Kurzes #1 – Autofahrt im Regen

von
Armin A. Alexander

Unter dem Titel »Kurzes« stelle ich ab heute in loser Reihenfolge Fragmente oder in sich abgeschlossene Geschichten ein.
Den Anfang macht der Beginn einer Autofahrt in einer weitläufigen Hochmoorlandschaft.

Seit dem frühen Morgen war der Himmel wolkenverhangen. Kaum daß sie die behagliche Geborgenheit des Hauses verlassen hatten, fielen die ersten Tropfen. Er beeilte sich in den Geländewagen einzusteigen. Bernice legte keine Eile an den Tag. Die wenigen, noch spärlich fallenden Tropfen schienen ihr keine Aufmerksamkeit wert zu sein.
Im Wagen sitzend, während Bernice gemächlich das Heck umrundete, um zur Fahrerseite zu gelangen, kam ihm die Flucht vor den Tropfen übertrieben vor. Diese waren zwar ungewöhnlich dick, wirkten als seien sie aus dünnflüssigem Öl, aber man mußte sich schon etwas anstrengen, wollte man wirklich von ihnen getroffen werden.
Er warf einen Blick auf die niedrige aus lose und ohne Mörtel aufeinander gelegten Feldbruchsteinen bestehende Mauer, die den eher kärglichen Vorgarten umfriedete und aus deren Ritzen Moos und Gräser wuchsen. Zwischen dieser Mauer und der schmalen Straße, deren Asphalt an manchen Stellen brüchig war – nicht vom Verkehr, außer einem Heu einfahrenden Traktor verirrten sich nur wenige Fahrzeuge hierhin, sondern durch die überwiegend feuchte Witterung –, lag nur ein etwa einen Meter breiter Streifen fetten saftig grünen Grases, ein flacher Graben, der aber nur nach starken Regenfällen Wasser führte; zu gierig sog der Boden dieser Landschaft jeden fallenden Tropfen auf.
Sein kondensierender Atmen beschlug die Seitenscheibe. Obwohl bereits Mitte Mai war es noch recht frisch.
Bernice stieg wortlos ein, startete den Motor und fuhr los. Als ihr gemütliches außerhalb des kleinen Dorfes liegendes altes Haus ihren Blicken entschwunden war, fielen die Tropfen dichter und sie mußte die Scheibenwischer einschalten. Der Regen trommelte auf das Blech, vermischte sich mit dem gleichmäßigen Singen des Motors und dem Rauschen der Lüftung und ließ in ihm ein Gefühl der Behaglichkeit und Geborgenheit aufkommen.
In der Ferne fuhr ein Traktor über eine der Wiesen.
Die Schauer ebbte schnell ab. Die Vormittagssonne bahnte sich mühsam einen Weg durch die Wolken, brach sich in den noch vereinzelt fallenden Regentropfen und tauchte für einige Minuten die weite Moorlandschaft in ein bizarres grelles und wäßriges Licht bis sich die nächste Wolke vor sie schob und die Landschaft wieder in das vorherige matte Licht zurückfiel. Der Wind, der in schwachen Böen über das Land strich, schob die Wolken vor sich her als treibe er eine Herde schmutzig grauer Schafe über eine endlose blaue Weide. Große graue Felsen ragten aus dem dichten in allen nur denkbaren Grüntönen schillernden Teppich aus Moosen, Gräsern und Heidekräutern empor. Dieses Schauspiel wirkte auf einen Fremden faszinierend und unwirklich zugleich. Immer wieder drückte der Wind einzelne Regentropfen an die Scheiben. Bernice hatte die Scheibenwischer abgestellt. Gelegentlich tauchte in der Ferne ein kleiner Hain mit knorrigen Bäumen und Büschen hinter einem der größeren Felsen auf, um nach einer Weile hinter dem nächsten zu verschwinden, wenn die Straße einer Biegung folgte oder durch eine Bodensenke führte.
Erneut brach die Sonne für einige Augenblicke durch die Wolken um sogleich wieder dahinter, diesmal für länger, zu verschwinden, um abermals einsetzendem Regen das Feld zu überlassen. Der Asphalt glänzte vor Nässe. Die Wolken schienen nach allen Seiten undurchdringlich zu sein und er meinte schon, sich das kurze Durchbrechen der Sonne nur eingebildet zu haben. Die Landschaft wurde mit länger werdender Fahrt zwar hügeliger, veränderte aber sonst wenig ihr Aussehen.

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