{"id":1531,"date":"2010-03-03T15:28:22","date_gmt":"2010-03-03T14:28:22","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1531"},"modified":"2026-04-11T17:56:24","modified_gmt":"2026-04-11T15:56:24","slug":"kurzes-31-begegnung-im-mondschein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1531","title":{"rendered":"Kurzes #31 \u00b7 Begegnung im Mondschein"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/titel\/20150830_003_800_2.jpg\" \/><\/p>\n<p><i>Der folgende Text ist eine Leseprobe aus dem Buch \u00bbDie Villa nebenan\u00ab<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu Beginn der neuen Woche zeigte sich der Fr\u00fchling von einer weniger sch\u00f6nen Seite, n\u00e4mlich einer feuchten. Zudem wurde es k\u00fchler. Nur wenige Grade, doch war es nicht angebracht, ohne Jacke das Haus zu verlassen. Die Sch\u00f6ne K\u00fcnstlerin hatte die Atelierfenster jetzt die meiste Zeit geschlossen. Und auch Schlaf- und Badezimmerfenster \u00f6ffnete sie nur noch zum L\u00fcften. Da die geschlossenen Fenster ihm lediglich einen eng begrenzten, schemenhaften Einblick erm\u00f6glichten, widmete er sich wieder verst\u00e4rkt seiner Geschichte.<br \/>\nDoch wollte die Handlung nicht so recht weiterflie\u00dfen. Nicht selten br\u00fctete er mehr als eine Stunde \u00fcber einem einzigen Satz, den er dann anschlie\u00dfend wieder verwarf. Es lag nicht allein daran, da\u00df sich die Handlung allzu schnell entwickelte und dadurch ins Oberfl\u00e4chliche abzugleiten Gefahr lief, sondern er f\u00fchlte eine gewisse Einsamkeit in sich. Vielleicht hatte Vivians starke Pers\u00f6nlichkeit mal wieder einen zu nachhaltigen Eindruck bei ihm hinterlassen. Es wollte ihm auch nicht recht gelingen, seiner Protagonistin eine unverwechselbare Identit\u00e4t einzuhauchen. Dabei hatte ihm zu Anfang ihre Person plastisch vor Augen gestanden. Doch beim Durchlesen der ersten Seiten stellte er fest, da\u00df sie deutliche Z\u00fcge seiner Nachbarin hatte und seit Vivians Besuch sich immer mehr zu deren Zwillingsschwester entwickelte. Beim jungen Mann dagegen war alles klar, gab es keine Unsicherheiten, aber bei ihr\u2026<!--more--><br \/>\n\u00dcber die L\u00f6sung des Problems br\u00fctete er fast eine Woche. Eine Woche w\u00e4hrend der es, mit kurzen sonnigen Abschnitten, fast ausschlie\u00dflich regnete. Dem Garten jedenfalls bekam der Regen pr\u00e4chtig. Das Gr\u00fcn wucherte bald so \u00fcppig, da\u00df es einen mit der feuchten Witterung wieder vers\u00f6hnte.<br \/>\nW\u00e4hrend dieser Woche stand er h\u00e4ufiger am Fenster, blickte gedankenverloren in den Regen hinaus, versuchte seine weibliche Hauptfigur zu fassen, als er am Schreibtisch sa\u00df und schrieb. Sa\u00df er dort, dann zeichnete er die meiste Zeit unz\u00e4hlige Bl\u00e4tter mit Arabesken voll und bekritzelte nicht weniger Zettel mit Notizen. Kam aber nur schleppend weiter. Wenn es ihm auch nach und nach gelang, die Anteile der Sch\u00f6nen K\u00fcnstlerin an ihr zu eliminieren, erwies sich Vivians Schatten als hartn\u00e4ckiger. Dabei \u00fcberwog zwischen ihnen seit Jahren die Freundschaft, abgesehen von gelegentlichen V\u00f6geleien, wie der vor kurzem, was sich im Jahr auf zwei bis dreimal beschr\u00e4nkte, und mehr als eine Art Ritual zu sehen war. So wie sich beispielsweise zwei ehemalige Kommilitonen, die w\u00e4hrend des Studiums gemeinsam nicht nur alle Pr\u00fcfungen und Seminare bestritten hatten, sondern auch noch manch anderes, und darum bestimmte Jahrestage in Erinnerung an jene besonderen Tage auf ihre eigene Weise und mit einer gewissen inneren Pflichterf\u00fcllung begingen. Das hie\u00df allerdings nicht, da\u00df es zwischen Vivian und ihm ohne jegliche Leidenschaft verlief. Wahrscheinlicher fehlte ihm eine kontinuierliche Beziehung zu <i>einer<\/i> Frau. Auch wenn er gerne behauptete, da\u00df das Singledasein seine angenehmen Seiten hatte, seine Sache war es, im Gegensatz zu Vivian, nicht. Leider war er in den vergangenen Jahren ausschlie\u00dflich an Frauen geraten, die den Standpunkt vertraten; \u00bbWenn ich mal einen Liter Milch will, dann mu\u00df ich doch nicht gleich eine ganze Kuh kaufen\u00ab, &ndash; und &ndash; um bei dieser Metapher zu bleiben &ndash; sich zwar gerne bei ihm den Liter Milch abholten, die Kuh dann aber lieber woanders erwarben, wenn sie eine wollten.<br \/>\nBei der Sch\u00f6nen K\u00fcnstlerin schien der Ideenflu\u00df jedenfalls nicht zu stocken. Immer wenn er einen Blick zu ihr hin\u00fcberwarf &ndash; als k\u00f6nne sie ihm bei seinem Problem helfen &ndash;, sa\u00df sie konzentriert arbeitend am Zeichentisch, worum er sie im Stillen beneidete.<br \/>\nGelegentlich, wenn er unten im Wohnzimmer in der offenen Terrassent\u00fcr stand und in den Regen hinaus auf das \u00fcppig wuchernde Gr\u00fcn sah, erinnerte er sich mit einer gewissen Wehmut an die Zeit, w\u00e4hrend der er \u00fcber beinahe vier Jahre mit einer Frau zusammengelebt hatte. Aber da er aus Erfahrung wu\u00dfte, da\u00df es kontraproduktiv ist, sich im Tr\u00fcbsinn zu verlieren, vergrub er sich in seine Arbeit.<br \/>\nWenn er bisweilen, den Kopf auf die H\u00e4nde gest\u00fctzt, den Blick durchs Fenster nach gegen\u00fcber richtete, dem fallenden Regen lauschte &ndash; weil es nahezu windstill war, konnte er das Fenster ge\u00f6ffnet lassen &ndash;, dachte er an Karl Valentin, der es mit seiner Aussage \u00bbKunst ist sch\u00f6n, macht aber viel Arbeit\u00ab auf den Punkt gebracht hatte.<br \/>\nIn dieser Nacht wachte er, pl\u00f6tzlich durch irgend etwas aus dem Schlaf gerissen, auf. Es gelang ihm nicht gleich, sich zu orientieren. Er f\u00fchlte sich matt, tr\u00e4ge, war aber wach. Der Regen mu\u00dfte schon l\u00e4nger aufgeh\u00f6rt haben und der Himmel nahezu wolkenlos sein. Der hereindringende Mondschein tauchte das Zimmer in ein silbergraues bl\u00e4uliches Licht, das allem etwas Irreales gab. Zudem war es absolut still, selbst f\u00fcr diese ruhige Gegend. Normalerweise h\u00e4tte er sich auf die andere Seite gelegt und sich wieder dem Schlummer \u00fcberantwortet, doch aus einem unerfindlichen Grund versp\u00fcrte er das intensive Bed\u00fcrfnis, aufzustehen. Ohne es recht bewu\u00dft wahrzunehmen, erhob er sich, zog ein T-Shirt \u00fcber und verlie\u00df das Zimmer auf nackten F\u00fc\u00dfen. Erst als er in dem kleinen Zimmer, das \u00fcber dem Wohnzimmer lag und als G\u00e4stezimmer eingerichtet war, am Fenster stand, wurde ihm bewu\u00dft, da\u00df er aufgestanden war. Er dachte kaum weiter dar\u00fcber nach, sah in den Garten hinunter.<br \/>\nDie B\u00e4ume warfen lange fahle Schatten. Das Laub schien erstarrt zu sein. Unmittelbar bei den B\u00e4umen war kaum etwas zu erkennen, war die Helligkeit des Mondes doch nur eine geringe. Aber dort, wo nichts sein Licht behinderte, waren mehr als nur Schemen zu erkennen. Er wanderte mit dem Blick langsam zu der niedrigen Mauer hin\u00fcber, die sein Grundst\u00fcck von dem der Sch\u00f6nen K\u00fcnstlerin trennte. An einer Stelle war die Mauer so weit eingest\u00fcrzt, da\u00df bequem von einem Grundst\u00fcck zum anderen gewechselt werden konnte. Das fiel ihm jetzt das erste Mal auf. Doch blieb sein Blick hier nicht lange h\u00e4ngen, sondern wanderte weiter zum anderen Haus. Die Terrassent\u00fcr stand offen. Wenig sp\u00e4ter entdeckte er die Sch\u00f6ne K\u00fcnstlerin ein St\u00fcck entfernt, nahe einer gro\u00dfen Kastanie, auf dem Rasen stehen. Ihr kurzes, wei\u00dfes seidenes Hemdchen, bis auf einen dazu passenden Slip das einzige Kleidungsst\u00fcck, das sie trug, leuchtete f\u00f6rmlich im hellen Mondlicht und hob sie weit sichtbar von der dunkleren Umgebung ab. Sie stand unbeweglich wie eine Skulptur da, das lange dichte Haar, \u00fcber das das Mondlicht einen gr\u00e4ulichen Schimmer zog und ihre Haut bleich wirken lie\u00df, flo\u00df weich \u00fcber ihre runden Schultern. Von diesem Bild in den Bann gezogen sah er aufmerksam und unbeweglich zu ihr hin\u00fcber.<br \/>\nUnvermittelt l\u00f6ste sie sich aus ihrer Starre und begann leichten Schrittes &ndash; ihre nackten F\u00fc\u00dfe schienen kaum den Rasen zu ber\u00fchren &ndash;, den K\u00f6rper gerade aufgerichtet, scheinbar ziellos im Garten umherzugehen. Das war nun auch f\u00fcr ihn der Ansto\u00df, sich aus der eigenen Bewegungslosigkeit zu l\u00f6sen. Er verlie\u00df das Zimmer und ging langsam, aber zielsicher nach unten, durchschritt das Wohnzimmer, \u00f6ffnete die Terrassent\u00fcr und trat in den Garten hinaus. Nur unterschwellig nahm er das vom n\u00e4chtlichen Tau feuchte weiche Gras unter den nackten F\u00fc\u00dfen wahr. Er lenkte die Schritte zu der Stelle, die den bequemen Wechsel in den anderen Garten erm\u00f6glichte. Kaum hatte er diesen betreten, da suchten seine Blicke schon die Sch\u00f6ne K\u00fcnstlerin. Obwohl er einige Minuten f\u00fcr die zur\u00fcckgelegte Strecke gebraucht hatte, hatte sie sich nur wenig von der Stelle bewegt, wo er sie zuletzt gesehen hatte. Sie schien nicht zu bemerken, da\u00df jemand nur wenige Schritte von ihr entfernt stand und sie aufmerksam beobachtete. Sie schritt ziellos zwischen den B\u00e4umen auf dem taufeuchten Rasen umher. Er folgte ihr mit dem gleichen leichtf\u00fc\u00dfigen Schritt, der mehr an ein leichtes Schweben erinnerte.<br \/>\nIrgendwo schrie weit entfernt und kaum wahrnehmbar eine Eule.<br \/>\nPl\u00f6tzlich entschwand die Sch\u00f6ne K\u00fcnstlerin seinen Blicken. Er schaute sich suchend um und entdeckte sie ein ganzes St\u00fcck von der Stelle entfernt, an der sie zuletzt war. Sie lehnte mit dem R\u00fccken an einem Baum, blickte starr durch das dichte Laub zum n\u00e4chtlichen Himmel hinauf. Das Mondlicht reflektierte sich in ihren Augen. Langsam n\u00e4herte er sich ihr. Sie verharrte in ihrer Haltung. Er kam bis auf wenige Meter an sie heran. Sie blieb unbeweglich. Auch er blieb stehen, betrachtete sie nur. Beobachtete, wie sich ihre Br\u00fcste gleichm\u00e4\u00dfig unter ihren ruhigen Atemz\u00fcgen, die fast so gleichm\u00e4\u00dfig wie die einer Schl\u00e4ferin waren, hoben und senkten. Schaute auf die Stelle, wo sich ihre Brustwarzen durch den d\u00fcnnen Stoff hindurchmodellierten, sah auf ihre muskul\u00f6sen Schenkel, auf ihre schlanken sensiblen H\u00e4nde. Ein Grashalm klebte au\u00dfen an ihrer linken Wade.<br \/>\nDas laute Knallen einer Autot\u00fcr ri\u00df ihn aus dem Schlaf. Die Sonne schien ins Zimmer, warf einen gro\u00dfen hellen Fleck auf dem Boden vor dem Bett. Das Auto fuhr weg. Leicht verwirrt stand er auf, sa\u00df einen Augenblick tr\u00e4ge auf der Bettkante. Er mu\u00dfte einen reichlich diffusen Traum gehabt haben. Dann fiel sein Blick auf seine nackten F\u00fc\u00dfe, an denen \u00fcberdeutlich mittlerweile getrocknete Spuren nassen Grases zu sehen waren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Text ist eine Leseprobe aus dem Buch \u00bbDie Villa nebenan\u00ab &nbsp; Zu Beginn der neuen Woche zeigte sich der Fr\u00fchling von einer weniger sch\u00f6nen Seite, n\u00e4mlich einer feuchten. Zudem wurde es k\u00fchler. Nur wenige Grade, doch war es nicht angebracht, ohne Jacke das Haus zu verlassen. Die Sch\u00f6ne K\u00fcnstlerin hatte die Atelierfenster jetzt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"footnotes":""},"categories":[37,32,36],"tags":[42,38,41,57],"class_list":["post-1531","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kurze-geschichten","category-literarisches","category-werkstatt","tag-bucher","tag-kurzgeschichten","tag-literatur","tag-werkstatt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1531","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1531"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1531\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8382,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1531\/revisions\/8382"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1531"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1531"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1531"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}