{"id":1607,"date":"2010-03-23T21:58:03","date_gmt":"2010-03-23T19:58:03","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1607"},"modified":"2026-04-11T18:23:21","modified_gmt":"2026-04-11T16:23:21","slug":"kurzes-40-der-rekonvaleszent","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1607","title":{"rendered":"Kurzes #40 \u00b7 Der Rekonvaleszent"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/titel\/20160504_014_800_2.jpg\" \/><\/p>\n<p><i>Der folgende Text ist die Fortsetzung von<\/i> <b><a class=\"links\" href=\"?p=1598\">\u00bbDer Gipsfu\u00df\u00ab<\/a><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die folgende Nacht schlief Rolf besser. Im Grunde gab es f\u00fcr ihn kein Anla\u00df zum Klagen. Ihm fehlte es an nichts. Maria k\u00fcmmerte sich fast schon m\u00fctterlich r\u00fchrend um ihn. Bernd war kaum weniger aufmerksam, im Gegenzug war Rolf aber auch gezwungen, sich anzuh\u00f6ren, wie trostlos das Abendessen mit Kathrins Kollegin und deren Mann verlaufen war. In ihm sah Bernd wieder einmal seine Vorurteile \u00fcber Manager im allgemeinen und im besonderen best\u00e4tigt. F\u00fcr Bernd schien es unverst\u00e4ndlich, da\u00df eine derma\u00dfen attraktive und mindestens zehn Jahre j\u00fcngere Frau, einen derart furztrockenen Typen \u00fcberhaupt hatte nehmen k\u00f6nnen. Zudem sei er, was Kunst betraf, ein Banause, der einen Rubens nicht von einem Beuys unterscheiden k\u00f6nne. Wie k\u00f6nne man \u00fcberhaupt nichts von Kunst verstehen, wenn man mit einer Kunstwissenschaftlerin verheiratet sei!<br \/>\nRolf verkniff sich der alten Freundschaft wegen und weil Bernd gestern seinen Sessel so bereitwillig unters Fenster ger\u00fcckt hatte, zu sagen, da\u00df Kathrin in etwas gem\u00e4\u00dfigter Form und mit einem lachenden Auge das auch \u00fcber ihren Bernd sagte. Bernd war, hatte er sich einmal an einem Thema festgebissen, nur schwer wieder davon abzubringen, ganz gleich wie seine Umgebung dazu stand.<!--more--><br \/>\nDar\u00fcber hinaus verbrachte Rolf den Tag mit Lesen oder sa\u00df einfach nur entspannt im Sessel, den verletzten Fu\u00df hochgelegt, und lie\u00df die Gedanken schweifen, wobei er immer wieder kurz einnickte.<br \/>\nDie ersten Tage seiner Rekonvaleszenz vergingen wie im Flug. Rolf hatte sich in einen den Umst\u00e4nden angepa\u00dften Tagesrhythmus hineingefunden. Er stand sp\u00e4t auf, schlief aber auch sp\u00e4t ein. Zum einen brauchte er einige Zeit, bis er den Gipsfu\u00df so im Bett positioniert hatte, da\u00df er einigerma\u00dfen ruhig schlafen konnte, und zum anderen macht die Bewegungslosigkeit zu der er verurteilt war, zwar tr\u00e4ge aber nicht wirklich m\u00fcde.<br \/>\nNach einem sp\u00e4rlichen sp\u00e4ten Fr\u00fchst\u00fcck &ndash; Rolf hatte morgens noch nie viel gegessen &ndash;, humpelte er am Kr\u00fcckstock ins Wohnzimmer und richtete sich in seinem Sessel ein, den er eigentlich nur verlie\u00df, wenn ihn die Natur dazu zwang, oder er einfach nicht mehr sitzen konnte und ein wenig Bewegung brauchte. Den Fr\u00fchst\u00fcckstisch lie\u00df er unabger\u00e4umt, das w\u00fcrde Maria erledigen.<br \/>\nEs war ihm zwar zuwider, da\u00df ein anderer seine Essensreste wegr\u00e4umte, aber er versp\u00fcrte noch weniger Lust, sich von Maria eine Standpauke anzuh\u00f6ren, wenn er es dennoch tat. Sie vertrat die Auffassung, da\u00df er seinen Fu\u00df damit nur einer unzumutbaren Belastung aussetzte.<br \/>\nAls er an diesem Vormittag das Wohnzimmer betrat, h\u00f6rte er von drau\u00dfen leise Radiomusik hereindringen. Zuerst dachte er sich nichts dabei. Mitunter lie\u00dfen Nachbarn das Radio bei offenem Fenster spielen. Es waren warme Tage, warum also sollte man nicht die Fenster weit ge\u00f6ffnet haben?<br \/>\nRolf machte es sich in seinen Rekonvaleszentenlager gem\u00fctlich und widmete sich der Lekt\u00fcre, die er gestern zum Schlafengehen unterbrochen hatte. Bald achtete er nicht mehr auf das Radio.<br \/>\nAls er vom Lesen eine Pause einlegte und gedankenverloren zum Fenster hinausblickte, sah er, da\u00df die Fenster der gegen\u00fcberliegenden Wohnung ge\u00f6ffnet waren. Dort war auch die Quelle der Radiomusik. Ein Handwerker entfernte alte Tapete von den Schlafzimmerw\u00e4nden.<br \/>\nDemnach hatte die Wohnung einen neuen Mieter gefunden.<br \/>\nUnter anderen Umst\u00e4nden h\u00e4tte das Rolf nur am Rande interessiert, jedoch war er zur Zeit f\u00fcr jede Abwechslung dankbar. Nicht da\u00df er des Lesens bereits \u00fcberdr\u00fcssig war, daf\u00fcr las er einfach zu gerne, aber er bestimmte gerne selbst die Zeit, wann er sich mit einem Stapel B\u00fccher in Klausur begab.<br \/>\nRolf sah dem Mann eine Weile dabei zu, wie er mit nahezu stoischem Gleichmut die alte Tapete z\u00fcgig von der Wand entfernte.<br \/>\nMit wieviel Aufmerksamkeit jemand doch einer derart monotonen T\u00e4tigkeit zusehen kann, wenn sie etwas Abwechslung in den eigenen, noch monotoneren Tagesablauf bringt. H\u00e4tte Maria nicht an seiner T\u00fcr geklingelt, h\u00e4tte Rolf dem Handwerker vermutlich noch l\u00e4nger zugesehen.<br \/>\nRolf erhob sich ein wenig steif aus seinem Sessel und humpelte zur T\u00fcr.<br \/>\nW\u00e4re es nach Maria gegangen, h\u00e4tte sie ihren eigenen Schl\u00fcssel. Das w\u00e4re zwar bequemer f\u00fcr ihn gewesen, aber Rolf hatte entschieden etwas dagegen, \u00fcberrascht zu werden, selbst von einer derart guten Freundin wie ihr.<br \/>\n\u00bbDu wei\u00dft, da\u00df du den Fu\u00df m\u00f6glichst ruhig halten sollst\u00ab, mahnte sie ihn, w\u00e4hrend sie den Einkauf f\u00fcr ihn in die K\u00fcche brachte.<br \/>\nRolf \u00fcberging ihren tadelnden Blick geflissentlich. Er hatte noch nie besondere Lust versp\u00fcrt, sich \u00fcber Kleinigkeiten zu streiten, mit wem auch immer und mit Maria schon gar nicht.<br \/>\n\u00bbAb und zu soll ich mich bewegen, hat der Arzt gesagt\u00ab, konterte er.<br \/>\nMaria antwortete mit einer Handbewegung, die wenig schmeichelhaft f\u00fcr den \u00e4rztlichen Berufsstand war.<br \/>\nRolf sah ihr zu, wie sie den K\u00fcchentisch von den Resten seines Fr\u00fchst\u00fccks befreite. Dabei betrachtete er ein wenig wehm\u00fctig ihre sch\u00f6ne R\u00fcckfront, wie der enge beige Lederrock sich \u00fcber ihren ein wenig zu breiten aber festen Hintern spannte und lie\u00df den Blick an ihren Beinen hinunterwandern. Die Naht ihrer hautfarbenen Nylons sa\u00df wie nicht anders bei ihr zu erwarten wie mit dem Lineal gezogen. K\u00f6rperlich hatten ihn Marias feminine Formen, die sie mit beinahe narzi\u00dftischem Vergn\u00fcgen mit k\u00f6rperbetont geschnittener Kleidung betonte, die langen Beine mit dem schmalen Fesseln und muskul\u00f6sen Schenkeln, das lange schwarze Haar und die sch\u00f6nen schlanken H\u00e4nde von Anfang angezogen. Er mochte Frauen mit weiblichen Rundungen, weil diese f\u00fcr ihn ein Zeichen waren, da\u00df die betreffende Sch\u00f6ne zu genie\u00dfen wei\u00df. Dem asketischen Typ hatte er noch nie etwas abgewinnen k\u00f6nnen; Menschen, die immer nur mit dem Blick auf die Waage essen, halten es auch bei anderen Gen\u00fcssen \u00e4hnlich, war seine \u00dcberzeugung.<br \/>\nMaria wirkte meist wie von der Titelseite einer Modezeitschrift entstiegen. Anstelle einer gutgehenden Galerie h\u00e4tte sie ebensogut eine gutgehende Modeboutique leiten k\u00f6nnen, oder Chefredakteurin einer Modezeitschrift sein. Managerin weniger, dazu waren ihre R\u00f6cke und Kleider immer eine Spur zu kurz, ihre Abs\u00e4tze ein wenig zu hoch und ihr Make-up etwas zu sinnlich provokativ. Wenn sie es darauf anlegte, konnte ihre erotische Ausstrahlung einem fast den Atem rauben.<br \/>\nDabei unterschlug Rolf geflissentlich, da\u00df er Marias Charme und Esprit &ndash; die wahren Gr\u00fcnde, warum er sich Hals \u00fcber Kopf in sie verliebt hatte &ndash;, selbst dann erlegen w\u00e4re, z\u00e4hlte sie zum asketischen Typ. Von Anfang an hatte sie das Heft in die Hand genommen, was ihm auf eine besondere Weise gefallen, sie ihm dabei aber nie allzusehr das Gef\u00fchl vermittelt hatte, da\u00df es ausschlie\u00dflich nach ihren Vorstellungen ginge.<br \/>\nDoch Marias scheinbare Scheu vor einer festen Bindung, solange ihr Lebensalter nicht mit einer Vier vorne begann, hatte dazu gef\u00fchrt, da\u00df ihr Verkehr miteinander &ndash; vor allem auf ihre Initiative hin &ndash; auf eine rein freundschaftliche Basis gestellt worden war.<br \/>\nRolf mu\u00dfte einen Seufzer unterdr\u00fccken.<br \/>\nWarum war er nicht standhaft geblieben war und ihr gesagt hatte, da\u00df sie die einzige Frau sei, die er wolle, da\u00df eine feste Beziehung nicht automatisch die Aufgabe der eigenen Freiheit bedeute und so weiter und so folgt, konnte er sich bis heute nicht erkl\u00e4ren. Wenigstens hatte sie den Kontakt nicht auf einem gerade noch der H\u00f6flichkeit geschuldeten Mindestma\u00df reduziert, und da\u00df sie nun jeden Tag nach ihm sah, lie\u00df ihn zumindest nicht die Hoffnung verlieren, da\u00df Maria ihre Meinung doch noch \u00e4ndern k\u00f6nnte, so tr\u00fcgerisch sie auch sein mochte, und festigte in ihm die \u00dcberzeugung, da\u00df sein dummer Unfall doch etwas Gutes besa\u00df.<br \/>\n\u00bbSetz\u2019 dich wieder in deinen Sessel. Ich komme gleich zu dir\u00ab, ri\u00df Maria Rolf aus seinen Gedanken.<br \/>\nEs klang un\u00fcberh\u00f6r nach einem Befehl. Sie besa\u00df in diesem Augenblick viel von der Autorit\u00e4t einer Oberschwester. W\u00e4re Rolf dazu in der Lage gewesen, er h\u00e4tte demonstrativ die Hacken zusammengeschlagen. Wegen dieser nat\u00fcrlichen Autorit\u00e4t hatte er nicht hartn\u00e4ckig genug versucht, sie vom Gegenteil zu \u00fcberzeugen.<br \/>\nRolf erwiderte nichts und humpelte zu seinem Sessel zur\u00fcck, hoffend, da\u00df ihr sein sehns\u00fcchtiger Hundeblick nicht aufgefallen war.<br \/>\nIm Prinzip war er froh, wieder sitzen zu k\u00f6nnen. Mit dem Klumpfu\u00df war Laufen alles andere als angenehm.<br \/>\nRolf h\u00f6rte Maria in der K\u00fcche rumoren und sah erneut aus dem Fenster.<br \/>\nIn seiner augenblicklichen Lage f\u00fchlte er sich mitunter ein wenig wie ein gehbehinderter Greis, der von Tochter oder Enkelin f\u00fcrsorglich betreut wurde.<br \/>\nDer Handwerker in der Wohnung gegen\u00fcber kam z\u00fcgig voran. Bald w\u00fcrde er sich das n\u00e4chste Zimmer vornehmen, falls das Schlafzimmer nicht der letzte Raum war, in dem die Tapeten noch entfernt werden mu\u00dften.<br \/>\n\u00bbIch habe uns einen Tee gemacht\u00ab, ri\u00df Rolf Marias angenehme nicht mehr sehr m\u00fctterlich klingende Altstimme aus seinen Betrachtungen.<br \/>\nSie balancierte ein Tablett mit zwei Tassen, einer dampfenden Kanne, einer Dose mit Keksen, einer Schale mit braunem Zucker und einem K\u00e4nnchen mit Zitrone. Nachdem sie die Sachen auf den Couchtisch gestellt hatte, lehnte sie das leere Tablett gegen die Couch. Sie schenkte Tee eine Tasse, tat zwei St\u00fccke braunen Zucker und einen reichlichen Schu\u00df Zitrone hinein und reichte sie Rolf mit einem L\u00f6ffel. Rolf versuchte, sich nicht die Finger zu verbrennen, als er die Tasse entgegennahm und r\u00fchrte um. Maria schenkte sich selbst ein, tat gleichfalls Zucker und Zitrone hinzu und setzte sich, die Beine in damenhaft l\u00e4ssiger Eleganz \u00fcbereinandergeschlagen, in den anderen Sessel, der so stand, da\u00df sie im Profil zu ihm sa\u00df.<br \/>\nAnscheinend mu\u00dfte er sich erst den Haxen brechen, um ihre f\u00fcrsorgliche Seite kennenzulernen. Es h\u00e4tte ihn nicht gewundert, wenn sie diese an sich selbst auch erst jetzt entdeckt h\u00e4tte.<br \/>\nBis zu seinem Unfall hatte er M\u00fctterlichkeit kaum mit ihr in Verbindung gebracht.<br \/>\n\u00bbWas hast du heute gemacht\u00ab, fragte sie, vor allem um eine Unterhaltung in Gang zu bringen.<br \/>\nFast h\u00e4tte Rolf gesagt, da\u00df er erst einen kleinen Waldlauf gemacht und dann mal kurz den S\u00fcdturm des Doms bestiegen h\u00e4tte. Aber er unterlie\u00df das. Maria hatte seinen Sinn f\u00fcr Humor schon immer reichlich zweifelhaft gefunden, obwohl sie auch nicht gerade auf den Mund gefallen war.<br \/>\n\u00bbIch bin sp\u00e4t aufgestanden, habe gefr\u00fchst\u00fcckt, mich dann in meinen Sessel gesetzt und etwas gelesen, bis du gekommen bist\u00ab, erwiderte er statt dessen.<br \/>\n\u00bbKonntest du wenigstens gut schlafen\u00ab, fragte sie teilnahmsvoll und nahm einen langen Schluck vom ausreichend abgek\u00fchlten Tee.<br \/>\nAls die Tasse ihre vollen tiefrot geschminkten Lippen ber\u00fchrte, konnte Rolf nicht umhin, sich daran zu erinnern, wie sie schmeckten und wo sie ihn schon \u00fcberall mit ihnen ber\u00fchrt hatte. Er mu\u00dfte sich zusammennehmen, um sich nicht vor einem sinnlichem Schauer zu sch\u00fctteln. Woran Rekonvaleszenten doch denken, wenn sie den ganzen Tag nur eingeschr\u00e4nkt bewegungsf\u00e4hig sind!<br \/>\n\u00bbWie gut man eben mit einem Klumpfu\u00df, der manchmal und das zum ung\u00fcnstigsten Zeitpunkt juckt, schlafen kann\u00ab, meinte er mit einem Achselzucken. Sie fragte ihn das jeden Tag und er gab jeden Tag die gleiche Antwort. \u00bbUnd wie l\u00e4uft es in der Galerie, jetzt wo du den Nachmittag \u00fcber nicht mehr sooft da bist.\u00ab<br \/>\nSie \u00fcberging den spitzen Unterton, den er eher ungewollt von sich gab &ndash; sie war \u00fcberzeugt, da\u00df dort alles drunter und dr\u00fcber ging, sobald sie nicht da war &ndash;, als h\u00e4tte sie ihn nicht geh\u00f6rt.<br \/>\n\u00bbBritta kommt ganz gut allein klar und Klaus-Dieter ist ja nachmittags auch noch da\u00ab, entgegnete sie vers\u00f6hnlich.<br \/>\nBritta war ihre feste Kraft, eine junge Kunstgeschichtestudentin, die seit drei Jahren versuchte ihre Magisterarbeit fertigzustellen. Klaus-Dieter, ein Kunststudent, der aber viel mehr von einem typischen Jurastudenten an sich hatte, kam an drei Nachmittagen in der Woche. Alles in allem bildeten Maria und die beiden ein interessantes Trio.<br \/>\n\u00bbWann gibt sie ihre Magisterarbeit ab?\u00ab<br \/>\n\u00bbVermutlich kommt Klaus-Dieter eher zu einer Retrospektive im <i>Centre Georges Pompidou<\/i>\u00ab, erwiderte Maria trocken.<br \/>\n\u00bbDie Wohnung gegen\u00fcber wird renoviert\u00ab, kam Rolf mit einer Neuigkeit heraus, die wohl f\u00fcr keinem, au\u00dfer f\u00fcr ihn &ndash; und nat\u00fcrlich f\u00fcr den zuk\u00fcnftigen Mieter &ndash;, von wirklichem Interesse war.<br \/>\n\u00bbWas f\u00fcr eine Wohnung gegen\u00fcber?\u00ab sah Maria ihn an, als deliere er im Fieber, die dem abrupten Themenwechsel nicht ganz folgen konnte.<br \/>\n\u00bbNa, die man von hieraus einsehen kann. Du erinnerst dich vielleicht?\u00ab<br \/>\n\u00bbZum einen habe ich nicht die Angewohnheit in anderer Leute Wohnung zu sehen, zumindest nicht von au\u00dfen, und zum anderen waren wir immer mit anderen Dingen besch\u00e4ftigt, wenn ich hier war.\u00ab<br \/>\nDas letzte sprach sie durchaus mit einem Anflug von wehm\u00fctiger Erinnerung aus, aber wiederum nicht so, da\u00df es den Anschein hatte, als w\u00fcnschte sie eine Fortsetzung oder eine Neuauflage.<br \/>\n\u00bbDanke\u00ab, meinte er mit einem breiten, sp\u00fcrbar selbstzufriedenem Grinsen.<br \/>\n\u00bbWof\u00fcr?\u00ab verstand sie Rolf absichtlich nicht.<br \/>\n\u00bbDa\u00df du zugibst, da\u00df du in meiner Gegenwart auf gar nichts anderes mehr geachtet hast.\u00ab<br \/>\nIhre darauffolgende Antwort war wenig schmeichelhaft f\u00fcr Rolf, was ihn aber noch mehr bedauern lie\u00df, da\u00df sie keine Beziehung mehr miteinander hatten.<br \/>\nMaria nahm einen kr\u00e4ftigen Schluck, stellte die Tasse auf den Tisch und stand auf.<br \/>\n\u00bbIch koche uns etwas. Du hast sicher Hunger. Und wenn nicht, <i>ich<\/i> habe welchen. Ich habe seit heute fr\u00fch nichts mehr gegessen, denn <i>ich<\/i> mu\u00dfte fr\u00fch aufstehen\u00ab, beim letzten Satz war sie fast schon aus dem Zimmer, so da\u00df Rolf die M\u00f6glichkeit einer ad\u00e4quaten Antwort genommen war.<br \/>\nRolf sah wieder aus dem Fenster. Das Radio spielte immer noch. Der Mann aber war nicht mehr zu sehen, es schienen auch keine Tapete mehr an den W\u00e4nden zu sein.<br \/>\nRolf nahm sein Buch. Schnell fand er die Stelle, wo er geendet hatte. Im Hintergrund h\u00f6rte er Maria mit den T\u00f6pfen klappern.<br \/>\n\u00bbWas gibt\u2019s\u00ab, rief er.<br \/>\n\u00bbEtwas Wohlschmeckendes und Kr\u00e4ftigendes\u00ab, antwortete sie von der T\u00fcr her.<br \/>\nRolf sah zu Maria hin. Sie sah in der roten Sch\u00fcrze mit dem aufgedruckten kugelrunden Koch und dem Text \u00bbHier kocht der Chef\u00ab drollig aus. Bernd hatte sie Rolf in einem Anflug von Humor zum Einzug geschenkt. Rolf verkniff sich aber jede \u00c4u\u00dferung \u00fcber ihre Erscheinung, zum einen hielt sie ein scharfes K\u00fcchenmesser in der Hand, zum anderen war er momentan nicht gut zu Fu\u00df und drittens besa\u00df sie ganz sch\u00f6n Kraft.<br \/>\nSie ging, ohne eine Antwort von ihm abzuwarten, in die K\u00fcche zur\u00fcck. Er verlagerte das Gewicht etwas in den Polstern, lehnte sich zur\u00fcck, verschr\u00e4nkte die Arme im Nacken und schlo\u00df die Augen.<br \/>\nWenn man es genau betrachtete, dann war es gar nicht so \u00fcbel, sich einmal so richtig verw\u00f6hnen zu lassen. Irgend etwas Gutes mu\u00dfte dieser d\u00e4mliche Unfall schlie\u00dflich haben, dachte Rolf.<br \/>\nDie Ger\u00e4usche aus der K\u00fcche, die bald von einem angenehmen Duft begleitet wurden, das leise her\u00fcbert\u00f6nende Radio aus der Wohnung gegen\u00fcber, das Gezwitscher der V\u00f6gel und ab und zu ein anderes Ger\u00e4usch aus dem Hof wirkten einschl\u00e4fernd. Rolf d\u00f6ste eine Weile vor sich hin, bis Marias Ausruf: \u00bbWir k\u00f6nnen Essen\u00ab, ihn wieder in die Realit\u00e4t zur\u00fcckholte.<br \/>\nSie deckte den Tisch in der kleinen E\u00dfecke, der maximal vier Personen Platz bot. Rolf hievte sich aus seinem Sessel und humpelte zum Tisch.<br \/>\n\u00bbGeht\u2019s oder soll ich dir helfen\u00ab, erkundigte Maria sich mit m\u00fctterlicher F\u00fcrsorge.<br \/>\n\u00bbBisher ist nur mein Fu\u00df etwas l\u00e4diert, alles andere ist aber noch bestens in Schu\u00df\u00ab, erwiderte Rolf etwas spitz.<br \/>\n\u00bbDas kann ich jetzt kaum nachpr\u00fcfen\u00ab, meinte sie mit der Zweideutigkeit, die er von ihr gewohnt war. Das lie\u00df ihn hoffen, da\u00df ihre m\u00fctterliche Phase nur vor\u00fcbergehend war.<br \/>\nKurz darauf servierte sie das Essen. Sie hatte eine ihrer speziellen Gem\u00fcsesuppen zubereitet, von denen man gerne mehr als einmal nimmt. Was da auf dem Teller kam, war ein repr\u00e4sentativer Querschnitt der zur jeweiligen Jahreszeit verf\u00fcgbaren Fr\u00fcchte des Feldes und des Gartens. Sie a\u00dfen in schweigsamer Harmonie. Es gibt Dinge, die m\u00fcssen mit Stille genossen werden.<br \/>\nRolf nahm noch einen zweiten Teller voll.<br \/>\n\u00bbJedenfalls hast du noch immer einen gesegneten Appetit\u00ab, meinte sie zufrieden.<br \/>\n\u00bbBei dem was geboten wird, w\u00e4re es ein Frevel, nicht zuzulangen\u00ab, erwiderte Rolf mit einem breiten Grinsen.<br \/>\n\u00bbEs beruhigt mich, da\u00df ich einen Mann auch mit meinen Kochk\u00fcnsten zufriedenstellen kann\u00ab, erwiderte Maria ironisch. \u00bbI\u00df in Ruhe auf. Den Rest w\u00e4rmen wir morgen auf.\u00ab<br \/>\nMaria r\u00e4umte ihren Teller &ndash; ihr hatte eine Portion gen\u00fcgt &ndash;, und den Topf weg, in dem noch mehr als genug f\u00fcr eine weitere Mahlzeit war.<br \/>\nNach dem Essen &ndash; der zweite Teller war doch etwas viel gewesen &ndash; richtete Rolf sich wieder in seinem Sessel ein. Maria bewaffnete sich mit dem Staubsauger. Rolf versuchte weiter in seinem Buch zu lesen, hatte aber kaum drei Seiten geschafft, als es an der T\u00fcr klingelte. Gewohnheitsgem\u00e4\u00df wollte er schon aufstehen, als Maria rief: \u00bbIch mach\u2019 auf.\u00ab<br \/>\nDer Staubsauger erstarb. Kurz darauf stand Bernd neben Rolf.<br \/>\n\u00bbIch wollte einmal nach dir sehen.\u00ab Es klang, als h\u00e4tten sie sich Wochen nicht gesehen, dabei kam er fast jeden Tag.<br \/>\nEs war wie eine stille Absprache zwischen ihnen; sobald er kam, ging Maria.<br \/>\n\u00bbIch habe die Teller in die Sp\u00fclmaschine getan\u00ab, sagte Maria, fertig zum Gehen. \u00bbEs lohnt nicht, sie anzumachen. Der Rest der Suppe steht im K\u00fchlschrank. &ndash; Bernd, wenn du willst, kannst du dir einen Teller von meiner Gem\u00fcsesuppe warm machen. Es ist auf jeden Fall genug da. Er soll sowieso nicht so viel essen, wenn er sich kaum bewegt. Morgen mache ich dir dann die W\u00e4sche\u00ab, wandte sie sich wieder an Rolf.<br \/>\n\u00bbIch bringe dich zur T\u00fcr, Maria\u00ab, war Bernd ganz Kavalier.<br \/>\n\u00bbEtwas von ihrer Suppe\u00ab, fragte Rolf den Freund, als sie alleine waren. \u00bbKann ich dir nur empfehlen.\u00ab<br \/>\n\u00bbIm Prinzip schon, doch du wei\u00dft, da\u00df ich jeden Abend mit Kathrin esse. Sie bekocht mich nun mal gerne und ist leicht eingeschnappt, wenn ich es nicht angemessen w\u00fcrdige. Sie kocht ja auch ausgezeichnet. Ich kann sie ja verstehen. Sie ist den ganzen Tag im Museum und jetzt, wo die neue Ausstellung langsam in die hei\u00dfe Phase kommt, kommt sie kaum vor acht nach Hause. Dann stellt sie sich noch an den Herd und wenn ich dann nur einen Bissen davon nehme und den Rest stehen lasse, ist es verst\u00e4ndlich, wenn sie anschlie\u00dfend sauer ist. Ich hab\u2019s mit meinen \u00dcbersetzungen besser. Ich arbeite zu Hause, habe lediglich einen festen Abgabetermin, aber sonst kann ich mir, neben der Hausarbeit, den Tag frei einteilen.\u00ab<br \/>\n\u00bbUm unter anderem am Nachmittag Krankenbesuche machen\u00ab, f\u00fcgte Rolf trocken hinzu.<br \/>\n\u00bbGenau\u00ab, pflichtete Bernd ihm mit einem breiten Grinsen bei und trat ans Fenster. \u00bbHast du schon gesehen? In der Wohnung gegen\u00fcber sind die Fenster offen.\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, seit heute vormittag. Sie wird renoviert.\u00ab<br \/>\n\u00bbDann bekommst du ja bald einen neuen Nachbarn.\u00ab<br \/>\nBernd ging um kurz nach sieben. Kathrin hatte ihn auf dem Handy angerufen, sie w\u00fcrde schon deutlich vor acht zu Hause sein.<br \/>\nRolf studierte das Fernsehprogramm. Irgend etwas Brauchbares mu\u00dfte es bei der Vielfalt der Sender doch geben. Er wurde schlie\u00dflich bei einem Kultursender f\u00fcndig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Text ist die Fortsetzung von \u00bbDer Gipsfu\u00df\u00ab &nbsp; Die folgende Nacht schlief Rolf besser. Im Grunde gab es f\u00fcr ihn kein Anla\u00df zum Klagen. Ihm fehlte es an nichts. Maria k\u00fcmmerte sich fast schon m\u00fctterlich r\u00fchrend um ihn. Bernd war kaum weniger aufmerksam, im Gegenzug war Rolf aber auch gezwungen, sich anzuh\u00f6ren, wie [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"footnotes":""},"categories":[52,37,32,36],"tags":[61,50,38,41,57],"class_list":["post-1607","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erotisches","category-kurze-geschichten","category-literarisches","category-werkstatt","tag-erotisches","tag-fetisch","tag-kurzgeschichten","tag-literatur","tag-werkstatt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1607","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1607"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1607\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8401,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1607\/revisions\/8401"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1607"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1607"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1607"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}