Erich Mühsam »Die Psychologie der Erbtante«

von
Armin A. Alexander

Interpretationen

Wer wünscht sich nicht gerne eine Erbtante, die nach ihrem baldigen Ableben ihren Nichten und Neffen, wenn schon kein Leben frei vom Zwang des Broterwerbs durch Arbeit, so doch manch finanzielle Erleichterung bietet?

Erich Mühsams (16.4.1878–10.7.1934) Erfahrungen mit Erbtanten hat bei ihm jedoch jede Illusion diesbezüglich zunichte gemacht. Wie es auch gedreht und gewendet wird, am Ende haben die hoffnungsvollen Erben das Nachsehen, und sie können von Glück sagen, wenn das erwartete Erbe sich als Chimäre erweist und sie sich nicht in Erwartung desselbigen in Schulden gestürzt haben, wie bei »Tante Julchen«, die durch dieses Verhalten »[…] zu meinem Mißtrauen gegen die Erbtanten viel beigetragen [hat] […]«, wie der Autor eingesteht. Oder der kränkliche Neffe verstirbt vor der Erbtante, die ihrem Lieblingsneffen aus Gram wenig später ins Grab folgt, wie bei »Tante Christine«. Oder wie aus dem Erbe plötzlich ein Berg von Schulden wird, weil die Erbtante versäumt hat, über Jahre die fälligen Steuern zu zahlen, so daß der Neffe als einzigen Ausweg sieht, seiner Tante ins Grab zu folgen, wie bei »Tante Dorothea«. Wenn die vermeintlich im Sterben liegende Tante durch eine nachhaltige Genesung nicht nur die Hoffnung auf baldiges Erbe zerstört, sondern die Heuchelei des Neffen entdeckt und diesen enterbt, wie bei der walkürenhaften »Tante Elfriede«. Auch von Nachtteil kann es sein, einer dichtenden Tante allzu sehr zu lobhudeln, denn das kann dazu führen, daß diese in ihrem Testament verfügt, daß ihr Erbe eine Gesamtausgabe ihrer Gedichte herausbringen muß, dafür darf er dann das übrigbleibende Geld behalten. Leider verschlingt das Projekt nicht nur das ganze Erbe, sondern der Neffe muß auch noch »[…]123 Mark 75 Pf. zulegen. […]«, wie bei »Tante Friederike«. Manche Tante scheint dem eigenen Geschlecht derart zugetan zu sein, daß die beste Freundin als Erbin eingesetzt wird und der Neffe enterbt, wenngleich die Vorliebe für erotische Darstellung des Weiblichen in der Kunst eigentlich Vorwarnung genug hätte sein müssen, wie bei »Tante Gerta«. Mitunter schlagen sich die Erben selbst ein Schnippchen, wie es Emil bei »Tante Berthchen«, dem sein heimtückischer Plan, Tantchens Ableben zu beschleunigen, zwar gelingt, aber durch die Fehlinterpretation ihrer letzten Worte auf dem Sterbebett, seines Erbes verlustig wird. »Tante Ludovika« stellt ein schönes Beispiel dar, wie eine überdurchschnittliche Beschränktheit in den Dingen des Lebens des Neffen zum Tod der Tante, durch dessen Hand führt und somit zum Verlust des Erbes, wenngleich er die Tante nur vor einem vermeintlich gewalttätigen Verehrer hatte schützen wollen. Oder ein anderer Erbe taucht plötzlich in Form eines unbekannten Ehemannes auf, wie bei »Tante Nanny«. »Tante Rosa« wird als Beispiel für die Langlebigkeit mancher Erbtante angeführt, die selbst ihre jüngeren Nichten und Neffen überlebt. Oder die Tante, die gar keine leibliche war, was die Erben erst nach ihrem Tod erfahren, wie in »Tante Vera«. Da erscheint die recht junge verwitwete »Tante Werra« fast als ›heitere‹ Ausnahme, die sich wiederverheiratet und entgegen der ersten Ehe nun doch mit Nachwuchs, einem Mädchen, gesegnet ist, was dem Neffen zwar die Aussicht auf das Erbe nimmt, aber nicht die, in einigen Jahren als Schwiegersohn womöglich über einen Umweg doch noch zum Erben zu werden. Bei »Tante Zerlinde«, dem letzten der Fallbeispiele der unterschiedlichen Erbtanten, hat der Erbe das Pech, daß das Testament infolge eines Unfalls dermaßen entstellt wird, daß die Kirche als Erbe erscheint und der Neffe als enterbt.

 

Die in alphabetisch aufgeführten Bespiele für die vermeintliche ›Heimtücke‹ der Erbtanten, ist weniger eine Psychologie der Erbtante an sich, sondern eine Darstellung, wie die verschiedenen Erbtanten ihren Erbschleichern ein Schnippchen schlagen, wenn diese es denn nicht selbst in ihrer Gier tun. Das Mitleid mit den geprellten Erben hält sich meist beim Leser in Grenzen, indessen bereitet es Vergnügen, die Kniffe zu sehen, mit denen die Tanten sich wehren. Bei der doch noch recht jungen, angeheirateten »Tante Werra« stellt sich dem Leser durchaus die Frage, warum hat der Neffe nicht um deren Hand angehalten.

Erich Mühsams amüsanter Text erinnert an die zu seinen Lebzeiten beliebten populärwissenschaftlichen psychologischen Werke, die durch chronologische Auflistung von Fallbeispielen eine eingangs aufgestellte These scheinbar bestätigt, selbst wenn die Beispiele auch eine ganz andere Interpretation zulassen und bei kritischer Betrachtung die aufgestellte These sogar widerlegen können. Da diese Werke die Vorurteile des Autors sowie des Lesers bedienen, bleibt die kritische Auseinandersetzung mit der eingangs aufgestellten Behauptung aus.

 

Erich Mühsam »Die Psychologie der Erbtante« online bei Projekt Gutenberg-DE.

 

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