{"id":1001,"date":"2009-06-22T16:21:31","date_gmt":"2009-06-22T14:21:31","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1001"},"modified":"2026-04-11T11:41:06","modified_gmt":"2026-04-11T09:41:06","slug":"kurzes-15-die-neue-wirtin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1001","title":{"rendered":"Kurzes #15 \u00b7 Die neue Wirtin"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/titel\/fetischismus_39.jpg\" \/><\/p>\n<p><i>Der folgende Text ist das erste Kapitel der Erz\u00e4hlung <\/i>\u00bbEin neues Zimmer\u00ab <i>aus dem veraussichtlich im Sp\u00e4tsommer erscheinenden Erz\u00e4hlband<\/i> \u00bbFelizia &amp; Felix\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Zimmer war ger\u00e4umig, die M\u00f6bel un\u00fcbersehbar neu. Das breite Bett, dessen Matratze sogar noch neu zu riechen schien, der Kleiderschrank wie auch das hohe schmale Regal, bislang ohne Inhalt, wollten erst noch in Besitz genommen werden. Nur der Schreibtisch und die beiden um einen niedrigen Tisch mit einer farbenfrohen flachen Keramikschale darauf, aufgestellten bequemen Sessel waren eindeutig \u00e4lteren Datums, jedoch sehr gut gepflegt.<br \/>\n\u00bbEs ist hier den ganzen Tag \u00fcber sehr ruhig\u00ab, war ihr Bem\u00fchen offensichtlich, da\u00df er das Zimmer nahm.<br \/>\nSie stand mit vor dem Scho\u00df gefalteten H\u00e4nden im T\u00fcrrahmen und beobachtete ihn erwartungsvoll, w\u00e4hrend er sich umschaute.<br \/><!--more-->Die Art wie er das Zimmer durchma\u00df verunsicherte sie leicht. Es gelang ihr nicht die Bef\u00fcrchtung zu unterdr\u00fccken, da\u00df es ihm nicht gefallen k\u00f6nnte. Er war zwar nicht der erste Interessent, aber der erste, der ihr zusagte. Da sie nicht gezwungen war zu vermieten, konnte sie w\u00e4hlen. Selbst wenn es anders w\u00e4re, h\u00e4tte sie zwei Bewerbern auf jeden Fall abgesagt. Der eine war ein \u00e4lterer Herr. Nicht da\u00df sie etwas gegen \u00e4ltere Herren hatte. Jener h\u00e4tte gut als Inbegriff des kultivierten ruhigen Vertreter seiner Gattung herhalten k\u00f6nnen. W\u00e4re es ihr lediglich ums Geld gegangen, h\u00e4tte sie sich keinen besseren Mieter vorstellen k\u00f6nnen. Der andere Bewerber war eine Frau, die von ihrer Firma f\u00fcr einige Monate in diese Stadt versetzt worden war und letztlich nichts anderes brauchte als eine Schlafgelegenheit f\u00fcr unter der Woche, da sie am Wochenende grunds\u00e4tzlich zu ihrer Familie fuhr. An \u00e4ltere Herren und Frauen wollte sie jedoch prinzipiell nicht vermieten. Dar\u00fcber hinaus hatten noch zwei Studenten auf die Annonce reagiert, bei denen sie f\u00fcr kurze Zeit Zweifel hegte ob sie nicht doch einen von ihnen nehmen sollte. Letztendlich hatte sie sich dagegen entschieden; sie waren ihr einfach zu jung. Ihn dagegen sah sie bereits beim Vorgespr\u00e4ch am Telephon als aussichtsreichsten Kandidaten. Als er dann vor ihrer T\u00fcr stand sagte ihr die Intuition, da\u00df er m\u00f6glicherweise der Richtige sei.<br \/>\n\u00bbVom Fenster aus haben Sie einen guten Blick in den Garten\u00ab, fuhr sie mit ihrer Anpreisung fort, eifriger als sie es wohl beabsichtigt hatte. \u00bbEr war der Stolz meines verstorbenen Mannes\u00ab, hier schneuzte sie sich leicht, aber es wirkte k\u00fcnstlich. Ihm schien es als sei sie \u00fcberzeugt, da\u00df dies von ihr erwartet w\u00fcrde. \u00bbUrspr\u00fcnglich wollte mein Mann hier ein Arbeitszimmer einrichten, doch er kam nicht mehr dazu. Einzig den Schreibtisch konnte er noch anschaffen. Ich habe alles gut gepflegt.\u00ab<br \/>\nF\u00fcr einen Moment erwog Gero das Zimmer nicht zu nehmen, obwohl es ihm zusagte, auch war der Preis zu dem sie es vermieten wollte &ndash; einhundertf\u00fcnfzig Euro im Monat &ndash; f\u00fcr die relativ nahe Lage zum Zentrum bemerkenswert g\u00fcnstig. Trotzdem versp\u00fcrte Gero nur wenig Lust in einer Art Mausoleum zu leben, wo alles und jedes an den verstorbenen Vorbesitzer erinnerte und nichts ver\u00e4ndert werden durfte.<br \/>\n\u00bbIch vermiete es letztlich nur, weil ich in dem gro\u00dfen Haus nicht allein sein m\u00f6chte\u00ab, hatte sie Gero bereits am Telephon erkl\u00e4rt, so da\u00df ihr sp\u00e4ter nicht der Vorwurf gemacht werden konnte, sie habe andere Gr\u00fcnde vorgeschoben, und schnell hinzugef\u00fcgt &ndash; war es doch f\u00fcr sie mit der ausschlaggebende Punkt bei ihm: \u00bbUnd an einen Kulturjournalisten sogar gerne.\u00ab<br \/>\nGero hatte sich ihr als Journalist f\u00fcr kulturelle Themen vorgestellt, was nicht so ganz der Wahrheit entsprach. Er schrieb zwar hin und wieder Artikel, Kritiken und Essays \u00fcber Literatur und gelegentlich auch \u00fcber Kunst, aber nur um sich einigerma\u00dfen \u00fcber Wasser halten zu k\u00f6nnen. Eigentlich war er Schriftsteller, doch bisher \u00fcber die Ver\u00f6ffentlichung mehrerer Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und einen Band mit Erz\u00e4hlungen, der in einem kleinen r\u00fchrigen Verlag erschienen war, nicht hinausgekommen. Leider verkaufte sich der Band mehr schlecht als recht, obwohl ihm von verschiedener Seite au\u00dfergew\u00f6hnliche Begabung bescheinigt wurde und die Kritik sich seiner wohl wollend angenommen hatte.<br \/>\n\u00bbWir haben unser Haus einfach zu gro\u00dfz\u00fcgig geplant\u00ab, fuhr sie fort, w\u00e4hrend Gero durch das Fenster einen Blick in den gepflegten Garten warf. \u00bbAber mein Mann meinte, da\u00df es seiner Stellung angemessen sei.\u00ab<br \/>\nGero konnte sich nicht helfen, sie klang wie eine \u00e4ltere Frau die nach mindestens vierzig Jahren Ehe &ndash; einschlie\u00dflich mittlerweile erwachsenen Kindern, die l\u00e4ngst ihr eigenes Leben lebten, vermutlich gab es bereits Enkelkinder &ndash; pl\u00f6tzlich von einen Tag auf den anderen in die Witwenschaft gesto\u00dfen wurde und nun versuchte sich mit der Einsamkeit zu revanchieren, was ihr mehr schlecht als recht gelingen wollte.<br \/>\n\u00bbIm Prinzip gef\u00e4llt mir ein gro\u00dfer Garten\u00ab, fuhr sie wie beil\u00e4ufig plaudernd fort, um jeden Eindruck zu vermeiden, sie wolle ihm das Zimmer aufdr\u00e4ngen. Sie hoffte, da\u00df er, je l\u00e4nger diese Besichtigung dauerte, sich leichter entschlie\u00dfen w\u00fcrde das Zimmer zu nehmen. \u00bbEs erinnert mich an meine Kindheit. Meine Gro\u00dfeltern besa\u00dfen einen vergleichbar gro\u00dfen Garten.\u00ab<br \/>\nGero h\u00f6rte ihr lediglich mit halbem Ohr zu. Er w\u00fcrde das Zimmer doch nehmen. Allein auf Grund der Miete konnte er nicht ablehnen, aber noch mehr, weil er einfach nicht l\u00e4nger in Wolfs Atelier wohnen wollte und konnte. Wolf war ohne Zweifel ein lieber Kerl und prima Kumpel, was auch niemand, der ihn n\u00e4her kannte jemals ernsthaft bestritten h\u00e4tte, doch er lebte in seiner eigenen Welt. Daneben begann Gero der Geruch von \u00d6lfarbe und Zitrusterpentin, der bei Wolf alles zu beherrschen schien, l\u00e4stig zu werden. F\u00fcr sich genommen war es kein wirklich unangenehmer Geruch, doch durchdrang er bei Wolf wirklich alles. Selbst soeben mitgebrachtes frisches Gem\u00fcse schien bereits danach zu schmecken. Zudem mu\u00dfte man immer aufpassen, da\u00df man sich nicht auf einen der vielen mit Farbe getr\u00e4nkten Lappen setzte, die Wolf so gerne \u00fcberall achtlos verteilte.<br \/>\n\u00bbIch nehme es\u00ab, sagte Gero laut und wandte sich ihr wieder zu.<br \/>\n\u00bbWenn Sie wollen, k\u00f6nnen Sie sofort einziehen\u00ab, war sie sichtbar erleichtert \u00fcber seine Entscheidung.<br \/>\n\u00bbEs w\u00e4re mir ganz recht\u00ab, sagte Gero von einem lautlosen inneren Seufzer begleitet.<br \/>\nEr konnte die Bef\u00fcrchtung nicht unterdr\u00fccken, da\u00df seine Wirtin ihn \u203abemuttern\u2039 k\u00f6nnte. Sie schien der Typ daf\u00fcr zu sein, zumindest weckte ihr Auftreten diesen Gedanken bei ihm, obwohl sie \u00fcberhaupt nichts M\u00fctterliches an sich hatte.<br \/>\nSie hatte nach ihrem Telephonat den Eindruck einer \u00e4ltlichen Witwe irgendwo in den Sechzigern bei ihm hinterlassen. Einzig ihre relativ junge Stimme, deren Tonfall Unsicherheit verriet, hatte ihn irritiert. Sie hatte ihm erz\u00e4hlt, da\u00df sie seit zwei Jahren Witwe sei. Ihr Mann, ein hoher Beamter bei der Stadtverwaltung, war nur wenige Jahre vor dem wohl verdienten Ruhestand pl\u00f6tzlich einem Herzinfarkt erlegen.<br \/>\nDarum war Gero umso \u00fcberraschter als ihm eine etwas mehr als mittelgro\u00dfe ausnehmend attraktive, f\u00fcr seinen Geschmack allerdings ein wenig \u00fcppige Enddrei\u00dfigerin in unaufdringlicher Eleganz gekleidet \u00f6ffnete, das dichte schwarze Haar mittellang und gut frisiert. Ihr Make-up war viel zu sorgf\u00e4ltig auf Wirkung bedacht aufgelegt als da\u00df sie sich immer so schminkte, doch in keiner Weise aufdringlich. Im ersten Moment hielt er sie f\u00fcr die Tochter. Auch jetzt fiel es ihm noch schwer, ihre Erscheinung mit dem Bild in Einklang zu bringen, das er sich w\u00e4hrend des Telephonats von ihr gemacht hatte. Was verhinderte, da\u00df er ihre durchaus nicht schwache erotische Ausstrahlung bewu\u00dft wahrnahm. Er f\u00fchlte sich auf eine gewisse Weise zu ihr hingezogen, der wahre Grund weshalb der das Zimmer nahm, auch wenn er es vor sich selbst nicht eingestehen wollte, sondern schrieb es dem trotz allem liebenswerten Eindruck zu, den sie auf ihn machte.<br \/>\nAnfangs war es ihm nicht aufgefallen, aber ihr Parfum war trotz der fruchtigen Note ein wenig schwer; es beherrschte schnell den Raum.<br \/>\nEr zahlte sofort die erste Monatsmiete. Sie setzte sich an den Schreibtisch, wobei sie die Beine mit der l\u00e4ssigen Eleganz einer Frau \u00fcbereinanderschlug, die um deren Sch\u00f6nheit und Wirkung wei\u00df. Der seitliche Schlitz des Rocks \u00f6ffnete sich dabei soweit, da\u00df er ein Teil des Strumpfsaums sichtbar werden lie\u00df.  Dadurch zog sie unwillk\u00fcrlich Geros Blick auf sich und er nahm sie zum ersten Mal bewu\u00dft als Frau und nicht nur als seine neue Wirtin wahr. F\u00fcr den Moment durchfuhr ihn ein angenehmes Gef\u00fchl, was nicht nur mit der Tatsache zusammenhing, da\u00df sie Str\u00fcmpfe und keine Strumpfhose trug.<br \/>\nSie schien den bewundernden Blick, den er auf ihre Beine, ihre schmalen Fesseln, ihren durch den Rockschlitz teilweise entbl\u00f6\u00dften muskul\u00f6sen Oberschenkel ruhen lie\u00df, nicht zu bemerken. Sie stellte ihm eine Quittung in einer steilen, ein wenig fahrig wirkenden Handschrift aus und reichte ihm die Quittung mit einem leicht zaghaften freundlichen L\u00e4cheln. Sie wollte ihre Zufriedenheit nicht zu offen zeigen, aus Furcht, er k\u00f6nnte es sich im letzten Moment noch anders \u00fcberlegen.<br \/>\nGero nahm die Quittung entgegen und fragte sich, warum ihm nicht schon eher aufgefallen war, da\u00df sie sch\u00f6ne gepflegte H\u00e4nde mit schlanken Fingern hatte, deren halblange N\u00e4gel sie in einem hellen Rot lackiert hatte.<br \/>\nGero steckte die Quittung achtlos in die Jackentasche. Sie stand mit einer flie\u00dfenden Bewegung auf und \u00fcbergab ihm die Schl\u00fcssel. Nun war das Gesch\u00e4ft perfekt. Mit einem sichtlich erleichterten L\u00e4cheln geleitete ihn zur T\u00fcr.<br \/>\nObwohl Gero sich immer noch nicht dar\u00fcber im klaren war, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte, war er froh bereits diese Nacht wieder in einem richtigen Bett schlafen zu k\u00f6nnen und nicht mehr mit Wolfs zwar breiter doch reichlich unbequemer Schlafcouch vorliebnehmen zu m\u00fcssen.<br \/>\nWolf tat zwar so, als bedauere er es, Gero als Mitbewohner zu verlieren, doch seine Mimik sprach allzu offen ihre eigene Sprache. Der in seinen Augen vorhandene Ordnungsfimmel des Freundes war ihm bereits l\u00e4stig geworden. Gero nahm es Wolf nicht \u00fcbel. Er empfand \u00e4hnlich. Wolf fuhr Geros Sachen; die W\u00e4sche, die wenigen B\u00fccher, das nicht mehr allzu neue Notebook mit dem altersschwachen Kombi zu seinem neuen Domizil. Geros neue Wirtin hielt sich w\u00e4hrend des Einzugs erfreulicherweise im Hintergrund und Wolf verschwand, kaum da\u00df sie die Sachen in Geros Zimmer geschafft hatten. Ordentliches Einr\u00e4umen war nicht Wolfs Ding, er vertrat den Grundsatz; wo etwas lag konnte es liegen bleiben, man fand es sp\u00e4ter umso leichter wieder. Gero war zwar auch kein Freund \u00fcbertriebener Ordnung, doch gewisse Dinge wu\u00dfte er gerne an ihrem Platz. Suchen war ihm l\u00e4stig.<br \/>\nDas Bett zwar zwischenzeitlich bezogen worden. Die unaufdringlich gemusterte Bettw\u00e4sche, nicht unangenehm zum Ansehen, roch frisch, war mit Sicherheit im Garten getrocknet und schien neu zu sein. Wolf dagegen \u203averga\u00df\u2039 bisweilen frische W\u00e4sche aufzuziehen, auch etwas, was ihn an dem Freund st\u00f6rte. W\u00e4hrend seiner Zeit bei Wolf hatte Gero daf\u00fcr gesorgt, da\u00df stets saubere Bettw\u00e4sche zur Verf\u00fcgung stand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Text ist das erste Kapitel der Erz\u00e4hlung \u00bbEin neues Zimmer\u00ab aus dem veraussichtlich im Sp\u00e4tsommer erscheinenden Erz\u00e4hlband \u00bbFelizia &amp; Felix\u00ab &nbsp; Das Zimmer war ger\u00e4umig, die M\u00f6bel un\u00fcbersehbar neu. 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