Italo Calvino »Der geteilte Visconte«

von
Armin A. Alexander

Interpretationen

Vor dem Hintergrund der Türkenkriege spielt diese Parabel von Italo Calvino um »Gut« und »Böse«.

 

Der Visconte Medardo di Terralba, ein Musterbeispiel des Durchschnitts, nimmt an den Türkenkriegen aus Gefälligkeit für einen herzöglichen Nachbarn teil. Während eines Angriffs wird er von einer Kanonenkugel getroffen, die ihn in zwei Hälften spaltet. Durch die Künste der Lazarettärzte werden beide Hälften unabhängig voneinander wiederhergestellt. Doch nicht nur der Körper wurde geteilt sondern auch die Persönlichkeit. Wo früher die positiven und die negativen Eigenschaften in bestem Gleichgewicht in einem Körper ruhten, sind sie nun getrennt voneinander auf die beiden Körperhälften verteilt.

Die »böse Hälfte« kehrt als erste in die Heimat zurück, einem beschaulichen Landstrich in dem das tägliche Leben ohne besondere Höhen und Tiefen seinen geruhsamen Gang geht. Alles was den Weg des »Bösen« Visconte kreuzt wird halbiert, Feldfrüchte wie Tiere, er fällt grausame Urteile aus purer Laune heraus und die Bewohner eines bis dato friedlichen Landstrichs sind seinen Grausamkeiten ausgeliefert. Es wird bereits überlegt ihn loszuwerden, da erscheint plötzlich die »Gute« Hälfte. Bei den Bewohner keimt Hoffnung auf. Doch wo die »Böse« Hälfte mit Angst und Schrecken regierte, qäult die »Gute« die Leute nun mit selbstgefälliger Tugend.

Als sich beide Hälften in dasselbe Mädchen verlieben, kommt es zum Duell zwischen ihnen, an dessen Ende die Verschmelzung zu einem Körper steht. Im wiederhergestellten Viscomte halten sich die negativen und positiven Eigenschaften wieder die Waage und wohltuendes Mittelmaß bemächtigt sich erneut des Landstrichs.

 

Calvinos Erzählung führt den Leser auf mitunter amüsante und märchenhafte Weise vor Augen, wie schädlich es ist, wenn eine Eigenschaft dominiert. Egal ob es sich ums »Böse« oder um die »Tugend« handelt. Die Bewohner wissen bald nicht mehr wer schlimmer ist, der »Böse« oder der »Gute« Visconte. Denn Tugend, die ausschließlich sich selbst als Maßstab nimmt und nicht auf die Menschen eingeht, schafft auch nur Leid und Unterdrückung. Und manchmal ist Mittelmaß gar nicht so schlecht.

 

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