{"id":1796,"date":"2010-04-26T19:55:53","date_gmt":"2010-04-26T17:55:53","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1796"},"modified":"2026-04-11T19:08:56","modified_gmt":"2026-04-11T17:08:56","slug":"kurzes-50-die-folgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1796","title":{"rendered":"Kurzes #50 \u00b7 Die Folgen"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/titel\/20140223_010_800_2.jpg\" \/><\/p>\n<p><i>Der folgende Text ist der dritte und letzte Teil von:<\/i> <b><a class=\"links\" href=\"?p=1789\">Fluchtgedanken<\/a><\/b> <i>und<\/i> <b><a class=\"links\" href=\"?p=1792\">Der Fluchtversuch.<\/a><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten Stunden erwiesen sich als Steigerung dieses Alptraums. Zwar hatte er \u00fcberlebt, aber innerhalb der folgenden Tage, Wochen und Monate fragte er sich oft, ob es nicht besser gewesen w\u00e4re, wenn der Junge ihn einfach erschossen h\u00e4tte.<br \/>\nNachdem seine Wunde notd\u00fcrftig verbunden worden war &ndash; wohl damit er keine Blutstropfen auf dem Boden der Wachstube hinterlie\u00df &ndash;, wurde er in den Ort zur\u00fcckgebracht und vom dortigen Leiter der Vopo, einem feisten Menschen mit kahlem Sch\u00e4del, glattrasiertem ger\u00f6tetem Gesicht\u203averh\u00f6rt\u2039, der seine Uniform wie eine Auszeichnung trug und die makellos an ihm sa\u00df, als sei sie seine eigentliche Haut, obwohl sie sich \u00fcber seinem Bauch spannte. Ein leichter Alkoholgeruch ging von dem Mann aus.<br \/>\nDer Mann lie\u00df seinen Aggressionen freien Lauf. Er schrie Ulrich unentwegt an, als koste es ihn keine Kraft, als sei es sein gr\u00f6\u00dftes Vergn\u00fcgen. Ulrich achtete nicht auf den Inhalt der Worte, der nur eine endlose Folge von Klassenkampfparolen, Platit\u00fcden und Beschimpfungen war. F\u00fcr ihn war es kaum mehr als ein lautes unartikuliertes Br\u00fcllen ohne jeden Sinn und Nutzen.<!--more--><br \/>\nIrgendwann in den fr\u00fchen Morgenstunden &ndash; Ulrich hatte jedes Zeitgef\u00fchl verloren, er sah nur, wie die Morgensonne einen schmalen hellen Streifen auf den stumpfen und fleckigen Linoleumbelag warf &ndash;, h\u00f6rte der Mann mit seinem sinnlosen Br\u00fcllen auf. Er hatte sich offensichtlich ausgetobt, war erm\u00fcdet. Ulrich f\u00fchlte sich innerlich leer, ausgebrannt. Er dachte an nichts mehr. Ihm war egal, was weiter mit ihm geschah.<br \/>\nMan f\u00fchrte ihn in den Keller, in eine dunkle, k\u00fchle, feuchte, zugige und vollst\u00e4ndig geflieste Zelle. Selbst die Pritsche war ein gefliester Betonklotz. Alles roch nach Desinfektionsmitteln und f\u00fcr den Moment f\u00fchlte Ulrich sich in ein Schlachthaus versetzt. Er legte seinen m\u00fcden, schmerzenden und tauben K\u00f6rper auf die eiskalte harte Pritsche, erleichtert endlich ein wenig ruhen zu k\u00f6nnen und versuchte etwas zu schlafen.<br \/>\nIrgendwann im Laufe des Tages wurde er aus seiner Zelle geholt und in ein anderes Zimmer gef\u00fchrt, das sich aber kaum von dem unterschied, wo er das erste \u203aVerh\u00f6r\u2039 \u00fcber sich hatte ergehen lassen m\u00fcssen. Dort sa\u00dfen zwei aus Suhl eingetroffene Stasi-M\u00e4nner an einem leeren Tisch mit stumpf gescheuerter Platte.<br \/>\nSie schrien ihn nicht an. Ihr Verh\u00f6r, das wirklich eines war und keine endlose Aneinanderreihung von Beschimpfungen, verlief subtiler. Sie stellten seinen Fluchtversuch als eine un\u00fcberlegte Kurzschlu\u00dfhandlung dar, die rein menschlich betrachtet durchaus zu verstehen w\u00e4re, wenn es nicht die Gemeinschaft g\u00e4be, die er durch ein so egoistisches Verhalten, das sie doch in einer Gesellschaft wie der ihren, wo das Wohl des Kollektivs schlie\u00dflich \u00fcber den unwichtigen pers\u00f6nlichen Belangen des Einzelnen stand, kompromittiert habe. Im imperialistischen Westen, ja da konnten solche volksfeindlichen Handlungen gedeihen, aber sie waren dort auch alle dekadent und w\u00fcrden sich nicht mehr lange halten k\u00f6nnen, irgendwann w\u00fcrden auch die Werkt\u00e4tigen dort das erkennen und die kapitalistischen Ausbeuter zum Teufel jagen. So und \u00e4hnlich redeten sie endlos auf ihn ein.<br \/>\nMehrere Stunden hintereinander \u00fcbersch\u00fctteten sie ihn mit ihren Worten. Er glaubte, darin ertrinken zu m\u00fcssen. Sie sprachen abwechselnd, monoton, austauschbar, als h\u00e4tten sie jedes ihrer Worte lange einstudiert. Fast wie beil\u00e4ufig erkundigten sie sich nach seiner Familie, drangen zum Kern der Frage vor, wer ihm geholfen, ob seine Familie etwas von seinem Vorhaben gewu\u00dft haben k\u00f6nnte. Er verneinte alles, schwieg meist, seine Wunde brannte, sein ganzer K\u00f6rper schmerzte vom Liegen auf den kalten Fliesen, die Stelle, wo ihn der andere getreten hatte, f\u00fchlte sich taub an. Er war ersch\u00f6pft und hatte keine Lust mehr zu reden noch ihren Reden zuzuh\u00f6ren, die wie Treibsand waren, in dem er l\u00e4ngst unwiderruflich gefangen war.<br \/>\nSie verh\u00f6rten ihn stundenlang. Es war ihm, als ben\u00f6tigten sie keinerlei Schlaf. Man lie\u00df ihn kaum schlafen, brachte ihn nur f\u00fcr kurze Zeit in die kalte Zelle zur\u00fcck. Er verlor jedes Gef\u00fchl f\u00fcr die Zeit. Er wu\u00dfte nicht, ob er erst seit einigen Stunden oder gar schon seit vielen Tagen hier war, und er versank mehr und mehr in einen Treibsand aus Worten.<br \/>\nUnd irgendwann fand er sich im Verh\u00f6rzimmer der n\u00e4chsten Kreisstadt wieder. Wie er dort hingekommen war, wann sie ihn aus seiner Zelle geholt und ihn in ihren Wagen verfrachtet hatten, konnte er nicht mehr sagen. Er besa\u00df nur eine schemenhafte Erinnerung daran. Dort legten sie ihm ein mehrseitiges Papier vor, sagten ihm, es sei sein abgetipptes Gest\u00e4ndnis, das er nur noch zu unterschreiben br\u00e4uchte und dann w\u00fcrde man ihn in Ruhe lassen. Es sei nur zu seinem Besten, schlie\u00dflich habe er selbst ihnen ja alles bereitwillig erz\u00e4hlt. Er habe sie mit seinem Redeflu\u00df derart in Atem gehalten, da\u00df sie schon dachten, ihn zum Innehalten bewegen zu m\u00fcssen, da kein Ende abzusehen gewesen sei. In der Tat war das Protokoll sehr umfangreich. Es bringe nichts, wenn er ihnen nur unn\u00fctze Arbeit machen und sich weigern w\u00fcrde, das zu unterschreiben, was er selbst von sich gegeben hatte, damit w\u00e4re keinem gedient. Am Schlu\u00df unterschrieb er kraftlos &ndash; ihm war alles gleichg\u00fcltig geworden &ndash;, \u203asein\u2039 Gest\u00e4ndnis, in dem er sich selbst und in aller Konsequenz unter anderem der Republikflucht bezichtigte.<br \/>\nEr wurde in eine Zelle gebracht, die zwar eng und schmuddelig war, aber nicht ganz so zugig, wie die in Waldeneck, falls es wirklich noch in Waldeneck gewesen war.<br \/>\nMan lie\u00df ihn sich erst ein wenig erholen, ehe man ihm den Proze\u00df machte. Sogar einen Anwalt gedachten sie ihm zu, der ihn zweimal im Gef\u00e4ngnis besuchte.<br \/>\nUlrich hatte sich weit genug erholt, um wieder klare Gedanken fassen zu k\u00f6nnen. Aber er f\u00fchlte sich noch immer matt. Die Schu\u00dfwunde war l\u00e4ngst verheilt, der Junge w\u00fcrde gewi\u00df schon seine Belobigung erhalten haben. Und was hatte man mit seiner Familie gemacht? Das fragte er den Anwalt bei seinem ersten, nur kurz w\u00e4hrenden Besuch.<br \/>\n\u00bbWenn sie nichts mit Ihrem Vergehen zu schaffen haben, dann hat Ihre Familie auch nichts zu bef\u00fcrchten\u00ab, antwortete der Anwalt gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig.<br \/>\nUlrich f\u00fchlte, da\u00df es dem Mann gleichg\u00fcltig war, was mit seiner Familie geschah. Er konzentrierte sich nur auf seinen Part in diesem Possenspiel.<br \/>\nUlrich sagte nichts darauf, konnte sich jedoch sehr gut vorstellen, wie die Stasi seine Familie, seine wenigen Freunde mit Argusaugen \u00fcberwachte, sie sicherlich ausgiebig verh\u00f6rt hatte, wenn sie ihnen nicht gar mit kleineren Schikanen das Leben von nun an erschwerten. Er konnte sich gut vorstellen, wie sein Onkel Karl und seine Tante Grete mit Entsetzen auf seine Tat reagiert hatten. Onkel Karl sah sich von nun an sicherlich jeder M\u00f6glichkeit auf einen Posten im Rat der Gemeinde beraubt, sich gar schon aus der Partei ausgeschlossen. Sicherlich hatte er keine M\u00f6glichkeit ausgelassen, seinen Neffen in ein noch schlechteres Licht zu stellen, als es ohnehin schon der Fall war, nur damit er vor seinen Parteifreunden besser dastand.<br \/>\n\u00bbBekomme ich viel\u00ab, erkundigte Ulrich sich beim letzten Besuch des Anwalts vor dem Proze\u00df.<br \/>\n\u00bbSie haben sich immerhin der Republikflucht schuldig gemacht\u00ab, sagte der Anwalt, als h\u00e4tte Ulrich das schwerste Verbrechen begangen, das sich ein Mensch je vorzustellen in der Lage gewesen ist und das durch nichts gerechtfertigt werden kann. \u00bbAu\u00dferdem haben Sie ein Gest\u00e4ndnis unterschrieben, in dem Sie es zugeben. Sie haben sogar sehr ausf\u00fchrlich Ihre Beweggr\u00fcnde beschrieben, wie Sie die Flucht vorbereitet haben, wie Sie \u00fcber Jahre hinweg mit einer nahezu beispiellosen kriminellen Energie vorgegangen sind. Ich kann Ihnen gerne eine Kopie davon zeigen. Aber Sie wissen sicherlich am besten, was darin steht. Sie k\u00f6nnen schlie\u00dflich nicht behaupten, Sie w\u00fc\u00dften nichts mehr davon.\u00ab<br \/>\n\u00bbNichts von alledem wei\u00df ich\u00ab, sagte Ulrich m\u00fcde. Er war sich sicher, da\u00df der Anwalt die Wahrheit kannte. Er mu\u00dfte sie einfach kennen. Keiner kann jahrelang Anwalt in einem solchen System sein, wo doch nur sehr wenige \u00fcberhaupt eine Zulassung bekommen, und nicht wissen, was hinter den Kulissen ablief. \u00bbIch habe kein Wort von dem gesagt, was darin steht. Man hat mir am Ende der endlosen Verh\u00f6re einfach ein Dokument vorgelegt, das ich dann unterschrieb, um endlich meine Ruhe zu bekommen. In dieser Verfassung h\u00e4tte ich einfach alles unterschrieben, auch da\u00df ich Schuld am Hunger in der Dritten Welt bin.\u00ab<br \/>\n\u00bbDaran tr\u00e4gt einzig der imperialistische Westen die Schuld, weil er die dortigen Ressourcen r\u00fccksichtslos ausbeutet\u00ab, entgegnete der Anwalt voller Inbrunst.<br \/>\nUlrich winkte m\u00fcde ab.<br \/>\n\u00bbIch kann nur sagen, da\u00df nichts von dem, was in diesem Protokoll steht, der Wahrheit entspricht.\u00ab<br \/>\n\u00bbAuch nicht, da\u00df der Grenzposten Sie mehrmals anrief, stehenzubleiben und Sie nicht reagierten? Sie haben ihn sogar bedroht. Dabei ist er ein junger Mann und Sie ihm k\u00f6rperlich deutlich \u00fcberlegen. Doch er \u00fcberwand heldenhaft seine Angst und machte Sie mit einem Schu\u00df in die Wade kampfunf\u00e4hig.\u00ab<br \/>\nDer Anwalt sprach, als hielte er das Pl\u00e4doyer des Ankl\u00e4gers.<br \/>\n\u00bbEr hat sofort auf mich geschossen. Ich wundere mich heute noch, da\u00df er nur meine Wade traf. Er h\u00e4tte mich mit Genu\u00df umgebracht, dessen bin ich mir sicher. Womit h\u00e4tte ich ihn denn bedrohen sollen? Mit meinem Seitenschneider?\u00ab sagte Ulrich ohne jeden Sarkasmus.<br \/>\nF\u00fcr ihn waren die Grotesken an diesem Staat allt\u00e4glich geworden.<br \/>\n\u00bbEs steht Ihnen nicht zu, einen verdienten jungen Grenzsoldaten zu beleidigen. Sie k\u00f6nnen froh sein, da\u00df ich Ihr Anwalt bin und Sie es nur in meiner Gegenwart sagten\u00ab, ma\u00dfregelte ihn der Anwalt schroff. \u00bbSein unmittelbarer Vorgesetzter, ebenfalls ein verdienter Mann, best\u00e4tigt den Vorgang im Wortlaut. Und wem wird man mehr glauben? Einem verdienten Unteroffizier der Nationalen Volksarmee oder einem zwielichtigem Menschen wie Ihnen? Au\u00dferdem liegt eine eidesstattliche Aussage Ihres ehemaligen Lehrers und Schulleiters Sukow vor, wonach Sie schon als Sch\u00fcler mehrfach klassenfeindliche Gedanken ge\u00e4u\u00dfert haben. Das spricht auch nicht gerade f\u00fcr Sie. Und ihr Onkel, ein langj\u00e4hriges treues Parteimitglied, dessen Ansehen Sie mit Ihrem Verhalten, wie auch dem Ihrer ganzen Familie geschadet haben, erkl\u00e4rte, da\u00df Sie schon immer ein Einzelg\u00e4nger gewesen seien und mitunter reichlich dubiose Ansichten ge\u00e4u\u00dfert h\u00e4tten.\u00ab<br \/>\nUlrich unterlie\u00df eine Antwort darauf, es w\u00e4re sinnlos gewesen. Er mu\u00dfte dieses absurde Spiel, in dem die Regeln von den Herrschenden bestimmt wurden, mitspielen, er hatte keine Wahl.<br \/>\n\u00bbWarum gibt es eigentlich noch einen Proze\u00df, wenn meine Schuld ohnehin festzustehen scheint\u00ab, fragte er den Anwalt herausfordernd. \u00bbWarum \u00fcberbringt man mir nicht einfach die Nachricht, wie lange ich einsitzen mu\u00df?\u00ab<br \/>\n\u00bbAber Ihre Schuld mu\u00df doch erst noch bewiesen werden. Man kann doch keinen Menschen ohne ordentliches Verfahren einsperren. So etwas gibt es doch nur bei den Faschisten\u00ab, wies der Anwalt diese Unterstellung emp\u00f6rt von sich.<br \/>\nUlrich h\u00e4tte soviel dagegen einzuwenden gehabt, aber er unterlie\u00df es. Er f\u00fchlte sich nicht kr\u00e4ftig genug daf\u00fcr, und warum auch sollte er diesem Mann etwas erkl\u00e4ren, was der so viel besser wu\u00dfte? Ulrich schwieg und der Anwalt verlie\u00df ihn.<br \/>\nDer gesamte Proze\u00dfverlauf wirkte auf Ulrich einstudiert. Die Worte folgten monoton aufeinander, kaum voneinander zu unterscheiden. Es war schwierig, einen Sinn herauszulesen. Gelegentlich sprach man ihn an, er sagte auch irgend etwas, aber was es war, wu\u00dfte er selbst nicht. Obwohl Hauptbeteiligter an dieser Juristengroteske, f\u00fchlte er sich wie ein Unbeteiligter, der durch puren Zufall an diesen Ort gelangt war und sich nun gezwungen sah, einem skurrilen Schauspiel beizuwohnen. Alle im Saal bewegten sich wie eine Schar von, an unsichtbaren F\u00e4den gef\u00fchrter Marionetten. Die eigentlichen Spieler blieben in der Unendlichkeit des Dunkels verborgen. Am Ende dieser Farce wurde das Urteil verk\u00fcndet. Er achtete nicht einmal darauf, wie lange er eingesperrt werden sollte. Er war nur froh, da\u00df diese L\u00e4cherlichkeit endlich ein Ende gefunden hatte. Nach der Urteilsverk\u00fcndung glaubte er f\u00fcr einen Moment, jetzt w\u00fcrden sich alle Akteure im Saal erheben und sich vor einem imagin\u00e4ren Publikum verbeugen, welches ihnen f\u00fcr diese kurzweilige Posse stehende Ovationen zuteil werden lie\u00df. Doch nichts von alledem geschah, statt dessen erhob sich alles unter lautem St\u00fchler\u00fccken. Sein Anwalt r\u00e4umte seine Akten zusammen, sagte etwas zu Ulrich, auf das dieser nicht achtete und das wohl auch nicht des Beachtens wert war. Man brachte ihn wieder ins Gef\u00e4ngnis zur\u00fcck.<br \/>\nEin ganzes langes Jahr bildete eine feuchte, dunkle, schmuddelige, im Winter eiskalte und im Sommer br\u00fctendhei\u00dfe Zelle sein Heim. Er hatte offensichtlich Gl\u00fcck gehabt. Er hatte von Gef\u00e4ngnissen geh\u00f6rt, wo H\u00e4ftlinge in Zellen sa\u00dfen, in denen st\u00e4ndig kn\u00f6cheltief das Wasser stand und von anderen, in denen manchmal H\u00e4ftlinge im Nichts verschwanden.<br \/>\nDieses eine Jahr kam ihm endlos, wie eine Ewigkeit vor. Eigentlich waren alle seine Mith\u00e4ftlinge entweder wegen Republikflucht, weil sie offen Mi\u00dfst\u00e4nde anzuprangern versucht, weil sie unliebsame \u00c4u\u00dferungen \u00fcber die Partei und ihre F\u00fchrung abgegeben, weil sie jemanden auf dessen politischer Karriereleiter im Weg gestanden hatten und \u00e4hnlich absurden Beschuldigungen verurteilt und inhaftiert worden waren, sogenannten \u00bbVergehen gegen die sozialistische Gemeinschaft\u00ab. Ihre Verurteilungen beruhten auf \u00e4hnlich diffusen Anklagen und Gest\u00e4ndnissen, wie die seine. Nat\u00fcrlich hatten auch ihre Urteile schon vorher festgestanden. Von seinen politisch aufgekl\u00e4rteren Mitgefangenen &ndash; sie sa\u00dfen schlie\u00dflich wegen dieses Umstandes ein &ndash;, erfuhr er erst hier, da\u00df auch er ein politischer Gefangener war, denn ein wirkliches klassisches Verbrechen hatte er ja nie begangen. Er hatte niemanden bestohlen, was in einem Land schwierig war, in dem so ungef\u00e4hr alle das gleiche besa\u00dfen, ebensowenig gab es hier Bank\u00fcberf\u00e4lle, denn was h\u00e4tten die T\u00e4ter auch mit einer W\u00e4hrung anfangen sollen, f\u00fcr die sie sich nichts kaufen und mit der sie sich noch weniger ins Ausland absetzen konnten, um es dort zu verprassen, unbeachtet der Tatsache, da\u00df die dort f\u00fcrs geraubte Geld noch weniger bekamen als zu Hause. Raus kam doch kaum einer, daf\u00fcr war die Grenze zu gut bewacht, besser jedenfalls als sein Gef\u00e4ngnis. Und wenn es doch einer schaffte, dann hatte er in der Regel Gl\u00fcck gehabt, es an einem Abschnitt versucht zu haben, wo die Grenzer weggesehen hatten. Doch an welchem Abschnitt ein Grenzer wegsah und an welchem nicht, wu\u00dfte keiner. Und die Grenzer h\u00fcteten sich, es publik werden zu lassen, da\u00df sie bei einem Fluchtversuch absichtlich weggesehen oder wenn es nicht mehr ging, zumindest vorbeigeschossen, und somit in vielen F\u00e4llen dem Fl\u00fcchtling doch noch das Durchkommen nach \u203aDr\u00fcben\u2039 erm\u00f6glicht hatten. Das Gl\u00fcck hatte Ulrich leider nicht gehabt. Vielmehr hatte er noch Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck gehabt, da\u00df der Junge ihn erst lediglich an der Wade verletzt und dann gez\u00f6gert hatte, ein weiteres Mal zu schie\u00dfen.<br \/>\nUlrich glaubte, es nur seiner jugendlichen Gesundheit zu verdanken, da\u00df er dieses eine Jahr ohne gro\u00dfe gesundheitliche Folgen \u00fcberstand. Im Winter war es am schlimmsten gewesen. Die Zellen wurden kaum beheizt, der Atem kondensierte in der Luft, die Decken waren zu d\u00fcnn, um nachhaltig zu w\u00e4rmen. Mit von der K\u00e4lte klammen Fingern konnte man kaum etwas vern\u00fcnftig festhalten. Dennoch wurde es in den Zellen nie so kalt, da\u00df die Gefangenen Gefahr gelaufen w\u00e4ren, des Nachts in ihren eisigen, schlechten und unbequemen Betten zu erfrieren, daf\u00fcr war es wiederum zu warm. Die Gef\u00e4ngnisleitung wu\u00dfte, was sie den Insassen zumuten durfte.<br \/>\nUlrich war zuerst \u00fcberzeugt, da\u00df dieser Winter ewig w\u00e4hren w\u00fcrde. Jeder Tag zog sich endlos hin. Schon lange vor Sonnenaufgang wurden sie geweckt, harrten in ihren schlecht beleuchteten Zellen auf den beginnenden Tag. F\u00fcr die W\u00e4rter und die Leitung waren sie kaum mehr als Spielzeuge, Versuchsobjekte und nicht selten wurden sie auch zu medizinischen Experimenten mi\u00dfbraucht, keine auff\u00e4lligen, gro\u00dfen, doch darum oft nicht weniger abtr\u00e4glich f\u00fcr die Gesundheit. Davon blieb Ulrich aber verschont.<br \/>\nUlrich mu\u00dfte in den Augen seiner Bewacher ein ganz normaler Republikfl\u00fcchtling sein, dem dar\u00fcber hinaus keinerlei aufwieglerische Ambitionen nachzuweisen waren, trotz Sukows Beurteilung. Das entsprach der Wahrheit, denn er hatte sich zuvor nur sehr wenig Gedanken dar\u00fcber gemacht, was alles in der DDR nicht stimmte. Von der herrschenden Willk\u00fcr der F\u00fchrungsleute hatte er durch Sukow lediglich einen zarten Hauch vermittelt bekommen. Er wu\u00dfte, wie viele seiner Landsleute gar nicht, wie die Stasi jedes Telefongespr\u00e4ch \u00fcberwachte und jeden Brief las, der verschickt wurde, wie sie \u00fcber jeden eine Akte f\u00fchrten, der auch nur irgendwie und sei es durch eine, f\u00fcr andere unbedeutende kleinste Kleinigkeit aufgefallen war. Die Besuchsb\u00fccher, die viele Leute zu f\u00fchren hatten, waren da nur die Spitze des Eisberges.<br \/>\nMitten im Juli brachten sie ihn ohne Angabe von Gr\u00fcnden von einem Tag auf den anderen aus dem Gef\u00e4ngnis weg. F\u00fcr den Moment glaubte er, irgendwohin \u00fcberstellt zu werden, wo sie mit ihm machen durften, was sie wollten. Doch schnell stellte er fest, da\u00df dem nicht so war. Er wurde statt dessen neu eingekleidet und bekam seine wichtigsten Papiere. Auf seine Fragen, warum das alles und wohin man ihn brachte, erhielt er zun\u00e4chst nur einsilbige Antworten, aus denen er wenig herauslesen konnte. Sp\u00e4ter, als sie ihn mit dem Auto wegfuhren, sagten sie ihm, er w\u00fcrde aus der DDR ausgewiesen. Gr\u00fcnde daf\u00fcr gaben sie keine an.<br \/>\nSie fuhren mit ihm zu einem schwach frequentierten Grenz\u00fcbergang im Th\u00fcringer Wald. Ulrichs Herz klopfte heftig, als sie die Grenze erreichten. In wenigen Minuten w\u00fcrde er die Grenze \u00fcberqueren, die sich vor rund einem Jahr als un\u00fcberwindliches Hindernis f\u00fcr ihn entpuppt hatte. Seine beiden Begleiter sprachen kein Wort mit ihm. Es war hei\u00df und stickig in dem Lada. Die Grenzer winkten ihren Wagen heran. Der Fahrer hielt und zeigte ihnen seinen Ausweis. Ulrich war sich sicher, da\u00df sie informiert worden waren, denn der Grenzer warf nur einen kurzen Blick darauf, gr\u00fc\u00dfte milit\u00e4risch korrekt und lie\u00df sie passieren. Das stand so v\u00f6llig im Gegensatz zu den peniblen Kontrollen, die an dieser Grenze \u00fcblich waren und die bis zu einer v\u00f6lligen Demontage des Fahrzeugs f\u00fchren konnten. In Ulrich stieg wieder das Gef\u00fchl auf, ein beliebiger Statist in einer Posse zu sein, \u00e4hnlich seinem Proze\u00df.<br \/>\nDer Fahrer lie\u00df den Wagen langsam auf den Standstreifen im Niemandsland rollen. Sie mu\u00dften sich ungef\u00e4hr in der Mitte befinden, sch\u00e4tzte Ulrich. Vermutlich waren sie zu fr\u00fch gekommen, denn seine Begleiter schauten mit einem beruhigten Gesichtsausdruck auf ihre Uhren und h\u00fcllten sich weiterhin in Schweigen.<br \/>\nLange brauchten sie sich nicht zu gedulden. Ulrich sah, wie sich auf der anderen Seite ebenfalls der Schlagbaum \u00f6ffnete und eine gro\u00dfe dunkle West-Limousine ihnen langsam entgegenrollte und nur wenige Meter entfernt anhielt.<br \/>\nDer Mann, der neben Ulrich sa\u00df, wies ihn an, auszusteigen. Ulrich folgte mechanisch. Der Mann sagte ihm nur, w\u00e4hrend er Ulrich seine Tasche ausgeh\u00e4ndigte, er solle zu dem anderen Auto gehen. Alles weitere w\u00fcrden die ihm dann sagen.<br \/>\nUlrich ging unsicheren Fu\u00dfes die wenigen Schritte auf den anderen Wagen zu, seine Knie zitterten und fast schon glaubte er, er w\u00fcrde das kurze St\u00fcck nicht schaffen. Er h\u00f6rte, wie hinter ihm der Mann wieder einstieg. Der Motor des Ladas wurde gestartet und seine Begleiter fuhren zur\u00fcck.<br \/>\nNun stieg aus dem anderen Auto jemand aus. Ein gro\u00dfer junger, sportlicher, leger gekleideter Mann. Er schaute ihn freundlich an.<br \/>\n\u00bbWillkommen im Westen\u00ab, sagte er, nahm Ulrich seine Tasche ab und wies ihn an, einzusteigen.<br \/>\nIn diesem Auto herrschte eine angenehme Temperatur. Es mu\u00dfte eine Klimaanlage besitzen. Der Mann verstaute Ulrichs Tasche im Kofferraum, dann setzte er sich neben ihn. Der Fahrer startete den Motor und wendete. Die Grenzer auf dieser Seite hatten den Schlagbaum schon ge\u00f6ffnet und sie fuhren langsam hindurch.<br \/>\nJetzt war Ulrich im Westen, gegen harte Devisen freigekauft.<br \/>\nAls er in dem West-Auto sitzend, die Grenze in seinem R\u00fccken wu\u00dfte, atmete er erleichtert auf. Ein endlos geglaubter Alptraum schien ein Ende gefunden. Viel sprachen sie nicht auf der Fahrt mit ihm, doch freundlich waren sie, nichts von der Verbissenheit seiner eigenen Leute. Er war froh, ab jetzt endlich wieder ruhig schlafen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nHatte er sich zuerst in dem Glauben befunden, die Verh\u00f6re seien endlich Vergangenheit, so sah er sich bald eines Besseren belehrt. Nat\u00fcrlich vermittelten sie ihm hier im Westen nicht f\u00fcr einen Moment das Gef\u00fchl, es k\u00f6nne sich um ein Verh\u00f6r handeln. Sie boten ihm Kaffee an, waren insgesamt sehr freundlich und \u00fcberhaupt um sein Wohlergehen bem\u00fcht, setzten ihn nicht unter Druck und wiesen ihn darauf hin, er br\u00e4uchte nicht zu antworten, wenn er nicht wollte, aber dennoch war es ein Verh\u00f6r. Sie befragten ihn \u00fcber die Grenze bei Waldeneck, wo er verh\u00f6rt worden war, wie das Verh\u00f6r ablief, \u00fcber seine Verhandlung, \u00fcber das Gef\u00e4ngnis in dem er das Jahr verbracht hatte, wer dort noch einsa\u00df und weswegen, und so weiter und so fort. Er gab ihnen bereitwillig Auskunft, wissend, sie so am schnellsten los werden zu k\u00f6nnen, um endlich frei zu sein.<br \/>\nAuf seine Frage, warum sie denn Leute aus der DDR freikauften, gaben sie ihm zur Antwort:<br \/>\n\u00bbAus Humanit\u00e4t allein machen wir es nicht. Das w\u00e4re auch etwas \u00fcbertrieben, so dick haben wir es im Westen nun doch nicht. Wir machen es, um einen besseren Kontakt nach \u203aDr\u00fcben\u2039 zu bekommen. Au\u00dferdem k\u00f6nnen die Geld dringend gebrauchen\u00ab, f\u00fcgte der Mann mit einem ironischen Grinsen hinzu.<br \/>\nSie benachrichtigen seine Tante Hermine, die ein Jahr vor dem Mauerbau \u00fcber Berlin in den Westen gefl\u00fcchtet war und heute in einem kleinen Ort nahe Frankfurt lebte. Ihr Mann besa\u00df eine gutgehende Tischlerei. Weihnachten hatte sie ihnen immer gro\u00dfe Pakete mit hochwertigem Kaffee und echter Schokolade geschickt, nicht den Ersatz, den sie bei sich hatten. Gelegentlich schrieb sie ihnen auch einmal au\u00dferhalb der Festtage, Belangloses nur, man wu\u00dfte ja, wie die Stasi die Briefe aus dem Westen kritisch be\u00e4ugte und man wollte wenigstens auf diesen kleinen Kontakt zum Westen nicht verzichten, nicht auf die echte Schokolade, den guten Bohnenkaffee. Besucht hatte sie sie nie. Irgendwie fehlte ihr immer die Zeit dazu, auch hielt sie nicht viel vom Zwangsumtausch, der in ihren Augen eine reine Devisenbeschaffungsma\u00dfnahme darstellte.<br \/>\nAber sie waren bereit ihn aufzunehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Text ist der dritte und letzte Teil von: Fluchtgedanken und Der Fluchtversuch. &nbsp; Die n\u00e4chsten Stunden erwiesen sich als Steigerung dieses Alptraums. Zwar hatte er \u00fcberlebt, aber innerhalb der folgenden Tage, Wochen und Monate fragte er sich oft, ob es nicht besser gewesen w\u00e4re, wenn der Junge ihn einfach erschossen h\u00e4tte. 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