Franziska zu Reventlow »Der Geldkomplex«

von
Armin A. Alexander

Interpretationen

Auf den ersten Blick teilt Franziska ein Schicksal mit vielen, es mangelt ihr ständig an Geld. Doch hat sich das bei ihr zu einem Komplex im psychologischen Sinn ausgeweitet. Das Geld liebt sie nicht, meidet sie, wo es nur kann, so zumindest ist ihr Eindruck und scheint ihr die Erfahrung recht zu geben. Sie gibt zu, daß sie sich nie mit dem nötigen Ernst ums Geld und somit um ihre finanzielle Situation gekümmert hat, ihm Verachtung statt Ehrfurcht entgegen entgegenbringt, was ihr das Geld daher übelzunehmen scheint, in dem es sie meidet, so ihre Vermutung. Ihre Hoffnung legt sie auf eine Erbschaft, die ihr Mann erwartet. Die Heirat war Geschäft zur Erlangung dieser Erbschaft. Ihr Mann hat nur Aussicht seinen Vater zu beerben, ist er verheiratet. Als Gegenleistung erhält sie die Hälfte des Erbes. Leider erweist sich der Erblasser zäher als erwartet. Um ihren Gläubigern zu entgehen, nimmt sie die Einladung eines ihr bekannten Nervenarztes, einem Freudianer, an, sie im Sanatorium des Professors X, seines väterlichen Freundes, zu analysieren und wenn möglich von ihrem ›Geldkomplex‹, an dem sie seiner Meinung nach leide, zu heilen. Der Direktor der Anstalt ist ein Gegner Freuds, weshalb sie ihm gegenüber nichts von den Plänen des jungen Arztes erwähnen soll. Während der junge Arzt sie nach den Regeln Freud behandelt, greift der Professor zu bewährten Methoden. Um die Monotonie im Tagesablauf zu durchbrechen, schließt sie Bekanntschaft mit anderen Patienten und sammelte um sich eine illustre kleine Gesellschaft, deren Mitglieder letztlich an Belanglosigkeiten ›leiden‹, die Franziskas Meinung leicht mit dem Vorhandensein von Geld gelöst werden könnten. Ein Pastorensohn, der über seine Hinwendung zum Atheismus eine Psychose bekommen hat, ein vermeintlich melancholischer blonder Landwirt, der am liebsten nach Kalifornien gehen würde, um die dortige Schweinezucht zu studieren, eine dicke Baumeisterswitwe, die über den Bankrott ihres Mannes nervenkrank geworden ist, ein Privatdozent, der lediglich überarbeitet ist und, nach Franziskas Vorstellungen, extravagante Vorstellung von der Erwerbstätigkeit der Frau besitzt und eine Medizinstudentin, die davon überzeugt, daß Frauen intellektuell genauso leistungsfähig sind wie Männer, was ebenso wenig ihre Zustimmung findet. Als Langeweile geht die kleine Gruppe nachmittags zum Kegeln ins Dorf. Dort treffen sie auf Henry, einem alten Freund Franziskas, den sie seit Jahren nicht gesehen hat. Er war seinerzeit nach Amerika gegangen. Es war allgemein angenommen worden, daß er dort reich werden würde, was aber nicht geschehen ist. Die nachmittäglichen Kegelausflüge werden dem Professor bekannt und müssen eingestellt werden, andernfalls droht der Rauswurf aus dem Sanatorium, was sich aus unterschiedlichen Gründen niemand leisten kann. Franziska überredet Henry als Neurastheniker, der er ist, ebenfalls in die Klinik zu ziehen. Die kleine Gruppe bekommt schließlich eine eigene Abteilung zugewiesen, um sie vor den wirklich behandlungsbedürftigen Patienten abzutrennen. Der Schwiegervater verstirb zwischenzeitlich, doch der Antritt des Erbes verzögert sich nicht nur, es wird voraussichtlich kleiner als erwartet ausfallen. Währenddessen arbeitet Henry weiter an den Plänen eines Bauprojekts, das zwischen Bangen und Hoffen am Ende scheitert. Auch die Erbschaft fällt nach vielen Irrungen und Wirrung deutlich magerer aus. Selbst das Magere verschwindet am Ende noch im Konkurs der Bank, bei der es deponiert war. Franziska ist zwar nicht von ihrem ›Geldkomplex‹ geheilt, dafür zum ersten Mal in ihrem Leben nach vielen Irrungen und Wirrungen selbst Gläubigerin.

 

Franziska zu Reventlow (18.05.1871–25.07.1918) erzählt in ihrem 1916 erschienen Buch auf parodistische Weise von den ständigen Geldnöten ihrer Protagonistin, die Zeit ihres Lebens ihre eigenen waren. Sie vermischt Erfundenes mit persönlichen Erlebnissen. Die Erbschaft ist Teil ihrer Biographie und endete gleichfalls mit dem Konkurs der Bank bei dem das Geld deponiert war, wodurch ich es ihr gelang, wenigstens einmal im Leben Gläubigerin zu sein, was auch ihrer Protagonistin eine gewisse Befriedigung bereitet: »[…] Ich gehöre jetzt selbst zu den Gläubigern – der verkrachten Bank natürlich – und das gibt dem Geld gegenüber einen ganz anderen Gesichtspunkt. Wer weiß, ob es mich nicht doch noch respektieren lernt, wie es eben nur Gläubiger respektiert, und auf ebenso unwahrscheinliche Weise wiederkehrt, wie es sich verabschiedet hat. […]«. Daneben Sie ironisiert die zur Zeit der Entstehung der Erzählung noch recht neue und sehr in Mode seiende Psychoanalyse. »[…] Es handelt sich da um irgendeine neue Nervenheilmethode, die man Psychoanalyse nennt. Erfunden hat sie der bekannte Professor Freud in Wien – dies nur, damit Du verstehst, weshalb ihre Anhänger ›Freudianer‹ heißen. […]« und fügt, um Mißverständnisse zu vermeiden, hinzu »[…]Man möchte sonst glauben, es bedeutet irgend etwas besonders Lustiges oder gar Zweifelhaftes.[…]«, um zu zeigen, daß sie diese nicht so ganz ernst nimmt, wenngleich sie an den bewährten Methoden des Professors »[…] Tageseinteilung, Ruhestunden, Bädern, Wickeln und dergleichen mittelalterlichen Foltern. […]« doch ihre Zweifel hat, »[…] ob die Leute ihre Seelenschocks oder Depressionen wirklich dadurch loswerden. […]«, denn auf sie »[…] wirkt es gerade umgekehrt, ich fange jetzt erst an, nervös zu werden.[…]«. In der Person des Privatdozenten Lukas und der jungen Medizinstudentin äußert sie sich über die von ihr Zeit ihres Lebens kritisierte Überzeugung des Feminismus gegenüber der Gleichheit der Frau bezüglich intellektueller Leistungsfähigkeit, wenngleich auch sie für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung der Frau eingetreten war. Sie hat den Vater ihres Sohnes nie genannt und hatte zahlreiche Affären und Beziehungen, teilweise mit prominenten Mitgliedern der Münchner Künstlerszene vor 1914, in der sie lange gelebt und die sie in ihren Erzählungen und Roman teilweise mit warmer Ironie geschildert hat. Wenngleich sie bestrebt war, eine akzeptierte Malerin zu werden, so hat ihr literarisches Schaffen, das sie selbst als Beiwerk angesehen hat, die Bedeutung erreicht, die sie sich von ihrer Malerei gewünscht hätte.

Der Verleger und Schriftsteller Korfiz Holm (21.08.1872–5.08.1942) widmet ihr in seinen Erinnerungen »ich – kleingeschrieben« ein eigenes Kapitel.

 

Franziska zu Reventlow »Der Geldkomplex« online bei Projekt Gutenberg-DE

 

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