Kurzes #101 – Die ›Schöne Üppige‹

von
Armin A. Alexander

Die Fortsetzung von: Der Einzug, Die ›Schöne Künstlerin‹, Der schöne Jüngling, Bettina, Ein Wochenende mit Bettina und Begegnung im Mondschein

 

Mit dem Ende der Regenperiode kam auch das seiner Schreibhemmung. Innerhalb kurzer Zeit hatte er seine Erzählung fast zur Hälfte fertig. Es wunderte ihn oft, wie gut es ihm nun von der Hand ging. Dabei sah er an manchen Tagen häufiger und länger zu der ›Schönen Künstlerin‹ hinüber, als bisher statt sich auf seine Arbeit zu konzentrieren.

Zum ersten Mal wunderte er sich darüber, daß es ihr offenbar bisher nicht aufgefallen war, vom gegenüberliegenden Haus aus beobachtet zu werden. Zwar tat er es mit dem Fernglas immer noch von seinem Schreibtisch aus und bei zugezogener dünner Gardine. Trotzdem, spätestens wenn nachmittags die Sonne in sein Arbeitszimmer schien, hätte sie ihn bemerken müssen, sobald sie einen Blick zu ihm hinüberwarf, was sie gelegentlich tat. Dann hätte ihm auch die Gardine keinen rechten Blickschutz mehr geboten. Aber es folgte keine Reaktion. Es war, als sehe sie nicht wirklich hinüber, als gäbe es sein Haus für sie nicht. Irgendwie beruhigte es ihn, immer noch unentdeckt zu sein. Er gefiel ihm, an ihrem Leben teilzunehmen, ohne daß sie es wußte. Es war ihm sehr wohl bewußt, daß er das Spiel nicht ewig betreiben konnte. Irgendwann würden sie sich begegnen, vor ihren Häusern, im Ort. Zudem hätte er ihr schon längst einen nachbarschaftlichen Antrittsbesuch machen sollen. Auf den Gedanken, daß sie gleichfalls längst einen hätte machen können, verfiel er nicht einen Moment. Doch hatte er sich noch nicht dazu durchringen können. Irgend etwas hielt ihn davon ab. Sich vor allem damit beruhigend, daß er erst seine Erzählung fertigstellen wollte, da er fürchtete, eine neue Bekanntschaft könnte den Fluß seiner Arbeit ungewollt unterbrechen, schob er diese Entscheidung vor sich her. Auf ihren morgendlichen Läufen war er ihr trotz des deutlich besseren Wetters nicht mehr gefolgt. Weniger aus Konditionsgründen als aus Angst, entdeckt zu werden.

Bisher war der schöne Jüngling ihr einziger Besuch. Abgesehen von ein bis zwei Abenden in der Woche, bevorzugt am Wochenende, wobei er nur am Rande mitbekam, wie sie das Haus verließ, an denen sie spät zurückkam, meist lag er schon im Bett, hörte er ihr Gartentor quietschen, lebte sie zurückgezogen. Darum weckte die junge Frau, die sie an diesem frühen Nachmittag besuchte, doppelt seine Aufmerksamkeit.

Nach einer herzlichen Begrüßung setzten sich beide Frauen auf die Terrasse. Es war zwar ein sonniger, aber kein sonderlich warmer Tag. Nach der Art der Begrüßung und ihrer angeregten Unterhaltung schien es eine Freundin zu sein. Fast war es, als hätten sie sich absichtlich so gesetzt, daß er vor allem ihren Besuch in Ruhe von seinem Arbeitszimmerfenster aus betrachten konnte. Mechanisch griff er zum Fernglas und sah zu ihnen hinüber.

Er hatte sich nicht getäuscht. Sie war eine bildhübsche Frau, allerdings doch älter als er auf die Entfernung geschätzt hatte. Sie mochte in den späten Dreißigern sein. Ihr üppiges langes rotbraunes Haar, glänzte leicht kupfern im Sonnenlicht. Überhaupt war alles an dieser Frau wundervoll üppig, ihr mütterlicher Busen, der es ihr unmöglich machte, im Stehen ihre Fußspitzen zu sehen, ihre Hüften, ihre betörende Bauchwölbung. Auf Grund ihrer Größe und da die Proportionen stimmten, wirkte sie lediglich im Ansatz rundlich. Sie gehörte zu den verführerisch schönen stattlichen Frauen, an denen man(n) sich kaum sattsehen konnte. Die vollen Lippen hatte sie mit einem kräftigroten Lippenstift geschminkt und die braunen Augen – vielleicht etwas zu kräftig – mit Kajalstift betont. Doch so schön und ebenmäßig ihr Gesicht auch war – üppige Frauen wirken stets ein wenig jünger als sie sind – besaß es nichts Oberflächliches. Es war durchaus das Gesicht einer Frau, die, gemessen an ihren Lebensjahren, ihre Erfahrungen bereits gemacht hatte. Die blaue Hose aus beinahe stoffweichem Glattleder schmiegte sich wie eine zweite Haut um ihre muskulösen Schenkel. Das ärmellose, hochgeschlossene Oberteil aus dem gleichen Leder lag ebenfalls eng an und war geneigt, einem den Atem zu rauben. Die Absätze ihrer farblich passenden Stiefel hielten für die geübte Trägerin die Waage zwischen einem einigermaßen bequem Laufen und verführerischer Höhe. Es schien ihm, als trage sie am liebsten Stiefel. Ab und an, wenn sie sich eine Strähne aus der Stirn strich, die ein Luftzug dort hingeweht hatte, konnte er auf ihre unberingte schlanke Hand mit etwas mehr als halblangen in hellem Rot lackierten Nägeln sehen und das Spiel ihres Bizeps beobachten. Gegen sie wirkte die ›Schöne Künstlerin‹, die selbst alles andere als eine zarte Elfe war, beinahe zierlich.

Sie war unübersehbar eine lebensbejahende Genießerin in vielfältiger Hinsicht, daß sie kulinarischen Köstlichkeiten nicht abgeneigt war, verriet ihre Figur allzu deutlich. Sie schien gerne zu lachen, mit den Augen offenbar ständig, war ein Mensch, mit dem man gerne seine Zeit verbrachte. Er wußte nicht zu sagen, welcher Frau er den Vorzug geben sollte. Er hatte den Eindruck, die starke erotische Ausstrahlung der schönen Üppigen selbst auf die Entfernung beinahe körperlich zu spüren.

Er war derart in die Betrachtung der stattlichen Schönen vertieft, daß er nicht darauf achtete, wie lange die Frauen plaudernd auf der Terrasse gesessen hatten, bis sie hineingingen, die ›Schöne Künstlerin‹ voran. Sie wurde von der anderen sogar etwas überragt.

Er war ein wenig enttäuscht. Gerne hätte er diese große üppige Schönheit noch länger betrachtet. Hoffentlich waren sie hinauf ins Atelier gegangen. Er richtete das Fernglas dorthin und sah sie hereinkommen.

Sie ließ sich von der ›Schönen Künstlerin‹ keine Skizzen, keine Zeichnungen, keine Bilder zeigen, sondern zog sich aus, während die ›Schöne Künstlerin‹ einen Zeichenblock an die Staffelei klemmte und diverse Zeichenutensilien bereitlegte.

Unter dem ärmellosen Oberteil und der Lederhose war die muskulöse Schöne nackt. Nun konnte er sie diese moderne barocke Venus in ihrer ganzen Schönheit bewundern.

Alles an ihr war fest. Unter ihren Rundungen verbargen sich kräftige Muskeln. Es gab an ihr nicht einmal im Ansatz die sogenannten kleinen Problemzonen, über die sich selbst gertenschlanke Frauen mehr Gedanken machten, als es die Sache überhaupt verdiente. Auf Grund ihrer Größe fiel es ihren Brüsten selbstverständlich nicht leicht, der Schwerkraft zu trotzen, dennoch erweckten sie lediglich im Ansatz den Eindruck des Hängens, wenngleich auch Hängebrüste ihre besondere Schönheit besaßen. Ihre Waden waren schön geschwungen und die Fesseln erschienen ungewöhnlich zierlich. Selten hatte er eine Frau gesehen, deren Üppigkeit derart harmonische Proportionen aufwiesen.

Sie fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. Er seufzte unwillkürlich. Zu gerne wäre er mit beiden Händen ihr durchs Haar gefahren.

Die ›Schöne Künstlerin‹ ließ sie verschiedene Posen einnehmen, die ihre üppige Weiblichkeit betonten.

Während die ›Schöne Künstlerin‹ beim Porträtieren des schönen Jünglings nur wenige Worte mit ihm gewechselt hatte, die offenkundig allesamt Anweisungen gewesen waren, plauderte sie nun angeregt mit der anderen, ohne daß eine von ihnen ihre Konzentration vernachlässigte, was seine Vermutung, daß sie nicht nur ein Modell, sondern eine gute Freundin war, verstärkte. Zudem schien ihm, als bereitete es der ›Schönen Künstlerin‹ mehr Freude eine Frau zu porträtieren als einen Mann. Der üppigen Schönen machte es sichtlich Spaß, Modell zu stehen. Sie war unübersehbar in ihren üppigen durchtrainierten Körper verliebt, nicht nur auf narzißtische Art. Sie versteckte die leidenschaftliche Exhibitionistin nicht.

Seine Nachbarin bannte alles mit schnellen sicheren Strichen aufs Papier. Auch diesmal fertigte sie zuerst ein Dutzend Skizzen an. Dabei drängte sich ihm der Eindruck auf, daß sie die andere mit den Augen einer Liebhaberin sah.

Im Gegensatz zum schönen Jüngling zeigte sie der üppigen Schönen anschließend die Skizzen, besprach sie mit ihr. Manchmal nickte diese zustimmend, aber widersprach der anderen offensichtlich auch. Schließlich einigten sie sich und die barocke Schönheit nahm eine andere Pose ein, die ihren üppigen durchtrainierten Körper bestens zur Geltung brachte. Sie verschränkte die Arme spielerisch im Nacken, verlagerte das Gewicht leicht auf das rechte Bein, so daß ihr Körper ein schwaches ›S‹ beschrieb. Sie wirkte wie eine selbstbewußte Frau, die sich ihrer Qualitäten, ihrer erotischen Ausstrahlung, ihres Sexualtriebs mehr als nur bewußt ist, die sich ohne zu zögern holt, was ihr zusteht.

Die ›Schöne Künstlerin‹ klemmte nun ein großes Blatt Zeichenpapier auf das Brett und begann, diese Pose mit der Zeichenkohle festzuhalten. Ihm schien, als sollte dieses Bild das Pendant zum Portrait des Jünglings werden. Doch während das des Jünglings Weichheit und Verletzlichkeit wirkte, strahlte dieses vor allem weibliche Stärke und Selbstbewußtsein aus, gerade auf Grund ihrer üppigen weiblichen Rundungen.

Die ›Schöne Künstlerin‹ ließ sich mit der Studie für das Bild Zeit. Sie hatte ihm zwar den Rücken zugewandt, aber in den Blicken der anderen konnte er sehen, daß sie diese beim Zeichnen mit den Augen fast schon verschlingen mußte.

Kaum hatte sie die Zeichnung fertig – die seines Erachtens die Schöne ausgezeichnet getroffen hatte –, trat sie, die Zeichenkohle noch in der Hand, einen Schritt zurück und bat die andere zu sich. Sie sagte etwas zu ihr, die mit kraftvollen und doch leichtfüßigen Schritten hinter sie trat, ihr unübersehbar zärtlich die Hände auf die Schultern legte und sich leicht an sie schmiegte. An der Haltung der ›Schönen Künstlerin‹ sah er, daß ihr die unmittelbare Nähe der anderen mehr als angenehm war. Sie betrachteten die Zeichnung und besprachen sie ausführlich.

Die ›Schöne Künstlerin‹ legte die Zeichenkohle beiseite, drehte sich zu der schönen Üppigen um und legte ihr die Hände auf die Taille. Nach einem kurzen Blickwechsel küßten sie sich lange und intensiv. In leidenschaftlich zärtlicher Umarmung versunken, standen sie eine geraume Weile da, ehe sie sich ins Schlafzimmer der ›Schönen Künstlerin‹ zurückzogen, wo sie sich ausgiebig ihrer Lust mal zärtlich, mal deftig widmeten, wodurch sie ihm noch schöner erschienen. Sie liebkosten sich ausgiebig, jede Minute, jede Berührung intensiv genießend, bezogen den Spiegel als imaginären Zuschauer mit ein.

Als er später, er hatte ihnen nicht allzulange zusehen können, es wühlte ihn zu sehr auf, lag die ›Schöne Künstlerin‹ auf dem Rücken, die schöne Üppige seitlich, den Kopf auf den Arm aufgestützt, betrachtete und streichelte die Geliebte zärtlich, während sie miteinander sprachen. Die schöne Üppige blieb über Nacht.

Er mußte zugeben, daß Saskia gar nicht so unrecht mit ihrem ›Vorwurf‹ hatte; es gefiel ihm durchaus, zwei Frauen bei der Liebe zuzusehen. Es war auch ein eindeutig ästhetischer Anblick. Mochte es an den weich fließenden Formen der weiblichen Körper liegen, daran, daß eine Frau weiß, wie es der anderen am besten gefällt, an dem vielleicht noch immer unterschwellig vorhandenen ›sündigen‹ Reiz der gleichgeschlechtlichen Liebe – was immer es auch war; er konnte sich diesem Reiz nicht entziehen.

Diese Szene hatte, anders als die mit dem schönen Jüngling, seine Schaffenskraft beflügelt. Fast ohne Pause schrieb er an diesem Nachmittag bis spät in den Abend hinein nahezu ein ganzes Kapitel. Zwischendurch warf er hin und wieder einen Blick zur Villa hinüber. Bald brannte dort nur noch im Schlafzimmer Licht. Beide hatten es sich wieder auf dem Bett bequem gemacht, plauderten angeregt – und mehr noch. Ein wenig sehnsüchtig erinnerte er sich an seine, schon länger zurückliegenden Erlebnisse mit zwei Frauen gemeinsam, zu dem er durch eine glückliche Fügung gekommen war. Es war sehr schön gewesen und ganz anders, als die meisten Männer sich das in ihrer Phantasie vorzustellen belieben. Er war nicht der Mittelpunkt gewesen, niemand war es letztlich gewesen. Man sich einander gegenseitig gewidmet, wenngleich die beiden Frauen mehr oder weniger tonangebend waren.

Früh am Morgen plagte ihn ein dringendes Bedürfnis. Es war nur wenig nach der einsetzenden Morgendämmerung, doch schon fast taghell. Im Osten zeigte sich ein schmales rotes Band am Horizont. Die Vögel gaben bereits ihr morgendliches Konzert. Als er der Natur großzügig Tribut gezollt hatte, reizte es ihn, einen Blick ins Schlafzimmer der ›Schönen Künstlerin‹ zu werfen. Trotz des eher mäßig warmen vergangenen Tages war die Nacht so mild gewesen, daß man das Fenster bedenkenlos geöffnet lassen konnte, was sie auch gleich ihm getan hatte.

Zuerst erkannte er im morgendlichen Dämmerlicht nicht viel. Doch nachdem sich seine Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten, bot sich ihm das Bild eines liebenden Paars, das in zärtlicher Umarmung friedlich schlummerte.

Dieses Bild entlockte ihm einen leichten sehnsüchtigen Seufzer, denn er dachte an sein eigenes einsames Bett, in das er sich gleich wieder legen würde, dachte unwillkürlich an Bettina, die dort zuletzt mit ihm gelegen hatte und wie gerne er selbst wieder einmal eine schöne Üppige bei sich im Bett hätte. So schön Sex auch sein mochte, bisweilen war es schöner, die Frau, die man mochte, neben sich liegen zu haben und mit ihr zu kuscheln. Mit der tröstlichen Erkenntnis, daß kein Zustand – auch ein unbefriedigender nicht – auf dieser Welt von Dauer ist, ging er wieder zu Bett und schlief sogleich ein. Die Müdigkeit hatte über die Sehnsucht den Sieg davongetragen.

 

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