Wolfgang Borchert »Stimmen sind da – in der Luft – in der Nacht«

von
Armin A. Alexander

Interpretationen

Ein grauer trüber nebliger Novembernachmittag. Fünf Leute, ein alter Mann, eine alte Frau, zwei junge Frauen und ein blasser junger Mann sind die einzigen Fahrgäste in einer Straßenbahn. Jeder sitzt für sich, der Schaffner malt scheinbar geistesabwesend Gesichter auf die beschlagenen Scheiben. Der alte Mann beginnt von Stimmen zu sprechen, die immerzu des Nachts zu hören sind und die ihn nicht schlafen lassen. Immer wieder redet der alte Mann von diesen Stimmen. Hin und wieder kichern die Mädchen, doch nicht weil sie die Reden des alten Mannes für überspannt halten, sondern aus Verlegenheit. Auch sie hören Stimmen des Nachts, aber »[…] andere Stimmen in der Nacht, lebendige, die wie warme männliche Hände auf der Haut lagen, die sich unter das Bett schoben, leise, gewalttätig, besonders nachts. […] Und keine wußte, daß die andere auch die Stimmen hörte, nachts, in den Träumen.« Im Laufe seiner Reden erklärte der alte Mann wessen Stimmen es sind: »[…] Die Toten, meine Herrschaften. Es sind zu viele. Sie drängeln sich nachts in der Luft. […] Sie haben keinen Platz. Denn die Herzen sind voll. Überfüllt bis an den Rand. Und nur in den Herzen können sie bleiben, […]« Und wie bereits zuvor pflichten ihm der Schaffner und die alte Frau bei, da es ihnen nicht anders ergeht. Währenddessen zeigt der blasse junge Mann keine Reaktion, scheint zu schlafen, was den alten Mann aufbringt, da er glaubt, daß dem jungen Mann das alles gleichgültig ist. Da erwacht der blasse junge Mann aus seiner Lethargie, bittet den alten Mann, seine Zigarette nicht wegzuwerfen sondern ihm zu geben, denn er habe Hunger, ihm sei schlecht und die Zigarette würde ihm guttun. Da wird dem älteren Mann bewußt in welch jämmerlichen Zustand sich der blasse junge Mann befindet, daß er keinen Mantel trägt an diesem kalten Novembertag und tadelt ihn deswegen. Der blasse junge Mann erwidert, daß seine Mutter auch immer gesagt hat, er müsse bei diesem Wetter einen Mantel trage, aber seine Mutter sei seit drei Jahren tot und wisse somit auch nicht, daß er keinen Mantel mehr habe. Dann verläßt der blasse junge Mann, die Zigarette rauchend und vor Erschöpfung taumelnd die Straßenbahn. Die anderen bleiben nachdenklich schweigend zurück und »[…] der Schaffner malte große schiefe Gesichter an die Scheibe. Große schiefe Gesichter.«

 

Mit wenigen Sätzen skizziert Wolfgang Borchert eindrucksvoll eine Endzeit-Stimmung – trüber nasser Novembertag, leere Straßen, tiefe Resignation, eine alte Straßenbahn »[…] Die Straßenbahn stieß und stolperte gelb durch den November. […]«. Der alte Mann kann stellvertretend für das Gewissen gesehen werden, das in Anbetracht der Schrecken des zurückliegenden Krieges mit seiner unvorstellbaren Zahl an Toten nicht zur Ruhe kommen kann und auch nicht darf. Die Stimme, die die beiden Mädchen des Nachts hören, die Metapher »[…] die wie warme männliche Hände auf der Haut lagen[…]« kann auch als Unmöglichkeit die erwachende Sexualität ungehindert leben zu können gesehen werden, doch nicht wegen einer bigotten Gesellschaft, sondern weil der Krieg die jungen Männer ihres Alters ermordete, deren vornehmliche Aufgabe das eigentlich wäre. Die – scheinbare – Teilnahmslosigkeit des blassen jungen Mannes weckt den – berechtigen – Zorn des alten Mannes, der das für Ignoranz oder, was auch nicht unwahrscheinlich wäre, diesen jungen Mann als einen Repräsentanten derjenigen betrachtet, die trotz ihrer Jugend die Herrscher in ihrem Handeln unterstützt haben und somit eine Mitschuld am Elend vieler, an ihrem Elend tragen. Aber dann zeigt sich, daß der junge Mann noch viel mehr Opfer als seine Mitreisenden in der Straßenbahn ist. Er gehört derselben Generation wie Wolfgang Borchert an, die von skrupellosen Machthabern um ihre Jugend betrogen ist, denen ihre Jugend »gemordet« wurde. Die den Tod aber nicht das Leben kennenlernen durften und denen es letztlich schlimmer geht als den Toten über die der alte Mann klagt. Den anderen in der Straßenbahn ist das bewußt, denn als der blasse junge Mann die Straßenbahn verläßt, bleiben sie schweigend und betroffen zurück, sie trauen sich nicht einmal mehr zu atmen »[…] Und drinnen saßen die anderen und sie atmeten nicht.[…]«.

 

Alle Zitate aus: Wolfgang Borchert: Das Gesamtwerk »Bei Amazon

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