{"id":1789,"date":"2010-04-26T17:07:55","date_gmt":"2010-04-26T15:07:55","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1789"},"modified":"2026-04-11T19:05:56","modified_gmt":"2026-04-11T17:05:56","slug":"kurzes-48-fluchtgedanken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1789","title":{"rendered":"Kurzes #48 \u00b7 Fluchtgedanken"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/titel\/20140328_106_800_2.jpg\" \/><\/p>\n<p>Ruhig glitt der Zug auf den Gleisen dahin. Er sah bereits das achte Mal innerhalb der letzten Viertelstunde auf seine Uhr und dann wieder nach drau\u00dfen. Es war ein ungew\u00f6hnlich sonniger, jedoch k\u00fchler Novembertag. Der bla\u00dfblaue Himmel war wolkenlos. Die vor\u00fcberziehenden kahlen B\u00e4ume erschienen ihm wie schwarze Gerippe, stumme Zeugen einer vermeintlich besseren Zeit. Bald w\u00fcrde er jene Stelle erreicht haben, die f\u00fcr vier Jahrzehnte nicht nur das Land sondern die ganze Welt in zwei, lange f\u00fcr unvers\u00f6hnlich gehaltene H\u00e4lften gespalten hatte.<br \/>\nSeit seiner \u203a\u00dcbersiedelung\u2039 war er nicht mehr in diesem Teil des Landes gewesen. Zwar hatte er es sich in den vergangenen Jahren oft genug vorgenommen, doch war im letzten Moment stets etwas \u203adazwischen\u2039 gekommen. Innerlich war er f\u00fcr diese \u203aZuf\u00e4lle\u2039 jedoch dankbar gewesen. Nun aber hatte er es nicht weiter aufschieben k\u00f6nnen. Er mu\u00dfte, der Anla\u00df gebot es. Er empfand es als Ironie, da\u00df er weder den Zeitpunkt seines Fortgangs noch den seiner R\u00fcckkehr selbst hatte w\u00e4hlen k\u00f6nnen.<!--more--><br \/>\nSeiner Sch\u00e4tzung nach mu\u00dfte es in wenigen Augenblicken soweit sein. Eine leichte Nervosit\u00e4t ergriff von ihm Besitz, Erinnerungen bem\u00e4chtigten sich seiner, lie\u00dfen einen fast schon \u00fcberwunden geglaubten Abschnitt seines Lebens wieder lebendig werden.<br \/>\nOb von dieser unseligen Trennungslinie noch etwas zu sehen war, fragte er sich unwillk\u00fcrlich. Aber nein, es lag ja schon mehr als f\u00fcnf Jahre zur\u00fcck. Es war alles schnell entfernt worden, als handelte es sich um die Spuren einer peinlichen Krankheit, eines bedauernswerten Unfalls, an dem keiner so recht Schuld zu haben glaubte, und jeder f\u00fcr sich beanspruchte, nur ein Opfer der Verkettung ungl\u00fcckseliger Umst\u00e4nde zu sein. Fast dr\u00e4ngte sich der Eindruck auf, als w\u00e4re es wichtig, da\u00df sp\u00e4ter niemand mehr unmittelbar mit den stummen Zeugen jener Epoche konfrontiert w\u00fcrde und wom\u00f6glich auf den Gedanken verfiel, unbequeme Fragen zu stellen.<br \/>\nHatten sie jetzt etwa den Punkt passiert? Ja, doch, hier mu\u00dfte es gewesen sein. Allerdings zeugte davon einzig noch eine ungew\u00f6hnlich breite Waldschneise, auf der aber schon vor einiger Zeit eine Schonung angepflanzt worden war. In wenigen Jahren w\u00fcrde der Wald an dieser Stelle wieder so dicht sein wie zuvor und es w\u00fcrde sich nicht einmal mehr erahnen lassen, welches Bollwerk des Jahrhunderts hier einst verlaufen war.<br \/>\nAn dieser Linie h\u00e4tte sein Leben fast geendet. Vergessen w\u00fcrde er den Tag &ndash; den achten August 1987 &ndash; nie. Sein Leben war ihm im damaligen \u203aArbeiter- und Bauernparadies\u2039, wo weder der Arbeiter noch der Bauer etwas zu melden gehabt hatte, und wo es entgegen aller Beteuerungen der Verantwortlichen, niemals eine Herrschaft des Proletariats sondern nur eine Oligarchie mit Staatskapitalismus gegeben hatte, immer unertr\u00e4glicher geworden.<br \/>\nBegonnen hatte alles mit einer Bemerkung in Staatsb\u00fcrgerkunde, die bei ihnen der Schulleiter Sukow h\u00f6chstpers\u00f6nlich gab. Er besuchte zu der Zeit die achte Klasse der allgemeinen polytechnischen Oberschule von Waldeneck, Bezirk Suhl. Vielleicht war es nur als Provokation eines unbeliebten Lehrers gedacht, vielleicht hatte er aber auch zum ersten Mal in seinem Leben den Mut aufgebracht, eine eigene Meinung zu \u00e4u\u00dfern. Im Nachhinein konnte er nicht einmal mehr andeutungsweise sagen, was ihn an dem Tag zu jener \u00c4u\u00dferung verleitet hatte. Eigentlich wu\u00dften alle, wie sehr eine Aussage, die sich nicht mit Sukows \u00dcberzeugung vertrug, die nicht mit der Anschauung des Systems konform ging, verheerende Folgen f\u00fcr den Betreffenden nach sich ziehen konnte. Er wu\u00dfte nur noch, wie Sukow sich wieder einmal zu einem seiner flammenden Vortr\u00e4ge \u00fcber den \u203aAntiimperialistischen Schutzwall\u2039 emporgeschwungen hatte, der nur gut drei Kilometer vor den Toren ihres kleinen Ortes entfernt verlief. Voll Inbrunst schilderte er seinen Sch\u00fclern, da\u00df dieser f\u00fcr ihn den Garant der Freiheit seiner geliebten DDR und all ihrer Bewohner bedeutete, und unter welchen Opfern er errichtet worden sei. Verschwenderisch \u00fcbersch\u00fcttete er die \u203aHeroen\u2039 mit Lob, die Tag f\u00fcr Tag und Nacht f\u00fcr Nacht sich unerm\u00fcdlich aufopferten, um zu verhindern, da\u00df irgendwelche \u203azwielichtigen Individuen\u2039 sich daran zu schaffen machten. Auf welche Art sich jene Personen daran zu schaffen machen k\u00f6nnten und woher sie k\u00e4men, verschwieg er. Sein Wortschwall, der selbst f\u00fcr vorbehaltlos staatstreue Gem\u00fcter unertr\u00e4glich vor falschem Pathos und Theatralik \u00fcberquoll, vereinnahmte nahezu die ganze Schulstunde.<br \/>\nAm Ende einer solchen Rede herrschte stets gespannte Stille. War Sukow gut gelaunt, entlie\u00df er seine Sch\u00fcler bald danach, war er dagegen schlecht gelaunt, dann griff er sich einen von jenen heraus, deren Nasen ihm mi\u00dffielen und unterzog diesen einer, einem Verh\u00f6r gleichenden Befragung \u00fcber den Inhalt des vorangegangenen Vortrages. In dem Moment konnte der Delinquent nur hoffen, da\u00df ihm auf Anhieb die richtige Antwort einfiel, sonst war ihm ein absolut vernichtender Kommentar sicher, wenn nicht Schlimmeres.<br \/>\nAn diesem Tag jedoch befand sich Sukow irgendwo zwischen beiden Gem\u00fctszust\u00e4nden, denn er forderte seine Sch\u00fcler auf, Fragen \u00fcber diesen \u203aGarant\u2039 zu stellen. <i>Das<\/i> kam nur h\u00f6chst selten vor und verunsicherte die Klasse nicht wenig, denn hier erschlossen sich zwei Varianten. Bei der ersten war die Aufforderung ausschlie\u00dflich unverbindlich gemeint und Sukow erwartete keine Reaktion von seinen Sch\u00fclern. Bei der zweiten jedoch, der ernsthaft gemeinten, war es \u00e4u\u00dferst wichtig, da\u00df die richtige Frage vorgebracht wurde. In dieser Stunde jedoch traf ersteres zu, denn Sukow blickte mit dem Wohlwollen eines Herrschers \u00fcber die Klasse, dem sein widerstandsloses Volk gl\u00e4ubig zu F\u00fc\u00dfen lag. Die Erleichterung, Sukow in wenigen Augenblicken bis zur n\u00e4chsten Stunde in Staatsb\u00fcrgerkunde nur noch aus der Ferne sehen zu m\u00fcssen, hatte von ihnen schon Besitz ergriffen, da meldete er sich und \u00fcberraschte so nicht nur seine Mitsch\u00fcler. Sukow sah sich wider seinem Vorhaben gezwungen, ihm das Wort zu erteilen, wollte er seine Glaubw\u00fcrdigkeit auf Dauer nicht in Frage stellen.<br \/>\n\u00bbWenn uns dieser Wall vor den Imperialisten aus dem Westen sch\u00fctzen soll, warum wird dann mit einer derartigen Akribie darauf geachtet, da\u00df keiner von hier hinaus kann? Denn wenn bei uns so alles viel besser ist, wie immer behauptet wird, wieso st\u00fcrmen dann die armen, ausgebeuteten Werkt\u00e4tigen aus dem Westen nicht unsere Grenzen?\u00ab<br \/>\nDiese Frage besa\u00df kaum im Ansatz einen provokativen Beiklang, vielmehr einen recht naiven, frei von jedwedem Hintergedanken. Seine Stimme hatte sogar ein wenig dabei gezittert. Vermutlich war er sich im ersten Moment als einziger im Raum der Tragweite seiner Frage nicht bewu\u00dft gewesen.<br \/>\nDie Klasse hielt den Atem an. Seine Frage war so voller K\u00fchnheit, da sie offenkundig <i>alles<\/i> in Zweifel zu ziehen beabsichtigte, da\u00df es ihnen ungeheuerlich erschien, sie \u00fcberhaupt zu denken, geschweige denn auszusprechen, selbst wenn viele von ihnen in ihrem tiefsten Inneren \u00e4hnlich dachten.<br \/>\nSukow wollte erst gar nicht glauben, was er da aus dem Mund eines Sch\u00fclers von kaum f\u00fcnfzehn Jahren hatte vernehmen m\u00fcssen. Eine solche Dreistigkeit war ihm bisher bei keinem seiner Sch\u00fcler untergekommen. Wie konnte es ein derart dummer Junge \u00fcberhaupt wagen, die Werte eines ganzen Volkes auch nur im Ansatz in Zweifel zu ziehen?<br \/>\nDie Sch\u00fcler beobachteten, wie sein Gesicht sich langsam r\u00f6tete, einen heftigen Ausbruch ank\u00fcndigte. In der augenblicklichen Stille h\u00e4tte der Fall einer Stecknadel ein explosionsartiges Ger\u00e4usch verursacht. Sie wagten kaum zu atmen. Und auf einmal wetterte Sukow los.<br \/>\nAn den genauen Wortlaut konnte er sich nicht mehr erinnern. Sukow hatte ihn mit fast \u00fcberschlagender Stimme niedergemacht, anders konnte man es nicht sagen. \u00bbRenitenter Aufwiegler\u00ab war noch die harmloseste Beschimpfung, die er in Erinnerung hatte. Eine Viertelstunde erbrach Sukow seine W\u00f6rter. Er redete nicht, er schleuderte sie nicht hinaus, er erbrach sie, eines nach dem anderen \u00fcber dem mi\u00dfliebigen Sch\u00fcler.<br \/>\nNachdem Sukow seinen ganzen Ekel \u00fcber des Sch\u00fclers Ulrich Bernows renitente Frage in Worten erbrochen hatte, wirkte die einsetzende Stille noch beklemmender als der scheinbar endlose heftige Wortschwall zuvor. Ihrer aller \u00dcberzeugung nach war er in der ganzen Schule geh\u00f6rt worden. Sie hielten ihre Blick gesenkt, wagten weder zu Sukow aufsehen, und schon gar nicht einen verstohlenen Blick nach ihrem Mitsch\u00fcler Ulrich zu werfen, dem Urheber dieser \u203apeinlichen\u2039 Szene, um nur ja jeden Verdacht einer stillen \u00dcbereinstimmung mit ihm von sich zu weisen. Sie waren nur froh, da\u00df nicht einer von ihnen diese Tortur verursacht hatte.<br \/>\nNach einer Pause, w\u00e4hrend der er neue Kr\u00e4fte sammelte, f\u00fcgte Sukow mit einer Ruhe hinzu, die erschreckender war als seine ganze Heftigkeit zuvor, begleitet von einer offenen Drohung, es m\u00fcsse dem Sch\u00fcler Ulrich Bernow wohl einleuchten, wie er mit seiner zersetzenden \u00c4u\u00dferung, seine Zukunft, wenn schon nicht g\u00e4nzlich zerst\u00f6rt, so doch nicht unerheblich beeintr\u00e4chtigt habe. Man w\u00fcrde ihn von nun an strengstens im Auge behalten m\u00fcssen, damit er nicht Gefahr liefe, ein Volksfeind zu werden, denn er habe schlie\u00dflich durch seine Frage gezeigt, in der zwar noch die Unwissenheit der Jugend mitsprach &ndash; die einzige Entschuldigung f\u00fcr sein Handeln &ndash;, da\u00df er aber den Keim des Konterrevolution\u00e4rs bereits in sich trage.<br \/>\nEs verging einige Zeit, ehe seine Mitsch\u00fcler sich wieder trauten mit ihm in aller \u00d6ffentlichkeit zu sprechen. Die Angst, selbst Opfer von Repressalien zu werden, hatte sie davon abgehalten. Ulrich dagegen hatte das ganze Aufheben um seine Person nicht verstanden. Er f\u00fchlte sich nur von allen mi\u00dfverstanden und gekr\u00e4nkt.<br \/>\nDa\u00df Ulrich trotz der Schikanen, denen er sich danach von Sukow ausgesetzt sah, jedes Jahr versetzt wurde, verdankte er zu einem nicht unbetr\u00e4chtlichen Teil der Abneigung, die die Mehrheit der Lehrerschaft ihrem Direktor Sukow gegen\u00fcber hegte. Manch einer von ihnen h\u00e4tte sich lieber selbst auf dessen Posten gesehen. Ulrichs Versetzungen gaben ihnen eine M\u00f6glichkeit an die Hand, sich ein wenig an Sukow r\u00e4chen.<br \/>\nDoch nicht allein im Kollegium war Sukow gef\u00fcrchtet, sondern im ganzen Ort, da er auch im <i>Rat der Gemeinde<\/i> eine nicht unerhebliche Rolle spielte. Ihm haftete der Ruf an, ein Einhundertzehnprozentiger zu sein. Da\u00df er bereits zweimal pers\u00f6nlich vom Genossen Erich Honecker empfangen worden war, st\u00e4rkte seinen Nimbus nicht unerheblich. Der Genosse Honecker soll sich beide Male sehr lobend \u00fcber ihn ge\u00e4u\u00dfert haben, dar\u00fcber waren sich alle einig. Viele sahen Sukow darob schon in der Volkskammer sitzen, die K\u00fchnen in ihm sogar ein neues Mitglied des Politb\u00fcros, aber alle h\u00e4tten ihn am liebten weit weg von ihrem geliebten Waldeneck gesehen.<br \/>\nSeit jenem denkw\u00fcrdigen Tag schien der Sch\u00fcler Ulrich Bernow f\u00fcr Sukow nicht mehr zu existieren. Sukow blickte durch ihn hindurch, wenn er seine Stunden in Bernows Klasse gab. Ja, er gab ihm nicht einmal mehr Noten. Zu Hause schwieg man Ulrichs Vergehen einfach tot, ging davon aus, da\u00df die Wogen sich mit der Zeit von allein gl\u00e4tten w\u00fcrden.<br \/>\nJedoch traf ihn nach der Schule Sukows Macht ungehindert. Ihm wurde die gew\u00fcnschte technische Ausbildung im \u203aVEB-Seifen-Kombinat-Waldeneck\u2039, dem gr\u00f6\u00dften Betrieb im Ort, mit der lapidaren Begr\u00fcndung verweigert, da\u00df sein Abschlu\u00dfzeugnis leider nicht ausreichend genug sei. Kein weiteres Wort der Erkl\u00e4rung. Er wurde statt dessen der Reinigungskolonne zugeteilt und dort verblieb er auch.<br \/>\nSchnell wurde in Ulrich die Vermutung zur Gewi\u00dfheit, Sukow w\u00fcrde ihn, so lange er lebte, seine Verachtung sp\u00fcren lassen. Nicht nur darum reifte in ihm der Wunsch nach \u203aDr\u00fcben\u2039 zu fliehen. Die Grenze war ja so nahe. Die Waldeneckner kannten sie bald besser als die Grenzsoldaten, die in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden ausgewechselt wurden.<br \/>\nEr teilte seine Fluchtgedanken keinen mit, aus Angst vor den Stasi-Spitzeln, die augenscheinlich \u00fcberall lauerten, den gew\u00f6hnlichen Denunzianten, vor denen man nicht einmal innerhalb der eigenen Familie sicher sein konnte, und aus Furcht vor Repressalien, die am Ende die ganze Familie betrafen, stellte sich heraus, da\u00df sie etwas gewu\u00dft oder gar nur geahnt und den Beh\u00f6rden verschwiegen hatten.<br \/>\nVon seinem Zimmer im ersten Stock des elterlichen Hauses aus konnte er in der Ferne die Spitze des Wachturms ausmachen, der einsam drohend emporragte. Nachts drang oft das Gebell der Hunde, die die Soldaten auf ihren G\u00e4ngen begleiteten, bis zu ihnen hin\u00fcber. Im Ort ging das Ger\u00fccht, die Hunde seien derart scharf gemacht worden, um auf Kommando ohne weiteres einen Menschen zu zerrei\u00dfen, ohne da\u00df dieser sich \u00fcberhaupt zu wehren in der Lage sei.<br \/>\nAuf diesem Abschnitt hatte bisher noch keiner einen Fluchtversuch gewagt. Das Gel\u00e4nde war nie vermint worden und niemals waren hier Selbstschu\u00dfanlagen montiert gewesen. Deswegen rechnete er sich gute Chancen auf ein Gelingen aus. Er hoffte, die W\u00e4chter waren durch diesen Umstand weniger aufmerksam, als an einem Abschnitt, wo es schon Zwischenf\u00e4lle gegeben hatte.<br \/>\nJedoch verstrichen von der Idee bis zu ihrer Durchf\u00fchrung mehrere Jahre. Er benahm sich unauff\u00e4llig, ordnete sich im Betrieb bereitwillig unter und leistete seinen Dienst in der NVA brav ab. Er hoffte, sie k\u00e4men so davon ab, in ihm einen \u203aAufwiegler\u2039 zu sehen, aber mehr noch, da\u00df Sukow ihn irgendwann vergessen w\u00fcrde.<br \/>\nUlrichs Spazierg\u00e4nge f\u00fchrten ihn h\u00e4ufig in die N\u00e4he der Grenze, so nah, wie es Zivilpersonen erlaubt war. Gesch\u00fctzt durch den kleinen angrenzenden Wald versuchte er, die Gewohnheiten der Grenzsoldaten auszukundschaften und eine f\u00fcr sie schwer einsehbare Stelle zu entdecken, wo eine Flucht am ehesten gelingen konnte. Doch das war schwerer, als er sich vorgestellt hatte. Allein schon durch die gro\u00dfe Entfernung, die er immer zum Befestigungszaun einhielt &ndash; er traute sich nicht n\u00e4her heran, aus Angst vor einer Entdeckung durch die Grenzstreife und da\u00df so seine Flucht vereitelt w\u00fcrde, ehe er \u00fcberhaupt die M\u00f6glichkeit einer Chance gehabt hatte, sie zu verwirklichen &ndash;, war es kein leichtes Unterfangen. Es dauerte Wochen, ehe er eine Stelle ausgemacht hatte, wo er glaubte, es eines Tages relativ gefahrlos wagen zu k\u00f6nnen. Diese lag ein ganzes St\u00fcck vom Ort entfernt in einer kleinen Senke. Der Wald wuchs hier bedeutend dichter an den Zaun heran als an jedem anderen Punkt. Vom Wachturm aus konnte sie nicht eingesehen werden, dessen war er sich sicher. Auch die besa\u00dfen ihre nat\u00fcrlichen Grenzen. Sie hatten es zwar geschafft, eine der undurchdringlichsten Grenzen zu erbauen, die jemals von Menschenhand errichtet worden war, aber die Natur wies sie in <i>ihre<\/i> Grenzen. Fast schon ein kleines Gl\u00fccksgef\u00fchl machte sich in ihm \u00fcber diese Entdeckung breit.<br \/>\nVon nun an begab er sich h\u00e4ufiger in die N\u00e4he dieser Stelle. Im Schutze des Dickichts schaffte er es sogar, so nahe an den Zaun zu gelangen, wie nirgendwo sonst. Doch riskierte er es nur zweimal, sonst hielt er Distanz. Der Winter war f\u00fcr sein Vorhaben g\u00e4nzlich ungeeignet, das stand au\u00dfer Frage; die kahlen B\u00e4ume und Str\u00e4ucher boten zu wenig Sichtschutz. Er h\u00e4tte dann ebenso gut versuchen k\u00f6nnen, die Grenze beim Wachturm zu \u00fcberqueren. Die gr\u00f6\u00dften Aussichten auf Erfolg versprach eigentlich nur der Sommer. Die Nacht und der Schutz des Dickichts mu\u00dften ausreichen, ihn nahe genug heranzubringen. Das restliche St\u00fcck w\u00fcrde er auf dem Bauch kriechend zur\u00fccklegen m\u00fcssen, so wie sie es ihm bei der NVA beigebracht hatten. Dann schnell ein kleines Loch auf Bodenh\u00f6he in den Zaun schneiden, durchrobben und man war \u203aDr\u00fcben\u2039. Nun brauchte er nur noch zu laufen und vielleicht sammelten ihn schnell ein paar von den Grenzern auf der anderen Seite auf. Ihm war aufgefallen, da\u00df auch <i>die<\/i> recht oft an der Grenze entlangfuhren und nicht weniger aufmerksam waren wie die \u203aeigenen\u2039 Leute.<\/p>\n<p><i>Wie Ulrich seine Fluchtpl\u00e4ne umsetzt und ob er damit erfolgreich ist, kann unter<\/i> <b><a class=\"links\" href=\"?p=1792\">Der Fluchtversuch<\/a><\/b> <i>nachgelesen werden.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ruhig glitt der Zug auf den Gleisen dahin. Er sah bereits das achte Mal innerhalb der letzten Viertelstunde auf seine Uhr und dann wieder nach drau\u00dfen. Es war ein ungew\u00f6hnlich sonniger, jedoch k\u00fchler Novembertag. Der bla\u00dfblaue Himmel war wolkenlos. Die vor\u00fcberziehenden kahlen B\u00e4ume erschienen ihm wie schwarze Gerippe, stumme Zeugen einer vermeintlich besseren Zeit. 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