Kurzes #106 – Wieder allein

von
Armin A. Alexander

Die Fortsetzung von: Der Einzug, Die ›Schöne Künstlerin‹, Der schöne Jüngling, Bettina, Ein Wochenende mit Bettina, Begegnung im Mondschein, Die ›Schöne Üppige‹, Viviane, Erinnerungen an Swaantje, Eine Session mit Viviane und Ein sonntäglicher Regenspaziergang

 

Nach einem überwiegend verregneten und für die Jahreszeit zu kühlen August, war im September nahezu ohne Übergang der Herbst mit Tagen gekommen, die dem August gut zu Gesicht gestanden hätten.

So wie Viviane von einem Tag auf den anderen bei ihm eingezogen war, so zog sie von einem auf den anderen aus.

Aus den angekündigten ein bis zwei Wochen wurden etwas mehr als drei Monate, die ihm kaum wie zwei Wochen erschienen, wobei er nicht einmal wußte, ob es wirklich solange gedauert hat, bis die, in seinen Augen ominöse ›Freundin‹ eine eigene Wohnung gefunden hat, oder, was ihm beinahe wahrscheinlicher schien, da er sie nur zu gut kannte, sie lange keine Lust verspürt hat, ihn wieder zu verlassen und in ihre leere Wohnung zurückzukehren. Fest stand, daß sie noch nie über einen derart langen Zeitraum bei ihm geblieben war. Allerdings blieb es bei der einen intensiven Session. Er wußte nicht einmal, ob er es bedauern oder froh darüber sein sollte. Der Zwiespalt fand seine Ursache in der Befürchtung, auf diese Weise von ihr ›abhängig‹ zu werden, ohne so recht sagen zu können, wie diese ›Abhängigkeit‹ sich manifestieren könnte. Sollte er am Ende trotz des Wunschs nach einer dauerhaften Beziehung, unabhängig ob mit Viviane oder einer anderen Frau, sein weitgehend unabhängiges Leben, nicht aufgeben wollen? War das möglicherweise der wahre Grund, weshalb er sich mit der Zeit immer unbehaglicher mit Swaantje gefühlt hatte, trotz unglaublich erfüllter Sexualität, weitgehender intellektueller Übereinstimmung und starker physischer Hingezogenheit zu ihr? In Hinblick auf seine devoten Neigungen hatte sie mehr oder weniger eindeutig zu verstehen gegeben, daß sie nichts dagegen hätte, würde er diese in einer Spielbeziehung ausleben, vielleicht sogar mit Viviane. Sie ließ keinen Zweifel daran, daß sie Viviane mochte und von der besonderen Freundschaft zwischen ihr und ihm wußte. Dieses Arrangement hätte durchaus bei ihm Anklang finden können, wenngleich ihm wichtig war, daß Lebenspartnerin und Domse ein und dieselbe Person waren. Swaantje hatte jedoch mal mehr mal weniger offen zu verstehen gegeben, daß ihr Ideal einer Beziehung in einer klassischen Ehe mündete, eventuell mit Kindern, zumindest mit einem. Letzteres hinge jedoch davon ab, wie gut sie mit ihrer Habilitation vorankäme und wie relativ zügig die Aussicht auf eine ordentliche Professur bestünde. Eine Hochschulkarriere mit Forschungsmöglichkeit war ihr berufliches Ziel. Ihm war das offenbar zuviel Bedürfnis nach Verbindlichkeit, die er weder vor noch nach ihr jemals von einer Frau ihm gegenüber vernommen hatte. Sein Zögern, sein Ausweichen hatte letztlich dazu geführt, daß ihn Swaantje schweren Herzens ›freigegeben‹ hat, wie sie es ausgedrückte. Offensichtlich überwogen die unbestreitbaren Vorteile des Single-Daseins derart für ihn, daß es ihm nicht gelungen war, den entscheidenden Schritt zu tun, was wohl auch ein wenig seiner Profession als Schriftsteller geschuldet war, für die Ruhe und Alleinsein dem Schaffen förderlich war. Vermutlich zählte auch er zu den Menschen, die bereits mit ihrer Arbeit ›verheiratet‹ waren.

Er hatte nach der Trennung von Swaantje ein widersprüchliches Gefühl aus Erleichterung und Traurigkeit verspürt und den Wunsch, vorerst allein zu sein. Er hatte sich für fast einen Monat vollständig von allen Freunden und Bekannten zurückgezogen. Selbst Vivianes Versuch mit ihm Kontakt aufzunehmen, hatte er ignoriert, was noch nie vorgekommen war und seither auch nie mehr vorkam. Er hatte alle Fetischsachen, die ihn an Swaantje erinnerten in die tiefste Ecke seines Kleiderschrankes und teilweise im Keller in einem großen Karton versteckt, bis auf die Sachen, die Birgit ihm vor seiner Zeit mit Swaantje besorgt hatte. Es hatte einige Zeit benötigt, bis er selbst diese Sachen, die nun mit Swaantje überhaupt nichts zu tun hatten, wieder unbeschwert hervorholen und anziehen konnte, aber auch nur, weil Birgit ihn gedrängt hatte, mit ihr Fetischparties zu besuchen, damit er mal wieder unter Leute kam, in der stillen Hoffnung, er würde dabei eine dominante Gummifetischistin kennenlernen. Ein Wunsch, der sich leider so nicht erfüllte, wenngleich sich eine kurze Liaison mit einer noch recht jungen Fetischistin von Anfang zwanzig für ihn ergab, die allerdings auf der Suche nach einem dominanten älteren Mann war. Dennoch und vielleicht gerade deswegen war es eine schöne Zeit mit der jungen Frau, die ihn Swaantje vergessen ließ.

Die zeitliche Distanz wurde größer und die Wehmut entsprechend kleiner, zumal Viviane mal wieder eine ihrer üblichen Trennungsphasen durchmachte und bei ihm Trost suchte.

Sein Sexualleben war trotz allem erfüllt zu nennen, obschon er Swaantjes ausgeprägten Fetischismus für bestimmte Arten der Bekleidung aus Gummi nicht wenig vermißte. In der Tat hatte ihn diese an ihr sexuell spürbar stärker erregt, als das schickste Latexkleid, das sie besaß und vornehmlich auf Fetischparties trug, was ihr eine tiefe innere Zufriedenheit bereitet hatte.

Während seiner Single-Phasen besuchte Bettina ihn alle paar Monate, auch Viviane pflegte den regelmäßigen sexuellen Kontakt zu ihm, außer sie glaubte sich in einer glücklichen Beziehung. Nutze sie dagegen die unbestreitbaren Vorteile des Singledaseins und widmete sich lediglich ihren Spielbeziehungen, die während ihrer verliebten Phasen ihrer Dominanz ebenso entbehren mußten, so besuchte sie ihn häufig übers Wochenende, um zu vögeln, vordergründig weil er ›begnadete Finger hatte‹ und er ›seinen schönen großen dicken Schwanz zu gebrauchen wußte‹, tatsächlich, weil er sie und ihre – sexuellen – Bedürfnisse wie kein zweiter kannte und ein ›Nein‹ in seinem Sprachschatz nicht zu existieren schien. Lediglich diesmal hatte sie zuvor über ein halbes Jahr nichts von sich hören lassen.

Die erste Zeit nach ihrem Auszug kam ihm das Haus geradezu entvölkert vor. Er vermißte die langen, mal tiefgründig, mal beinahe oberflächlich heiteren Gespräche mit ihr, auch, daß sie ihm die Leviten gelesen hatte, nahm er ihr in keiner Weise übel, manches ließ ihn vermeintliche Selbstverständlichkeiten in seinen Einstellungen überdenken, die gemeinsamen Spaziergänge, besonders im Regen und in Latex, ihre Spontaneität in so ziemlich allem, ihre Nähe beim Einschlafen und vor allem beim Aufwachen und gelegentlich ihr ›Sklave‹ zu sein.

Nur wenige Wochen, nachdem sie ihn verlassen hatte, verliebte sie sich in einen jungen Volontär, der, wie sich relativ schnell herausstellte und nicht anders zu erwarten war, überzeugter Stino war. Er begann erwartungsvoll die Tage zu zählen, bis sie wieder trostsuchend vor seiner Tür stehen würde. Es überraschte ihn nicht, daß ihn seine egoistische Einstellung keinerlei Schuldgefühle verursachte. Wenn schon nicht die Aussicht auf eine Beziehung mit ihr bestand, so wollte er doch aus ihrer Inkonsequenz seinen Vorteil ziehen.

Seine Erzählung hatte er während ihres Aufenthaltes fertig stellen können. Jetzt ruhte sie für einige Zeit, um sie aus dem zeitlichen Abstand heraus noch einmal zu überarbeiten, was ihm wiederum ausgiebig Zeit zum Nachdenken ließ. Üblicherweise las er viel während dieser Ruhephasen in seiner Arbeit, nur selten bearbeitete er zwei oder mehrere Texte zur gleichen Zeit. Diesmal jedoch dachte er mehr über sich und das nach, was Viviane ihm gesagt hatte. Er fragte sich zum ersten Mal, ob er vielleicht doch mehr an seiner Beziehung mit Swaantje hätte arbeiten sollen, ob eine Ehe mit ihr vielleicht doch gar keine so schlechte Sache wäre, auch ein gemeinsames Kind, eine Tochter, die nach ihrer Mutter schlug, wäre doch durchaus etwas Erfreuliches. Mit einer Frau wie Swaantje an der Seite bot auch das Altwerden eine angenehme Aussicht. Vielleicht hätte es auch mit Caroline am Ende besser laufen können, selbst wenn ihre Beziehung an einem Punkt angelangt war, an dem die Trennung nur folgerichtig war, da man begonnen hatte, sich spürbar auseinanderzuleben. Viviane war sein Wunschtraum, dessen Erfüllung er die wenigsten Chancen einräumte, vermutlich waren diese drei Monate ohnehin das Maximum, das er je erhoffen durfte. Allerdings ging er auch nicht davon aus, daß er sie jemals ›verlieren‹ würde. Vielleicht wünschte er sich auch nur so sehnlich eine Beziehung mit ihr, weil er wußte, daß er sie nie würde eingehen müssen.

Doch alles Nachdenken half letztlich wenig, da es für eine Korrektur längst zu spät war. Er lief nur Gefahr, über verschüttete Milch zu weinen, und sich somit in Selbstmitleid zu verlieren.

Arbeitete er nicht, hielt ihn wenig im Haus. Ungeachtet der Witterung unternahm er lange Spaziergänge, Regenwetter war ihm sogar lieber als sonnige Tage, konnte er doch in seiner schicken langen Regenjacken aus gummiertem Stoff über Latexkleidung spazieren gehen und an die gemeinsamen Regenspaziergänge mit Swaantje und vornehmlich mit Viviane denken. Da er seine Latexbekleidung nicht mit Silikonöl auf Hochglanz zu bringen pflegte, er liebte den natürlichen matten Glanz, was auch bei der ›Schönen Künstlerin‹ der Fall zu sein schien, hielt ein unbedarfter Beobachter seine Latexhosen ohnehin für ein besonders weiches und glattes Leder. Bei Regen und unter der Woche begegnete er so gut wie nie einem anderen Menschen. Er bevorzugte die abgelegenen Wege, die tiefer in den Wald führten und die Viviane und er auf ihren Spaziergängen entdeckt hatten. Durch die häufigen Regenfälle dieses Sommers waren so gut wie alle Nebenwege von tiefen Pfützen und Morast durchzogen. Er stellte eine kindische Freude bei sich fest, mitten durch die tiefsten Pfützen und den tiefsten Morast mit seinen Gummistiefeln zu stapfen. Eine Freude, die er bisher nur in seiner Kindheit und später mit Swaantje empfunden hatte, stapfte er mit ihr solche Wege entlang, wobei er immer überzeugt war, daß er sich lediglich von ihrer Euphorie hat mitreißen lassen.

Am Ende seiner Spaziergänge waren seine Gummistiefel bis obenhin mit Morast bedeckt und auch an seiner Latexhose befanden sich bei den Knien Spritzer von Morast. Der Wald wurde von einer Handvoll Bäche durchflossen, von denen einige auf Grund des Regens relativ viel Wasser führten. In Entdeckerlaune waren Viviane und er bereits in deren Bett entlang gewatet. Meist reichte ihnen das Wasser nur bis zu den Waden, manchmal war es mehr als knietief. Doch versuchten sie diese Stellen nicht zu umgehen, sondern spazierten durch sie hindurch. Sie genossen das Gefühl, wie ihnen das kühle Wasser von oben in die Gummistiefel lief. Da weder Viviane noch er in den Gummistiefeln Strümpfe trugen, wie es auch Swaantje und Birgit, war es sehr angenehm, das Wasser in den Gummistiefeln zu spüren. Erst zu Hause ließen sie das Wasser aus den Stiefeln laufen. Es erstaunte ihn anfänglich ein wenig, daß ihm das Stapfen durch den Morast und das Waten im Bach alleine genauso viel Spaß bereitete, wie in Vivianes Begleitung, erfreute sich aber schnell daran, daß er auch allein auf diese Weise Spaß haben konnte.

Dennoch konnte er Anflüge von Wehmut nicht unterdrücken, wenn er daran dachte, wie er mit Swaantje vergleichbare Spaziergänge in Bachbetten unternommen hatte und wie ihnen auch da das Wasser von oben in die Stiefel gelaufen war, wenn sie keine Watstiefel getragen hatten und erneut überfiel ihn Wehmut. Da dachte er doch lieber an Birgit, wie sie als Jugendliche während der Angeltouren mit ihrem Vater oft so tief in den Fluß gewatet war, daß ihr das Wasser von oben in die Watstiefel gelaufen war, was sie sexuell erregt hatte.

Er kam zu der Überzeugung, daß er sich letztlich nur der Vermutung von Birgit und Viviane anschließen konnte, daß er eine Gummifetischistin mit dominanten Neigungen benötigte.

Er ertappte sich dabei, während er abends am Schreibtisch saß, im Atelier der ›Schönen Künstlerin‹ brannte derzeit bis spät in die Nacht hinein Licht, die Fenster waren jedoch geschlossen und die Vorhänge vorgezogen, daß er übers Netz nach hochwertigen Gummistiefeln und Latexbekleidung suchte und sich überlegte, ob er sich nicht auch einen SBR-Mackintosh anschaffen sollte, wenngleich ihn der Preis schon ein wenig abschreckte. Anderseits waren sie nicht wirklich viel teurer als sein Regenmantel aus gummiertem Stoff. Ob er sich einen Kleppermantel auf eigene Faust zulegen oder sich besser an Birgit wandte. Zwar gab es online verschiedene zu ersteigern, aber er kannte sich zu wenig aus, um das für ihn richtige Angebot herauszufinden. Er überlegte, ob er sich nicht auch Gasmasken samt speziellem Zubehör zulegen sollte. Bisher hatte er eine von Birgits und Swaantjes Gasmasken auf deren Wunsch hin getragen. Ebenso suchte er nach Bildern von Frauen in Watstiefeln, Gummimäntel, bevorzugt mit breiten Hüften und üppigem Busen, die durch Morast und tiefe Pfützen marschierten. Er wurde relativ schnell fündig. Es überraschte ihn nicht, daß ihn die Bilder erregten, auch wenn die Frauen vom Typ keinerlei Ähnlichkeit zu Swaantje aufwiesen. Das bestätigte ihn in seiner Vermutung, daß es längst ihr Gummifetischismus war, dem er ›nachtrauerte‹ und ihn über sich selbst amüsiert schmunzeln ließ. Hatte er doch stets behauptet, daß sein Fetischismus nicht stärker ausgeprägt sei als der von anderen und grundsätzlich personengebunden. Das hatte eine Zeitlang sicherlich den Tatsachen entsprochen, doch durch Swaantje hatte sich bei ihm die Waagschale in eine eindeutige Richtung bewegt.

Er akzeptierte die neue Erkenntnis und trug Latex wie auch seine Regensachen, wenn ihm danach war, wobei sich fast jedes Mal relativ schnell das Bedürfnis zu onanieren einstellte, dem er selbstredend nur zu gerne nachgab. Ihn erleichterte das Wissen, daß seine Vorliebe für Latex und Gummi nicht an eine Verflossene gebunden war, wobei er sich noch nicht wirklich als ›richtiger‹ Gummifetischist sehen wollte.

Er sah wieder häufiger zu der ›Schönen Künstlerin‹ hinüber. Allerdings hatte sie, auf Grund der fortgeschrittenen Jahreszeit, die Fenster ihres Ateliers nur noch für kurze Zeit am Tag geöffnet. Soweit er das feststellen konnte, erhielt sie weder vom schönen Jüngling noch von der ›Schönen Üppigen‹ Besuch. Er sah sie ausschließlich am Zeichentisch sitzen, häufig einen ihrer Ganzanzüge aus metallicblauem Latex unter ihren Kittelkleidern tragend. Sie verließ fast jede Woche am Freitag- oder Samstagabend das Haus und kehrte erst spät in der Nacht zurück. In der Regel trug sie einen langen Ledermantel. Die Vermutung lag nicht fern, daß sie in den nahegelegenen Swinger-Club fuhr. Selbstverständlich konnten ihre allwöchentlichen abendlichen Ausflüge auch andere Ziel haben. Doch der lange, wadenlange Mantel und die schicken hochhackigen Stiefel, die darunter sichtbar wurden und die sie, ungeachtet der doch noch warmen Witterung an den Abenden in diesem September trug, waren schon ein auffälliges Indiz. Gar kein Zweifel bestand an dem Abend an dem sie eindeutig ACQUO-Boots und ihren SBR-Mackintosh trug. An diesem fand wieder einmal die regelmäßige Latexfetischparty statt, die er im Frühjahr mit Bettina besucht hatte.

Er telefonierte wieder häufiger mit Birgit, die sich wie üblich ihres Singledaseins erfreute. Sie hatte sich noch nie viel daraus gemacht, keine ›Primärbeziehung‹ zu besitzen. Sie war zu umtriebig, um sich an einen Menschen binden zu können und vor allem zu wollen. Mittlerweile pflegte sie die Überzeugung, daß ab vierzig die meisten in ihren Gewohnheiten derart gefestigt sind, daß es nicht leicht ist, diese mit denen von einem anderen in Einklang zu bringen. Insbesondere, wenn man selbst noch nie eine Beziehung über einen längeren Zeitraum hatte, wie er in Gedanken hinzufügte. Wobei das auch das Alter sei, in dem manche ihre erste Scheidung hinter sich und Kinder in der Pubertät haben, sozusagen ›ehegeschädigt‹ sind, wie sie es gerne bezeichnete. Er konnte bei ihren Ausführungen ein Schmunzeln nie unterdrücken, denn ihre Argumentation gegen eine dauerhafte Beziehung paßte sie ihrem Lebensalter an. Er hatte nie herausfinden können, ob sie sich damit selbst überzeugen wollte oder sie es nur sagte, weil sie glaubte sich anderen gegenüber rechtfertigen zu müssen, daß sie kein Interesse an einer sogenannten festen Beziehung besaß. Seit er sie kannte, hielt sie sich einen kleinen ›Harem‹ von überwiegend männlichen Gummifetischisten, zu dem sie ihn ebenfalls, wenn auch ein wenig scherzhaft, zählte und womit sie glücklich war. Mit dem einen oder anderen traf sie sich vielleicht zweimal Jahr, mit anderen häufiger. Ihr ›Harem‹ besaß regelmäßige Ab- wie Zugänge, wobei es außer ihm nur noch einen gab, der seit vielen Jahren fester Teil ihres ›Harems‹ war, einen Engländer, den sie aber selten mehr als zwei bis dreimal im Jahr sah. Mit ihrem besonderen Charme, der sich aus einer unbändigen Lebensfreude heraus speiste, gelangt es ihr, daß sich keiner aus ihrem ›Harem‹ dem anderen gegenüber benachteiligt fühlte, und letztlich jeder vom anderen wußte, wenn sich auch nur wenige von ihnen jemals persönlich begegneten.

Sie freute sich, von ihm zu hören, er hatte sich in den zurückliegenden Monaten rar gemacht, was sie ihm aber nicht übelnahm, schließlich kannten sie sich zu lange, als daß sie nicht doch irgendwann wieder den Kontakt zueinander aufnehmen würden. Sie entschuldige sich sogleich, daß sie ihn noch nicht in seinem neuen Haus besucht hatte, aber ihr überquellender Terminkalender ließ ihr nur wenig Zeit, was sie nicht daran hinderte, mehrmals in der Woche Telefonate von zwei bis drei Stunden mit ihm zu führen. Vivianes Besuch erwähnte er nur kurz, was auch genügte, schließlich wußte sie um ihr besonderes Verhältnis zueinander. Dafür berichtete er ihr, wie er mittlerweile erkannte habe, daß er wohl doch einen Fetisch für Latex und Gummi besaß, worauf sie schallend lachen mußte.

»Dann bist du der letzte, dem das aufgefallen ist. Das ist mir schon lange klar, so wie du abgehst, wenn eine Frau beim Sex in Latex gekleidet ist, was mir Swaantje mehrmals bestätigt hat. Anfänglich muß es bei dir noch etwas verhalten gewesen sein, aber dann bist du recht schnell total auf Gummi abgefahren. Sie meinte, daß vor dir kein Mann sie mit einer derartigen Begehrlichkeit angesehen und derart schnell einen Ständer bekommen hat, sobald sie in Watstiefel, Gummimantel, Gasmaske und dicken Gummihandschuhen über einem Ganzanzug aus dickem Latex vor ihm gestanden hat. Und du weißt, wie sehr ihr Fetisch darauf ausgerichtet ist. Du hast sie dann immer gevögelt, als hättest du schon seit Jahren keine Frau mehr gehabt, was ihr nur zu gut gefallen hat, wie du weißt.«

Er verzog pikiert das Gesicht, was sie durchs Telefon zum Glück nicht sehen konnte. Offenkundig war er für ›seine‹ Frauen ein offenes Buch. Wobei ihm am meisten ärgerte, daß es der Wahrheit entsprach.

»Daß du nach der Trennung von ihr, die euch beiden alles andere als leicht gefallen ist, eine Zeitlang keine Lust hattest, Latex zu tragen, weil es dich zu sehr an sie erinnert, ist nachvollziehbar. Daß du es aber dahin gehend interpretiert hast, du würdest selbst keine wirkliche Vorliebe dafür besitzen, ist Selbstbetrug. Schließlich haben wir beide auch schon vorher in Latex jede Menge Spaß miteinander gehabt. Das hätte dir bereits zu denken geben müssen. Doch was soll’s. Du bist halt ein bißchen anders als andere Männer und dafür lieben wir dich doch schließlich alle.«

Er verzog erneut pikiert das Gesicht. Es gibt Komplimente, die der Empfänger nicht als solche empfindet, gegen die er sich dennoch nicht wehren kann, weil der Absender seine Aussage als Bekundung ehrlicher Sympathie empfindet.

»Wirklich, ich finde es schön, daß du jetzt für dich allein Latexsachen trägst und in den schicken Regenjacken, die du dir wegen Swaantje gekauft hast, Regenspaziergänge machst und gerne und oft darin onanierst. Vielleicht läßt es sich ja einrichten, daß wir wieder einmal gemeinsam einen Regenspaziergang machen können, bevor die kühlen Tage kommen. Ich hätte mal wieder Lust, durch in einen Bach zu waten und mir das Wasser von oben in die Gummistiefel laufen zu lassen. Wenn du ein wenig Zeit hast, können wir uns was aus Latex und Gummihandschuhe anziehen und gemeinsam am Telefon onanieren. Wir haben lange nicht mehr miteinander onaniert und noch länger ist es her, daß du mich mit deinen begnadeten Fingern zum Abspritzen gebracht hast.«

Im Grunde onanierten sie während jedem Telefonat. Sie sandten sich per E-Mail Fotos zu, damit der andere sah, was sie angezogen hatten, wobei sie ihm meist sagte, was er anziehen sollte, unter anderem seine Regenjacken aus gummiertem oder vinylbeschichtetem Stoff. Dabei erzählte sie ihm irgendeine erotische Phantasie, oder über den Reiz der verschiedenen Ausführungen von Gummi- und Latexhandschuhen beim Onanieren – eins ihrer Lieblingsthemen – oder wie sie als Pubertierende ihre Watstiefel auf vielfältigste Weise beim Onanieren verwendet hat und noch heute verwendet, oder welche Phantasien sie dabei hatte, oder blumenreich, was sie gerade machte. Fast alles hatte sie ihm bereits mehrfach erzählt, aber irgendwie besaß es noch immer seinen Reiz, weil sie diese doch immer irgendwie anders erzählte. Oder er sollte sich aus dem reichhaltigen Schatz von Verbalinjurien bedienen, den er sich durch Viviane angeeignet hatte und ihr sagen, was sie doch für eine ›kranke‹ und bis ins Mark ›verdorbene‹ Frau sei – ein wenig devot war sie durchaus.

Sie berichtete ihm in epischer Breite, wie sie seit einiger Zeit Latex in Stärken von 0,5 bis und 0,6 Millimetern den Vorzug gab, schließlich sei sie einem Alter, in dem man zwangsläufig an Gewicht zulege. Was sie an sich nicht störe, zumal ein wenig mehr gar nicht schlecht sei, gerade die Haut wirke dadurch straffer und man selbst durchaus jünger. Abgesehen davon, daß Latex sowieso ein Plus an Inhalt benötige, um wirklich ansprechend zu wirken, besonders bei Frauen, aber was sie sage das einem Mann, der nicht nur Frauen mit breiten Hüften und üppigem Busen zu schätzen wußte, sondern sich sexuell von ihnen stark angezogen fühlte, insofern dürfte sie für ihn nun noch ein wenig reizvoller sein. Sie habe schon immer Männer geschätzt, die unumwunden zugaben, daß sie die berühmten Kilos zuviel nicht störten und die Schönheit einer Frau nicht an deren Gewicht festmachten, oder eben doch, halt nur anders als es allgemein üblich zu sein schien. Schließlich gäbe es viele attraktive und gepflegte Frauen, die der Volksmund als ›dick‹ bezeichnete und deren Gewicht schon dreistellig war, was je nach Größe gar nicht so auffiel, wie man gemeinhin vermuten sollte. Im Übrigen habe sie mitunter den Eindruck, daß diese Frauen mehr Verehrer besaßen als andere. In Latex sehen sie in der Regel auch besonders verführerisch aus. Ihr eigenes Gewicht beginne seit kurzem mit einer Sieben. Für eine Frau mit etwas über einem Meter siebzig sei das ja noch nicht wirklich viel, das sehe sie selbst ein. Von einigen, wirklich engen Latexsachen habe sie sich aber bereits trennen müssen. Was jedoch nicht schlimm sei, da sie diese ohnehin seit Jahren nicht mehr getragen und sich sowieso schon gefragt, weshalb sie diese noch nicht verkauft habe. Wie dem auch sei, so wäre wieder ein wenig Platz in ihren Kleiderschränken. Seit sie etwas kräftiger sei, bekomme sie noch mehr Komplimente, trage sie Latex. Das dickere Latex mache ja auch eine sehr gute Figur. Die Komplimente waren geeignet, Zweifel an der Gewichtszunahme zu beseitigen und das Bedürfnis nach Abnehmen gar nicht erst entstehen zu lassen.

Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sie war viel zu lebensfroh, als daß sie sich je der Selbstkasteiung des Abnehmens unterwerfen würde. Wahrscheinlich lag in ihrem quirligen Wesen der eigentliche Grund, weshalb sie nicht schon längst eine bildhübsche wohl gerundete Frau war, denn sie aß, was ihr schmeckte und dabei dominierte nicht die Rohkost.

Sie schickte ihm aktuelle Fotos in ihren neuen Latexsachen und er gab ihr Recht, sie sah mit ihren noch nicht wirklich auffällig erweiterten Rundungen sehr sexy darin aus, was in ihm den Wunsch weckte, sie darin in natura zu sehen.

Die Zeit, die Bettina unter ihrem krankheitsbedingten Übergewicht gelitten hatte, hatte ihm bewußt werden lassen, daß die Körperfülle einer Frau, zu der er sich hingezogen fühlte, für ihn nebensächlich war. Auch eine Birgit mit der Figur von Maupassants berühmter ›Boule de Suif‹ wäre für ihn um keinen Deut sexuell weniger reizvoll. Im Übrigen beschreibt Maupassant oft den Reiz üppiger Weiblichkeit.

Wenn er zu ihren Fotos onaniere, sollte er es ihr sagen, insbesondere, welche ihn besonders ›aufgeilten‹. Er wisse ja, wie sehr sie es mag, nutze er sie als ›Wichsvorlage‹, schließlich nutze sie ihn ja auch als solche. Überhaupt habe er ihr schon lange keine Fotos mehr geschickt und schon gar nicht, wie er mit Gummihandschuhen onaniere, was er doch so gerne mache. Sie verstünde, daß er während der Zeit, die Viviane bei ihm war, nicht daran gedacht habe, aber die letzten Fotos hatte er ihr schon lange vor seinem Umzug geschickt. Immer nur dieselben anzusehen, wenngleich sie ja nicht wenige von ihm besaß, sei nicht so prickelnd. Schön wäre es, sendete er ihr wieder mal welche, auf denen er einen Latexhandschuh über den Schwanz gezogen habe und darin komme, so wie sie es ihm vor langem vorgeschlagen habe. Sie kenne einige männliche Gummifetischistin, die das sehr gerne machen. Das sei sehr sexy und eigentlich naheliegend. Sie stelle sich vor, wie schön es sei, den Handschuh mit seinem Sperma darin anzuziehen – was sie schon einige Male gemacht hatte, da sie gerne Sperma an den Händen spürte.

Er lachte gutmütig und versprach, ihr bald neue zu senden. Er wußte, daß sie sich von jedem aus ihrem ›Harem‹ solche Foto senden ließ.

Er dachte daran, daß Viviane und er während ihrer drei Monate bei ihm, einige Fotos von sich gemacht hatten, die sie beide unter anderem beim Oralsex und wie sie ihn onanierte zeigten. Leider gefielen Birgit nur Fotos, auf denen ein Mann onanierte, am liebsten vollständig in Gummi. Das regte ihre Fantasie an. Fotos von Paaren ließen sie eher gleichgültig, was ihn vermuten ließ, daß ihre Masturbationsfantasie sich um den Mann auf den Fotos drehte.

Er erzählte ihr von den Regenspaziergängen seiner schönen Nachbarin in einem SBR-Mackintosh und sehr wahrscheinlich ACQUO-Boots. Aus seinen Worten sprach unüberhör die Begeisterung, was Birgit dazu verleitete, von den ACQUO-Boots zu schwärmen, die sie sich mittlerweile angeschafft hatte, desgleichen von der umfangreichen Sammlung von Regenbekleidung aus SBR und ähnlichem ihres Engländers, den er vor Jahren einmal kennengelernt hat und der ihr zwei SBR-Macks geschenkt habe. Sie berichtete von ihren Besuchen bei ihrem Engländer, wie er dort in einer Szene involviert war, die sich vorrangig mit Macks und ähnlichem beschäftigte. Wodurch ihm wieder einfiel, daß ihr Engländer bereits um die sechzig sein mußte. Es war kurzweilig, ihre Erzählungen über seine dortige Szene zuzuhören, zu der sie während eines dreimonatigen Englandaufenthalts im Rahmen ihres Studiums Anschluß gefunden hatte. Seitdem zählte ihr Engländer, dessen Namen er immer vergaß, zu ihrem ›Harem‹. Er hatte den Eindruck, daß ihm manches sogar neu war. Er konnte sich nicht erinnern, daß sie ihm bisher so viel über ihren Engländer erzählt hatte.

Gummi und Latex sei überhaupt ein so wundervoller Fetisch, was ja immer mehr und vor allem Frauen für sich entdecken würden.

Sie habe vor kurzen auf einem kleinen aber feinen Latexstammtisch eine Frau in ihrem Alter kennengelernt, die durch ihren Latexfetisch eine starke Vorliebe zu Urolagnie entdeckt habe, insbesondere sich in Latex einzunässen. Sie hätten sich lange darüber ausgetauscht, wie schön das doch sei. Er wisse ja, daß sie es gleichfalls gerne tat. Früher wäre der Frau so etwas als das Schlimmste erschienen, was einem widerfahren und wie das überhaupt jemand freiwillig tun und es Spaß bereiten könne. In Verbindung mit Latex sei das jedoch etwas derart Selbstverständliches, daß man sich schon wundern müsse, warum es nicht alle Gummifetischisten tun. Zudem hätte es den angenehmen Nebeneffekt, daß man viel mehr trinke, um den größtmöglichen Nutzen daraus zu ziehen. Hätte man einmal die anerzogenen Vorurteile hierzu überwunden, könne man gar nicht verstehen, wie etwas derart harmloses und im besten Sinne unschuldiges wie ein Fetisch für Gummi und Latex und Urolagnie überhaupt in den Ruch des Abseitigen gelangen konnte. Es gäbe ja kaum etwas, was weniger abseitig sei als das. Latex anziehen, sich darin wohlfühlen und darin tun, was einem Spaß bereitet, was gibt es harmloseres? Jede Art von Sex in Latex sei etwas sehr Schönes. Abgesehen davon, daß es gerade Frauen mit ihren Problemzonen eine gute Figur mache und besser als die übliche Reizwäsche, der ja leider zu oft etwas Vulgäres anhaftete, sehe es auf jeden Fall aus. Seit sie in erster Linie in einem hautengen Ganzanzug Sex habe, könne sie sich entspannt auch bei hellem Licht fallen lassen, denn von ihren Problemzonen, besonders um Hüften und Oberschenkel wäre nun nichts mehr zu sehen, alles sei glatt und perfekt. Wie auch der Sex mit einem Gummifetischisten auf angenehme Weise anders sei.

Viele dieser kleinen und großen Anekdoten rund um ihren Fetisch berichtete Birgit ihm. Sie kannte mehr als genug, schließlich hatte sie ihr Leben rund um ihren Fetisch eingerichtet und war ihr Aufklärung über die Harmlosigkeit von Fetischismus im allgemeinen und Gummifetischismus im Besonderen eine Herzensangelegenheit, insbesondere Frauen ermunterte sie, selbstbewußt zu ihrem Fetischismus zu stehen und diesen zu entwickeln, was ihr durchaus mit Erfolg gelang.

Seine Bemerkung, daß er überlege, sich einen Kleppermantel zuzulegen, nahm sie derart beiläufig zur Kenntnis, daß er nicht sicher war, ob sie es überhaupt bewußt wahrgenommen hatte. Umso mehr war er erstaunt, als er einige Tage später ein Paket von ihr erhielt, das einen fast neu wirkenden in seiner Größe enthielt, mit einer kurzen Notiz, daß es erstens der beste sei, den sie in so kurzer Zeit habe auftreiben können, was nach einer Entschuldigung klang, und er ihr zweitens das Geld dafür geben könne, würden sie sich das nächste Mal sehen. Was sie für den Mantel haben wollte, hatte sie natürlich nicht geschrieben. Auf Grund ihres Hinweises, daß der Mantel, das beste sei, was sie habe auftreiben konnte, untersuchte er diesen mit weitaus kritischeren Augen als beim ersten Mal, konnte aber seiner Auffassung nach nicht den kleinsten Makel finden. Der Mantel wirkte so gut wie neu.

Birgits ungekünstelte Lebensfreude halfen ihm relativ schnell über Vivianes Auszug hinweg, wenn sie es auch diesmal bis auf weiteres nicht schaffte, ihn zu besuchen, und sie auf phantasievollen Telefonsex beschränkt blieben.

 

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