{"id":1298,"date":"2009-12-08T10:59:29","date_gmt":"2009-12-08T09:59:29","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1298"},"modified":"2026-04-11T14:27:45","modified_gmt":"2026-04-11T12:27:45","slug":"kurzes-19-eva-mus-nachdenken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1298","title":{"rendered":"Kurzes #19 \u00b7 Eva mu\u00df nachdenken"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/titel\/20160831_322_800_2.jpg\" \/><\/p>\n<p><i>Der folgende Text stellt einen kurzen Auszug aus dem noch mitten im Entstehen befindlichen Kriminalroman <\/i>\u00bbEin (fast) allt\u00e4glicher Fall\u00ab<i>. In einer Siedlung, die abgebrochen werden soll um Neubauten Platz zu machen, wird die Leiche einer Frau gefunden, die nackt auf einem alten Bettgestellt gefesselt liegt. Wer hat sie gefesselt und mit einem Seidenschal gew\u00fcrgt? Es wird in alle Richtungen ermittelt. Die Kommissarin Eva Gerbroth begibt sich im Rahmen ihrer Ermittlungen auch in die \u00f6rtliche BDSM-Szene. Dabei erf\u00e4hrt sie mehr \u00fcber sich selbst als \u00fcber ihren Fall, der bald eine \u00fcberraschende Wende nimmt.<\/i><\/p>\n<p>Eva startete den Motor. Noch l\u00e4nger hier zu stehen, machte keinen Sinn. Sie f\u00fchlte sich einigerma\u00dfen in der Verfassung, fahren zu k\u00f6nnen. Langsam lie\u00df sie den Wagen im R\u00fcckw\u00e4rtsgang zur Stra\u00dfe zur\u00fcckrollen.<br \/>\nEva fuhr bed\u00e4chtig. Sie konzentrierte sich ausschlie\u00dflich auf den Verkehr, lie\u00df gar keine andere Gedanken zu, als ihr Fahrzeug sicher zu lenken. Sie wu\u00dfte bereits, wohin sie fahren wollte. Sie mied die Autobahn und nicht allein, weil sie f\u00fcrchtete erneut in einen Stau zu geraten.<br \/>\nSie fuhr stadtausw\u00e4rts. Die Bebauung wurde sp\u00e4rlicher, der Verkehr insgesamt d\u00fcnner. Eva beschleunigte etwas. Der Sechszylinder surrte ruhig und gleichm\u00e4\u00dfig wie eine ge\u00f6lte N\u00e4hmaschine, die Stra\u00dfenlage war einfach traumhaft. Seit sie das Coup\u00e9 besa\u00df, empfand Eva Autofahren zum ersten Mal als etwas Sinnliches.<!--more--><br \/>\nDie verregnete Sommerlandschaft zog an ihr vorbei. Die Stra\u00dfen f\u00fchrten kontinuierlich bergauf, durchschnitten gro\u00dfe Weidefl\u00e4chen, auf denen vereinzelt K\u00fche und Schafe weideten. Bewaldete H\u00e4nge schlossen an die Weidefl\u00e4chen an, die von schmalen B\u00e4chen zerteilt wurden. Das vom Dauerregen schwere Laub dr\u00fcckte die \u00c4ste nieder und war von einem intensiven Gr\u00fcn, wie es sich nur nach langen Regenperioden einstellt. Eine kurze \u00f6rtliche Schauer ging nieder. Eva schaltete die Scheibenwischer ein. Da\u00df es durch das leicht ge\u00f6ffnete Seitenfenster hereinregnete, st\u00f6rte sie nicht.<br \/>\nEs schien f\u00fcr sie kaum vorstellbar, da\u00df die Gro\u00dfstadt lediglich eine halbe Autostunde entfernt lag.<br \/>\nNur hin und wieder begegneten ihr andere Fahrzeuge. Sie drosselte das Tempo w\u00e4hrend sie durch einen kleinen Ort fuhr, der nur aus der Hauptstra\u00dfe und einigen kleinen H\u00e4usern bestand, nahm eine Kurve mit kaum verminderter Geschwindigkeit, ohne da\u00df ihr Wagen auch nur im Ansatz ausgebrochen w\u00e4re.<br \/>\nDer Verk\u00e4ufer hatte nicht \u00fcbertrieben, was die Fahreigenschaften betraf. Er hatte sie offenkundig f\u00fcr erfolgreiche Gesch\u00e4ftsfrau gehalten in dem eleganten hellen k\u00f6rperbetonenden Kost\u00fcm mit dem kurzen Rock, das sie damals getragen hatte. Eva mu\u00dfte schmunzeln, wenn sie daran dachte, da\u00df er ihr den Wagen auf eine Weise angepriesen hatte, als schildere er die Vorz\u00fcge eines potentiellen Liebhabers. Um ihm einen Gefallen zu tun und weil sie irgendwie Lust dazu gehabt hatte, die kokette aber auch distanzierte Dame zu spielen, war sie auf eine Weise in den Wagen gestiegen, hatte sie ihn am Anblick ihrer sch\u00f6nen langen, hellbestrumpften Beine teilhaben lassen, die ihm ein wenig den Atem geraubt hatte und in ihm erst recht die \u00dcberzeugung gefestigt haben mu\u00df, da\u00df es sich bei ihr um eine kultivierte Frau handelte, die stets genau wu\u00dfte, was sie wollte und sich niemals das Heft aus der Hand nehmen lie\u00df. Von diesem Verkaufsgespr\u00e4ch w\u00fcrde er sicherlich noch lange schw\u00e4rmen.<br \/>\nDie Stra\u00dfe machte eine langgezogene Kurve und f\u00fchrte durch ein Waldst\u00fcck.<br \/>\nEva drosselte kurz vor dem Ende der Kurve das Tempo und bremste vor einem schmalen asphaltierten rechter Hand in den Wald hineinf\u00fchrenden Weg ab. Sie bog in den Weg hinein und fuhr ihn im Schrittempo soweit entlang, bis der Wald aufh\u00f6rte und den Blick auf ein kleines Tal freigab. Hier ging der Weg in einen unbefestigten Forstweg \u00fcber.<br \/>\nEva lie\u00df den Wagen auf dem Forstweg ausrollen und stellte den Motor ab. Angenehme Stille umfing sie.<br \/>\nSie hatte den Weg so sicher gefunden, als fahre sie t\u00e4glich hierher. Sie hatte noch keinem von dieser Stelle erz\u00e4hlt, nicht einmal Birger mit dem sie solange wie noch mit keinem Mann zuvor zusammen gewesen war. Sie fuhr nicht oft hierher, nur wenn sie mit sich allein sein mu\u00dfte.<br \/>\nSie l\u00f6ste den Sicherheitsgurt, sah den Wassertropfen zu, wie sie vom Wagendach \u00fcber die Windschutzscheibe hinunter zur Motorhaube liefen.<br \/>\nEva atmete tief durch und stieg aus. Sie zog die Jacke dichter um den K\u00f6rper. Es fielen nur noch wenige Tropfen. F\u00fcr die Aussicht ins Tal, die sich ihr bot, hatte sie im Augenblick wenig Sinn. Ihr steckte die Panikattacke noch zu sehr in den Gliedern. Sie ging einige Schritte den Weg entlang vom Wagen weg. Der Regen hatte tiefe Pf\u00fctzen in den Vertiefungen hinterlassen. Eva umrundete sie ohne gro\u00dfartig auf sie zu achten.<br \/>\nSie blieb stehen und schaute in das kleine Tal hinunter. Der Rand neben dem Feldweg fiel ein St\u00fcck steil ab und war mit knorrigen alten Str\u00e4uchern bewachsen. Dann kam eine sanft abfallende Wiese, die bereits abgegrast war und die wiederum von einem Weidezaun begrenzt wurde, an den ebenfalls eine Wiese grenzte. Auf der anderen Seite des Feldweges stieg das Gel\u00e4nde sanft an und ging nach wenigen Metern in den Wald \u00fcber, durch den sie zuvor gefahren war. Leise drang das Ger\u00e4usch eines vorbeifahrenden Autos zu ihr. Von ihrem Standort aus war die Stra\u00dfe nicht zu sehen.<br \/>\nSchmutziggraue Wolkenfetzen zogen gem\u00e4chlich am bleigrauen Himmel vor\u00fcber.<br \/>\nDas Bild der Toten im Abbruchhaus erinnerte Eva an eine Phantasie, die sie seit Monaten in den verschiedenen Variationen hatte; sie selbst von einem Mann gefesselt, die Augen verbunden, auf einem Bett, wenn auch nicht auf einem derart alten rostigen Gestell und ohne Matratze, sondern in einer einigerma\u00dfen gepflegten Wohnung mit weitgehend neuer Matratze. Sie war diesem Mann hilflos ausgeliefert, der sich an ihr \u00bbverlustierte\u00ab. Sie war f\u00fcr ihn ein reines Sexobjekt, das immer bereit war. Diese Phantasie erregte sie sehr.<br \/>\nBisher hatte sie noch keinem Menschen von diesen sexuellen Phantasien erz\u00e4hlt, am allerwenigsten Birger mit seinem eingeschr\u00e4nkten sexuellen Horizont, seiner ausschlie\u00dflichen Vorliebe f\u00fcr \u203aHausmannskost\u2039, wie Eva dazu absch\u00e4tzig sagte. Doch mit Birger dar\u00fcber zu sprechen, hatte sich ja seit ein paar Wochen ohnehin von selbst erledigt &ndash; zum Gl\u00fcck.<br \/>\nEva war sich durchaus bewu\u00dft, da\u00df einige ihrer Phantasien bei einer realen Umsetzung ein gewisses Risiko in sich bargen, wenn sie auch nie derart drastisch enden konnten wie bei der Frau in dem Abbruchhaus. Und doch gelang es ihr nicht das Bild zu verscheuchen, da\u00df sie dort auf dem Bett lag anstelle der Frau. Sollten unterschwellige Schuldgef\u00fchle der Ausl\u00f6ser f\u00fcr ihre Panikattacke gewesen sein? Eva konnte es sich nicht vorstellen, daf\u00fcr hatte sie Sex einfach zu gerne.<br \/>\nWas mochte die Frau wohl dazu gebracht haben, sich mit einem Schal w\u00fcrgen zu lassen? Und was war das f\u00fcr ein Mann, der sang und klanglos verschwand, ohne nicht mindestens zu versuchen, Hilfe zu rufen. Und warum hatte er alle Sachen der Frau mitgenommen?<br \/>\nAuch wenn Evas Phantasien insgesamt weniger risikoreich bei einer Umsetzung w\u00e4ren &ndash; immer vorausgesetzt, sie w\u00fcrde sie tats\u00e4chlich einmal mit jemanden realisieren &ndash; wer sagte ihr denn, da\u00df der andere nicht etwas mit ihr machte, was <i>ihr<\/i> gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnte? Vielleicht hatte die Frau es ja gar nicht so gewollt und der Mann hat eigenm\u00e4chtig gehandelt. Dann w\u00e4re auch seine \u00fcberst\u00fcrzte Flucht zu verstehen. Grunds\u00e4tzlich konnte es ihr ja selbst auch passieren, lie\u00df sie sich fesseln. Und dann f\u00e4nde man sie so daliegen.<br \/>\nDer Gedanken, da\u00df ihre nackte Leiche in vergleichbarer Lage gesehen werden k\u00f6nnte, lie\u00df fast die Panikattacke wieder in Eva aufflackern.<br \/>\nSein atmete tief durch und ging mit leicht unsicheren Schritten zum Auto zur\u00fcck. Sie lehnte sich an die Motorhaube. Ein Raubvogel flog lautlos \u00fcber sie hinweg.<br \/>\nJedesmal wenn ihre Phantasien zur\u00fcckkehrten, w\u00fcrde sich sofort das Bild jener Frau vor diese schieben. Eva begann sich vor ihren Gedanken und Phantasien zu f\u00fcrchten, was ihr zuvor noch nie passiert war.<br \/>\nNoch nie war ihr die eigene Verg\u00e4nglichkeit derart bewu\u00dft geworden wie an diesem Morgen, trotz der ganzen Toten, die sie bereits gesehen hatte. Aber es waren stets andere Umst\u00e4nde mit im Spiel gewesen. Selbstmord war f\u00fcr Eva undenkbar. Warum auch? Existenz\u00e4ngste waren ihr fremd. An Depressionen litt sie nicht, jedenfalls nicht mehr als andere Menschen. Zwar war manches in ihrem Leben durchaus als absolut beschissen zu bezeichnen &ndash; Birgers Verhalten und sein Abgang standen an erster Stelle. Aber in der Regel richtete sie ihre Aggressionen weniger gegen sich selbst als gegen andere, wovon gerade Lars ein Lied singen konnte.<br \/>\nAbgesehen davon h\u00e4tte Eva sich nie vorstellen k\u00f6nnen, da\u00df Birger sich einmal als derart gro\u00dfes Arschloch erweisen k\u00f6nnte. Wie gut, da\u00df sie sich nicht von ihm hatte schw\u00e4ngern lassen. Zwar hatte sie es bisher auch nicht vorgehabt, aber wer sagte denn, da\u00df sie in einigen Jahren, wenn der vierzigste Geburtstag unweigerlich vor der T\u00fcr stand, ihre Gene nicht doch weitergeben wollte? Aber nicht gemeinsam mit denen von einem Mann wie Birger. Einen solchen Vater k\u00f6nnte sie ihrem Kind nicht zumuten.<br \/>\nEva atmete tief die frische Luft ein. Schneller zogen die schmutzigen Wolkenfetzen vor dem gleichm\u00e4\u00dfig grauen Himmel vor\u00fcber. Eva sah, wie in der Ferne \u00fcber einer Anh\u00f6he Regen niederging. Wind strich \u00fcber die Wipfel der B\u00e4ume. Regentropfen wurden zu ihr hingeweht.<br \/>\nEva wu\u00dfte nicht, was sie mit dem Bild von heute morgen, mit ihren Phantasien machen sollte.<br \/>\nDa\u00df sich ihre Phantasien nicht einfach unterdr\u00fccken lie\u00dfen, wu\u00dfte sie. Sie waren ein Teil von ihr, wenn sie auch die Ursache daf\u00fcr nicht zu kennen schien. Sie hatte vor Jahren bereits \u00e4hnliche gehabt. Aber die waren relativ schnell wieder verschwunden. Auch waren sie seinerzeit noch nicht so detailliert gewesen. Vielleicht lag es auch daran, da\u00df sie sich zu einer Zeit zur\u00fcckgemeldet hatten, w\u00e4hrend der ihr Sex mit Birger bereits einzuschlafen begann, da\u00df nun dominierender geworden waren. Birger war mit der Zeit immer tr\u00e4ger geworden, was die Lust auf Sex betraf, und entzog sich ihr immer \u00f6fter, so da\u00df sie h\u00e4ufiger zu onanieren begann und dabei ihre immer mehr Phantasien ausschm\u00fcckte. Eva hatte schon immer viel zu gerne Sex gehabt. Sie geno\u00df ihn und er erm\u00f6glichte ihr, auf wunderbare und einfache Weise abzuschalten, zu entspannen, Stre\u00df und \u00c4rger des Tages zu vergessen. Nur teilten ihre bisherigen M\u00e4nner nicht dieselbe Auffassung, so da\u00df sie sich eigentlich immer hatte zur\u00fccknehmen und ihre Entspannung eigenh\u00e4ndig hatte suchen m\u00fcssen. Traf sie tats\u00e4chlich einmal auf einen Mann, der wie sie \u00fcber Sex dachte, dann stimmte irgend etwas anderes nicht \u00fcberein. Am Ende war das Ergebnis das gleiche.<br \/>\nDie Regenfront kam n\u00e4her und der Wind frischte merklich auf.<br \/>\nDas L\u00e4uten ihres Mobiltelephons ri\u00df Eva aus ihren Gedanken. Sie \u00f6ffnete die Fahrert\u00fcr und nahm das Telephon vom Beifahrersitz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Text stellt einen kurzen Auszug aus dem noch mitten im Entstehen befindlichen Kriminalroman \u00bbEin (fast) allt\u00e4glicher Fall\u00ab. 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