{"id":1975,"date":"2011-04-10T15:59:41","date_gmt":"2011-04-10T13:59:41","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1975"},"modified":"2026-04-11T19:21:01","modified_gmt":"2026-04-11T17:21:01","slug":"kurzes-54-begegnung-im-cafe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1975","title":{"rendered":"Kurzes #54 \u00b7 Begegnung im Caf\u00e9"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/titel\/20140812_0454_800_2.jpg\" \/><\/p>\n<p>Wohl oder \u00fcbel w\u00fcrde Marius das letzte St\u00fcck Weg laufen m\u00fcssen, wollte er nicht bis auf die Haut durchn\u00e4\u00dft werden. Im allgemeinen mochte er den Fr\u00fchlingsregen, aber nicht unbedingt, wenn er sich mittendrin und ohne Schirm befand. Diese praktische Erfindung lag wieder einmal dort, wo sie in einer solchen Situation nicht liegen sollte: bei ihm zu Hause in der Diele auf dem Schuhschrank. So konnte er ihn unterwegs zwar nirgendwo liegen lassen, doch daf\u00fcr war ihm jetzt eine kostenlose Dusche sicher.<br \/>\nNat\u00fcrlich war der Himmel bereits mit dichten grauen Wolken tief verhangen gewesen als er das Haus verlassen hatte. Zeichen genug zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob man denn nun das tragbare Regendach mitgenommen hatte und wenn nicht, noch einmal bequem umkehren konnte, um es zu holen. Doch wie dem meist so ist; man vertraut naiv auf sein mehr als zweifelhaftes Gl\u00fcck und fordert mit dieser Gleichg\u00fcltigkeit der Macht der Elemente gegen\u00fcber, diese geradezu heraus, einem zum ungez\u00e4hlten Male zu beweisen, da\u00df ihre eindeutigen Vorank\u00fcndigungen stets Ernst zu nehmen sind.<br \/>\nTrotz allem war ihm das Gl\u00fcck doch noch ein wenig hold, denn bevor sich die Schleusen g\u00e4nzlich \u00f6ffneten, hatte er sein Ziel erreicht und trat durch die Eingangst\u00fcr seines Stammbistros.<!--more--><br \/>\nHinter ihm ergossen sich jetzt wahre Sturzb\u00e4che. Auf dem Stra\u00dfenpflaster stand innerhalb von Augenblicken eine d\u00fcnne Wasserschicht, auf der die auftreffenden Tropfen gro\u00dfe Blasen bildeten. Schnell waren die Wege wie leergefegt. Jeder versuchte eiligst einen sch\u00fctzenden Unterstand zu finden. Schirme boten bei einem derartigen Wolkenbruch kaum noch einen hinreichenden Schutz. Die Reifen der Autos schleuderten wahre Font\u00e4nen auf die Gehwege, die Scheibenwischer kamen trotz h\u00f6chster Stufe nicht nach, die Windschutzscheiben einigerma\u00dfen blickfrei zu halten. In den Vertiefungen der abgefahrenen Fahrbahnteile bildeten sich schnell tiefe Pf\u00fctzen, durch die viele Fahrer gedankenlos ihre Vehikel lenkten und manchem ahnungslosen Passanten, der sich nicht schnell genug mit einem beherzten Sprung in Sicherheit bringen konnte, von oben bis unten beschmutzten.<br \/>\n\u00bbJa, es ist ein sehr feuchter Fr\u00fchling heuer\u00ab, empfing ihn Fran\u00c3\u00a7ois, der Wirt, der gerade die Espressomaschine neu beschickte.<br \/>\nMarius strich sich das Wasser aus den Haaren, zog die Jacke aus und h\u00e4ngte sie an den Kleiderst\u00e4nder.<br \/>\n\u00bbSehr feucht\u00ab, best\u00e4tigte Marius und trocknete mit einem Taschentuch seine Brillengl\u00e4ser. \u00bbWer jetzt nicht das Gl\u00fcck hat, einen einigerma\u00dfen gesch\u00fctzten Unterstand zu finden, der braucht heute abend kein Bad mehr.\u00ab<br \/>\n\u00bbOder eine gute Reinigung\u00ab, entgegnete Fran\u00c3\u00a7ois n\u00fcchtern und schlo\u00df den Deckel der Espressomaschine.<br \/>\nAuf jemanden, der ihn nicht kannte, konnte Fran\u00c3\u00a7ois schon als etwas humorlos erscheinen. Doch besa\u00df er sehr wohl Humor, aber einen schwer ergr\u00fcndbaren. Dar\u00fcber hinaus konnte sich wohl keiner, der ihn n\u00e4her kannte, vorstellen, da\u00df ihn irgend etwas oder irgend jemand ernsthaft aus der Ruhe bringen konnte. Er besa\u00df stets ein offenes Ohr f\u00fcr den Kummer seiner G\u00e4ste, konnte stundenlang zuh\u00f6ren, gab dabei selten mehr als ein gelegentliches interessiertes Kopfnicken von sich und verstand es meisterlich, immer den Rat zu geben, den der andere sich aus tiefstem Herzen gew\u00fcnscht hatte.<br \/>\nF\u00fcr Fran\u00c3\u00a7ois\u2019 Verhalten gab es zwei mehr oder weniger plausible Theorien: Erstens stammte er &ndash; zumindest nach eigenen Angaben, die bisher keiner widerlegen konnte &ndash;, aus einer alten Dynastie von Bistrowirten &ndash; es wurde gemunkelt, da\u00df einer seiner Vorfahren schon bei C\u00e4sars Einfall in Gallien in dritter Generation einen Gasthof betrieben haben soll, doch d\u00fcrfte das ins Reich der Sagen und Fabeln geh\u00f6ren &ndash;, verbrieft war lediglich, da\u00df sein Vater ein kleines Bistro bei Nantes besa\u00df, das dieser wiederum von seinem Vater \u00fcbernommen hatte, doch dann verlor sich die Spur im Dunkel der Geschichte. Fran\u00c3\u00a7ois selbst sah sich in jungen Jahren berufen, franz\u00f6sische Bistrokultur ins \u00f6stliche Nachbarland zu exportieren, und war damit bis heute sehr erfolgreich. Zum zweiten setzte sich die Mehrzahl seiner G\u00e4ste aus K\u00fcnstlern zusammen; einigen etablierten, wozu Marius seine eigene Person in aller Bescheidenheit z\u00e4hlen durfte, viele die noch am Anfang ihres Werdeganges standen und sich mehr mit dem Problem besch\u00e4ftigen mu\u00dften, woher sie n\u00e4chste Woche das Geld f\u00fcr ihre warmen Mahlzeiten nehmen sollten als mit ihrer Arbeit, und &ndash; das war wohl unvermeidlich &ndash; einige wenige, die sich gerne daf\u00fcr hielten, aber au\u00dfer nichtssagenden Reden \u00fcber sich st\u00e4ndig in der Schwebe befindlichen Projekten, die so diffus waren, da\u00df sie wohl selbst nicht wu\u00dften, wor\u00fcber sie eigentlich gerade sprachen, bisher nichts Erw\u00e4hnenswertes vorweisen konnten.<br \/>\n\u00bbOder die\u00ab, pflichtete Marius Fran\u00c3\u00a7ois bei und setzte die Brille wieder auf ohne die er nicht allzuviel klar und deutlich wahrnehmen konnte.<br \/>\nGl\u00fccklicherweise waren seine Bilder und Photographien stets klar und deutlich.<br \/>\n\u00bbDas gleiche wie \u00fcblich\u00ab, sagte Fran\u00c3\u00a7ois und putzte eine Lache von dem kleinen Rost der Maschine auf den die Tassen gestellt wurden weg.<br \/>\n\u00bbDasselbe wie immer\u00ab, best\u00e4tigte Marius und setzte sich an einen Tisch am Fenster.<br \/>\nMarius sa\u00df gerne am Fenster, beobachtete die Szenen, die sich in dieser schmalen Stra\u00dfe, ums\u00e4umt von H\u00e4usern die \u00fcberwiegend um Neunzehnhundert erbaut worden waren, abspielten. Sie war eher m\u00e4\u00dfig belebt, aber gerade deshalb bot sich dem aufmerksamen Betrachter manch interessante Szenerie. Die soziale Struktur &ndash; wissenschaftlich ausgedr\u00fcckt &ndash; war gemischt, wenn auch der Anteil jener mit k\u00fcnstlerischen Berufen \u00fcberdurchschnittlich hoch zu sein schien. Marius\u2019 ger\u00e4umiges Atelier, aus dessen gro\u00dfz\u00fcgigen Fensterfl\u00e4chen er eine gute Aussicht \u00fcber diesen Stadtteil besa\u00df, lag in einer kleinen Nebenstra\u00dfe, lediglich zweihundert Meter vom Bistro entfernt. Das Haus selbst war als eines der ersten dieses Viertels bereits in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erbaut worden und stand seit langem unter Denkmalschutz. Erst vor wenigen Jahren waren alle Installationen erneuert und eine moderne Gasheizung eingebaut worden. Wenn man den Erz\u00e4hlungen der \u00e4lteren Bewohner Glauben schenkte, dann hatten schon einige gro\u00dfe Kollegen das Atelier vor ihm bewohnt. Er mochte dieses Viertel, es besa\u00df Charme und Geschichte, nicht zuletzt, weil es zwei gro\u00dfe Kriege und vor allem die Erneuerungswut der Stadtplaner der F\u00fcnfziger und Sechziger Jahre nahezu unbesch\u00e4digt \u00fcberstanden hat. Sogar das Kopfsteinpflaster war immer noch der vorherrschende Stra\u00dfenbelag. Das Viertel selbst lag unweit des belebten Stadtzentrums und besa\u00df trotzdem etwas kleinst\u00e4dtisch Gem\u00fctliches. Einige Stra\u00dfen wurden noch von uralten Linden ges\u00e4umt und ein kleiner gepflegter Park bildete fast eine Art Dorfanger.<br \/>\n\u00bbHier, bitte, Ihr <i>caf\u00e9 au lait<\/i> und Ihre Waffeln. Sie wurden eben erst frisch gemacht.\u00ab Fran\u00c3\u00a7ois stellte beides vor ihm auf den Tisch.<br \/>\nDie dampfenden Waffeln gl\u00e4nzten von der hei\u00dfen Butter. Ihr Aroma zog schnell in Marius\u2019 Nase und verst\u00e4rkte die Vorfreude auf diesen Gaumenschmaus.<br \/>\n\u00bbDanke, Fran\u00c3\u00a7ois\u00ab, entgegnete er.<br \/>\n\u00bbIch habe einen Auflauf mit \u00c4pfeln im Ofen. Wenn Sie ein St\u00fcck m\u00f6chten? Ich wei\u00df doch, wie gerne Sie dergleichen m\u00f6gen\u00ab, f\u00fcgte er fast v\u00e4terlich hinzu.<br \/>\nMarius konnte in der Tat allem S\u00fc\u00dfen nur schwer widerstehen. Aber er \u00fcbertrieb es auch nie, denn es w\u00e4re ein zu hoher Preis f\u00fcr Naschsucht, wenn sich das in den ber\u00fchmten Jahresringen niederschl\u00fcge. Au\u00dferdem behielt so das Naschwerk seinen Reiz als etwas Besonderem.<br \/>\n\u00bbNat\u00fcrlich h\u00e4tte ich gerne ein St\u00fcck davon, das wissen Sie doch genau, Fran\u00c3\u00a7ois.\u00ab<br \/>\nMit einem Anflug der Zufriedenheit um die Mundwinkel widmete Fran\u00c3\u00a7ois sich wieder seinen \u00fcbrigen, im Augenblick nicht sehr zahlreichen G\u00e4sten.<br \/>\nIm hinteren Teil sa\u00df einsam an einem Ecktisch ein junger Romancier, der bereits mit einem begehrten Nachwuchspreis bedacht worden war, vertieft in die Korrektur von Druckfahnen, die sich im Zeitalter des DTP auf Computerausdrucke beschr\u00e4nkten. Am Nebentisch versuchten sich zwei junge Musiker dar\u00fcber einig zu werden, ob ein Akkord sich so oder anders vielleicht besser in die Harmonie eines neuen Liedes einf\u00fcgte. Unweit von ihm hatte sich ein stadtbekannter Karikaturist niedergelassen und arbeitete an einer Karikatur f\u00fcr die morgige Ausgabe einer etablierten Tageszeitung. Am Tisch gegen\u00fcber seinem sa\u00df ein P\u00e4rchen. Er, ein vielversprechender junger Maler, sie sein bevorzugtes Modell und derzeitige Lebensgef\u00e4hrtin. Ein h\u00fcbsches zartes Ding von zwanzig Jahren mit dunkelblonden Haaren und \u00fcppigen knallrot geschminkten Lippen. Sie hatte sich an seine Schulter gelehnt und schien zu schlummern, w\u00e4hrend er auf seinem Zeichenblock einige Skizze mit schnellen, sicheren Strichen anfertigte. Fran\u00c3\u00a7ois sp\u00fclte derweil and\u00e4chtig Gl\u00e4ser und Tassen und lie\u00df seinen Blick mit beinahe v\u00e4terlichem Stolz auf den Anwesenden ruhen.<br \/>\nEr machte sich \u00fcber die erste Waffel her und geno\u00df den <i>caf\u00e9 au lait<\/i>, der wie wohl alles was es bei Fran\u00c3\u00a7ois gab, unzweifelhaft eine Spezialit\u00e4t darstellte.<br \/>\nDer Wolkenbruch ging langsam in einen ausgiebigen Landregen \u00fcber. Die Stra\u00dfen belebten sich wieder. Die Regentropfen tanzten nur noch auf den Pf\u00fctzen. Die Menschen gingen mit hochgeschlagenen Kragen und aufgespannten Schirmen eilig ihrer Wege.<br \/>\nMarius wollte sich gerade an seiner zweiten Waffel laben, da erblickte er Annekathrin, wie sie die Stra\u00dfe \u00fcberquerte. Ungeachtet des Regens war sie ohne Schirm unterwegs. W\u00e4hrend es bei ihm die reine Schusseligkeit war, da\u00df er gew\u00f6hnlich den seinen zu Hause lie\u00df, war es bei ihr der Normalzustand. Marius war sich sogar sicher, da\u00df sie gar keinen besa\u00df. Regen machte ihr nichts aus. Es st\u00f6rte sie nicht, wenn sie na\u00df wurde. Ihr brauner Trenchcoat triefte vor N\u00e4sse. Sie mu\u00dfte schon l\u00e4nger in dem Wetter unterwegs sein. Sie hatte den Kragen hochgeschlagen, den G\u00fcrtel eng geschn\u00fcrt, was ihre schmale Taille und ihre \u00fcppige Brust nur noch mehr betonte, und die H\u00e4nde tief in den Taschen vergraben. Das rotbraune kurze lockige Haar klebte ihr am Kopf. Achtlos schritt sie mit ihren schwarzen hochhackigen Schuhen durch eine kleine Pf\u00fctze, die ihren Weg kreuzte. Ihre schwarzen Str\u00fcmpfe waren mit deutlich sichtbaren Dreckspritzern \u00fcbers\u00e4t. Zielsicher steuerte sie das Bistro an. Ob sie ihn schon erblickt hatte, konnte er nicht sagen. Sie besa\u00df die F\u00e4higkeit alles zu sehen, ohne da\u00df man sah, da\u00df <i>sie<\/i> es sah.<br \/>\nSie stie\u00df die T\u00fcr kraftvoll auf, sah sich nicht um, sondern entledigte sich sogleich des nassen Mantels, den sie achtlos an den Kleiderst\u00e4nder h\u00e4ngte, wo das herabtropfende Wasser eine Lache auf dem Boden bildete. Fran\u00c3\u00a7ois war ihre Ankunft nicht entgangen. Mehr aus H\u00f6flichkeit gr\u00fc\u00dfte sie ihn kurz und steuerte zielstrebig Marius\u2019 Tisch an. Sie setzte sich mit einer flie\u00dfenden Bewegung und schlug die langen muskul\u00f6sen Beine mit den schmalen Fesseln \u00fcbereinander, wobei, beabsichtigt oder nicht, bei ihr lie\u00df sich das nie sagen, ihr enger nicht sehr langer schwarzer Lederrock hochrutschte und viel Bein sehen lie\u00df.<br \/>\n\u00dcber acht Jahre kannten beide sich bereits, und noch immer empfand Marius in ihrer Gegenwart ein gewisses bet\u00f6rendes Kribbeln, das selbst weniger empfindliche Gem\u00fcter aus dem Konzept bringen konnte.<br \/>\n\u00bbLange nicht gesehen\u00ab, sagte sie statt eines Gru\u00dfes und bediente sich von seiner zweiten Waffel, die sie mit ihren schlanken feingliedrigen Fingern zerpfl\u00fcckte und st\u00fcckchenweise zwischen die vollen sinnlichen Lippen schob.<br \/>\n\u00bbWenn du eine ganze Woche als lang bezeichnest\u00ab, meinte er nur und beobachtete, wie seine Waffel ziemlich z\u00fcgig in ihrem Mund verschwand.<br \/>\n\u00bbEs gab einmal Zeiten, da erschien dir eine Trennung von mir von drei Stunden als lang\u00ab, meinte sie nur und leckte sich die Butter eindeutig lasziv von den Fingern.<br \/>\nAnschlie\u00dfend nahm sie einen langen Schluck von seinem <i>caf\u00e9 au lait<\/i>.<br \/>\nDamit hatte sie nat\u00fcrlich recht und er machte sich auch nicht die M\u00fche es zu leugnen.<br \/>\nWie zuf\u00e4llig streifte sie unter dem Tisch seine Wade mit dem Fu\u00df.<br \/>\n\u00bbWas darf ich Ihnen bringen\u00ab, erkundigte sich Fran\u00c3\u00a7ois bei Annekathrin.<br \/>\n\u00bbEinen Espresso.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch habe einen Apfelauflauf, frisch aus dem Ofen.\u00ab<br \/>\n\u00bbBringen Sie ihr auch ein St\u00fcck\u00ab, entschied er f\u00fcr sie.<br \/>\nEs handelte sich dabei um reinen Selbstschutz, denn sie konnte einem k\u00f6stlichen Naschwerk ebenso wenig widerstehen wie er, und ehe sie seine Portion ganz allein verschlang, sollte sie besser ihre eigene haben.<br \/>\n\u00bbJa, bringen Sie mir eine Portion, Fran\u00c3\u00a7ois\u00ab, war Annekathrin einverstanden.<br \/>\nFran\u00c3\u00a7ois zog sich zur\u00fcck.<br \/>\n\u00bbEs freut mich, da\u00df du dich immer noch um mein Wohlergehen bem\u00fchst\u00ab, sagte sie in einem Tonfall und mit einem Augenaufschlag, der Marius\u2019 Blutdruck gegen seinen Willen ansteigen lie\u00df.<br \/>\n\u00bbIch m\u00f6chte dich darauf aufmerksam machen, da\u00df du es warst, die einfach so von einem Augenblick auf den anderen verschwand und einen Monat lang nichts von sich h\u00f6ren lie\u00df\u00ab, stellte er richtig.<br \/>\nVor sechs Jahren hatten sie f\u00fcr mehr als zwei Jahre in seinem Atelier zusammengelebt und anfangs eine sehr sch\u00f6ne Zeit miteinander verbracht. In den Augen ihrer Freunde und Bekannten galten sie sogar als \u203aTraumpaar\u2039; der erfolgreiche junge Maler und die bildsch\u00f6ne rothaarige Galeristin. Doch dann war sie von einem Tag auf den anderen auf und davon, hatte die Galerie ohne ein erkl\u00e4rendes Wort ihrer Gesch\u00e4ftspartnerin \u00fcberlassen, weder dieser und schon gar nicht ihm gesagt, wo sie hinfuhr und war ebenso pl\u00f6tzlich wieder aufgetaucht als sei nichts gewesen. Bis heute wu\u00dfte niemand, wo sie gewesen war und vor allem was sie dort gemacht hatte.<br \/>\n\u00bbIch habe mich eben eingeengt gef\u00fchlt. Ich brauche nun einmal meine Unabh\u00e4ngigkeit. Das habe ich dir von Anfang an gesagt\u00ab, meinte sie lakonisch von einem leichten Achselzucken begleitet und sah an ihm vorbei nach drau\u00dfen.<br \/>\n\u00bbDie ich dir auch immer gelassen habe\u00ab, konterte er trocken.<br \/>\n\u00bbDas habe ich auch nie in Abrede gestellt\u00ab, sagte sie ruhig und strich sich eine nasse Locke aus der Stirn.<br \/>\n\u00bbDas wollte ich damit auch nicht sagen\u00ab, f\u00fchlte Marius sich mi\u00dfverstanden. \u00bbEs handelte sich lediglich um eine Feststellung.\u00ab<br \/>\n\u00bbAls solche habe ich es auch aufgefa\u00dft\u00ab, blickte sie ihn durchaus freundlich an.<br \/>\nWie nebenbei begann sie seine auf dem Tisch ruhende Rechte mit den Fingerspitzen zu streicheln. Er vermochte bis heute nicht zu sagen, wann sie etwas aus Gedankenlosigkeit tat, wann aus Kalk\u00fcl. Dabei war es ihm alles andere als unangenehm<br \/>\n\u00bbTrotzdem k\u00f6nntest du dir wenigstens angew\u00f6hnen, eine kurze Notiz zu hinterlassen, wenn du mich in aller Fr\u00fche verl\u00e4\u00dft\u00ab, warf er ihr zum ungez\u00e4hlten Male vor und hielt ihre Hand mit der Linken z\u00e4rtlich fest.<br \/>\nSie unternahm keinen Versuch sich seinem Griff zu entziehen.<br \/>\n\u00bbWas soll ich denn hinterlassen? <i>Es war sch\u00f6n mit dir, ich mu\u00df aber leider schon gehen<\/i>. So etwas in der Art? Da\u00df wir voneinander nicht lassen k\u00f6nnen und nach jeder Eskapade mit anderen Partnern wieder zueinander zur\u00fcckkehren, wissen wir. Auch da\u00df wir es sogar fertiggebracht haben miteinander zu v\u00f6geln, w\u00e4hrend wir jeder einen anderen Partner hatten. Auch wenn man es mir nicht wirklich glauben will; das war das erste Mal in meinem Leben, da\u00df ich wirklich fremdgegangen bin. Und so wie ich dich kenne, war es bei dir mit Sicherheit <i>dein<\/i> erster Seitensprung. Ebenso wei\u00dft du, wo ich wohne und ich wei\u00df, wo du wohnst. In diesem Zusammenhang darf ich dich daran erinnern, da\u00df auch du nur selten eine Notiz hinterl\u00e4\u00dft, wenn du <i>mich<\/i> verl\u00e4\u00dft.\u00ab<br \/>\n\u00bbAber immerhin hinterlasse ich eine Notiz\u00ab, sagte er mit ungewollter Sch\u00e4rfe.<br \/>\n\u00bbDas kann ich nicht in Abrede stellen, das stimmt\u00ab, erwiderte sie darauf k\u00fchl. \u00bbAber du mu\u00dft selbst zugeben, da\u00df sie nicht sehr geistreich sind. &ndash; <i>Es war ein wundervolles Erlebnis mit Dir, meine sch\u00f6ne Geliebte. Ich liebe dich noch immer sehr<\/i>. &ndash; Als Dichter h\u00e4ttest du damit kaum eine Chance, au\u00dfer vielleicht mit Groschenromanen.\u00ab<br \/>\n\u00bbWarum? Es klingt doch aufrichtig. Und wie du selbst sagst, bin ich kein Dichter.\u00ab<br \/>\n\u00bbZum Gl\u00fcck malst und photographierst du besser. W\u00fcrdest du so malen und photographieren, wie du deine kleinen Billets verfa\u00dft, dann h\u00e4tte ich bis heute nicht eines deiner Werke verkaufen k\u00f6nnen. Du w\u00e4rst einer von diesen M\u00f6chtegernk\u00fcnstlern, die viel \u00fcber diffuse Projekte reden, aber nicht einmal in der Lage sind, eine Visitenkarte ansprechend zu gestalten.\u00ab<br \/>\n\u00bbDu kannst einen manchmal ganz sch\u00f6n aufbauen\u00ab, war Marius leicht gekr\u00e4nkt und dr\u00fcckte vielleicht deshalb umso z\u00e4rtlicher ihre Hand.<br \/>\n\u00bbIch sage nur die Wahrheit. Und au\u00dferdem wei\u00df ich, da\u00df du konstruktive Kritik ganz gut einstecken kannst. &ndash; Himmel, jetzt schaue mich nicht aus treuen Hundeaugen an! Das pa\u00dft nicht zu dir, daf\u00fcr bist du viel zu selbstsicher. Da\u00df du mich liebst, wei\u00df ich. Das zeigst du mir nicht nur im Bett ausgiebig. Ich genie\u00dfe den Sex mit dir mehr als mit jedem anderen Mann und auch mancher Frau, die ich bis heute hatte. <i>Du<\/i> bist mir auch alles andere als gleichg\u00fcltig. Aber glaubst du wirklich, da\u00df es dadurch glaubhafter wird, wenn wir es uns st\u00e4ndig sagen? Besonders nach langen orgastisch befriedigen Liebesn\u00e4chten und -nachmittagen?\u00ab<br \/>\nEhe Marius darauf antworten konnte, kam Fran\u00c3\u00a7ois und brachte den Apfelauflauf. Marius war froh \u00fcber diese Unterbrechung, denn er h\u00e4tte nicht gewu\u00dft, was er Annekathrin darauf antworten sollte.<br \/>\n\u00bbNein, mein Lieber\u00ab, fuhr sie fort, als Fran\u00c3\u00a7ois sie allein gelassen hatte, ohne eine Antwort von ihm abzuwarten. \u00bbWenn du mich anschlie\u00dfend in die Arme nimmst, dann beweist mir das mehr, da\u00df du mich liebst als alle sch\u00f6nen Worte und Phrasen.\u00ab<br \/>\nSie trennte mit der Gabel ein St\u00fcck von dem dampfenden Apfelauflauf ab, Zimtduft stieg aus der F\u00fcllung empor, und schob es zwischen die vollen Lippen. Dabei massierte sie seine Wade ausgiebig mit ihrem Fu\u00df. Sie machte das stets, wenn sie sich irgendwo gegen\u00fcber oder nebeneinander sa\u00dfen und er hatte es immer gemocht.<br \/>\nMarius schaute aus dem Fenster, w\u00e4hrend er seine Portion a\u00df. Der Regen w\u00fcrde wohl noch etwas anhalten, aber in der grauen Wolkendecke zeigten sich bereits erste Strukturen. Die Passanten gingen mit aufgespannten Schirmen weniger eilig ihres Weges als noch vor einer dreiviertel Stunde. Der Regen schien als das unvermeidliche Tageswetter akzeptiert worden zu sein.<br \/>\n\u00bbIch komme mir manchmal selbst wie eine alte Schlampe vor, da\u00df ich nicht g\u00e4nzlich bei dir bleibe\u00ab, fuhr Annekathrin fast wie im Selbstgespr\u00e4ch fort. \u00bbDoch vielleicht machst du es mir auch zu leicht. Du wartest geduldig, bis ich wieder zu dir zur\u00fcckkomme, bist einfach zu nachsichtig. Deine durchaus berechtigten Zurechtweisungen sind einfach zu sehr von v\u00e4terlicher Nachsicht gepr\u00e4gt. Ganz gleich wie ich mich dir gegen\u00fcber benommen habe. Ich w\u00fcrde an deiner Stelle vermutlich anders reagieren.\u00ab<br \/>\n\u00bbDu vergi\u00dft, da\u00df ich dich bereits mehr als einmal quasi hinausgeworfen habe\u00ab, sah er sich gen\u00f6tigt zu bemerken, um nicht den Eindruck eines geduldigen Schafes noch zu verst\u00e4rken, obwohl ihre Beschreibung seiner Reaktionen weitgehend den Tatsachen entsprach.<br \/>\n\u00bbStimmt\u00ab, sagte sie und um ihre Mundwinkel spielte sich ein leicht am\u00fcsiertes L\u00e4cheln, w\u00e4hrend sie ein weiteres St\u00fcck von ihrem Apfelauflauf mit der Gabel abtrennte. \u00bb\u203a<i>Annekathrin, du gehst mir tierisch auf den Geist<\/i>\u2039, man kann durchaus als Rauswurf bezeichnen.\u00ab<br \/>\nSie mochte in diesem Moment so tun, als habe sie seinen Wutausbruch nicht wirklich ernst genommen, doch als er es seinerzeit gesagt hatte, war es ihr wirklich nahegegangen. Vor allem sein Nachsatz: \u203a<i>manchmal sind mir deine Ber\u00fchrungen einfach zuviel<\/i>\u2039, hatte sie tiefer getroffen als sie jemals zugeben w\u00fcrde. Sie hatte ihn im Sinne von; \u203a<i>ich ekle mich vor dir<\/i>\u2039 verstanden. Obwohl Marius nicht einen Augenblick daran gedacht hatte, ihr das zu verstehen zu geben. Es war ihm mehr herausgerutscht, getrieben aus einem Bed\u00fcrfnis nach Genugtuung. Er hatte damit in erster Linie seinen Wunsch nach vor\u00fcbergehender Distanz bekunden wollen. Ihn hatte einfach zum ungez\u00e4hlten Mal ihre Wankelm\u00fctigkeit genervt. Bereits eine Stunde nach diesem Streit, der wahrscheinlich der heftigste in ihrer Beziehung war, war er wieder in der Stimmung, ihr alles zu verzeihen und h\u00e4tte sie, w\u00e4re sie nur greifbar gewesen, mit offenen Armen empfangen.<br \/>\nSeit rund acht Jahren kannten sie sich und seitdem war sie auch seine Galeristin. Ein Zusammenhang bestand nicht, auch wenn es nach au\u00dfen hin so schien. Von ihr selbst und ihrer Gesch\u00e4ftspartnerin Johanna wu\u00dfte er, da\u00df er der erste und auch einzige K\u00fcnstler war, den sie vertraten, mit dem Annekathrin jemals eine sexuelle Beziehung gepflegt hatte. Zwar hatten es einige bei ihr versucht &ndash; es w\u00e4re auch eine Beleidigung ihr gegen\u00fcber gewesen, wenn nicht &ndash;, aber sie hat es immer verstanden, dergleichen mit K\u00fchle und Entschlossenheit schon im Ansatz zu ersticken, wof\u00fcr ihr im Nachhinein ihre K\u00fcnstler sogar dankbar waren.<br \/>\n\u00bbSo, Sie sind also der junge vielversprechende K\u00fcnstler, der mir so warm ans Herz gelegt worden ist\u00ab, waren ihre ersten Worte zu Marius gewesen.<br \/>\nEr war reichlich nerv\u00f6s mit seiner Mappe zu ihr in die Galerie gekommen. Ein junger K\u00fcnstler, der erst vor kurzem sein Studium beendet und schon w\u00e4hrend desselben mit seinen Arbeiten einige Aufmerksamkeit erregt hatte. Dieser junge Mann stand nun an einem warmen Junitag einer Frau gegen\u00fcber, die kaum \u00e4lter als er selbst war, die sich jedoch schon einen Namen als Galeristin erworben hatte und die ihm zudem noch so verf\u00fchrerisch wie die S\u00fcnde selbst erschien. Ihr kurzes enges Seidenkleid betonte ihre \u00fcppige B\u00fcste und ihre schmale Taille und hochhackige Schuhe lie\u00dfen ihre sch\u00f6nen zartbestrumpften Beine noch l\u00e4nger erschienen. Kurzes rotbraunes Haar umrahmte ein bildsch\u00f6nes Antlitz. Verst\u00e4ndlich wenn das einen jungen Mann aus dem Konzept brachte. Sie bemerkte es und l\u00e4chelte ihn aufmunternd an. Dann widmete sie sich seiner Mappe und kaum eine viertel Stunde sp\u00e4ter legte sie schon den Termin f\u00fcr seine erste Ausstellung fest. Und nach weiteren zwei Tagen fand er sich mit ihr in Bett seiner damaligen kleinen Wohnung wieder, die aus einem mittelgro\u00dfen Zimmer, einer kleinen K\u00fcche und einem ebenso kleinen Bad bestand und auf einen heimeligen Hinterhof, den er in unz\u00e4hligen Zeichnungen und Photos zu allen m\u00f6glichen Jahres- und Tageszeiten festgehalten hatte, hinausging. Dazwischen lagen lediglich ein gemeinsames Abendessen und zwei gesch\u00e4ftliche Termine. Wenn er sagte, da\u00df sie ihn verf\u00fchrt hatte wie einen sch\u00fcchternen J\u00fcngling, dann traf das relativ genau die Tatsachen und es war f\u00fcr ihn das bis dahin sch\u00f6nste Erlebnis mit einer Frau gewesen.<br \/>\n\u00bbWo warst du vergangene Woche\u00ab, brachte er das Gespr\u00e4ch wieder in Gang und verscheuchte damit die Erinnerungen.<br \/>\nSie hatten beide ihren Apfelauflauf fast vollst\u00e4ndig verdr\u00fcckt.<br \/>\nMarius sa\u00df in der \u00d6ffentlichkeit nicht gerne schweigend mit Annekathrin zusammen, das lie\u00df ihn zuviel \u00fcber sie, \u00fcber seine Beziehung zu ihr, \u00fcber sie beide nachdenken. Das Ergebnis war stets ein tiefer innerer Zwiespalt seinerseits.<br \/>\nNat\u00fcrlich war sie f\u00fcr ihn immer noch die Frau, die er wirklich begehrte, allen anderen vorzog und die er nie verlieren wollte, andererseits hatte die Zeit mit ihr jede Menge Narben auf seiner Seele hinterlassen, die zudem alle schlecht verheilt waren. Gelegentlich, wenn er sie zuf\u00e4llig mit einem anderen Mann sah, was jedoch nur selten vorkam, versetzte ihm das einen inneren Stich. Eifersucht war es aber nicht. Er wu\u00dfte, da\u00df sie sich nie wirklich trennen w\u00fcrden. Nein, es handelte sich mehr um ein Gef\u00fchl der Ausgeschlossenheit, das ihn befiel, da\u00df nun ein anderer, wenn auch nur f\u00fcr eine kurze Zeit, all die Streicheleinheiten vor ihr erhielt, die er so geno\u00df. Wobei das allerdings reine Spekulation war, denn er wu\u00dfte nicht, ob sie die anderen ebenso behandelte wie ihn. Oder ob sie, was sie ihm schon des \u00f6fteren zwischen den Zeilen mitgeteilt hatte, bei ihnen nur auf ihre eigene Befriedigung aus war und sie zusehen mu\u00dften, wie <i>sie<\/i> auf ihre Kosten kamen. Laut ihren eigenen Worten &ndash; und er hegte keine Zweifel daran, so gut kannte er sie mittlerweile &ndash; besa\u00df sie \u00fcber die Anzahl ihrer One-night-stands keinen \u00dcberblick mehr, w\u00e4hrend es ihm keine M\u00fche bereitete die seinen an den f\u00fcnf Fingern der rechten Hand abzuz\u00e4hlen. Lieber war ihm da schon, wenn er sie in Begleitung einer Frau sah, von der er annehmen konnte, da\u00df sie f\u00fcr den Augenblick ihre Geliebte war, was aber auch nicht h\u00e4ufiger vorkam. Er wu\u00dfte nicht, was sie dabei empfand, wenn sie <i>ihn<\/i> in Begleitung einer anderen Frau sah, denn sie lie\u00df nie ein Wort dar\u00fcber verlauten. Dabei erging es ihr kaum anders als ihm. Aber ihr Bed\u00fcrfnis nach Unabh\u00e4ngigkeit war einfach zu tiefsitzend. Oder waren es am Ende doch Bindungs\u00e4ngste? Lag es an dem Nebeneinanderherleben ihrer Eltern, die sich kaum noch etwas zu sagen hatten und das bereits solange Annekathrin denken konnte, sie sich sogar fragte, ob das Verh\u00e4ltnis zwischen ihren Eltern jemals anders gewesen war?<br \/>\n\u00bbWenn du gelegentlich einmal die Galerie aufsuchen w\u00fcrdest, dann w\u00fc\u00dftest du wo\u00ab, entgegnete sie schnippisch. \u00bbAber das meinst du sicherlich nicht. Wenn du es genau wissen willst; ich war mit dieser gro\u00dfen \u00fcppigen Br\u00fcnetten zusammen, mit der du auch schon einige Male dein Nachtlager geteilt hast.\u00ab<br \/>\n\u00bbCarina? Du warst mit Carina zusammen?\u00ab war Marius nun wirklich \u00fcberrascht, obwohl er den Grund nicht nennen konnte.<br \/>\n\u00bbJa, ich habe die letzte Woche meist mit Carina im Bett verbracht\u00ab, best\u00e4tigte sie und konnte einen leicht verkl\u00e4rten Blick nicht unterdr\u00fccken.<br \/>\nCarina war auch so eine Geschichte. Sie war eine sch\u00f6ne gro\u00dfe dunkelhaarige und erfolgreiche Journalistin, mit einem \u00fcppigen K\u00f6rper, bei dem aber jede Rundung an der richtigen Stelle war, mit endlos lang erscheinenden Beinen mit schmalen Fesseln, die durch ihre kr\u00e4ftigen muskul\u00f6sen Schenkel noch betont wurden. Eine elegante damenhafte Erscheinung dazu. Und \u203a<i>scharf wie tausend Russen<\/i>\u2039, wie Annekathrin einmal zu Marius gesagt hatte; eine Charakterisierung, die auch auf sie und ihn zutraf. Carina schrieb haupts\u00e4chlich \u00fcber Kulturelles und besa\u00df darin ein beachtliches Renommee.<br \/>\n\u00bbErlaube bitte\u00ab, hatte Marius sich wieder gefangen, \u00bbaber noch vor drei Tagen war sie die ganze Nacht bei mir gewesen.\u00ab<br \/>\n\u00bbDas Luder!\u00ab entfuhr es Annekathrin w\u00fctend, doch noch mehr am\u00fcsiert. \u00bbUnd sie verzog sich so schnell aus meinem Schlafzimmer, beteuerte mir glaubhaft, da\u00df sie noch unbedingt einen Artikel schreiben m\u00fc\u00dfte und daher nicht mehr l\u00e4nger bleiben k\u00f6nne.\u00ab<br \/>\n\u00bbWas trug sie denn als sie dich verlie\u00df\u00ab, hegte er einen bestimmten Verdacht und bem\u00fchte sich ein Grinsen \u00fcber Carinas Bubenst\u00fcck zu unterdr\u00fccken.<br \/>\n\u00bbOber- oder Unterbekleidung?\u00ab<br \/>\n\u00bbBeides.\u00ab<br \/>\n\u00bbHellblauer, spitzenverbr\u00e4mter BH, passendes Seidenhemdchen, wei\u00dfe Str\u00fcmpfe, dar\u00fcber ein beiges Leinenkost\u00fcm, wei\u00dfe Seidenbluse und braune hochhackige Schuhe\u00ab, gab sie bereitwillig Auskunft, seinen Verdacht ahnend.<br \/>\n\u00bbDann ist sie von dir flugs zu mir gefahren. Denn sie trug genau <i>das<\/i>.\u00ab<br \/>\n\u00bbWarum \u00fcberrascht uns das eigentlich noch\u00ab, meinte Annekathrin belustigt. \u00bbSie unterh\u00e4lt nicht nur mit uns beiden ein lockeres Verh\u00e4ltnis, sondern das auch noch zur selben Zeit.\u00ab<br \/>\n\u00bbGib zu, da\u00df es der Sex mit ihr aber auch Wert ist. Ihr K\u00f6rper ist ein Traum von Sinnlichkeit, ihre \u00fcppigen schweren prachtvollen Br\u00fcste mit den gro\u00dfen rosigen Warzen laden zum Liebkosen auf jedwede Art einfach ein; ihre strammen Schenkel, ihr dichtes seidiges Haar will gar nicht oft genug gestreichelt sein. Sie duftet immer wie eine frische Sommerwiese, auch an einem hei\u00dfen Sommertag &ndash; genau wie du. Und sie gibt einem immer das Gef\u00fchl, als w\u00e4re man der einzige Liebhaber, den sie im Augenblick hat und bei dem sie wirklich Befriedigung findet\u00ab, geriet Marius mit verkl\u00e4rtem Blick ins Schw\u00e4rmen.<br \/>\n\u00bbDas ist wahr. &ndash; Wei\u00dft du, da\u00df ich mir schon oft gew\u00fcnscht habe, gemeinsam mit ihr und dir zu v\u00f6geln?\u00ab<br \/>\n\u00bbReizvoll w\u00e4re es, gewi\u00df. Aber ich glaube kaum, da\u00df sie daf\u00fcr zu gewinnen w\u00e4re. Sie zieht doch aus der Tatsache Nutzen, da\u00df wir nicht wissen, oder so tun als w\u00fc\u00dften wir nicht, da\u00df sie mit uns beiden mitunter gleichzeitig v\u00f6gelt.\u00ab<br \/>\n\u00bbAber dennoch sollte man mit der Guten einmal ein ernstes Wort reden\u00ab, meinte Annekathrin, weniger aus einem Anflug von Moral als aus leichtem \u00c4rger heraus, von Carina wieder einmal zum Besten gehalten worden zu sein, dabei war Carina gar keine Frau mit der man eine ernsthafte Beziehung haben konnte. Sie war so dauerhaft eine Beziehung mit ihrer Arbeit eingegangen, die sie zudem um die halbe Welt f\u00fchrte, das daneben alles andere zweitrangig war. Vermutlich besa\u00df wie ein Seemann in jedem Hafen jemanden.<br \/>\n\u00bbWarum? So ist es doch ganz gut. Au\u00dferdem w\u00fcrde sie alles abstreiten und uns durch ihre charmante Art \u00fcberzeugen, da\u00df <i>ihre<\/i> Sicht die einzig wahre ist.\u00ab<br \/>\n\u00bbVermutlich.\u00ab<br \/>\nAnnekathrin schaute geistesabwesend aus dem Fenster. Ihre Haare warfen sich beim Trocknen in Locken.<br \/>\nLangsam wuchs die Anzahl der G\u00e4ste. Fran\u00c3\u00a7ois hatte alle H\u00e4nde voll zu tun. Der junge Romancier war immer noch mit der Korrektur besch\u00e4ftigt. Die beiden Musiker hatten ihr Problem offenbar gel\u00f6st und die Freundin des Malers schlummerte noch immer an seine Schulter gelehnt.<br \/>\n\u00bbF\u00fcr dein Bild <i>Traurige Geliebte<\/i> haben wir drei Interessenten\u00ab, sagte Annekathrin ohne den Blick vom Fenster abzuwenden.<br \/>\n\u00bbAuf einmal\u00ab, war das wirklich einmal eine \u00dcberraschung. Marius hatte wieder begonnen, ihre Rechte sanft zu streicheln. \u00bbSeit einem dreiviertel Jahr h\u00e4ngt es doch jetzt schon bei euch. Und keiner schien bisher Interesse daran zu zeigen.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch sagte dir gleich, da\u00df es zu eigenwillig ist, selbst f\u00fcr dich. Allein schon der Titel! Was wolltest du eigentlich mit der <i>Traurigen Geliebten<\/i> sagen? Die \u00c4hnlichkeit mit mir ist nat\u00fcrlich kaum zu \u00fcbersehen. Das ist bisher keinem entgangen. Doch kann ich mich nicht unbedingt damit identifizieren, was wohl von dir auch nicht beabsichtigt worden ist. &ndash; Ich mag es, wie du meine Hand streichelst.\u00ab<br \/>\n\u00bbMir fiel der Titel einfach so ein. Wohl auch weil du, als ich es dir das erste Mal zeigte &ndash; die Farben waren noch feucht &ndash;, ein wenig traurig in meinen Augen erschienst.\u00ab<br \/>\n\u00bbAuch eine Erkl\u00e4rung\u00ab, meinte sie achselzuckend. \u00bbWenn du immer auf diese Weise an deine Bildtitel kommst, dann d\u00fcrfte einen gar nichts mehr wundern. &ndash; Aber nun liegen drei Gebote vor, eigentlich sind es mehr Kaufabsichten, aber ich bin mir sicher, da\u00df zumindest einer es erwerben wird. Ich habe ihnen eine Frist bis morgen elf Uhr gegeben, mir ein Angebot zu nennen. Wenn wir Gl\u00fcck haben, liegt es deutlich \u00fcber dem beabsichtigen Preis.\u00ab<br \/>\n\u00bbDie gesch\u00e4ftliche Seite ist mir doch gleich, die wei\u00df ich bei euch in den besten H\u00e4nden.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch w\u00fcrde gerne wieder einmal mit dir v\u00f6geln und ich verspreche dir auch, da\u00df ich diesmal nicht so schnell wieder verschwinde.\u00ab<br \/>\n\u00bbNat\u00fcrlich w\u00fcrde ich auch gerne mit dir, das wei\u00dft du doch! Du hast die sch\u00f6nste M\u00f6se, die je eine Frau ihr eigen nannte. Sie gef\u00e4llt mir sogar besser als Carinas, deren ohne Zweifel auch eine Augenweide ist.\u00ab<br \/>\n\u00bbDu hast die meine auch schon oft genug gemalt und photographiert wie auch die Carinas. Und einige dieser Bilder haben sich bestens verkauft, meist an Frauen. &ndash; Carinas ist auch wirklich eine Sch\u00f6nheit, das mu\u00df der Neid ihr lassen.\u00ab<br \/>\n\u00bbDas sage ich doch!\u00ab<br \/>\n\u00bbDarum k\u00f6nnen wir beide auch so schlecht die Finger von ihr lassen\u00ab, wandte Annekathrin sich wieder ihm zu, um dann das Thema zu wechseln. \u00bbManchmal meine ich, da\u00df deine Photoarbeiten besser gehen als deine Bilder. Aber Johanna besitzt da einen besseren \u00dcberblick. In Buchhaltung ist sie einfach ein As. Ohne sie h\u00e4tte die Galerie l\u00e4ngst nicht einen so guten Stand. &ndash; Meine Arbeit \u00fcber deinen ersten Photozyklus ist \u00fcbrigens mit Lob aufgenommen worden.\u00ab<br \/>\n\u00bbDas freut mich f\u00fcr dich. Schlie\u00dflich kennt mich niemand besser als du.\u00ab<br \/>\n\u00bbVon Carina einmal abgesehen. Doch ist <i>dieses<\/i> Wissen dabei nicht so sehr gefragt\u00ab, entgegnete Annekathrin trocken von einem anz\u00fcglichen Grinsen begleitet. \u00bbAber da ich viele deiner Arbeiten schon w\u00e4hrend ihrer Entstehung kennenlernen konnte, ist es f\u00fcr mich nat\u00fcrlich leichter als f\u00fcr andere, das stimmt schon. &ndash; Warum bist du damals nicht mit Carina zusammengeblieben?\u00ab<br \/>\n\u00bbDas ist jetzt mehr als zehn Jahre her und hat schon mehr als ein Jahr vor <i>unserer<\/i> ersten Begegnung geendet. Ich wei\u00df selbst nicht genau, aus welchem Grund wir uns trennten. Sie war halt schon immer unbest\u00e4ndig, was Beziehungen betrifft. Sie verdiente sich damals ihr Studium als Aktmodell. Eigentlich war sie es, die mich seinerzeit nach einer Zeichenstunde ansprach. Es war auf jeden Fall eine sch\u00f6ne Zeit, eine richtige Jugendliebe. Wir hatten beide kaum Geld und man verbrachte deshalb notgedrungen gemeinsame Abende mit einer Flasche billigen Roten in den eigenen vier W\u00e4nden statt in einem gem\u00fctlichen Lokal. Wobei man auf diese Weise nat\u00fcrlich Dinge machen konnte, die in einem gem\u00fctlichen Lokal nicht so recht angebracht w\u00e4ren\u00ab, f\u00fcgte Marius mit einem breiten Grinsen hinzu, das Annekathrin zu einem Schmunzeln veranla\u00dfte. \u00bbDann sahen wir uns einige Zeit nicht. Den Rest kennst du ja.\u00ab<br \/>\n\u00bbW\u00fcnschen Sie noch etwas\u00ab, erkundigte sich Fran\u00c3\u00a7ois, der wieder an ihren Tisch getreten war.<br \/>\nEr r\u00e4umte die leeren Teller weg.<br \/>\n\u00bbIch habe genug\u00ab, sagte Marius. \u00bbUnd du, Annekathrin?\u00ab<br \/>\n\u00bbIch auch, danke. Der Apfelauflauf war einfach k\u00f6stlich, Fran\u00c3\u00a7ois.\u00ab<br \/>\n\u00bbDas freut mich\u00ab, erwiderte Fran\u00c3\u00a7ois und entfernte sich.<br \/>\n\u00bbHast du gesehen? Er ist zufrieden, da\u00df wir hier eintr\u00e4chtig beisammen sitzen\u00ab, sagte sie, nachdem er au\u00dfer H\u00f6rweite war und beugte sich leicht vor.<br \/>\n\u00bbJa\u00ab, meinte er mit einem tiefen Seufzer.<br \/>\n\u00bbWarum so tr\u00fcbsinnig\u00ab, fragte Annekathrin z\u00e4rtlich und streichelte ihm die linke Wange.<br \/>\n\u00bbWeil es mir trotz allem lieber w\u00e4re, wenn die Zeiten unserer Harmonie dauerhafter w\u00e4ren\u00ab, klang es fast trotzig.<br \/>\n\u00bbDas haben wir doch schon etliche Male durchdiskutiert. Wenn wir zu lange zusammenleben, gehen wir uns irgendwann derart auf die Nerven, da\u00df es in einer verfahrenen Situation endet. Ich will dich nur an die beiden Jahre unseres Zusammenlebens erinnern. Manche unserer Dispute standen kurz davor, in Handgreiflichkeiten auszuarten. Und wenn ich mich recht entsinne, dann habe ich dich sogar einmal geschlagen. Wir k\u00f6nnen einfach auf Dauer nicht friedlich zusammenleben, nicht auf engem Raum. In einer gro\u00dfen Villa, vielleicht, wo sich jeder so weit vom anderen zur\u00fcckziehen kann, da\u00df wir uns f\u00fcr einige Zeit nicht \u00fcber den Weg laufen m\u00fcssen, wenn wir es nicht unbedingt wollen. Doch dein Atelier ist wie meine Wohnung zu klein f\u00fcr uns beide. Wir sind eben beide zu eigenwillige Pers\u00f6nlichkeiten. Das bei\u00dft sich irgendwann. Wir brauchen getrennte Wohnungen und Freir\u00e4ume. Und ich ben\u00f6tige ab und an auch sexuell eine Abwechslung. Nur noch einen Liebhaber bis ans Ende meiner Tage zu haben, liegt mir einfach nicht. Eine schnelle Abnutzung w\u00e4re die Folge. Und nur in gegenseitiger Achtung zu leben, ist nicht meine Sache. Gib zu, selbst du brauchst ab und zu eine andere Frau, und wenn es sich nur um Carina handelt.\u00ab<br \/>\n\u00bb<i>Nur<\/i> wird ihr ja wohl ganz nicht gerecht\u00ab, stellte Marius leicht am\u00fcsiert richtig. \u00bbAber ansonsten hast du recht. Au\u00dferdem habe ich deine Ohrfeige auch selbst provoziert. Ich h\u00e4tte dich neben nicht eine\u2026\u00ab<br \/>\n\u00bbSage es nicht\u00ab, legte sie einen Finger auf seinen Mund. \u00bbEs hat uns beide getroffen, das m\u00fc\u00dfte gen\u00fcgen. Ich habe dich zuvor aber auch ganz nett beleidigt. Keiner hat dem anderen etwas geschenkt. Wahrscheinlich mu\u00df man einander viel bedeuten, um sich vom anderen derart getroffen f\u00fchlen zu k\u00f6nnen. Wir sollten \u00fcber unsere Gef\u00fchlsausbr\u00fcche, \u00fcber die Tr\u00e4nen die wir vergossen haben, besser den Mantel des Vergessens breiten. Mit Ruhm haben wir uns in dieser Hinsicht wahrlich nicht bekleckert, sondern ausschlie\u00dflich mit Peinlichkeiten.\u00ab<br \/>\n\u00bbWahrscheinlich. &ndash; Wollen wir ein wenig im Park spazieren gehen? 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