{"id":1571,"date":"2010-03-14T15:27:58","date_gmt":"2010-03-14T14:27:58","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1571"},"modified":"2026-04-11T18:12:59","modified_gmt":"2026-04-11T16:12:59","slug":"kurzes-37-qualende-hoffnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1571","title":{"rendered":"Kurzes #37 \u00b7 Qu\u00e4lende Hoffnung"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/titel\/20160313_003_800_2.jpg\" \/><\/p>\n<p>Die letzten Strahlen der Juniabendsonne bahnten sich m\u00fchsam einen Weg durch den schmalen Spalt des dichten, leicht staubigen Vorhangs. Das Fenster war ein wenig ge\u00f6ffnet, damit die frische Luft Zugang in dieses sp\u00e4rlich m\u00f6blierte Zimmer, dessen Tapeten schon lange ihre urspr\u00fcngliche Farbe eingeb\u00fc\u00dft hatten und stumpf und fleckig geworden waren, fand. Die Einrichtung bestand lediglich aus einem schmalen Bett mit leicht durchgelegener Matratze, einer niedrigen Kommode, deren Oberfl\u00e4che l\u00e4ngst ihren Glanz eingeb\u00fc\u00dft hatte, einem altersschwachen Schrank, dessen knarrende T\u00fcren im ganzen Haus zu vernehmen waren; ein kleiner runder E\u00dftisch mit drei wackligen St\u00fchlen vervollst\u00e4ndigte die Einrichtung. Es war das Zimmer eines einsamen alten Menschen, der sich mit einer kargen Rente kaum \u00fcber den Monat bringen konnte, obwohl er ein ganzes Leben hart gearbeitet hatte, der ein d\u00fcsteres Leben ohne rechte Freuden f\u00fchren mu\u00dfte.<!--more--> Keiner konnte es lange in diesem Zimmer aushalten, das zu einem alten, windschiefen Haus, in einem verwilderten Garten geh\u00f6rte. Es war eine Umgebung, die einen bedr\u00fcckte, schwerm\u00fctig werden und an schnelle Flucht denken lie\u00df. Und dennoch gab es etwas in diesem Zimmer, das wie ein Fremdk\u00f6rper wirkte, wie der Glanz vergangener Tage: An den W\u00e4nden stapelten sich unz\u00e4hlige B\u00fccher. B\u00fccher, die alle dem Bewohner geh\u00f6rten. Teils edle, sch\u00f6ne Ausgaben, die das Herz eines jeden Bibliophilen vor Erregung h\u00f6her schlagen lie\u00dfen, doch auch die \u00fcbrigen konnten sich sehen lassen. Hier war ein Querschnitt der Literaturgeschichte versammelt, wie man ihn selten findet. Alle gro\u00dfen Dichter und Denker waren mit mindestens einem Werk vertreten. Es war eine kleine und feine Bibliothek, der man sich einen angemesseneren Ort zur Aufbewahrung gew\u00fcnscht h\u00e4tte. Alle diese B\u00fccher waren von ihrem Besitzer gelesen worden, viele mehrmals und wurden noch immer liebevoll gepflegt und gehegt. Jedes Buch besa\u00df ein kunstvoll gestaltetes Exlibris. Es gab sogar einen handschriftlich verfa\u00dften Katalog.<br \/>\nDie alten Holzdielen \u00e4chzten und st\u00f6hnten unter seinen schlurfenden Schritten. Auch ihre Farbe war l\u00e4ngst verbla\u00dft. Kein Teppich lag auf ihnen. Der Bewohner hatte sich von seinem Platz erhoben und zum Fenster begeben. Er zog den Vorhang ganz auf und sah hinaus in den alten, verwilderten Garten. Sein Blick blieb auf einer knorrigen alten, vom Wind und Wetter gebeugten, aber keineswegs gebrochenen Eiche, haften. F\u00fcr einen unbeteiligten Beobachter schien es, als hielten der Bewohner und die Eiche eine stumme Zwiesprache, als tauschten sie gemeinsame Erinnerungen aus, gedachten gl\u00fccklicheren Tagen. Ein leichter Wind fuhr durch die Bl\u00e4tter und verursachte in dem alten Gezweig ein trauriges Ger\u00e4usch, fast wie ein langes Seufzen. Der Bewohner fiel in dieses Seufzen ein.<br \/>\nEr wirkte, als sei er schon seit einer halben Ewigkeit auf dieser Erde. Sein d\u00fcnnes, stumpfes, blondes Haar war ungek\u00e4mmt, die Wangen eingefallen, die Augen lagen tief in den H\u00f6hlen. Er mu\u00dfte einmal gro\u00df gewesen sein, doch er ging schon seit langem gebeugt, richtete seinen Blick mehr auf den Boden, denn gegen den Himmel. Seine H\u00e4nde waren, obwohl seine Kleidung abgetragen und somit den Eindruck der Abgerissenheit der ganzen Person erweckten, sehr gepflegt, wie auch er und seine sch\u00e4bige Kleidung nach frischer Seife rochen, das zerw\u00fchlte Bettzeug ein Muster an Sauberkeit war. Seine H\u00e4nde zitterten nicht und man konnte ihnen ansehen, da\u00df sie noch immer kraftvoll zugreifen konnten; wenn er gewollt h\u00e4tte. Aber er wollte schon lange nicht mehr.<br \/>\nSein Blick wanderte von der Eiche zu dem verwachsenen Rosenstock unter seinem Fenster, wo zwischen Dornen und rankendem Gestr\u00fcpp, wundervoll duftete Bl\u00fcten sich sp\u00e4rlich zeigten. Sein Blick war von erschreckender Klarheit, die ganz im Gegensatz zu seiner destruktiven Haltung stand. Keiner konnte sagen, wie alt er war. Es wurde nur vermutet, da\u00df er deutlich j\u00fcnger war, als sein von H\u00e4rme zerfurchtes Gesicht verraten wollte. Er sprach nie \u00fcber seine Vergangenheit, wenn er denn \u00fcberhaupt einmal mit jemanden mehr als nur das unbedingt Notwendige an Worten wechselte.<br \/>\nEr bewohnte in diesem Haus nur dieses eine Zimmer. Seine Wirtin war gl\u00fccklich, dieses Zimmer \u00fcberhaupt vermietet zu haben, denn die Miete stellte ein willkommenes Zubrot zu ihrer kleinen Rente dar. Ihr Mieter zahlte immer p\u00fcnktlich und war ruhig, ruhiger als ihr lieb sein konnte. Sie h\u00e4tte bisweilen gerne ein Wort mit ihm gewechselt, doch er verhielt sich auch ihr gegen\u00fcber einsilbig, obwohl er schon einige Jahre dieses Zimmer im ersten Stock bewohnte. Oft genug bef\u00fcrchtete sie, ihn eines Tages, wenn sie ihm sein Essen, an das er keinerlei Anspr\u00fcche stellte, brachte, vom Schlag getroffen aufzufinden. Meist blieb er bis sp\u00e4t in der Nacht auf. Sie sah es am Licht, das unter dem schmalen Spalt der T\u00fcr hindurchschien, wenn sie in den fr\u00fchen Morgenstunden ein dringendes menschliches Bed\u00fcrfnis plagte, und sie fragte sich, was er denn um diese Zeit noch mache. Fast immer traf sie ihn lesend oder nachdenkend an, betrat sie sein Zimmer, was w\u00e4hrend seiner Anwesenheit eigentlich nur vorkam, wenn sie ihm sein Essen brachte. Sie hatte ihm schon oft vorgeschlagen, es doch mit ihr gemeinsam in ihrer kleinen K\u00fcche einzunehmen, dann w\u00e4ren beide nicht so allein, doch er hatte es immer sehr h\u00f6flich aber bestimmt abgelehnt. Er wollte allein sein. \u00bbWir sind beide allein, doch er flieht die Menschen\u00ab, sagte sie oft zu sich selbst, wenn sie im Haus ihrer t\u00e4glichen Arbeit nachging. \u00bbEr ist j\u00fcnger als ich, auch wenn er \u00e4lter wirkt. Was kann ihn nur derart gebeugt haben?\u00ab Doch sie sagte sich auch, da\u00df sie es nie w\u00fcrde herausfinden k\u00f6nnen, da er beharrlich dazu schwieg.<br \/>\nNur selten ging er hinaus und wenn achtete er nicht aufs Wetter, er schien weder K\u00e4lte noch Hitze noch Regen oder Schnee zu sp\u00fcren. Er schritt kraftvoll aus, was im krassen Gegensatz zu seiner gebeugten Haltung stand. Die Leute in dem kleinen Ort schwiegen betreten, wenn er an ihnen vor\u00fcberging. Ein Gef\u00fchl der Beklemmung hinterlie\u00df er in jedem, dem er begegnete, das sie erst nach einer ganzen Weile floh. Und auch die Kinder, die gerne ihre Sp\u00e4\u00dfe mit Leuten trieben, die ihnen eigent\u00fcmlich vorkamen, wichen angstvoll vor ihm zur\u00fcck. Dabei war er alles andere als eine furchteinfl\u00f6\u00dfende Erscheinung, er wirkte sogar eher sanft, aber ihn begleitete etwas, dunkler als ein Schatten, das alle unangenehm ber\u00fchrte, das ihnen wie die Personifizierung ihrer ureigensten \u00c4ngste erschien.<br \/>\nDie wenigen, die das Gl\u00fcck hatten, \u00fcberhaupt einige Worte mit ihm wechseln zu k\u00f6nnen, waren \u00fcber seine Gelehrtheit erstaunt und empfanden eine stille Ehrfurcht, fragten sich, wie das, was er heute war, nur aus einem solchen Mann werden konnte. Galt Gelehrtheit nicht als eine Art Schutz vor jeder Unbill? Und doch mu\u00dfte das Leben diesem Mann arg zugesetzt haben. Er war ein Misanthrop, einer wie das Leben jemanden formen kann, der trotz bester Voraussetzung an Geist, Seele und Physis mehr gebeutelt wird als jeder von Geburt an benachteiligte Mensch, der trotz aller Bem\u00fchungen kaum seinen Lebensunterhalt fristen kann, der aber auch wei\u00df, da\u00df es ihm nicht verg\u00f6nnt ist, aufzusteigen, weil ihm eben jener Geist, jene Seele und jene Physis fehlt, und dem sein Schicksal als normal erscheint, der darum weniger darunter leidet. Was mochte aber dieser Mann erlebt haben? Was mochte ihn entt\u00e4uscht, gebeugt haben? Er war arm, das war un\u00fcbersehbar und doch mu\u00dfte er einst bessere Zeiten gesehen haben, denn seine reiche Bibliothek war in dem kleinen Ort weitber\u00fchmt.<br \/>\nEr wandte sich vom Fenster ab, schl\u00fcpfte in seine ausgetretenen Schuhe mit den abgelaufenen Abs\u00e4tzen und verlie\u00df sein Zimmer. Seine Wirtin h\u00f6rte, wie er die Treppe schweren Schrittes hinunterging und die Haust\u00fcr leise hinter sich ins Schlo\u00df zog. Das war der Moment, den sie nutzte, um ein wenig bei ihm Staub zu wischen und das Bett zu richten. Sie wu\u00dfte, da\u00df er es nicht gerne hatte, und doch sagte er nie etwas, tadelte sie nicht ob ihrer Eigenm\u00e4chtigkeit. Manchmal, aber nur manchmal blitzte in seinen Augen eine Sanftheit auf, die ihr einen Stich versetzte. \u00dcberhaupt konnte sie nie lange seinem Blick standhalten, ohne da\u00df sie von Melancholie umfangen wurde. Er pa\u00dfte mehr in dieses alte Haus als sie. Beide schienen untrennbar zueinander zu geh\u00f6ren, beide hatten einst eine vielversprechende Zukunft gehabt und beiden war diese verwehrt worden.<br \/>\nEr blieb nur kurz am verrosteten schmiedeeisernen Tor stehen, dann lenkte er seine Schritte die schmale Stra\u00dfe hinunter. Die Sonne stand bereits tief \u00fcber dem Horizont, ihre Strahlen waren schwach geworden. Seine Schritte waren schwer, voller Hoffnungslosigkeit. Nur wenigen Menschen begegnete er.<br \/>\n\u00bbMan k\u00f6nnte glauben, da\u00df er alles \u00dcbel, das uns erspart geblieben ist, auf seinen Schultern mit sich herumtr\u00e4gt\u00ab, sagte leise ein alter Mann zu seinem gleichaltrigen Begleiter, als er sich schon ein gutes St\u00fcck von ihnen entfernt hatte.<br \/>\n\u00bbJa, das scheint so\u00ab, pflichtete der andere ihm mit einem langen Seufzer bei. \u00bbUnd es scheint, da\u00df er es am allerwenigsten verdient hat.\u00ab<br \/>\n\u00bbEs mag hart klingen, aber f\u00fcr ihn m\u00fc\u00dfte der Tod doch eine Erl\u00f6sung sein.\u00ab<br \/>\n\u00bbDoch es scheint, da\u00df ihm diese Erl\u00f6sung noch lange nicht verg\u00f6nnt sein wird. Er wirkt trotz allem noch sehr jung und r\u00fcstig.\u00ab<br \/>\n\u00bbEr tut mir leid und doch will ich nicht mit ihm tauschen.\u00ab<br \/>\nSie warfen ihm einen kurzen bedauernden Blick nach und seufzten tief, ehe sie ihres Weges gingen.<br \/>\nEr ging weiter, wu\u00dfte, was \u00fcber ihn gedacht wurde, versuchte nicht an sein Leben zu denken und die st\u00e4ndig aufsteigenden Tr\u00e4nen zu unterdr\u00fccken, die Tatsache zu akzeptieren, da\u00df er ein Gescheiterter war, gescheitert, obwohl er eigentlich einen Erfolg nach dem anderen h\u00e4tte haben m\u00fcssen; h\u00e4tte, doch es war nie so gekommen. Erfolg hatte er nie kennengelernt, h\u00f6chstens ab und an einen kleinen, bescheidenen, aber auch die waren eines Tages ohne ersichtlichen Grund ausgeblieben. Nur endlose Bem\u00fchungen und R\u00fcckschl\u00e4ge. Irgendwann hatte er sich dann freiwillig zur\u00fcckgezogen, hatte resigniert, hatte seine wenigen Freunde geflohen, die ihn immer seltener besuchten, weil seine Erfolglosigkeit sie bedr\u00fcckte, ihnen das Leben schwer werden lie\u00df. Und dann war er eines Tages in diesem kleinen Ort mit seinen B\u00fcchern aufgetaucht.<br \/>\nWenn er an seine Vergangenheit dachte, an den vielversprechenden Ausgangspunkt, an alles was ihm von vielen Seiten prophezeit worden war, was ihm l\u00e4ngst wie eine Verh\u00f6hnung seinerselbst erschien, traten Tr\u00e4nen in seine Augen, l\u00e4ngst versiegt geglaubte Tr\u00e4nen. Jede Hoffnung schien aus seinem Leben gewichen. Er lebte nur noch von einem Moment auf den anderen, wissend, da\u00df er wohl nie mehr von seinem Leidensdruck erl\u00f6st werden w\u00fcrde, solange er lebte, und er w\u00fcrde noch lange leben, das war sicher. Seine Leidensf\u00e4higkeit war noch nicht bis zum Ende ausgekostet worden.<br \/>\nEr ging langsam wieder zum Haus zur\u00fcck. Es d\u00e4mmerte. Die Stra\u00dfenlaternen flammten auf. Seine schweren Schritte schlurften \u00fcber den Gehweg. Und stumm murmelte er die Frage vor sich hin, die seit langem sein Leben bestimmte: \u00bbWarum nur? Warum das alles nur?\u00ab Eine Frage auf die er sich trotz seiner Gelehrtheit nie w\u00fcrde eine Antwort geben k\u00f6nnen.<br \/>\nEr schlich sich fast wie ein Dieb die Treppe hinauf, fand jedesmal seine Wirtin. Oben zog er leise die T\u00fcr ins Schlo\u00df. Erst dann machte er Licht. Sie h\u00f6rte, wie er sich aufs Bett setzte und die Schuhe abstreifte, die er ordentlich neben das Bett stellte. Dann war Stille. Er schien sich, wie \u00fcblich, wenn er von einem Spaziergang kam, hingelegt zu haben. Sie senkte den Blick, den sie die ganze Zeit \u00fcber auf die Decke gerichtet hielt, als k\u00f6nne sie ihn dadurch in seinem Zimmer sehen. Beklemmung befiel sie und so sehr sie froh war, einen so ruhigen Mieter zu haben, so froh w\u00e4re sie gewesen, wenn sie ihn nie kennengelernte h\u00e4tte. Er hatte etwas in dieses kleine alte windschiefe Haus gebracht, was niemand gerne in seiner N\u00e4he haben wollte, nicht einmal der \u00fcbelste Pessimist. Immer wenn er im Haus war, schien es, als sei alles d\u00fcsterer geworden, das Licht schien nicht mehr so hell zu leuchten, die Luft war schwer in den Zimmern und ein L\u00e4cheln, ein freudiger Gedanke erschien ihr als ein Frevel. Wann mochte er das letzte Mal gelacht haben? Hatte er \u00fcberhaupt jemals gelacht? All das fragte sie sich t\u00e4glich.<br \/>\nEr lag r\u00fccklings auf seinem Bett, atmete gleichm\u00e4\u00dfig, aber nicht entspannt. Er schaute auf die alte stumpfe Holzdecke, die schwarz vom Alter war, versuchte nichts zu denken, doch das gelang ihm nie. Sein Geist war schon von jeher in Unruhe gewesen, immer in Bewegung, immer bereit ein Problem zu l\u00f6sen, zu analysieren, Schl\u00fcsse zu ziehen, M\u00f6gliches und Unm\u00f6gliches gegeneinander abzuw\u00e4gen, das Wahrscheinliche herauszufinden. Sein Verstand war unerm\u00fcdlich. Es schien ihm, als w\u00fcrde er bis in alle Ewigkeit denken m\u00fcssen, analysieren, M\u00f6gliches und Unm\u00f6gliches gegeneinander abw\u00e4gen, das Wahrscheinliche herausfinden. Er w\u00fcrde wohl nie zur Ruhe kommen und das verst\u00e4rkte seine Qualen, denn seine Lage war ihm so immer gegenw\u00e4rtig, unm\u00f6glich ihr auch nur f\u00fcr kurz zu entfliehen. Nur der Schlaf brachte f\u00fcr den Augenblick eine Beruhigung seines Verstandes, um dann so emsiger seine T\u00e4tigkeit fortzusetzen. F\u00fcr wenige Stunden schlief er ruhig, dann plagten ihn Tr\u00e4ume, die f\u00fcr viele sch\u00f6n gewesen w\u00e4ren, ihm aber nur um so mehr sein Schicksal vor Augen f\u00fchrten. Es waren Erinnerungen an vermeintlich bessere Tage, vermischt mit W\u00fcnschen und Hoffnungen auf die aussichtsreiche Zukunft, die ihm einst in Aussicht gestanden zu haben schien. Er war froh, als er wieder aufstehen konnte. Seine gegenw\u00e4rtige Lage erschien ihm ertr\u00e4glicher als alle tr\u00fcgerische Hoffnung, die sich nie erf\u00fcllt hatte.<br \/>\nEr stand vom Bett auf. Es war noch nicht Zeit zum Schlafen. Er ging zum Tisch, man h\u00f6rte seine Schritte kaum. Sein Blick fiel auf ein Buch, auf einen Satz der darin zu lesen war und der ihm einen schmerzenden Stich versetzte.<br \/>\n<i>Wer nie geliebt hat und geliebt wurde, hat umsonst gelebt<\/i>, stand da. Auch dieses elementare menschliche Bed\u00fcrfnis von Geborgenheit und Z\u00e4rtlichkeit hatte er nie bei einem anderen Menschen erfahren, keine Frau hatte sich seiner angenommen, und dabei w\u00e4re es f\u00fcr sie ein gr\u00f6\u00dferer Gewinn gewesen als f\u00fcr ihn.<br \/>\nEr schlo\u00df das Buch und versuchte, sich nicht noch mehr von der Schwermut beherrschen zu lassen. Wenn er auch gebeugt war, soweit gebeugt, wie es nur ging, so war er doch noch nicht gebrochen. W\u00e4re er gebrochen gewesen, dann h\u00e4tte er das Leben leichter ertragen k\u00f6nnen, doch so war immer noch ein winziger Keim der Hoffnung in ihm, einer Hoffnung, die sich nie erf\u00fcllen w\u00fcrde, eine Hoffnung, die ihn nur noch mehr beugte, jedoch nie w\u00fcrde brechen k\u00f6nnen.<br \/>\nEr legte das Buch zu den anderen, liebevoll, behutsam, respektvoll. Nie war es ihm verg\u00f6nnt gewesen, einem anderen Menschen die gleiche Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Seine H\u00e4nde zitterten und er setzte sich auf einen der St\u00fchle. Er richtete den Blick auf den alten Schrank, doch schien er ihn nicht zu sehen. Keiner h\u00e4tte zu sagen vermocht, was er sah, vermutlich konnte er es in diesem Moment selbst nicht sagen.<br \/>\nEr stand auf, ging zur Kommode und go\u00df sich ein Glas frisches Wasser aus der Karaffe ein, die dort in Gesellschaft zweier sauberer Gl\u00e4ser stand und die seine Wirtin kurz vor seiner R\u00fcckkehr aufgef\u00fcllt hatte. Gleichg\u00fcltig trank er und stellte das Glas auf das kleine Tablett zur\u00fcck, dann legte er sich wieder aufs Bett.<br \/>\nSein Blick fiel auf den kleinen alten Wecker auf dem schmalen Nachttisch. Es war weit nach drei Uhr am Morgen, Zeit f\u00fcr ihn zu schlafen. Er stand auf, entkleidete sich langsam, h\u00e4ngte die Kleider \u00fcber einen der St\u00fchle, l\u00f6schte das Licht. Drau\u00dfen d\u00e4mmerte es bereits. Die ersten V\u00f6gel sangen.<br \/>\n\u00bbWarum war mir ein erf\u00fclltes Leben nie verg\u00f6nnt gewesen? Warum kamen andere, wenig begabtere Menschen leicht zum Ziel, wo ich scheiterte? Warum?\u00ab dachte er wie jeden Abend bevor er einschlief und selbst im Schlaf nie wirklich Ruhe fand. Sicher war f\u00fcr ihn nur, da\u00df der n\u00e4chste Tag ihm nichts Positives zu bieten haben w\u00fcrde. Und er diesen Schatten einer tr\u00fcgerischen, falschen Hoffnung, der seit seiner Geburt \u00fcber ihn schwebte, nie w\u00fcrde loswerden, da\u00df ihn doch noch etwas von seinem Los erl\u00f6sen k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die letzten Strahlen der Juniabendsonne bahnten sich m\u00fchsam einen Weg durch den schmalen Spalt des dichten, leicht staubigen Vorhangs. 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