{"id":1306,"date":"2009-12-12T06:29:20","date_gmt":"2009-12-12T05:29:20","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1306"},"modified":"2026-04-04T17:14:09","modified_gmt":"2026-04-04T15:14:09","slug":"sm-eine-begriffsgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1306","title":{"rendered":"SM \u00b7 Eine kurze Begriffsgeschichte"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/sex.jpg\" \/><\/p>\n<div class=\"zitate\">\n<p><i>\u00bbDer modernen Sexualforschung sei es zum derzeitigen Stand nicht m\u00f6glich, zwischen gesundem und pathologischem Sexualverhalten zu unterscheiden. So ist das Sexualverhalten ein g\u00e4nzlich ungeeignetes Kriterium, um zwischen gesunden und behandlungsbed\u00fcrftigen Pers\u00f6nlichkeitsprofilen zu unterscheiden\u00ab<\/i><\/p>\n<p class=\"rechts\"><small>Charles Moser, Ph.D., M.D. und Peggy J. Kleinplatz, Ph.D. <\/small><\/p>\n<\/div>\n<h2>Ein kurzer Blick auf die Historie<\/h2>\n<p>Die Frage ob es sich beim Sadomasochismus, Fetischismus, etc. um eine \u00bbSt\u00f6rung der Sexualpr\u00e4ferenz\u00ab handelt, stellt sich ohnehin erst seit rund 120 Jahren, seit Richard von Krafft-Ebing 1886 seine 110 Seiten umfassende \u00bbklinisch-forensische Studie\u00ab \u00bbPsychopathia Sexualis\u00ab ver\u00f6ffentlichte. Im Gegensatz zu anderen medizinisch-psychologischen Werken seiner Zeit l\u00e4\u00dft er die Patienten selbst zu Wort kommen und kommentiert ihre Aussagen. Das, was heute als SM (bzw. BDSM, wobei der Begriff <strong>BDSM<\/strong> im angloamerikanischen Sprachraum im Laufe der 1990er Jahre entstanden ist und dem Spektrum gerechter wird, da er auch Bondage und Disziplin bzw D\/S mit einschlie\u00dft. <strong>BDSM<\/strong> = <strong>B<\/strong>ondage and <strong>D<\/strong>isziplin, <strong>D<\/strong>omination and <strong>S<\/strong>ubmission, <strong>S<\/strong>adism and <strong>M<\/strong>asochism [dt.: <em>Bondage und Disziplin, Dominanz und Unterwerfung, Sadismus und Masochismus<\/em>]) bezeichnet wird, kommt in diesem Band noch so gut wie gar nicht vor. Tats\u00e4chlich nimmt die Homosexualit\u00e4t, damals noch als \u00bbcontr\u00e4res Sexualempfinden\u00ab bezeichnet, den weitaus gr\u00f6\u00dften Raum ein. Dem von ihm gepr\u00e4gten Begriff des \u00bbMasochismus\u00ab, bis dahin unter anderem als \u00bbpassive Flagellation\u00ab bezeichnet, widmet er sich erst 1890 ausf\u00fchrlich in seinem Buch \u00bbNeue Forschungen auf dem Gebiet der Psychopathia Sexualis\u00ab.<!--more--><\/p>\n<p class=\"einzug\">Bis zu diesem Zeitpunkt wurde SM allenfalls als Kuriosit\u00e4t angesehen. John Cleland beschreibt in seinem 1749 erschienen Roman \u00bb<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fanny_Hill\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fanny Hill<\/a>\u00ab Flagellation als Neigung alter M\u00e4nner, die diese starken Reize ben\u00f6tigen, um \u00fcberhaupt eine Erektion zustande zu bringen. Die entsprechende Szene im Buch am\u00fcsiert eher. Dagegen empfindet in \u00bbSchwester Monika\u00ab von 1815, die dem gro\u00dfen E. Th. A. Hoffmann zugeschrieben wird (<em>aber wahrscheinlich doch nicht von ihm ist, die Forschung ist sich da uneins<\/em>), unter anderem die sch\u00f6ne junge lebenslustige Louise das Flagelliertwerden als sehr lustvoll. Auch in Shakespeares \u00bb<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Widerspenstigen_Z%C3%A4hmung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Widerspenstigen Z\u00e4hmung<\/a>\u00ab gibt es Szenen mit eindeutigem SM-Bezug. Die Liste lie\u00dfe sich beliebig fortsetzen. Auch gab es bereits im 17. Jhd. \u00bbErkl\u00e4rungen\u00ab, warum Schmerz auch Lust erzeugen kann, die aus heutiger Sicht allenfalls als \u00bboriginell\u00ab gelten d\u00fcrfen, die aber die Betreffenden nicht explizit als Kranke darstellten, nebst Anleitungen, wie richtig geschlagen wird, das hei\u00dft ohne dem Flagellierten zu schaden.<\/p>\n<p class=\"einzug\">De Sades Werke werden an dieser Stelle au\u00dfen vorgelassen, da ihr Schwerpunkt weniger im erotisch-sexuellen als eindeutig im gesellschaftskritisch-philosophischen liegt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Warum Krafft-Ebing und seine Zeitgenossen SM auf einmal als \u00bbkrankhaft\u00ab und damit unbedingt behandlungsbed\u00fcrftig ansahen, ist meines Erachtens untrennbar mit der gesellschaftlichen Stimmung der damaligen Zeit verkn\u00fcpft. Es darf nicht vergessen werden, da\u00df die zweite H\u00e4lfte des 19. Jhd. auch die Hochzeit des Nationalismus in Europa war und in den meisten Staaten, wie auch in Deutschland und \u00d6sterreich, totalit\u00e4re Regime mit starren Hierarchien die Regel bildeten. Zugleich war aber die Frauenbewegung derart stark geworden, da\u00df sie als Machtfaktor gleich der Sozialdemokratie und der Arbeiterbewegung, in deren Gefolge sie sich schlie\u00dflich befand, nicht weiter ignoriert werden konnte. Die Herrschenden kamen um Zugest\u00e4ndnisse nicht mehr herum, wollten sie ihre Macht weiterhin erhalten. Die Sozialdemokratie erreichte Verbesserung in der finanziellen Absicherung der Arbeiter (Renten- und Krankenversicherung), den Frauen wurde das Wahlrecht und die M\u00f6glichkeit gegeben, Gymnasien (in Deutschland ca. 1898\/99) und Hochschulen (in Deutschland ca. 1902) zu besuchen. Das alles nat\u00fcrlich nur \u00bbz\u00e4hneknirschend\u00ab.<\/p>\n<p class=\"einzug\">In diesem Zusammenhang sei angemerkt, da\u00df Frauen noch in den zwanziger Jahren des 20. Jhd. an deutschen Hochschulen zwar promovieren aber nicht habilitieren konnten. Das hei\u00dft ihnen war die M\u00f6glichkeit an einer Hochschule zu lehren weiterhin verwehrt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die \u00bbFemme Fatal\u00ab, die Frau, die den Mann seelisch aussaugt, ist eine Erfindung dieses Zeitalters. \u00dcberhaupt taucht dieser Typ Frau fast inflation\u00e4r in der damaligen Literatur auf. Bram Stockers \u00bb<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dracula_%28Roman%29\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dracula<\/a>\u00ab (1897) ist ein Paradebeispiel daf\u00fcr. Die Frau, die dem Mann den Lebenssaft aussaugt. Die Angst vor der Frau, seit Generationen Teil nicht nur der abendl\u00e4ndischen Kultur, die bis dahin \u00bbgeduldige\u00ab Begleiterin des Mannes und zeitweise mit kaum mehr Rechten als unm\u00fcndige Kinder ausgestattet, nahm pathologische Z\u00fcge an. Groteskes Beispiel daf\u00fcr ist, da\u00df es M\u00e4nner gab, die glaubten, eine Vagina sei mit Z\u00e4hnen ausgestattet.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbVertraute\u00ab und \u00bbnaturgegebene\u00ab Strukturen auf denen die jahrhundertealte Macht der verschiedenen F\u00fcrstenh\u00e4user beruhten, waren st\u00e4rker gef\u00e4hrdet als fast ein Jahrhundert zuvor durch die franz\u00f6sische Revolution, die die \u00fcbrigen Monarchien in Europa relativ gefahrlos \u00fcberstanden hatten.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die Preisgabe der m\u00e4nnlichen Vormachtstellung, die ja zugleich eine \u00dcbergabe von Macht an die Frau darstellt, ist in diesem Kontext als \u00bbkrankhaft\u00ab zu sehen, schlie\u00dflich stellt sie eine Bedrohung der gegenw\u00e4rtigen Ordnung dar. Es ist nicht von der Hand zu weisen, da\u00df in erster Linie die Angst vor allgemeinem m\u00e4nnlichen Kontrollverlust, vor einem radikalen Umbruch der Gesellschaft, zu diesen Einordnungen gef\u00fchrt hat. Es kann durchaus und nicht wirklich \u00fcberspitzt formuliert werden: Haben die Frauen erst im Schlafzimmer die Macht, dann haben sie diese auch bald im Staat und umgekehrt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Aus machtpolitischen Gr\u00fcnden wurde Sexualit\u00e4t schon immer reglementiert, willk\u00fcrlich bestimmt, was \u00bbnormal\u00ab was \u00bbanormal\u00ab ist. Auch wenn objektiv keinerlei Anla\u00df dazu besteht.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Zur\u00fcck zu Krafft-Ebing und der Frage, warum pl\u00f6tzlich Masochismus als behandlungsw\u00fcrdig und der \u00bbFlagellant\u00ab als krank angesehen wird. Zumal \u00bbSchmerzlust\u00ab immer auch anerkannter Teil religi\u00f6ser Riten war und ist, man denke nur an die Selbstgei\u00dfelung und da\u00df Nonnen sich peitschen lie\u00dfen, um Gott als B\u00fc\u00dferinnen n\u00e4her sein zu k\u00f6nnen. Ein Schelm, wer jetzt denkt, da\u00df es dabei nur vordergr\u00fcndig um \u00fcbertriebenen religi\u00f6sen Eifer ging. Das beschr\u00e4nkt sich nat\u00fcrlich nicht nur auf die christlische sondern findet sich in allen Religionen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Krafft-Ebing hat den Masochismus vereinfacht als \u00dcbertragung weiblicher Eigenschaften auf die m\u00e4nnliche Psyche beschrieben. Der Tenor, warum Krafft-Ebing und seine \u2013 m\u00e4nnlichen \u2013 Zeitgenossen dies als Krankheit ansahen, beschreibt er selbst im Vorwort zu seinen 1890 erschienen \u00bbNeue Forschungen auf dem Gebiet der Psychopathia Sexualis\u00ab:<\/p>\n<div class=\"zitate\">\n<p><i>\u00bbI. \u00dcber Masochismus und Sadismus<br \/>\nVorbemerkungen.<br \/>\nEs ist Thatsache und mag in origin\u00e4ren oder in erblich gez\u00fcchteten Bedingungen begr\u00fcndet sein, dass im Verkehr der Geschlechter dem Mann die aktive, selbst aggressive Stelle zu kommt, w\u00e4hrend das Weib passiv, defensiv sich verh\u00e4lt. F\u00fcr den Mann gew\u00e4hrt es einen hohen Reiz, das Weib sich zu erobern, es zu besiegen, und in der Ars Amandi <\/i>(Der Liebeskunst Anm. d. A.) <i>bildet die Z\u00fcchtigkeit des in der Defensive bis zum Zeitpunkt der Hingebung zu verharrenden Weibes ein Moment von hoher psychologischer Bedeutung und Tragweite. [\u2026]\u00ab<\/i><\/p>\n<p class=\"rechts\"><small>(Zitat nach \u00bbPhantom Schmerz \u00b7 Quellentexte zur Begriffsgeschichte des Masochismus\u00ab belleville Verlag, M\u00fcnchen 2003, S. 14)<\/small><\/p>\n<\/div>\n<p>Mann = aktiv und Frau = passiv; auf eine einfache Formel gebracht und zugleich als Naturgesetz zementiert.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wirklich masochistisch kann nur der Mann sein, denn das \u00bbWeib\u00ab ist von Natur aus masochistisch, allenfalls kann eine \u00dcbersteigerung der nat\u00fcrlichen Bestimmung vorliegen. Analoges gilt f\u00fcr den Sadismus des Mannes. Das sadistische Weib hingegen ist ebenso widernat\u00fcrlich wie der masochistische Mann und zugleich ein Beleg daf\u00fcr, da\u00df die Betreffende im Grunde lesbisch ist.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die geschilderten Fallbeispiele bei Krafft-Ebing beschreiben meist M\u00e4nner, die mit ihrer von der Gesellschaft als Patriarchen geforderten Rolle Schwierigkeiten hatten, bis hin zur Angst vor ganz normalem Geschlechtsverkehr. Sie f\u00fchlten sich schuldig, weil sie nicht dem von der Gesellschaft geforderten m\u00e4nnlichen Idealbild entsprachen. Genau dieses \u00bbKrankheitsbild\u00ab ist es, das von Krafft-Ebing bis Wilhelm Reich beschrieben wird. Aber da nun einmal der Mann seiner Zeit aktiv und die Frau das duldende, zerbrechliche, geistig minderbemittelte Dummchen zu sein hatte, mu\u00dfte etwas anderes her als Erkl\u00e4rung als bspw. eine durch \u00e4u\u00dferen Leidensdruck entstandene Depression.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Einige Bl\u00fcten, die diese Angst vor dem Weiblichen trieb und die prim\u00e4r mit SM wenig zu tun haben, \u00e4u\u00dferte beispielsweise auch Freud \u2013 der nachweislich mit Frauen selbst so seine Probleme hatte \u2013, indem er zwischen klitoralem und vaginalem Orgasmus unterschied: Der klitorale ist der unreife, weil er ja nicht durch die Penetration des m\u00e4nnlichen Gliedes erzeugt wird. Nur der vaginale ist der einzig richtige, denn er wird ja durch den Mann erzeugt! Ironie dabei; es handelt sich beiden F\u00e4llen physiologisch um denselben Orgasmus! Ebenso galten als \u00bbkrank\u00ab Cunnilingus und das K\u00fcssen der F\u00fc\u00dfe seiner Angebeteten! Da hier <i>\u00bb[\u2026]auch dem normalen Menschen ekelhafte K\u00f6rperteile in dieser Weise dem Masochisten zur Befriedigung seiner Gel\u00fcste dienen.\u00ab<\/i> (Der Masochismus. Ein Beitrag zur Sittengeschichte unserer Zeit (1903) von Iwan Bloch).<\/p>\n<p class=\"einzug\">Diese Be-, besser gesagt Ab-Wertung von SM \u00e4nderte sich erst zaghaft als sich die moderne Soziologie des Themas in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts annahm und die Subkultur untersuchte und dabei viele Vorurteile widerlegte. Unter anderem, da\u00df es so gut wie keine Frauen in der Szene gibt, die keine Prostituierten sind, oder da\u00df SMer kontaktscheu sind und keinen passenden Partner finden, weil sie ja mit ihren Neigungen weitgehend allein auf weiter Flur sind usw. \u00c4hnliche Vorurteile grassierten auch lange \u00fcber Homosexuelle. Und nat\u00fcrlich \u00fcber die Selbstorganisation der Szene.<\/p>\n<h2>Eine \u00bbVenus\u00ab und ein Marquis als Namensgeber<\/h2>\n<p>Wie kommt es, da\u00df ein Sexualverhalten wissenschaftlich nicht mit einem lateinischen Kunstwort beschrieben, sondern nach zwei Autoren benannt wurde, die mit ihren Werken Furore innerhalb der Literaturgeschichte gemacht haben? Und vor allem; warum gerade diese beiden?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der eine <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Donatien_Alphonse_Fran%C3%A7ois_de_Sade\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Donatien Alphonse Fran\u00e7ois Marquis de Sade<\/a> (1740\u20131814) war zu der Zeit als Krafft-Ebing sein auf traurige Weise epochemachendes Werk ver\u00f6ffentlichte, bereits seit 76 Jahren tot. Er h\u00e4tte sich vielleicht dar\u00fcber am\u00fcsiert, Namensgeber einer \u00bbKrankheit\u00ab zu sein. Der andere Leopold von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leopold_von_Sacher-Masoch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sacher-Masoch<\/a> dagegen lebte, und war nicht nur im deutschsprachigen Raum ein anerkannter Autor. In Frankreich ist bis heute seine Bedeutung als einer der gro\u00dfen Literaten des 19.Jhd. unbestritten. Ihm brachte das literarische Paris bereits zu Lebzeiten seine Achtung dar. Verst\u00e4ndlich, da\u00df er dar\u00fcber kreuzungl\u00fccklich war, von einem Psychiater in eine bestimmte Ecke gedr\u00e4ngt zu werden. Dieses Stigma h\u00e4ngt Sacher-Masoch im deutschsprachigen Raum bis heute an. Dabei war er ein sozial engagierter Autor, ein feinsinniger Schilderer der Psychologie zwischen den Geschlechtern, zudem ein Autor, der wie viele andere bedeutende Vertreter ihrer Zunft Opfer der B\u00fccherverbrennungen der Nazis wurde.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Sacher-Masoch selbst l\u00e4\u00dft den Leser keinen Augenblick im unklaren \u00fcber den eigentlichen Tenor der \u00bb<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Venus_im_Pelz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Venus im Pelz<\/a>\u00ab.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er l\u00e4\u00dft seinen Severin zum Schlu\u00df sagen: <i>\u00bbDa\u00df das Weib, wie es die Natur geschaffen hat und wie es der Mann gegenw\u00e4rtig heranzieht, sein Feind ist und nur seine Sklavin oder seine Despotion sein kann, nie aber seine Gef\u00e4hrtin. Das wird sie erst dann sein k\u00f6nnen, wenn sie ihm ebenb\u00fcrtig ist durch Bildung und Art. [\u2026]\u00ab<\/i><\/p>\n<p class=\"einzug\">Sacher-Masoch geht es mit dieser Erz\u00e4hlung nicht nur um eine vermeintlich ungew\u00f6hnliche Beziehung, sondern setzt sich, wie auch in seinen anderen Texten f\u00fcr die Gleichberechtigung der Geschlechter sein. Severins Entwurf einer Beziehung scheitert nicht, weil seine Phantasieumsetzung ?widernat\u00fcrlich? ist, sondern an der Ungleichheit der Geschlechter, die fehlende sexuelle Selbstbestimmung vor allem der Frau aber auch der des Mannes. Anders gesagt, nur Gleichen, Gleichberechtigten ist eine Unterwerfung unter den anderen m\u00f6glich. So wie SM in der Praxis auch nur funktionieren kann.<\/p>\n<div class=\"zitate\">\n<p><i>\u00bbSexuelle Selbstbestimmung ist nicht ein Ergebnis von Gleichberechtigung, sondern deren Grundvoraussetzung.\u00ab<\/i><\/p>\n<p class=\"rechts\"><small>(Aus \u00bbSie und Er \u00b7 Frauenmacht und M\u00e4nnerherrschaft im Kulturvergleich\u00ab 2 B\u00e4nde, K\u00f6ln 1998)<\/small><\/p>\n<\/div>\n<p>Allein deswegen ist Sacher-Masoch als Namensgeber f\u00fcr den \u00bbMasochismus\u00ab absolut verfehlt.<\/p>\n<div class=\"illustration-rechts center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/juliette-01.jpg\" alt=\"\" \/><br \/>\nIllustration aus einer holl\u00e4ndischen Ausgabe der <em>Juliette<\/em> (1797)<\/div>\n<p class=\"einzug\">Auch der Marquis eignet sich nur bedingt zum Namenspatron. Zwar gibt es in seinen Werken \u00bb<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_120_Tage_von_Sodom_%28Buch%29\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die 120 Tage von Sodom<\/a>\u00ab (1782\u201385), von dem lediglich der erste Teil ausgearbeitet ist, die \u00fcbrigen existieren nur als Entw\u00fcrfe, und im Doppelroman \u00bbJuilette et Justine\u00ab (dritte Fassung 1797 erschienen, erste Fassungen vor 1789 entstanden) reihenweise Grausamkeiten. Diese sind aber oft derma\u00dfen \u00fcberzeichnet bis hin zur anatomischen Unm\u00f6glichkeit beschrieben, da\u00df ihre Sinnbildhaftigkeit im Grunde un\u00fcbersehbar sein sollte. Es mu\u00df bedacht werden, da\u00df sie in einer Zeit und einer Gesellschaft entstanden, die alles, was nicht der herrschenden Klassen angeh\u00f6rte, als Freiwild betrachtete und in der Gewalt, vor allem der \u00f6ffentlichen Zurschaustellung staatlicher Gewalt, Hinrichtungen und Z\u00fcchtigungen, an der Tagesordnung waren. Um auf Grausamkeiten aufmerksam zu machen, war man f\u00f6rmlich gezwungen, diese zu \u00fcbersteigern. De Sades Welt ist der Humus auf dem die Revolution von 1789 zur Bl\u00fcte gelangen konnte und auch <b>mu\u00dfte<\/b>. Seine \u00bb<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Philosophie_im_Boudoir\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Philosophie im Boudoir<\/a>\u00ab (1795 erschienen) zeichnet sich dagegen durch Abwesenheit jeglicher Grausamkeiten aus wie sie in den fr\u00fcheren Werken zu finden ist, daf\u00fcr dominiert eine klare, heitere Gelassenheit. Die Tugend, die er in der \u00bb<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Justine\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Justine<\/a>\u00ab beschreibt ist eine selbstgef\u00e4llige und <em>mu\u00df<\/em> daher scheitern. Und letztlich scheitert auch das Laster an sich selbst, denn in einer durch und durch lasterhaften Welt verschwindet das gegenseitige Vertrauen, unabdingbare Basis f\u00fcr erfolgreiches Zusammenleben. Jeder sieht in dem anderen nur seinen Konkurrenten, den es im besten Fall zu \u00fcbertreffen, im schlimmsten Fall auszuschalten gilt.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>Vielen ist vermutlich gar nicht bewu\u00dft, was alles zu SM bzw. BDSM (an dieser Stelle ist der weitergefa\u00dfte Begriff von SM angebrachter) gez\u00e4hlt wird. So gut wie jeder aktuelle Sex-Ratgeber f\u00fcr die Massen beschreibt Varianten, die eindeutig zum BDSM-Bereich geh\u00f6ren, ohne sich dessen vielleicht explizit bewu\u00dft zu sein: das einfache Fesselspiel ebenso wie Rollenspiele mit eindeutigem Machtgef\u00e4lle: <i>Die G\u00f6ttin und der Tempeldiener, Die Unschuld und der L\u00fcstling, Die Schlampe und ihr Erzieher, Die Krankenschwester und der Privatpatient.<\/i> (Diese Beispiele stammen aus dem Mainstream-Sex-Ratgeber \u00bbG.i.B. \u2013 Gut im Bett.\u00ab von Katja Hertin, Reinbek 2004, S. 145)<\/p>\n<p class=\"einzug\">BDSM an sich ist sicherlich nicht therapiew\u00fcrdig, sondern es handelt sich dabei vielmehr um eine Bereicherung und eine Kultivierung der Sexualit\u00e4t. Therapie ist aber notwendig, wo Leidensdruck entsteht. Hier mu\u00df streng zwischen innerem und \u00e4u\u00dferem unterschieden werden, wobei der innere grunds\u00e4tzlich Folge des \u00e4u\u00dferen ist. Denn die meisten Menschen wachsen immer noch in einem Umfeld auf, in dem alles, was \u00fcber den \u00fcblichen Vanilla-Sex hinaus geht, als \u00bbanormal\u00ab gilt. Und wer m\u00f6chte schon anders als die anderen sein, besonders wenn ihn der Gruppenzwang dazu n\u00f6tig zu sein, wie alle Anderen? Therapie sollte das Ziel haben, da\u00df der Betreffende erkennt, da\u00df er sich wegen seiner Neigungen keine \u00bbgrauen Haare wachsen lassen soll\u00ab und da\u00df das Problem nicht bei ihm, sondern bei den Anderen liegt, die nicht gelernt haben, zu akzeptieren, da\u00df es auch andere als ihre eigenen Neigungen gibt und man Anderen nicht seine Meinung aufzwingen soll.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Sadomasochismus, Fetischismus und Verwandtes existieren als Krankheitsbilder schlicht nicht. Ist man b\u00f6swillig, k\u00f6nnte man denjenigen, die daran festhalten, selbst Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen attestieren, da\u00df sie wahrscheinlich unter einem \u00bbBegriffsfetischismus\u00ab \u00bbleiden\u00ab.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Es darf getrost behauptet werden, da\u00df es gar kein pathologisches, oder im klassischen Sprachgebrauch, widernat\u00fcrliches menschliches Sexualverhalten gibt. Die einzige Frage, die sich stellt \u2013 wie \u00fcbrigens bei allen Handlungen bei denen Dritte betroffen sind \u2013 ist das, was man tut, sozialvertr\u00e4glich oder nicht. <em>Einvernehmlicher<\/em> Sadomasochismus ist sozialvertr\u00e4glich, eine Vergewaltigung ist es nicht!<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wenn Erwachsene sich auch wie Erwachsene benehmen, das hei\u00dft, sie handeln verantwortungsvoll und vorausschauend und tun nur das, wozu sie selbst und andere ihr Einverst\u00e4ndnis gegeben haben, ist jede weitere Diskussion \u00fcber das, was sie tun, nicht nur m\u00fc\u00dfig, sondern schlichtweg \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wie sagte bereits Friedrich Nietzsche so sch\u00f6n:<\/p>\n<div class=\"zitate\">\n<p><i>\u00bbNormal ist der, der gelernt hat, mit seinen kleinen Eigenheiten zu leben.\u00ab<\/i><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbDer modernen Sexualforschung sei es zum derzeitigen Stand nicht m\u00f6glich, zwischen gesundem und pathologischem Sexualverhalten zu unterscheiden. 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