Kurzes #92 – Der Einzug

von
Armin A. Alexander

Es war spät geworden, viel zu spät für Steffens Empfinden. Selbst für einen Samstag und daß ein Sonnenaufgang mitten im Frühling einen nicht zu unterschätzenden Reiz besitzt. Andererseits wird man nur einmal im Leben dreißig. Außerdem war Holger sein bester Freund noch aus gemeinsamen Kindergartentagen; wie hätte er also dessen Bitte, bis zum Schluß zu bleiben, ablehnen können?

Mit einem herzhaften langanhaltenden Gähnen und dem bleiernen Gefühl, das typisch für eine Übernächtigung ist, zog er sich aus und war, nach einem letzten Blick auf die Uhr, bereits eingeschlafen, kaum hatte er mit dem Kopf das Kissen berührt. Sein letzter Gedanke vor dem Einschlafen war, so lange als möglich in Morpheus’ Armen zu ruhen, ganz gleich was da kommen mochte.

Ein heftiges Rumoren und Poltern im Treppenhaus, begleitet von lauten Stimmen, ließ Steffen richtiggehend im Bett hochfahren. Für einen Moment glaubte er, es wäre nicht bloß im Treppenhaus, sondern tatsächlich in seiner Diele. Noch zu verschlafen, um wirklich verärgert zu sein, blickte er auf die Uhr. Es war nicht einmal neun. Demnach konnte er höchstens zwei Stunden geschlafen haben.

»Paß doch auf«, ertönte eine ungehaltene Stimme im Treppenhaus.

Die Antwort darauf konnte Steffen nicht verstehen, da der Betreffende zu leise sprach.

Obwohl Steffen sich am liebsten auf die andere Seite gelegt und weitergeschlafen hätte, wollte er doch wissen, wer es an einem Samstagmorgen fertigbrachte, einen derartigen Lärm zu veranstalten. Träge stand er auf und ging zur Wohnungstür. Beim Sehen durch den Spion blickte er auf den breiten Rücken eines Mannes, der mit einem anderen versuchte eine große beige Ledercouch in die Wohnung gegenüber zu bugsieren.

»Mann, streng dich doch etwas an«, rief derjenige, der Steffen den Rücken zukehrte, ärgerlich aus, »das Teil ist verflucht schwer.«

»Ist mir bewußt«, verstand Steffen jetzt auch den anderen. »Hab’s schließlich mit dir die drei Etagen raufgetragen. Häuser mit mehr als zwei Etagen ohne Aufzüge sollten verboten werden.«

»Ein Aufzug würde dir aber auch nichts nützen. Das Teil bekommst du in keinen Personenaufzug und die meisten anderen Möbel ebensowenig.«

Der andere brummelte irgend etwas Unverständliches aber mit Sicherheit nichts Freundliches.

»Jetzt streng dich mal etwas mehr an! Wir haben noch mehr als genug unten stehen. – Warum muß ich an meinem freien Samstag ausgerechnet mit dir einen Umzug machen!«

»Weil es jemanden gibt, dem weder du noch ich etwas abschlagen kann«, grinste der andere unverschämt.

Während dieses Streitgespräch war es ihnen gelungen, die Ledercouch halbwegs durch die Wohnungstür zu bugsieren.

»Na, das kann ja heiter werden«, murmelte Steffen gähnend.

Er ging ins Bad, um der Natur zu ihrem Recht zu verhelfen und nach der Schachtel mit den Ohropax zu suchen. Wie zur Bestätigung, daß er den Inhalt jetzt brauchte, polterte es erneut.

»Mensch, warst du mal Abbruchunternehmer?« hörte er den Einen fluchen. »Du reißt noch das ganze Treppenhaus ab!«

»Wenn sie auch so verdammt sperrige Möbel hat«, kam es ein wenig wehleidig zurück.

»Ich habe schon gesehen, wie ein Klavier in einem engeren Treppenhaus als diesem unbeschadet in den vierten Stock gebracht worden ist.«

»Zum Glück hat sie kein Klavier«, war die trockene Antwort, worauf als Entgegnung ein unverständliches, leiser werdendes und alles andere als freundliches Brummeln folgte. Demnach hatten sie es geschafft, das Möbelstück vollständig in die Wohnung zu transportieren.

Steffen atmete tief durch, betätigte die Toilettenspülung und verließ mit der Schachtel Ohropax das Bad.

Das würde ja ein reizender Samstagvormittag werden!

Bevor Steffen sich wieder ins Bett legte, ging er in die Küche und aß einen Joghurt, um ein aufkommendes Hungergefühl zu unterdrücken. Dabei warf er einen Blick aus dem Küchenfenster. Ein großer Möbelwagen stand vor dem Eingang.

Steffen hatte sich schon gefragt, wann wieder jemand in die Wohnung neben ihm einziehen würde. Fast drei Monate hatte sie leer gestanden. Eine relativ lange Zeit in einer Gegend, die gleichermaßen wegen ihrer vergleichsweise ruhigen Lage und der Nähe zum Zentrum beliebt ist. Oft stand der Nachmieter bereits mit den Möbeln vor der Tür, während der vorherige noch mitten im Auszug war – überspitzt formuliert. Dann waren vor mehr als zwei Wochen Handwerker in der Wohnung tätig geworden.

Steffen setzte die Ohropax ein und legte sich wieder ins Bett. Wohlige Ruhe umfing ihn. Alle Geräusche schienen jetzt von weither zu kommen.

Mit der Hoffnung, daß der Einzug von nun an etwas weniger lärmend vonstattengehen würde, dämmerte er langsam in den angenehmen Zustand des Halbschlafs hinüber, dem auch bald der richtige Schlaf folgte.

Doch seine Hoffnung währte nicht lange; es war kaum eine Stunde vergangen, als ihn ein lautes Poltern gegen seine Wohnungstür, dem selbst das gute Ohropax nichts entgegensetzen konnte, erneut aus dem Schlaf hochfahren ließ. Dem Poltern folgte ein nicht minder lautes: »Du bist doch echt selten dämlich! Willst du mich zerquetschen! Mann, mit dir mache ich noch einmal in meinem Leben einen Umzug!«

»Dann gehe etwas schneller. Oder meinst du, ich will mir deinetwegen wegen dieser Enge die Hände am Geländer quetschen«, wurde prompt mit gleicher Münze zurückgezahlt.

»Komm, laber nicht und gehe in die Wohnung, dieser Scheißschrank ist verflucht schwer«, klang die Erwiderung ein wenig schuldbewußt.

Steffen unterdrückte einen Fluch und drehte sich auf die andere Seite. Er liebte solche Nachbarn, die bereits beim Einzug ein derartiges Spektakel veranstalteten.

Zwar ging es die nächste Zeit ein wenig leiser vonstatten – vermutlich befanden sich jetzt alle wirklich sperrigen und schweren Möbel in der Wohnung –, aber ihm gelang es nicht, wieder einzuschlafen. Mehr als eine Stunde wälzte er sich ruhelos im Bett von einer Seite auf die andere. Obwohl er sich hoffnungslos übernächtigt fühlte, war er zugleich hellwach. Zu stark war die Furcht geworden, erneut von einem Lärmen aufgeweckt zu werden, kaum war er eingeschlafen.

Mit einem langen und tiefen Seufzer stand er auf, duschte und zog sich an. Nach einem leichten Frühstück machte er es sich auf dem Sofa bequem. Zwar polterte niemand mehr gegen seine Tür, das war aber auch alles. Die beiden Männer schienen nur streitend miteinander kommunizieren zu können. Er wunderte sich, wie es ihnen mit dieser Einstellung überhaupt gelang zusammenzuarbeiten.

Trotzdem besaß das Gebrummel der beiden auch etwas Einschläferndes. Er schlummerte bald ein und begann von Möbelpackern zu träumen, die ein überdimensionales Klavier ein endlos langes Treppenhaus hinauftransportierten und dabei an jede Tür polterten, an der sie vorbeikamen und es war immer seine Tür.

Ein ohrenbetäubendes Scheppern riß ihn zum dritten Mal aus seinem Schlaf.

Es war bereits früher Nachmittag, die Sonne schien ins Zimmer und warf einen hellen Fleck unterhalb des Fensters auf den Boden. Durch die leicht geöffnete Balkontür drangen Vogelgezwitscher und gedämpfte Stimmen von den Nachbarbalkonen herein.

»Jetzt reicht’s aber«, seine Geduld war endgültig erschöpft.

Niemand brachte mehr Verständnis dafür auf, daß ein Einzug nicht lautlos vonstattengehen konnte als er, aber was hier veranstaltet wurde, sprengte seines Erachtens jeden vertretbaren Rahmen.

Er war dermaßen verärgert, daß es ihn nicht einmal wunderte, daß dem Krach nicht das übliche Schimpfen und Fluchen und Streiten folgte.

Er riß die Tür auf, bereit den beiden Möchtegernmöbelpackern seine Ansicht über deren Art Möbel zu transportieren, frank und frei und mit deutlichen Worten mitzuteilen; da hielt er mitten im Tun inne.

Vor seiner Tür kniete eine junge Frau, damit beschäftigt, Töpfe und Topfdeckel einzusammeln. Ein mittelgroßer Umzugskarton mit durchbrochenem Boden lag neben ihr auf dem Fliesen.

Sie sah auf und blickte ihn sichtlich verlegen an.

»Es tut mir leid, aber der Boden scheint nicht gehalten zu haben«, entschuldigte sie sich und versuchte ein freundliches Lächeln aufzusetzen, das ihr aber gehörig mißlang.

»Diese Kartons sind bei weitem nicht so stabil wie sie sein sollten«, entgegnete Steffen voller Milde.

Daß er ursprünglich vorgehabt hatte, ihr zu sagen, was er von diesem permanenten Lärmen hielt, war ihm vollständig entfallen.

»Ich glaube, der Fehler liegt bei mir«, widersprach sie ihm freundlich aber entschieden und strich sich eine Strähne ihres schulterlangen braunen Haares aus der Stirn. »Ich habe den Karton wahrscheinlich nicht richtig zusammengesteckt.«

»Das kann schon einmal passieren«, meinte er großmütig und half ihr bereits die verstreuten Topfdeckel aufzusammeln.

»Lassen Sie mal«, wehrte sie seine Hilfe ab. »Es war ja mein Fehler. – Übrigens, ich bin Ihre neue Nachbarin. Nora Schwerdtfeger«, sie wischte sich die Rechte an ihrer geflickten alten Jeans ab, bevor sie sie ihm reichte.

»Steffen Maier«, erwiderte er und nahm die gepflegte schlanke Hand gerne entgegen, die er länger hielt, als es notwendig gewesen wäre.

Als er sie wieder losgelassen hatte, sahen sie sich beide mit einem leicht verlegenen Lächeln an.

»Sie müssen jetzt nicht glauben, daß ich immer derart geräuschvoll auf mich aufmerksam mache«, scherzte sie bereits entspannter.

»Habe ich auch gar nicht angenommen«, beeilte er sich zu versichern und spürte, wie er beinahe Rot wurde, schließlich hatte er ihr vor kaum einer Minute noch genau das vorwerfen wollen.

»Das freut mich«, erwiderte sie ehrlich. »Aber Sie brauchen mir wirklich nicht zu helfen«, bekräftigte sie noch einmal freundlich, doch mit Nachdruck.

»Gut«, meinte er nur, »Wenn Sie etwas brauchen …« Fast hätte er hinzugefügt, »Sie wissen ja, wo sie mich finden«, doch dann fiel ihm die unfreiwillige Komik auf und er brach mitten im Satz ab.

»Sie sind sehr nett«, erwiderte sie mit einem Augenaufschlag, begleitet von einem Lächeln, das ihn wohlig warm durchströmte.

Er zögerte noch einen Moment, bevor er wieder in seine Wohnung ging und die Tür mit einem angenehm beschwingten Gefühl schloß.

»Wirklich ein netter Typ«, meinte Nora zu sich, während sie die Töpfe einzeln in ihre Wohnung trug, und das bezog sich nicht allein auf seine Höflichkeit.

»Nett«, sagte er zu sich selbst, während er sich wieder aufs Sofa legte, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. »Und hübsch dazu. Manchem vielleicht ein zu wenig breit in den Hüften, aber wer will schon diesen asketischen Typ, der sich eigentlich nur gut auf Plakaten für die Welthungerhilfe macht. Die wissen ja gar nicht, was genießen bedeutet!«

Dabei übersah er, daß er selbst auch eher der asketische Typ war, allerdings zählte er zu den Menschen, die nur schwer an Gewicht zulegen, unabhängig von der Menge der Nahrung, die sie zu sich nehmen.

Er nickte wieder ein und wurde nun nicht mehr von polternden Möbelpackern oder schepperndem Geschirr geweckt. Dafür träumte er nun von hübschen Nachbarinnen Ende zwanzig, denen er half, auf den Boden gefallene Topfdeckel aufzuheben.

Als er am späten Nachmittag einigermaßen ausgeschlafen erwachte, war es ruhig im Treppenhaus. Er schaute durch den Spion. Die Tür der gegenüberliegenden Wohnung war halb geöffnet. Dann sah er aus dem Küchenfenster. Der Möbelwagen stand nicht mehr vor dem Haus. Von dieser Seite würde zumindest keine Störung mehr zu erwarten sein.

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