Schlagwort-Archiv »Literatur«

Kurzes #5 – Begegnung im Zug

Für einige Wochen mußte er beruflich jeden Tag in einen etwas entfernteren Ort fahren. Selbstverständlich nahm er den Zug. Dieser benötigte rund eine Stunde. Was für andere eine Qual gewesen wäre, war für ihn natürlich ein Vergnügen. Zu der Zeit, wo er seine Fahrt antrat, war der Zug halb leer. Wie gewöhnlich setzte er sich in den mittleren Waggon. Der Zufall enttäuschte ihn nicht. Schon zwei Stationen später stieg eine junge Frau ein. Sie war ihm bereits auf dem Bahnsteig aufgefallen, obwohl er sie nur kurz bei der Einfahrt des Zuges gesehen hatte. Als sie den Gang entlang kam, eine Tasche unter dem Arm, sah er, daß sie einen wadenlangen, dunklen Rock und schwarze Strümpfe trug. Sie mochte etwa dreißig sein. Sie war hübsch, mit kurzen, dichten, fast schwarzen Haaren, die ihre vollen Tiefrot geschminkten Lippen förmlich leuchten ließen. Sie war schlank, aber nicht von der extremen Schlankheit, die heute gerne als Ideal propagiert wird und die letztlich nur Magerkeit ist. Im Vergleich dazu konnte sie fast schon als mollig bezeichnet werden. (mehr …)

Kurzes #4 – Das Gewitter

Das Gewitter kam plötzlich aber nicht unerwartet. Er schaffte es gerade noch einen schützenden Hausdurchgang zu erreichen, bevor der Himmel seine Schleusen öffnete. Der Himmel war fast schwarz, Blitze zuckten, der Donner grollte ungewöhnlich laut, der Regen peitschte durch die Straßen; das Gewitter befand sich genau über dem Stadtteil. Das Wasser konnte gar nicht so schnell abfließen wie es von oben kam. Die auftreffenden Tropfen bildeten auf der dünnen, alles überziehenden Wasserschicht Blasen, in den Straßenrinnen hatten sich reißende kleine Bäche gebildet. Keine Menschenseele war mehr zu sehen. (mehr …)

Emmanuèle Bernheim »Der rote Rock«

Interpretationen

Ein winterlicher Freitagabend in Paris. Die Mitarbeiter der Metro streiken mal wieder. Laure muß nur noch wenige Sachen aus ihrer alten Wohnung holen. Ab morgen lebt sie bei ihrem Freund. Auf dem Weg zu Freunden, mit denen sie den Abend verbringen will, gerät sie in einen der vielen Staus, die sich durch den Streik gebildet haben. Sie nimmt, wie viele andere auch, einen Fremden mit, der durch den Streik nicht nach Hause kann. (mehr …)

Heinrich Böll »Im Tal der donnernden Hufe«

Interpretationen

Ein heißer Sommertag in einer Kleinstadt in der zweiten Hälfte der Fünfziger Jahre. Während fast alle die jährliche Regatta am Flußufer verfolgen, versucht der vierzehnjährige Paul mehr denn je mit der Pubertät fertig zu werden. Das stark katholisch geprägte Milieu in dem er aufwächst, läßt ihm keinen Spielraum, sondern zwingt ihn dazu, das aufflammende Begehren rigoros zu unterdrücken. ‚Sünde‘ ist das Damoklesschwert, das über ihm schwebt. (mehr …)

Stefan Zweig »Angst«

Interpretationen

Irene ist mit einem erfolgreichen, begüterten Juristen verheiratet, der ihr geistig überlegen ist und mit dem sie zwei Kinder hat. Als sie eines Tages von ihrem Liebhaber auf dem Weg nach Hause ist, wird sie von einer Frau abgefangen, die sich als Ex-Geliebte von Irenes Liebhaber ausgibt. (mehr …)

Von (scheinbaren) Tabubrüchen: Charlotte Roches »Feuchtgebiete«

Ich muß es zu geben, ich habe das Buch, das seit seiner Erscheinung wohl wie kaum ein zweites in der letzten Zeit die Medien – die Boulevardpresse wie das »seriöse«Feuilleton – beschäftigt, (noch) nicht gelesen. Deshalb hüte ich mich, ein Urteil über die literarischen Qualitäten zu fällen.

Nach den meist aufgeregten – besser aufgebauschten – Reaktionen, gewinnt man den Eindruck, daß die Autorin mitten hinein ins bürgerliche (Wespen-)Nest gestochen und Unaussprechliches zur Sprache gebracht hat. Doch was spricht sie wirklich an? Ein weiblicher Teenager liegt im Krankenhaus weil sie bei einer Intimrasur abgerutscht ist und äußert während ihrer Genesung offen und frei und in deutlicher Sprache ihre Gedanken über ihren Körper, ihre Sexualität. Also Dinge mit denen sich letztlich jeder jeden Tag beschäftigt. (mehr …)

Italo Calvino »Der geteilte Visconte«

Interpretationen

Vor dem Hintergrund der Türkenkriege spielt diese Parabel von Italo Calvino um »Gut« und »Böse«.

 

Der Visconte Medardo di Terralba, ein Musterbeispiel des Durchschnitts, nimmt an den Türkenkriegen aus Gefälligkeit für einen herzöglichen Nachbarn teil. Während eines Angriffs wird er von einer Kanonenkugel getroffen, die ihn in zwei Hälften spaltet. Durch die Künste der Lazarettärzte werden beide Hälften unabhängig voneinander wiederhergestellt. Doch nicht nur der Körper wurde geteilt sondern auch die Persönlichkeit. Wo früher die positiven und die negativen Eigenschaften in bestem Gleichgewicht in einem Körper ruhten, sind sie nun getrennt voneinander auf die beiden Körperhälften verteilt. (mehr …)

Literarisches im Fotokunst-Blog

»Was lange wehrt, wird gut«. Geplant war es schon länger und ab heute wird es verwirklicht. Schließlich muß der Untertitel meines Blogs »und mehr …« eindeutiger zu seinem Recht kommen als es bisher der Fall war. Neben der Photographie ist die Literatur mein zweites Standbein als Autor und als Leser. Beide Seiten werden in (vorläufig) fünf Rubriken zur Sprache kommen.

  • Unter »Betrachtungen« finden sich allgemeine und spezielle Gedanken rund um das Thema Literatur, das um den alten Briest zu zitieren ja »Ein weites Feld« ist.
  • Unter der Rubrik »Der besondere Tip« werde ich Bücher vorstellen, die mich auf irgendeine Weise beeindruckt haben, die es Wert sind wiederentdeckt zu werden, aber auch bei bereits Bekannten lassen sich immer wieder neue Aspekte entdecken.
  • Die Rubrik »Rezensionen« erklärt sich fast von selbst; Neuerscheinungen, weniger Neues, aber dafür nicht weniger Beachtenswertes, und manchmal auch Bücher, die man nicht unbedingt braucht.
  • In der Rubrik »Werkstatt« stelle ich eigene Texte, fertige und im Werden begriffene vor.
  • Unter der Rubrik »Kurze Geschichten« stelle ich Kurzgeschichten und Fragmente aus längeren Texten oder Textentwürfe vor.

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