{"id":1722,"date":"2010-04-09T17:00:50","date_gmt":"2010-04-09T15:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1722"},"modified":"2026-04-11T19:02:35","modified_gmt":"2026-04-11T17:02:35","slug":"kurzes-46-besprechung-im-cafe-am-stadtpark","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1722","title":{"rendered":"Kurzes #46 \u00b7 Besprechung im Caf\u00e9 am Stadtpark"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/titel\/20160724_110_800_2.jpg\" \/><\/p>\n<p>Es war einer jener strahlenden Fr\u00fchlingstage, die ein F\u00fcllhorn von Empfindungen \u00fcber die Welt aussch\u00fctten, so da\u00df jeder glaubt, darin ertrinken zu m\u00fcssen und sich diesem Rausch dennoch nicht entziehen will, gleich einem S\u00fcchtigen, der ohne seine Drogen nicht mehr glaubt lebensf\u00e4hig zu sein. Alles gr\u00fcnte und bl\u00fchte, und das Versprechen, da\u00df einem heute noch etwas Au\u00dfergew\u00f6hnliches widerfahren werde, schien einem fortw\u00e4hrend zugeraunt zu werden.<br \/>\nDarum wunderte sich Marcel auch nicht, als ihn sein Verleger bat, ihr f\u00fcr heute vereinbartes Treffen im Caf\u00e9 gegen\u00fcber dem gro\u00dfen Park unweit des Verlagsb\u00fcros zu verlegen. Marcel war das nur recht, denn auch f\u00fcr ihn schien ein \u203astickiges\u2039 B\u00fcro kaum der passende Ort zu sein, an dem man sich an einem solchen Tag aufhalten sollte.<br \/>\nMarcel war fr\u00fch von zu Hause aufgebrochen. Er wollte zuvor noch ein wenig durch den Park schlendern und diesen herrlichen Fr\u00fchlingstag genie\u00dfen. Das s\u00fc\u00dflichherbe Aroma, das die Flora an solchen Tag \u00fcberreichlich verstr\u00f6mt, in Verbindung mit der W\u00e4rme und der, im Vergleich zum gerade \u00fcberwundenen Winter, im \u00dcberflu\u00df vorhandenen Helligkeit, weckten nicht nur in ihm Fr\u00fchlingsgef\u00fchle, die alles begehrlicher und sch\u00f6ner erscheinen lie\u00dfen, aus jeder leidlich h\u00fcbschen Frau eine G\u00f6ttin und aus jedem passablen J\u00fcngling einen Zwillingsbruder Adonis\u2019 machten.<!--more--><br \/>\nEin leichtes Hungergef\u00fchl brachte Marcel dazu, jenes Caf\u00e9 fr\u00fcher als beabsichtigt aufzusuchen. Er w\u00e4hlte einen Platz, der es ihm erm\u00f6glichte, durch die gro\u00dfen Fensterfl\u00e4chen auf die in vollem frischen gr\u00fcnen Laub stehenden B\u00e4ume des Parks zu blicken, und bestellte einen Cappuccino und eine Cr\u00eape mit Kirschen und Sahne &ndash; eine der Spezialit\u00e4ten des Hauses &ndash;, die er gen\u00fc\u00dflich verspeiste, w\u00e4hrend er den Blick nach drau\u00dfen richtete.<br \/>\nDen Vor\u00fcbergehenden war anzusehen, wie belebend der Tag auf jeden von ihnen wirkte. Es schien schwer, sich vorzustellen, da\u00df vor wenigen Wochen die Leute noch dick vermummt durch die Stra\u00dfen gelaufen waren. Doch nicht nur ihre Kleidung hatte sich ver\u00e4ndert, auch die Art wie sie durch die Stra\u00dfen gingen. Da war nichts mehr von dem Drang zu versp\u00fcren, nur solange drau\u00dfen sein m\u00fcssen, wie es unbedingt n\u00f6tig war. Man lie\u00df sich Zeit, man ging nicht, man flanierte, darauf bedacht, sich nur ja nichts von der W\u00e4rme, dem Licht entgehen zu lassen.<br \/>\nMarcel sa\u00df bereits bei seinem zweiten Cappuccino. Bis sein Verleger eintreffen w\u00fcrde, w\u00fcrde es noch etwas dauern. Marcel lie\u00df die Blicke im Caf\u00e9 umherschweifen.<br \/>\nSie z\u00e4hlte zu den Frauen, die vom ersten Moment an faszinieren, ohne da\u00df sich auf Anhieb der Grund benennen lie\u00dfe. Sie war keine Sch\u00f6nheit im landl\u00e4ufigen Sinne &ndash; zumindest wenn der Begriff Sch\u00f6nheit mit Jugend und Makellosigkeit gleichgesetzt wird, wie es gemeinhin ja gerne gemacht wird. Eine Sch\u00f6nheit, die ohnehin nur den oberfl\u00e4chlichen Betrachter zufriedenstellt, f\u00fcr den einzig das \u00c4u\u00dfere, diese oft genug tr\u00fcgerische Fassade zu z\u00e4hlen scheint, der dar\u00fcber gerne vergi\u00dft, da\u00df das Dahinter, die Pers\u00f6nlichkeit mindestens ebenso wichtig, wenn nicht gar entscheidend ist, der die besondere Ausstrahlung einer Frau ignoriert, die sich selbst und ihren K\u00f6rper vorbehaltlos akzeptiert, weil sie wei\u00df, welche vielf\u00e4ltigen Empfindungen und welche Lust er ihr bereiten kann, und sie daher eine Faszination ausstrahlt, der man(n) sich nur schwer entziehen kann. Der Makellosigkeit fehlt die Individualit\u00e4t, die kleinen, eher unauff\u00e4lligen \u203aAbweichungen\u2039 vom \u203aIdeal\u2039 &ndash; beispielsweise eine vielleicht etwas zu gro\u00df oder zu klein geratene Nase, einen zu breiten oder zu schmalen Mund, ein Muttermal an der falschen Stelle, ein H\u00e4rchen, das nicht dorthin geh\u00f6rte wo es war, vermeintlich zu breite H\u00fcften oder ein insgesamt zu \u00fcppiger K\u00f6rper &ndash; alles was einen Menschen unverwechselbar und erst <i>wahre<\/i> Sch\u00f6nheit ausmacht. Wie pflegte der gro\u00dfe Karl Kraus zu sagen: <i>Zur Sch\u00f6nheit fehlte ihr nur ein Makel<\/i>.<br \/>\nMarcel konnte keine \u203amarkanten\u2039 Abweichungen an ihr entdecken; vielleicht waren ihre H\u00fcften etwas zu breit und ihre Br\u00fcste ein wenig zu \u00fcppig; aber ihr tiefes Dekollet\u00e9 lie\u00df die Vermutung zu, da\u00df sie mit ihnen mehr als zufrieden war, was letztlich z\u00e4hlte. Doch schwanden auch diese \u203aAbweichungen\u2039 bei genauerem Blick zu einem Nichts zusammen. Es lie\u00df sich lediglich sagen, da\u00df sie nicht unbedingt dem weiblichen Ideal entsprach, das der Allgemeinheit gerne von verschiedener Seite suggeriert wird. Zumindest fehlte ihr zur Sch\u00f6nheit <i>kein<\/i> Makel.<br \/>\nObwohl sie offenbar desinteressiert an ihrer Umgebung vor einem <i>caf\u00e9 au lait<\/i> sa\u00df, die Beine l\u00e4ssig \u00fcbereinandergeschlagen und angeregt in einem Buch lesend, schien ihr doch nichts, was um sie herum geschah, zu entgehen.<br \/>\nMarcel wunderte sich vielmehr, da\u00df sie ihm nicht schon beim Betreten des Caf\u00e9s aufgefallen war. Er war \u00fcberzeugt, da\u00df sie schon dagewesen sein <i>mu\u00dfte<\/i>. W\u00e4re sie nach ihm gekommen, w\u00e4re es ihm mit Sicherheit aufgefallen, da er in der N\u00e4he des Eingangs sa\u00df. Er sch\u00e4tzte sie auf etwa Vierzig, was aber letztlich belanglos war, z\u00e4hlte sie doch zu den Frauen, bei denen das Alter nebens\u00e4chlich erscheint; sie faszinieren in <i>jedem<\/i> Alter. Ihr Make-up war dezent, das weizenblonde lange dichte Haar hatte sie im Nacken mit einer Spange zusammengebunden. Sie trug ein schlichtes und zugleich elegantes helles Kost\u00fcm mit engem knielangem leicht geschlitzten Rock und taillierter Jacke. Bl\u00e4tterte sie eine Seite um, wippte sie stets leicht mit dem linken Fu\u00df, was Marcels Blick auf ihre in Schuhen aus feinem schwarzem Leder mit ungew\u00f6hnlich hohen Abs\u00e4tzen steckenden F\u00fc\u00dfe und ihre von zarten hellen Nylons umh\u00fcllten, etwas zu kr\u00e4ftigen Waden zog, die sich jedoch harmonisch in den muskul\u00f6sen Schenkeln fortsetzten, wobei ihre Fesseln auffallend schmal schienen.<br \/>\nJe l\u00e4nger Marcel sie anschaute, desto mehr faszinierte sie ihn, und desto mehr hob sie sich f\u00fcr ihn von der Umgebung ab. Sie war beileibe nicht die einzige attraktive Frau im Raum, und doch schien au\u00dfer Marcel niemand auf sie zu achten, obwohl ihm die \u00fcbrigen im Vergleich zu ihr geradezu farblos erschienen. Marcel spielte mit dem Gedanken, sie anzusprechen.<br \/>\nEr stand kurz davor, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, da ert\u00f6nte hinter ihm, die immer ein wenig abgehetzt klingende Stimme seines Verlegers, dessen fast schon pedantischer Hang zur P\u00fcnktlichkeit Marcel in diesem Augenblick zum ersten Mal ernstlich nervte.<br \/>\n\u00bbEntschuldige, da\u00df ich zu sp\u00e4t komme, aber immer wenn man es eilig hat, will einen jemand dringend am Telefon sprechen. Meist entpuppt es sich dann als etwas, das noch mindestens einen Monat Zeit gehabt h\u00e4tte.\u00ab<br \/>\nEr hatte fast ohne Atem zu sch\u00f6pfen gesprochen und sich dabei gesetzt.<br \/>\nEin Blick auf seine Taschenuhr sagte Marcel, da\u00df sein Verleger tats\u00e4chlich zu sp\u00e4t war, wenn auch nur eine gute viertel Stunde. War Marcel wirklich solange in die Betrachtung dieser geheimnisvollen Sch\u00f6nen vertieft gewesen? Wenn ja, warum schien es ihr nicht aufgefallen zu sein? H\u00e4tte ein nur unweit von ihm entfernt sitzender Fremder ihn solange beobachtet, w\u00e4re es ihm aufgefallen, selbst wenn er sich ausschlie\u00dflich auf seine Lekt\u00fcre konzentriert h\u00e4tte, davon war Marcel \u00fcberzeugt.<br \/>\nMarcel kam zu keiner Entgegnung. Eine Kellnerin trat an ihren Tisch. Marcels Verleger bestellte ein wenig gedankenverloren einen Cappuccino, w\u00e4hrend er in seiner alten an den Kanten bereits sichtbar abgesto\u00dfenen dunkelbraunen Aktentasche kramte.<br \/>\nMarcel sah w\u00e4hrenddessen wieder zu der unbekannten Sch\u00f6nen hin\u00fcber, die immer noch \u00fcber ihrem Buch sa\u00df und gem\u00e4chlich eine Seite umbl\u00e4tterte, was seinen Blick auf ihre schlanke gepflegte unberingte Hand mit halblangen tiefrot lackierten N\u00e4geln zog. Sie schien weiterhin teilnahmslos an ihrer Umgebung, und doch hatte Marcel f\u00fcr einen Augenblick den Eindruck, als widmete sie sich ihm mit derselben Aufmerksamkeit wie er sich zuvor ihr. Ein eigent\u00fcmliches leicht am\u00fcsiertes L\u00e4cheln umspielte dabei ihre vollen Lippen, dessen Ursache aber auch in einer am\u00fcsanten Passage ihres Buches liegen konnte.<br \/>\nMarcels Verleger wurde der Cappuccino serviert. Er nahm einen kr\u00e4ftigen Schluck und holte zwei B\u00f6gen Papier aus einem roten Schnellhefter, und lenkte dadurch Marcels Aufmerksamkeit wieder von der unbekannten Sch\u00f6nen ab, ohne da\u00df es Marcel gelungen war herauszufinden, ob er nicht doch ein Opfer seines Wunschdenkens geworden war.<br \/>\n\u00bbSo, hier sind jetzt alle deine Stationen, die Termine.\u00ab<br \/>\nDer Verleger reichte Marcel die Liste, wie man einem Sch\u00fcler eine Klassenarbeit zur\u00fcckgibt. W\u00e4hrend Marcel die Liste eher gelangweilt entgegennahm, mu\u00dfte er unwillk\u00fcrlich daran denken, da\u00df sein Verleger auf die meisten wie ein Deutschlehrer der Oberstufe wirkte &ndash; was er f\u00fcr einige Jahre tats\u00e4chlich gewesen war, bevor er sich den Traum von einem eigenen Verlag erf\u00fcllt hatte, der innerhalb kurzer Zeit bereits florierte.<br \/>\nMarcel \u00fcberflog die Liste, die in dieser Form bereits seit drei Wochen feststand. Viel Neues bot sie nicht f\u00fcr ihn. An den geplanten Stationen seiner diesmaligen Lesereise hatte sich nichts ver\u00e4ndert. Im Gegensatz zur letzten waren diesmal ausschlie\u00dflich kleinere Orte die Ziele, ein Tingeln \u00fcber die D\u00f6rfer, durch die Provinz. Was vor allem Marcels Wunsch gewesen war, schlie\u00dflich gibt es nicht nur in den St\u00e4dten Kulturinteressierte.<br \/>\nMarcels Verleger holte ein weiteres Blatt aus dem Hefter.<br \/>\n\u00bbUnd hier ist die Liste der Hotels, in denen du unterkommen wirst. Bei einigen handelt es sich aber mehr um Pensionen\u00ab, f\u00fcgte er alles andere als abwertend hinzu. \u00bbIn gewisser Weise beneide ich dich um deine Reise, die ja schon mehr eine Landpartie ist, um die Ruhe, die du dort finden wirst\u00ab, f\u00fcgte er mit einem treuen Hundeblick hinzu, als w\u00e4re es Marcels erkl\u00e4rtes Ziel, ihn damit zu \u00e4rgern.<br \/>\nMarcel nahm auch diese Liste entgegen und \u00fcberflog sie gleichfalls.<br \/>\n\u00bbSo gem\u00e4chlich wird es sicherlich nicht, wie du jetzt unterstellst\u00ab, bremste Marcel ihn. \u00bbImmerhin bin ich fast jeden Tag an einem anderen Ort. Mit Ausruhen, sich einen sch\u00f6nen Lenz machen, ist da nicht viel. Lesungen halten ist schlie\u00dflich Arbeit, wenn auch eine interessante, vorausgesetzt du hast das richtige Publikum. Doch das allein ist es ja nicht, man sollte nie vergessen, da\u00df man nicht als Privatmann kommt. Die gesellschaftlichen Verpflichtungen, die das Ganze mit sich bringt, k\u00f6nnen ganz sch\u00f6n anstrengend werden. Es mu\u00df nat\u00fcrlich nicht gleich so verlaufen, wie Hermann Hesse es in seiner Erz\u00e4hlung \u203aAutorenabend\u2039 beschrieben hat\u00ab, an dieser Stelle mu\u00dfte Marcels Verleger schmunzeln, denn die Erz\u00e4hlungen Hermann Hesses waren das Thema seiner Examensarbeit gewesen, \u00bbaber auch so ist es nicht immer die reine Freude.\u00ab<br \/>\n\u00bbBisher hast du es aber immer ganz gut \u00fcberstanden, besonders wenn angenehme weibliche Gesellschaft mit im Spiel war\u00ab, hierbei warf er Marcel einen vertraulichen Blick zu, als h\u00e4tte Marcel gleich einem Seemann in jedem Ort eine andere Sch\u00f6ne.<br \/>\n\u00bbDu tust gerade so, als w\u00e4re ich wie ein Popstar von Groupies umschw\u00e4rmt und w\u00fcrde mir jede Nacht eine andere aufs Hotelzimmer holen.\u00ab<br \/>\n\u00bbBei dir bin ich mir nie so sicher\u00ab, erwiderte Marcels Verleger mit einem unversch\u00e4mten Grinsen. \u00bbDu vergi\u00dft, da\u00df es innerhalb der gesamten Kulturszene Groupies gibt, nur da\u00df das Klischee lediglich die Groupies aus der Popul\u00e4rmusik erfa\u00dft.\u00ab<br \/>\n\u00bbDu kennst mich jetzt seit mindestens zehn Jahren\u2026 \u00ab sah Marcel sich aus einem unerfindlichen Grund gen\u00f6tigt, die unterschwelligen Vorw\u00fcrfe seines Verlegers zu entkr\u00e4ften.<br \/>\n\u00bbIm Juli elf\u00ab, fiel Marcels Verleger ihm ins Wort.<br \/>\n\u00bbDu kennst mich jetzt fast elf Jahre\u00ab, unterdr\u00fcckte Marcel einen Seufzer und dachte typisch Lehrer immer pedantisch, selbst wenn sie den Beruf l\u00e4ngst nicht mehr aus\u00fcben, \u00bbund wei\u00dft genau, da\u00df ich w\u00e4hrend einer Lesereise in erster Linie daran interessiert bin, mich und meine Werke meinen Lesern n\u00e4herzubringen.\u00ab Das breite Grinsen, das das Gesicht seines Verlegers \u00fcberzog, lie\u00df Marcel die Doppeldeutigkeit seiner Aussage bewu\u00dft werden, weshalb er als Retourkutsche hinzuf\u00fcgte: \u00bbSchlie\u00dflich sorgen sie mit ihren Buchk\u00e4ufen daf\u00fcr, da\u00df wir <i>beide<\/i> etwas zu bei\u00dfen haben\u00ab, sah Marcel seinen Verleger streng an.<br \/>\n\u00bbWenn alle Autoren ihre Verleger st\u00e4ndig daran erinnern w\u00fcrden, da\u00df ohne Autoren das Verlagswesen eine reichlich unsinnige Sache w\u00e4re, w\u00fcrden sicherlich viele Verleger sich nach einem neuen Broterwerb umsehen.\u00ab<br \/>\n\u00bbDie Wahrheit ist nun einmal hart\u00ab, meinte Marcel lapidar von einem Achselzucken begleitet.<br \/>\n\u00bbJa, schon, aber man mu\u00df sie den anderen ja nicht st\u00e4ndig unter die Nase reiben\u00ab, st\u00f6hnte Marcels Verleger auf und drehte die Augen himmelw\u00e4rts als k\u00f6nne er von dort Beistand erwarten.<br \/>\n\u00bbBeruhige dich, daf\u00fcr sage ich ja deinen anderen Autoren nicht, da\u00df ich f\u00fcnfzehn Prozent erhalte.\u00ab<br \/>\n\u00bbWas mich bei einem Menschen, der es so mit der Gerechtigkeit wie du hat, wundert\u00ab, die Retourkutsche war un\u00fcberh\u00f6rbar.<br \/>\n\u00bbWeil die meisten es mir mit Sicherheit nicht danken und sich bevormundet f\u00fchlen w\u00fcrden\u00ab, stellte Marcel n\u00fcchtern richtig.<br \/>\n\u00bbDa ist etwas dran\u00ab, erwiderte sein Verleger nach kurzem Nachdenken. \u00bbAndererseits gestaltest du deine B\u00fccher vom Layout bis zum Einband selbst, was mir die mitunter nicht geringen Kosten f\u00fcr den Satz und den Graphiker erspart\u00ab, tr\u00f6stete er sich.<br \/>\n\u00bbGeschenkt\u00ab, meinte Marcel mit einer gro\u00dfm\u00fctigen Geste, der die Lust an ihrem kleinen Streitgespr\u00e4ch verloren hatte, aber auch sein Verleger versp\u00fcrte wenig Neigung zu einer Fortsetzung.<br \/>\n\u00bbDu liest sicherlich aus deinem neuen Buch\u00ab, kam Marcels Verleger zum eigentlichen Thema zur\u00fcck.<br \/>\n\u00bbNat\u00fcrlich werde ich aus \u203aAdalberts Erbe\u2039 Passagen lesen, wenn es auch im Grunde eine banale Geschichte und kein zeitkritisches Werk ist, wenn ich auch bis heute nicht so recht wei\u00df, was man eigentlich darunter verstehen soll.\u00ab<br \/>\n\u00bbDas wissen wohl nur die Rezensenten, die diesen Terminus geschaffen haben\u00ab, meinte Marcels Verleger mit einem Blick gen Himmel, als sollte man die G\u00f6tter nicht versuchen, indem man an ihrer endlosen Weisheit zweifelte.<br \/>\n\u00bbIch glaube, da\u00df das Buch gerade deswegen ankommen wird. Geheimnisvoll und romantisch\u00ab, fuhr Marcels Verleger fort und l\u00e4chelte zufrieden.<br \/>\n\u00bbMit einer kr\u00e4ftigen Portion Fetischismus\u00ab, hob Marcel, der nur ungern zugegeben h\u00e4tte, da\u00df sein Verleger recht hatte, einen anderen Aspekt hervor, \u00bbdenn Zo\u00c3\u00ab erscheint dem Leser stets in schicken Lederr\u00f6cken, Nylons und High Heels gekleidet, mitunter auch im Taillienkorsett und bleibt beim Sex oft angezogen. Au\u00dferdem wird die Sch\u00f6nheit ihrer Beine immer wieder hervorgehoben.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch glaube wirklich, du schreibst manche deiner Geschichten unter dem Vorsatz, ohne da\u00df es dem unbedarften Leser auff\u00e4llt, soviel Fetischelemente als m\u00f6glich einzubringen\u00ab, schmunzelte Marcels Verleger.<br \/>\n\u00bbIch schreibe zwar nicht unter diesem Vorsatz, aber ich bringe das fetischistische Element tats\u00e4chlich gerne in <i>allen<\/i> meinen Texten unter, einfach weil das Leben an sich von fetischistischen Elementen durchdrungen ist, auch wenn den meisten das gar nicht bewu\u00dft ist. Fetischismus ist das, was gef\u00e4llt, was die Sinne anspricht, was Wohlbefinden verursacht, ist Lust am eigenen K\u00f6rper und dem anderer. Fetischismus hat viele Facetten und ist vor allem ein Ausdruck von Lebensfreude, eine Kultivierung des Sexuellen.\u00ab<br \/>\nMarcels Verleger nickte und sah auf seine Uhr. Er kannte Marcels Gedanken nur zu gut, schlie\u00dflich hatte Marcel sie in verschiedenen Essays zu diesem und vergleichbaren Themen ausf\u00fchrlich dargelegt.<br \/>\n\u00bbSo, jetzt mu\u00df ich aber, der n\u00e4chste Termin wartet auf mich. Im Gegensatz zu euch Autoren k\u00f6nnen wir Verleger uns unsere Zeit nicht so einteilen wie wir wollen.\u00ab<br \/>\nMarcel schmunzelte, enthielt sich aber einer Antwort. Er wu\u00dfte, da\u00df sein Verleger gerne dringende Termine vorschob, wenn er keine Lust mehr auf ihre mehr spielerischen als ernsthaften Streitgespr\u00e4che versp\u00fcrte.<br \/>\nKaum war sein Verleger gegangen &ndash; er hatte es wie \u00fcblich Marcel \u00fcberlassen zu zahlen &ndash; sah Marcel zum Tisch der Sch\u00f6nen hin\u00fcber. Doch welche Entt\u00e4uschung &ndash; ihr Platz war leer. Sie war gegangen, ohne da\u00df Marcel es bemerkt hatte. Mit der Gewi\u00dfheit und einem inneren Seufzer dar\u00fcber, da\u00df er sie wohl nie wiedersehen w\u00fcrde und eine m\u00f6gliche Gelegenheit verpa\u00dft war, winkte er der Bedienung, um zu zahlen.<br \/>\nAber ist eine verpa\u00dfte Gelegenheit wirklich so bedauerlich, wie es einem im ersten Augenblick erscheinen will, oder erspart sie einem nicht viel mehr eine m\u00f6gliche Entt\u00e4uschung, da sie einem die Illusion bel\u00e4\u00dft, \u00fcberlegte Marcel auf dem Weg nach Hause.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war einer jener strahlenden Fr\u00fchlingstage, die ein F\u00fcllhorn von Empfindungen \u00fcber die Welt aussch\u00fctten, so da\u00df jeder glaubt, darin ertrinken zu m\u00fcssen und sich diesem Rausch dennoch nicht entziehen will, gleich einem S\u00fcchtigen, der ohne seine Drogen nicht mehr glaubt lebensf\u00e4hig zu sein. 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