Emmanuèle Bernheim »Die Andere«

von
Armin A. Alexander

Interpretationen

Der jungen Ärztin Claire wird die Handtasche gestohlen. Kurz darauf taucht ein Fremder in ihrer Praxis auf, der mit Sicherheit kein Patient. Doch entgegen ihrer ersten Annahme ist er nicht der Dieb sondern der ehrliche Finder. Bevor sie ihn zur Rede stellen kann, verschwindet er. Der Dieb hat nur das Geld und die Kreditkarte entwendet. Beruflich läuft es gut. Privat hat sie sich von Michel getrennt, um wieder alleine zu wohnen. Dann sieht sie den Fremden wieder. Er heißt Thomas, ist Bauunternehmer und errichtet das neue Nachbarhaus. Claire läßt sich auf eine Beziehung mit ihm ein, obwohl er ihr gegenüber keinerlei Zweifel läßt, daß er verheiratet ist. Anfangs empfindet Claire dies sogar als Vorteil, genießt das Zusammensein. Sie stellte sich vor, wie Thomas’ Frau ist, seine Kinder. Doch je länger Thomas und Claire sich kennen, desto mehr Listen ersinnt Claire ihn länger als nur für das übliche Schäferstündchen bei sich zu behalten. Dann gesteht er ihr, daß er nicht verheiratet ist. Claire stellt sich nun vor, daß sie heiraten und Kinder bekommen. Was sie aber nicht daran hindert, Interesse für einen anderen – verheirateten – Mann zu zeigen.

 

Emmanuèle Bernheim (30.11.1955–10.05.2017) erzählt in ihrem 1993 erschienen Roman von einer jungen Frau, die in ihren Beruf als Ärztin erfolgreich ist und unabhängig sein will, was sich unter anderem daran zeigt, daß sie zwar mit Michel nicht mehr zusammenwohnt, ihn aber dennoch regelmäßig sieht. Thomas kommt rechtzeitig in ihr Leben und ist zugleich willkommener Anlaß, Michel den Laufpaß zu geben. Daß Thomas scheinbar verheiratet ist, stört sie nicht. Es bewahrt sie vor Verpflichtungen. Daß sie sich Thomas Frau und die Kinder vorstellt, wie er mit ihnen über Weihnachten in Urlaub fährt, bereitet ihr fast ein masochistisches Vergnügen. Doch kann sie ihren Wunsch nach einer festen Beziehung nicht gänzlich verdrängen. Sie wendet kleine Listen an, damit Thomas länger bleibt. Bindet ihn somit langsam an sich. Nachdem er ihr gesteht, daß er gar nicht verheiratet ist und ihr es letztlich nur aus Angst, daß sie Bindungsansprüche an ihn stellen könnte, hat glauben gemacht, nimmt sie gelassen hin und sieht sich bereits den Platz der – imaginären – Anderen einnehmen. Daß sie jedoch die Vorstellung reizvoller als das reale Umsetzung findet zeigt sich daran, daß sie plötzlich Interesse an einen Patienten entwickelt, von dem sie weiß, daß er verheiratet ist. Claire gehört zu den Menschen, die sich am liebsten mit einen verheirateten Partner einlassen, von denen sie annehmen können, daß sie ihre Ehepartner nicht so leicht wegen einer Anderen oder eines Anderen – schließlich gibt es auch genug Männer, die sich aus gleichen Gründen mit verheirateten Frauen einlassen – verlassen. So genießen sie zwar die Annehmlichkeiten einer Beziehung ohne die banalen Alltagsprobleme tragen zu müssen. Sobald sie erkennen, daß die Situation sich zu ihren Ungunsten ändern beginnt, halten sie bereits nach einer Alternative Ausschau, ohne sich dessen vielleicht wirklich bewußt zu sein.

 

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