{"id":1495,"date":"2010-02-11T23:43:43","date_gmt":"2010-02-11T22:43:43","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1495"},"modified":"2026-04-11T17:33:55","modified_gmt":"2026-04-11T15:33:55","slug":"kurzes-29-ein-spaziergang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1495","title":{"rendered":"Kurzes #29 \u00b7 Ein Spaziergang"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/titel\/20160831_421_800_2.jpg\" \/><\/p>\n<p>Tillmann f\u00fchlte sich mehr im Urlaub als in einem neuen Haus. Des Morgens stand er nicht sofort auf, sondern sah zum Fenster, durch das er das Laub der gro\u00dfen vor dem Haus stehenden Buche sehen konnte. Ein durch das leicht ge\u00f6ffnete Fenster hereindringender Luftzug spielte mit der Gardine. Die Sonne warf einen hellen Fleck auf den Boden vor dem Bett. Der Gesang der V\u00f6gel war das vorherrschende Ger\u00e4usch, lediglich vom entfernten Brummen eines Traktors durchbrochen. Die Aussicht, da\u00df am kommenden Samstagmorgen Solveig neben ihm liegen w\u00fcrde, steigerte seine innere Zufriedenheit noch ein wenig.<br \/>\nNach einem ausgiebigen R\u00e4keln stand er auf. Er duschte kurz und ging in die K\u00fcche hinunter. W\u00e4hrend er ein belegtes Brot a\u00df und eine Tasse Tee dazu trank, sah er aus dem K\u00fcchenfenster, das ihm einen ungehinderten Blick auf das gegen\u00fcberliegende Haus gestattete, von dem er nur wu\u00dfte, da\u00df es von einer Frau bewohnt wurde. Gesehen hatte er sie noch nicht.<br \/>\nEr \u00fcberlegte, ob er sich noch ein Brot mit Camembert machen sollte, als seine Nachbarin aus dem Haus trat und gem\u00e4chlich zum Briefkasten ging, der neben dem niedrigen Gartentor angebracht war. Sie schlo\u00df den Briefkasten auf und entnahm sie ihm eine Zeitung und einige Briefe. Dabei wandte sie ihm das Profil zu. Einen der Briefe \u00f6ffnete sie, benutzte dazu einen ihrer Schl\u00fcssel als Brief\u00f6ffner. Sie las ihn, was Tillmann Zeit gab, seine Nachbarin in Ruhe zu betrachten.<!--more--><br \/>\nSie war relativ gro\u00df, ein wenig kr\u00e4ftig vielleicht. Allerdings war das \u00fcberschlanke Sch\u00f6nheitsideal, das mehr an Magerkeit grenzte, nie seine Sache gewesen. Das lange \u00fcppige schwarze Haar trug sie nachl\u00e4ssig im Nacken zusammengebunden, als w\u00e4re sie erst vor wenigen Minuten aufgestanden und h\u00e4tte noch keine Zeit gefunden, sich zu k\u00e4mmen. Zum leichten roten Pullover trug sie eine hautenge dunkelblaue ein wenig speckige Lederhose und Schuhe mit halbhohem Absatz. W\u00e4hrend sie den Brief aufmerksam las, sch\u00fcttelte sie mehrmals den Kopf, wobei ein am\u00fcsiertes L\u00e4cheln ihre vollen Lippen umspielte. Begleitet von einem Kopfsch\u00fctteln steckte sie den Brief leicht achtlos wieder in den Umschlag und ging ins Haus zur\u00fcck.<br \/>\nTillmann trank seinen Tee aus und setzte sich mit einem Buch auf die Terrasse. Ab und zu las er einige Abs\u00e4tze, die meiste Zeit jedoch geno\u00df er den Bilderbuchfr\u00fchlingstag, die Ruhe, die nur vom Gesang der V\u00f6gel und dem entfernten Brummen eines Traktors durchbrochen wurde, der auf irgendeinem Feld seine Furchen zog. Hier schien es keine Eile zu geben und alles ausschlie\u00dflich dem Rhythmus der Jahreszeiten unterworfen zu sein. Tillmann fragte sich, warum er nicht schon vor Jahren auf die Idee gekommen war, der l\u00e4rmenden und hektischen Gro\u00dfstadt den R\u00fccken zu kehren. Beruflich war er ja nicht an die Stadt gebunden, die vom \u00f6rtlichen Bahnhof in etwas mehr als einer Stunde problemlos erreicht werden konnte.<br \/>\nNachdem er etwa zwei Stunden gem\u00fctlich auf der Terrasse verbracht hatte, entschlo\u00df er sich zu einer Erkundung der n\u00e4heren Umgebung. Bisher hatte er noch nicht viel von seiner neuen Umgebung gesehen.<br \/>\nWenige Meter hinter dem Haus ging die Stra\u00dfe abrupt in einen schmalen Feldweg \u00fcber, dessen Asphalt an vielen Stellen br\u00fcchig geworden war.<br \/>\nTillmann achtete nicht weiter darauf. Sein Blick galt der Umgebung, dem nahen Waldrand zur linken Seite. Zur rechten lagen die fast in voller Bl\u00fcte stehenden Weizenfelder. Hinter ihnen begann in rund zwei bis dreihundert Metern Entfernung ebenfalls der Wald. Eines der Weizenfelder reichte fast bis an Tillmanns Grundst\u00fcck, nur durch einen etwa f\u00fcnf Meter breiten verwilderten Gr\u00fcnstreifen getrennt. Hinter dem Haus seiner Nachbarin schlo\u00df sich der Wald fast unmittelbar an, nur durch eine relativ breite, teilweise von hohem Gras bewachsene Schneise getrennt.<br \/>\nDer Feldweg verlief in einem gro\u00dfz\u00fcgigen Bogen. Zur Linken lag jetzt ein R\u00fcbenfeld. Tillmann fragte sich, wie lange der Weg noch asphaltiert war. Er hatte den Eindruck, da\u00df es ruhiger wurde je weiter er sich vom Ort entfernte. Nur noch Vogelgesang und leises Bl\u00e4tterrauschen, das von einem leichten, kaum wahrnehmbaren Wind herr\u00fchrte. Der Traktor war nicht mehr zu h\u00f6ren. Der Wald n\u00e4herte sich immer mehr dem Weg und verdr\u00e4ngte langsam die Felder.<br \/>\nTillmann hatte den Rand des letzten Feldes erreicht. Der Wald lag jetzt zu beiden Seiten des immer noch asphaltierten Weges. Lediglich ein beidseitiger breiter Gr\u00fcnstreifen trennte ihn vom Waldrand, wodurch der Feldweg den Charakter einer Zufahrtsstra\u00dfe bekam. Zudem stieg er steiler an, aber nicht so steil, da\u00df das Gehen anstrengend geworden w\u00e4re.<br \/>\nDer Wald &ndash; rechts \u00fcberwiegend hohe dicht stehende Tannen, links etwas luftigerer Mischwald &ndash;  beschattet den Weg. W\u00e4hrend die Tannen nur wenig Sonnenstrahlen bis zum Boden dringen lie\u00dfen, brach sich das Sonnenlicht auf faszinierende Weise im Laub des Mischwaldes. Immer wieder blieb Tillmann stehen, betrachtete ausgiebig das sich ihm bietende Lichtspiel und atmete tief die frische Waldluft ein.<br \/>\nWie lange er bereits unterwegs war, konnte er nicht sagen &ndash; wie \u00fcblich hatte er keine Uhr dabei &ndash; als pl\u00f6tzlich der Tannenwald auf der rechten Seite endete und holzumz\u00e4unten sonnendurchfluteten Weidefl\u00e4chen Platz machte, diese aber auch von allen Seiten vom Wald begrenzt wurden.<br \/>\nTillmann ging den sp\u00fcrbar flacher verlaufenden asphaltierten Weg weiter entlang, der pl\u00f6tzlich auf einer Kuppe endete. Er ging nicht in einen unbefestigten Weg \u00fcber, sondern h\u00f6rte einfach an einer Rasenfl\u00e4che auf.<br \/>\nTillmann ging auf dem Rasen noch einige Meter weiter. Aber der Weg setzte sich nirgends fort und der nahe Waldrand lie\u00df keine L\u00fccke erkennen, die auf einen Weg wies.<br \/>\nTillmann blieb stehen und sah sich um. Er befand sich auf der h\u00f6chsten Stelle der Lichtung und besa\u00df einen guten \u00dcberblick \u00fcber die Weiden. Er w\u00fcrde am Wochenende Solveig hier hinauff\u00fchren. Es w\u00fcrde ihr sicherlich gefallen. Er fragte sich, wie oft sich jemand hierher verirrte und wie oft die Weiden von ihren Besitzern angefahren wurden.<br \/>\nEr ging wieder zur\u00fcck. Er hatte weiter unten einen unbefestigten Weg in den Mischwald hineinf\u00fchren gesehen.<br \/>\nBergab geht es erfahrungsgem\u00e4\u00df schneller und doch wunderte Tillmann sich, da\u00df er jenen Weg nicht erreichte. Entweder lag er weiter bergab als er in Erinnerung hatte &ndash; weil er oft stehengeblieben war, um das Lichtspiel im Unterholz zu betrachten, konnte der Weg ihm n\u00e4her vorgekommen sein &ndash; oder er war bereits an ihm vorbeigelaufen. Er glaubte schon, da\u00df er nicht mehr weit von den Feldern vor seinem Haus entfernt war, obwohl nichts darauf hindeutete, da\u00df der Weg bald aus dem Wald hinausf\u00fchrte, da erblickte er einen in den Mischwald hineinf\u00fchrenden Weg. Ob es der war, den er meinte oder ein anderer, den er \u00fcbersehen haben mochte, st\u00f6rte ihn nicht. Entdeckerfreudig betrat er den Weg, der schon nach wenigen Meter in leichten M\u00e4andern verlief.<br \/>\nTillmann schritt fr\u00f6hlich und mit sich und der Welt in Einklang aus. Er f\u00fchlte sich fast wie im Paradies. Es fehlte eigentlich nur eine passende Eva. Bis Freitag w\u00fcrde er sich noch gedulden m\u00fcssen. Obwohl Solveig ja nicht in erster Linie kam, um mit ihm durch die Natur zu spazieren.<br \/>\nTillmann lie\u00df die Blicke ausgiebig nach rechts und links schweifen. Erst erst nach einiger Zeit fiel ihm auf, da\u00df er nicht mehr allein war, sondern in einiger Entfernung vor ihm eine Frau ging. Er konnte sich durch die relativ gro\u00dfe Entfernung t\u00e4uschen, aber es schien seine Nachbarin zu sein. Sie ging gem\u00e4chlich aber entschlossen und schien in Gedanken versunken.<br \/>\nEr ging schneller und nach wenigen Minuten hatte er soweit aufgeholt, da\u00df seine Einsch\u00e4tzung zur Gewi\u00dfheit wurde &ndash; es war seine sch\u00f6ne Nachbarin. Das Haar hatte sie noch immer nachl\u00e4ssig im Nacken zusammengebunden. Wie auch die Lederhose die gleiche zu sein schien. Nur trug sie jetzt flache Schuhe und eine taillierte Lederjacke.<br \/>\nTillmann verringerte den Abstand auf vielleicht drei\u00dfig Meter. Er war neugierig, welchen Weg sie gehen w\u00fcrde.<br \/>\nSie schien sich allein zu f\u00fchlen. Sie waren zwei einsame Spazierg\u00e4nger an einem sch\u00f6nen Fr\u00fchlingsnachmittag. Sie schien keine Eile zu haben, zum Haus zur\u00fcckzukehren, wechselte nach einiger Zeit auf einen Weg, der sie tiefer in den Wald hineinf\u00fchrte.<br \/>\nTillmann war so in die Betrachtung seiner sch\u00f6nen Nachbarin versunken, da\u00df es f\u00fcr ihn \u00fcberraschend kam, als sie pl\u00f6tzlich gut einhundert Meter oberhalb ihrer beiden H\u00e4user auf dem Forstweg, der hinter ihrem Haus vorbeif\u00fchrte, standen. Er folgte ihr noch ein St\u00fcck, ehe er stehen blieb. Ein \u00fcber ihn hinweg fliegender Vogel lenkte f\u00fcr einen Moment seine Aufmerksamkeit auf sich.<br \/>\nAls Tillmann wieder geradeaus sah, war seine Nachbarin, die sich ungef\u00e4hr auf der H\u00f6he ihres Hauses befunden hatte, nicht mehr zu sehen. Er wartete einige Minuten ab, dann ging er weiter. Das R\u00e4tsel \u00fcber ihr Verschwinden l\u00f6ste sich schnell. Er entdeckte eine T\u00fcr im Zaun hinter ihrem Haus. Aus Angst, er k\u00f6nnte von ihr bemerkt werden, wenn er zu lange hier stehenblieb, ging er weiter, bis ein Weg abzweigte, der direkt auf die Zufahrtsstra\u00dfe zu seinem Haus f\u00fchrte.<br \/>\nDie Sonne stand bereits tief \u00fcber dem Horizont. Langsam ging er zum Haus zur\u00fcck. Obwohl er lange Spazierg\u00e4nge gew\u00f6hnt war, merkte doch, da\u00df er lange gelaufen war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tillmann f\u00fchlte sich mehr im Urlaub als in einem neuen Haus. Des Morgens stand er nicht sofort auf, sondern sah zum Fenster, durch das er das Laub der gro\u00dfen vor dem Haus stehenden Buche sehen konnte. Ein durch das leicht ge\u00f6ffnete Fenster hereindringender Luftzug spielte mit der Gardine. Die Sonne warf einen hellen Fleck auf [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"footnotes":""},"categories":[37,32],"tags":[38,41],"class_list":["post-1495","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kurze-geschichten","category-literarisches","tag-kurzgeschichten","tag-literatur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1495","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1495"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1495\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8376,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1495\/revisions\/8376"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1495"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1495"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1495"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}