«

Nein das war es nicht und ihm ging auf, wie einfältig und oberflächlich es doch war, Wert auf reine Äußerlichkeiten zu legen. Auch, wenn er sich ihr Haar gerne dunkel und ihre Augen von einem tiefen Braun dachte. Es schien ihm einfach besser mit ihrer Stimme zu harmonieren.

Sie betrachtete sein Schweigen als Zustimmung.

»Siehst du, wenn man erst einmal über scheinbare Selbstverständlichkeiten nachdenkt, wird einem bewußt, daß sie oft gar nicht die Bedeutung haben, die ihnen gerne zugeschrieben werden. – Nun aber genug mit deinen Zweifeln. Die lasse ich nicht mehr zu. Du vertraust dich mir einfach an, Punktum. Und ich weiß, daß du ohnehin nichts anderes willst.«

Damit hatte sie recht. Das wurde ihm durch ihre Worte bewußt.

»Ja«, sagte er nur, aber voller Überzeugung.

»Du wirst also alles tun, was ich in Zukunft von dir verlange?«

»Ja, aber habe ich das nicht schon?«

»Das waren Prüfungen, sozusagen Aufnahmeprüfungen. Die du durchaus mit Bravour bestanden hast, darum auch die Belohnung am heutigen Nachmittag. – Dein Schade soll es nicht sein, auch wenn du, wie schon gesagt, nicht immer der eigentliche Nutznießer sein wirst. Doch genug! Du findest dich übermorgen zur bekannten Stunde am bekannten Ort ein. Und diesmal bringe mehr als genug Zeit mit. So schnell wirst du von mir nicht entlassen werden, denn nun beginnt deine ›Ausbildung‹.«

Er atmete tief durch. Er wußte nicht, was er lieber täte, als in ihre ›Schule‹ zu gehen, obwohl er nicht einmal eine vage Vorstellung besaß, wie diese ablaufen würde.

Bevor sie abhängte, sagte sie:

»Um etwas zu haben, auf das du dich freuen kannst; in absehbarer Zeit wirst du auch mein Abbild auf deiner Netzhaut haben, ich kann dir nur nicht versprechen, ob das in einer Woche oder einem Monat oder einem halben Jahr sein wird.«

Sein Herz hüpfte vor Freude, aber ein kleiner Wermutstropfen mischte sich darunter, würde es das Bild, das er bereits von ihr hatte abrunden? Oder würde es ihn dann bereits als nebensächlich erscheinen?

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