{"id":1168,"date":"2009-10-26T12:51:19","date_gmt":"2009-10-26T11:51:19","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1168"},"modified":"2026-04-11T11:47:23","modified_gmt":"2026-04-11T09:47:23","slug":"kurzes-16-begegnung-im-pferdehof","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1168","title":{"rendered":"Kurzes #16 \u00b7 Begegnung im \u00bbPferdehof\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"wp-content\/gallery\/titel\/20070801_1_0006.jpg\" \/><\/p>\n<p><i>Der folgende Text ist ein Auszug aus dem noch in Bearbeitung befindlichen Roman <\/i>\u00bbAdalberts Erbe\u00ab<i>, dessen Erscheinungstermin noch nicht feststeht.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Malte folgte dem Wirt in den Salon, der als Caf\u00e9, Bar und Aufenthaltsraum zugleich diente. Erst an der breiten Theke sitzend und dem Wirt zusehend, wie dieser an der Kaffeemaschine hantierte, fiel ihm die junge Frau auf, die unweit von ihnen an einem Tisch am Fenster sa\u00df, die Beine l\u00e4ssig \u00fcbereinander geschlagen, vor sich eine halbvolle Tasse Kaffee und in einem Wissenschaftsmagazin aufmerksam lesend &ndash; die unbekannte Sch\u00f6ne vom Friedhof.<br \/>\nMaltes Herzschlag beschleunigte sich bei ihrem Anblick unwillk\u00fcrlich. Er versuchte unauff\u00e4llig zu ihr hin\u00fcberzusehen. Sie schien derart in ihre Lekt\u00fcre vertieft, da\u00df sie nichts um sich herum wahrzunehmen schien. Sie trug heute keinen dunklen Rock sondern ein elegantes k\u00f6rperbetont geschnittenes knielanges Kleid aus blauchangierendem feinem Stoff, wei\u00dfe Str\u00fcmpfe und ma\u00dfgefertigte farblich mit dem Kleid harmonierende Schuhe aus edlem Leder mit ungew\u00f6hnlich hohen Abs\u00e4tzen, was in ihm endg\u00fcltig die \u00dcberzeugung festigte, da\u00df sie eine auff\u00e4llige Passion f\u00fcr hochhackiges Schuhwerk besa\u00df. Zudem war sie weniger dezent geschminkt als auf dem Friedhof, die vollen Lippen hatte sie mit einem dunkelroten Lippenstift betont. Das Haar trug sie offen.<!--more--><br \/>\nDer Wirt stellte die beiden Tassen mit dem frischen dampfenden Kaffee auf die Theke vor Malte und beugte sich zu ihm hin\u00fcber, denn die Aufmerksamkeit, die Malte der jungen Frau entgegenbrachte, war ihm als erfahrenen Wirt, der seine Augen schlie\u00dflich \u00fcberall haben mu\u00dfte, wollte er seine G\u00e4ste zufriedenstellen, nicht entgangen.<br \/>\n\u00bbEine so attraktive und elegante Frau ist leider nur selten bei uns zu Gast. Sie ist seit gut zwei Wochen hier. Sie ist mit dem eleganten schwarzen franz\u00f6sischen Coup\u00e9 gekommen, das Ihnen sicherlich beim Hereinkommen aufgefallen ist &ndash; Allein!\u00ab Dabei zwinkerte der Wirt Malte vielsagend zu. \u00bbAus Ihrer Stadt \u00fcbrigens. Sie verbringt ihre Tage entweder mit langen Spazierg\u00e4ngen, f\u00e4hrt hin und wieder mit dem Auto f\u00fcr einige Stunden weg oder sitzt hier oder auf der Terrasse und liest in ihren Magazinen. Sie ist &ndash; wenn ich sie richtig verstanden habe &ndash; Mathematikerin\u00ab, sagte der Wirt mit einer ehrfurchtsvollen Tonfall, \u00bbund verbringt einige Tage hier, um auszuspannen.\u00ab Maltes Blick verbarg seine \u00dcberraschung nicht, darum fuhr der Wirt fort. \u00bbIch war auch \u00fcberrascht. Bei einer Frau wie ihr h\u00e4tte ich an eine Juristin, eine \u00c4rztin oder auch eine Managerin gedacht, obwohl sie ja noch relativ jung ist, allerh\u00f6chstens Ende zwanzig, aber als allerletztes an eine Mathematikerin. Sie ist zwar freundlich, aber im allgemeinen doch zur\u00fcckhaltend, spricht wenn \u00fcberhaupt, mehr aus H\u00f6flichkeit mit meinen anderen G\u00e4sten.\u00ab<br \/>\n\u00bbMan soll die Leute nie nur nach dem \u00c4u\u00dferen beurteilen\u00ab, zitierte Malte unwillk\u00fcrlich Florian und f\u00fcgte in Gedanken hinzu, w\u00e4hrend er Milch und Zucker in seine Tasse tat, dann ist sie nur ein paar Jahre j\u00fcnger als ich.<br \/>\n\u00bbWenn man sie so anschaut, verliert die Mathematik fast ihre Trockenheit\u00ab, fuhr der Wirt vertraulich fort.<br \/>\nMalte antwortete mit einem h\u00f6flichen L\u00e4cheln und trank einen Schluck von seinem Kaffee. Obwohl Teetrinker hatte ihm der Kaffee des Pferdehofwirtes immer geschmeckt, so auch jetzt.<br \/>\nMathematik war nie wirklich Maltes Ding gewesen. Er wunderte sich noch heute dar\u00fcber, da\u00df er dieses Fach w\u00e4hrend der Schulzeit einigerma\u00dfen erfolgreich gemeistert hatte. Naja, h\u00e4tte Florian ihm nicht hin und wieder mit Engelsgeduld geholfen, w\u00e4re ihm w\u00e4hrend der letzten Jahre das eine oder andere Mangelhaft darin auf dem Zeugnis nicht erspart geblieben.<br \/>\n\u00bbKann ich noch einen Kaffee haben\u00ab, ri\u00df die angenehm weiche Stimme der Sch\u00f6nen Malte aus seinen Gedanken.<br \/>\nReflexartig wandte auch er sich ihr zu.<br \/>\n\u00bbAber nat\u00fcrlich\u00ab, antwortete der Wirt mit mehr als nur beruflicher H\u00f6flichkeit und machte sich gleich an die Ausf\u00fchrung.<br \/>\nAls Malte ihr freundliches L\u00e4cheln sah, durchstr\u00f6mte ihn ein eigenartiges Gef\u00fchl der W\u00e4rme. Irgend etwas an dieser Frau erschien ihm seltsam vertraut. Ihre Blicke trafen sich. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, da\u00df sie ihn leicht belustigt ansah. Jedoch hatte er nicht das Gef\u00fchl, da\u00df sie ihn wiederzuerkennen schien. Da ihr Blickwechsel etwas zu lange dauerte um als zuf\u00e4llig durchzugehen, sah er sich nicht nur aus H\u00f6flichkeit gen\u00f6tigt etwas zu sagen.<br \/>\n\u00bbSind wir uns letzte Woche nicht zweimal auf dem Friedhof begegnet\u00ab, sagte er mit leicht klopfendem Herzen und wunderte sich deswegen.<br \/>\n\u00bbJa, das kann durchaus sein\u00ab, erwiderte sie freundlich mit leicht schiefgelegtem Kopf und schien sich ein wenig mehr \u00fcber ihn zu am\u00fcsieren, doch das entging ihm.<br \/>\nSie hat braune Augen, stellte er beruhigt fest, konnte aber nicht sagen, warum es ihn beruhigte.<br \/>\n\u00bbBesser gesagt, es kann nicht nur sein; wir sind uns tats\u00e4chlich begegnet\u00ab, pr\u00e4zisierte sie und das leicht Am\u00fcsierte verschwand aus ihrem Blick um einem Ausdruck Platz zu machen, den er nicht recht zu deuten wu\u00dfte.<br \/>\nDie Selbstverst\u00e4ndlichkeit mit der sie sich zu erinnern schien, erstaunte Malte. Dabei hatte er angenommen, da\u00df sie ihn \u00fcberhaupt nicht bemerkt hatte.<br \/>\n\u00bbSie leben hier im Ort\u00ab, fuhr sie freundlich fort und legte ihr Magazin aufgeschlagen beiseite.<br \/>\n\u00bbJa und nein, je nachdem\u00ab, antwortete Malte und wurde sich bewu\u00dft, da\u00df das auf sie etwas wirr klingen mu\u00dfte. \u00bbIch habe erst k\u00fcrzlich hier das Haus meines verstorbenen Patenonkels geerbt. Zur Zeit lebe ich noch in der Stadt.\u00ab<br \/>\n\u00bbDann schlie\u00dfe ich einmal aus Ihren Worten, da\u00df Sie planen, hierher zu \u00fcbersiedeln.\u00ab Malte nickte. \u00bbEin sch\u00f6ner Flecken. Ich bin noch nicht einmal zwei Wochen hier und f\u00fchle mich schon wie zuhause. Es mu\u00df sch\u00f6n sein, hier wohnen zu k\u00f6nnen. &ndash; Ist das Haus Ihres Onkels\u2026 Ich meine nat\u00fcrlich Ihr Haus. &ndash; Liegt es mitten im Ort oder eher am Rand?\u00ab<br \/>\n\u00bbNein, nicht im mitten im Ort. Es liegt keine zehn Minuten Fu\u00dfweg von hier.\u00ab<br \/>\n\u00bbStellen Sie die Tasse ruhig auf die Theke. Ich komme r\u00fcber\u00ab, sagte sie an den Wirt gewandt, der ihr gerade den bestellten Kaffee bringen wollte.<br \/>\nDer Wirt stellte die Tasse mit einem vertraulichen Zwinkern an Malte gerichtet neben die seine. Dann zog er sich diskret zur\u00fcck. Seine langj\u00e4hrige Erfahrung sagte ihm, da\u00df sich hier ein kleiner Flirt anbahnte, den er beiden g\u00f6nnte, denn sie schienen gut zueinander zu passen.<br \/>\nSie stand auf, trat neben Malte und lehnte sich mit einer gewissen damenhaften L\u00e4ssigkeit an die Theke. Durch ihre hohen Abs\u00e4tze \u00fcberragte sie Malte ein wenig, der alles andere als klein war. Aber es gefiel ihm. Obwohl er es nur ungern einem Dritten gegen\u00fcber eingestanden h\u00e4tte, er bevorzugte gro\u00dfe Frauen. Malte roch ihr Parfum nun intensiver. Sein erster Eindruck vom Friedhof wurde best\u00e4tigt; er hatte es tats\u00e4chlich bisher noch nie bei einer anderen Frau wahrgenommen. Ihre unmittelbare N\u00e4he hatte eine sonderbare Wirkung auf Malte. Er glaubte ihre W\u00e4rme auf seiner Haut zu sp\u00fcren, so als ber\u00fchrten sich ihre K\u00f6rper. F\u00fchlte sich zu ihr hingezogen, doch schien ihre physische Anziehungskraft nicht der alleinige Grund daf\u00fcr zu sein. Malte konnte es sich nicht erkl\u00e4ren, was ihn innerlich unruhig werden lie\u00df.<br \/>\n\u00bbDann haben Sie auf dem Friedhof das Grab Ihres verstorbenen Onkels besucht\u00ab, nahm sie den Faden wieder auf.<br \/>\n\u00bbJa. Und was hat Sie auf den Friedhof gef\u00fchrt?\u00ab fragte Malte und wunderte sich, da\u00df seine Stimme nicht h\u00f6rbar zitterte.<br \/>\nDiese Frau brachte ihn irgendwie aus dem Konzept.<br \/>\n\u00bbIch habe das Grab meines Vaters besucht, der auch erst vor kurzem verstarb. Ich bin nicht nur zur Erholung hier, auch wenn ich das dem Wirt gesagt habe\u00ab, sagte sie und \u00fcber ihr h\u00fcbsches Gesicht legte sich ein Anflug von tiefer Traurigkeit.<br \/>\nMalte empfand im gleichen Moment dasselbe Gef\u00fchl, als best\u00fcnde seelische \u00dcbereinstimmung zwischen ihnen. Am liebsten h\u00e4tte er sie tr\u00f6sten in die Arme genommen. Doch gelang es ihm den Impuls zu unterdr\u00fccken. Es h\u00e4tte andernfalls zu einer sehr peinlichen Situation f\u00fchren k\u00f6nnen.<br \/>\n\u00bbMein Beileid\u00ab, sagte Malte mit einem leichten Kratzen in der Stimme. Er konnte sich nicht erinnern, wann ihm jemals eine Beileidsbekundung derart von Herzen kam und nicht einfach nur eine h\u00f6fliche Geste war. Und nicht nur, weil seine und ihre Situation vergleichbar waren.<br \/>\n\u00bbDanke\u00ab, erwiderte sie mit leicht zitternder und ein wenig tonloser Stimme und seufzte leicht. Sie wandte den Blick ab und Malte meinte eine Tr\u00e4ne in ihren Augenwinkeln zu sehen.<br \/>\nSie fing sich aber nach wenigen Augenblicken wieder und sah ihn mit einem leicht entschuldigenden schwachen L\u00e4cheln an.<br \/>\n\u00bbWar Ihr Vater Witwer\u00ab, fragte Malte aus keinem besonderen Grund heraus.<br \/>\n\u00bbNein, meine Mutter und er lebten schon lange voneinander getrennt\u00ab, auch hier gelang es ihr nicht, ihr Bedauern zu unterdr\u00fccken.<br \/>\n\u00bbDas tut mir leid\u00ab, sagte Malte vielleicht eine Spur zu teilnahmsvoll. Obwohl sie Selbstsicherheit ausstrahlte, versp\u00fcrte er doch das Bed\u00fcrfnis, sie sch\u00fctzend in den Arm zu wie ein kleines ver\u00e4ngstigtes M\u00e4dchen.<br \/>\n\u00bbDas braucht es aber nicht\u00ab, meinte sie freundlich und von einem nachsichtigen L\u00e4cheln begleitet.<br \/>\n\u00bbIhre Eltern werden sicherlich ihre Gr\u00fcnde f\u00fcr ihre Trennung gehabt haben\u00ab, fuhr er vers\u00f6hnlich fort und \u00e4rgerte sich, da\u00df es ihm nicht gelang dem Gespr\u00e4ch eine andere Richtung zu geben, um somit die Gefahr ins Fettn\u00e4pfchen zu treten, auszuschalten.<br \/>\n\u00bbMein Vater war etwas &ndash; sagen wir einmal &ndash; eigen, doch kein schlechter Mensch. Vielleicht lag es auch nur im Altersunterschied begr\u00fcndet. Mein Vater war fast f\u00fcnfzig bei meiner Geburt und meine Mutter mehr als zwanzig Jahre j\u00fcnger. &ndash; Ich nehme an, Ihre Eltern leben noch zusammen?\u00ab fragte sie eine Spur zu interessiert f\u00fcr jemand, den er gerade kennengelernt hatte, aber es entging ihm.<br \/>\n\u00bbMeine Mutter starb \u00fcberraschend vor drei Jahren. Seitdem lebt mein Vater allein.\u00ab<br \/>\n\u00bbDas tut mir aber leid\u00ab, sagte sie mit ehrlicher Anteilnahme und blickte nun ihn an, als wolle sie nun Malte tr\u00f6stend in die Arme nehmen.<br \/>\n\u00bbDanke\u00ab, erwiderte Malte und wunderte sich, warum ihn ihr Mitgef\u00fchl so r\u00fchrte.<br \/>\nAb hier nahm ihre Unterhaltung nach einem Moment der Sprachlosigkeit, w\u00e4hrend der sie ihren Kaffee tranken und nach einem anderen Gespr\u00e4chsthema suchten, einen allgemeineren Verlauf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Text ist ein Auszug aus dem noch in Bearbeitung befindlichen Roman \u00bbAdalberts Erbe\u00ab, dessen Erscheinungstermin noch nicht feststeht. &nbsp; Malte folgte dem Wirt in den Salon, der als Caf\u00e9, Bar und Aufenthaltsraum zugleich diente. 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