{"id":1979,"date":"2011-04-16T21:39:51","date_gmt":"2011-04-16T19:39:51","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1979"},"modified":"2026-04-11T19:24:09","modified_gmt":"2026-04-11T17:24:09","slug":"kurzes-55-angste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1979","title":{"rendered":"Kurzes #55 \u00b7 \u00c4ngste"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/titel\/176_0007.jpg\" \/><\/p>\n<p><i>Die Angst ist ein gef\u00e4hrliches Raubtier, das geduldig auf den Moment lauert, in dem sein Opfer am ahnungslosesten ist, um dann gnadenlos zuzupacken.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Leuchtziffern des Radioweckers zeigten 2:52 Uhr. Holger versuchte sich zu erinnern, was ihn geweckt hatte. Soweit er sich entsinnen konnte, waren seine Tr\u00e4ume reichlich konfus gewesen. Er war aus einem erwacht, der irgendeinen Bezug zu einem l\u00e4ngst vergangenen Abschnitt seines Lebens besa\u00df. Er wollte aufstehen, doch schien es, als dr\u00fccke ihn die unsichtbare Hand eines Riesen aufs Bett. Er war nicht in der Lage, auch nur ein Glied zu regen, obwohl er nicht den Eindruck besa\u00df, pl\u00f6tzlich von einer L\u00e4hmung befallen worden zu sein. Er versuchte sich gegen diesen Druck zu stemmen, denn das Gef\u00fchl, unter dem Druck der Riesenhand zu ersticken, und einer sich ihm von hinten n\u00e4hernden Bedrohung nicht ausweichen zu k\u00f6nnen, wurde immer st\u00e4rker. So sehr er sich jedoch auch anstrengte, der Druck der unsichtbaren Hand war st\u00e4rker. Ein Anflug von Panik stieg in ihm auf, die Angst nie mehr aufstehen zu k\u00f6nnen und hilflos der sich ihm unweigerlich n\u00e4hernden Gefahr ausgeliefert zu sein, wurde immer st\u00e4rker. Bevor es f\u00fcr ihn jedoch wirklich bedrohlich zu werden begann, war er schwei\u00dfgebadet erwacht.<!--more--><br \/>\nDoch war er jetzt tats\u00e4chlich wach? Schlie\u00dflich hatte er zu Beginn jenes Traumes ja auch den Eindruck gehabt, wach zu sein. Oder befand er sich lediglich in einem erneuten Traum, der nur ein weiterer in einer Reihe von Tr\u00e4umen war, die ineinander verschachtelt zu sein schienen, wie diese ber\u00fchmten russischen Puppen?<br \/>\nWenigstens wu\u00dfte er, da\u00df ihn nichts daran hindern k\u00f6nnte, aufzustehen.<br \/>\nHolger lauschte auf Ger\u00e4usche. Es war ruhig im Haus. Marianne schlief. Sie lag wie \u00fcblich auf der Seite, ihm den R\u00fccken zugewandt. Ihre Atemz\u00fcge waren ruhig und gleichm\u00e4\u00dfig.<br \/>\nIn seinem Traum hatte Marianne nicht neben ihm gelegen, das wu\u00dfte er jetzt. Er hatte nicht einen Moment an sie gedacht. Doch davon abgesehen, war in seinem Traum alles wie jetzt gewesen &ndash; das Zimmer schwach erhellt von der Laterne auf der anderen Stra\u00dfenseite, so da\u00df im Zimmer alles mehr als nur schemenhaft zu erkennen war.<br \/>\nHolger hatte in seinem Leben bereits den einen oder anderen Alptraum gehabt, aber an einen derart beklemmenden konnte er sich nicht erinnern.<br \/>\nEr atmete tief durch und schlug vorsichtig die Decke zur\u00fcck. Obwohl Mariannes Schlaf gew\u00f6hnlich tief war und es einiges bedurfte, um sie zu wecken, stand er so behutsam wie m\u00f6glich auf.<br \/>\nEr blieb einen Augenblick auf der Bettkante sitzen, tastete mit den F\u00fc\u00dfen nach seinen bereits ein wenig ausgetretenen, aber gerade darum bequemen Pantoffeln, und schl\u00fcpfte hinein.<br \/>\nErst als er stand, bemerkte er, da\u00df er am ganzen K\u00f6rper leicht zitterte. Der Alptraum hatte tiefere Spuren in ihm hinterlassen, als er zuerst geglaubt hatte. Die Schlafanzugjacke f\u00fchlte sich klamm an.<br \/>\nAuf dem Weg ins Bad wurde ihm bewu\u00dft, da\u00df es im Grunde im Schlafzimmer viel zu k\u00fchl war, um ohne Grund ins Schwitzen zu geraten, schlie\u00dflich war Mitte November und die Heizung blieb des Nachts grunds\u00e4tzlich aus.<br \/>\nBevor Holger das Licht einschaltete, schlo\u00df er die Badezimmert\u00fcr. Das helle Lichte schmerzte in seinen noch an die Dunkelheit gew\u00f6hnten Augen. Er schlo\u00df sie reflexartig f\u00fcr einen Moment. Dann drehte er das Wasser auf. Kaltes Wasser w\u00fcrde sicherlich helfen, die Nachtmahre zu verscheuchen.<br \/>\n<i>N\u00e4chtliche Schwei\u00dfausbr\u00fcche k\u00f6nnen ein alarmierendes gesundheitliches Signal sein<\/I>, scho\u00df ihm pl\u00f6tzlich durch den Kopf. Er hatte den Satz erst vor kurzem im Zusammenhang mit Herzinfarkten gelesen. Er versuchte den Gedanken abzusch\u00fctteln.<br \/>\nDie pl\u00f6tzlich aufsteigende \u00dcbelkeit kam mit der Macht einer Flutwelle \u00fcber ihn. Der kalte Schwei\u00df brach ihm aus. Vor seinen Augen flimmerte es. In seinen Ohren rauschte es. Das Wasserrauschen schien von weither zu kommen. Er f\u00fcrchtete, jeden Augenblick ohnm\u00e4chtig zu werden, wenn nicht Schlimmeres. Sein Herz raste. Endlose Horden von Ameisen schienen durch seine Venen zu laufen.<br \/>\nWie es ihm gelungen war, sich auf den Rand der Badewanne zu setzen, konnte er nicht mehr nachvollziehen. Er zitterte am ganzen K\u00f6rper. Ihn fr\u00f6stelte. Er versuchte ruhig ein- und auszuatmen und sich f\u00fcr den bevorstehenden Zusammenbruch zu wappnen.<br \/>\nDoch blieb die erwartete Herzattacke aus. Statt dessen besserte sich sein Zustand langsam. Das Flimmern vor den Augen verschwand. Er konnte wieder klarer sehen. Das Rauschen in den Ohren wurde schw\u00e4cher, das Rauschen des Wassers drang wieder lauter zu ihm. Aber das Schwindelgef\u00fchl wollte nur z\u00f6gerlich weichen. Er fror, obwohl es im Bad warm war, denn Marianne bestand darauf, da\u00df die Heizung im Winter auch des Nachts nicht heruntergedreht wurde. Sie fror leicht, kam sie aus dem warmen Bett.<br \/>\nSollte er soeben tats\u00e4chlich eine Herzattacke erlebt haben? Wenn auch eine leichte, andernfalls w\u00e4re er jetzt kaum in der Lage, diese \u00dcberlegung anzustellen. Bei dem Stre\u00df, dem er in der letzten Zeit ausgesetzt war, lie\u00df sich das nicht ausschlie\u00dfen. Er befand sich ja durchaus im gef\u00e4hrlichen Alter. Andererseits hatte ihm sein Arzt bei der letzten Generaluntersuchung vor etwas mehr als einem Jahr versichert, da\u00df bei ihm soweit alles in Ordnung, er f\u00fcr sein Alter in erstaunlich guter Verfassung sei und er ohnehin nicht zu den Risikogruppen geh\u00f6rte. Aber was besagte das schon, wenn man sich auf einmal einer Gegebenheit gegen\u00fcber sieht, deren Folgen f\u00fcr das eigene Leben kaum abzusehen sind, die bislang sicher Geglaubtes von heute auf morgen infrage stellen und alles umwerfen kann? Zur Zeit der Untersuchung herrschten schlie\u00dflich noch ganz andere Umst\u00e4nde.<br \/>\nDennoch konnte er, bis auf den Schwei\u00dfausbruch beim Aufwachen und dem soeben gehabten, keines der gew\u00f6hnlichen Symptome an sich entdecken, die seines Wissens einem Infarkt vorausgingen; kein beklemmendes Gef\u00fchl in der Brust &ndash; sah er von dem Gef\u00fchl aus seinem Traum einmal ab, aber das hatte seinen ganzen K\u00f6rper erfa\u00dft &ndash;, keine Schmerzen im linken Arm. Statt dessen rasten Puls und Herz und kribbelte es ihm in den Venen. Es war eher so, als h\u00e4tte er sich beim Sport verausgabt.<br \/>\nDie Erinnerung an die Herzattacke seines Schwiegervaters vor vier Jahren w\u00e4hrend einer Familienfeier, die zum Gl\u00fcck glimpflich verlaufen war, stieg in ihm auf. Nein, da war alles anders verlaufen. Holger erinnerte sich noch gut daran, wie sich sein Schwiegervater, bevor er zusammengebrochen war, mit schmerzverzerrtem Gesicht an die Brust gefa\u00dft hatte.<br \/>\nDoch beruhigte das Holger nicht wirklich. Aus heiterem Himmel stand ein Mensch nicht pl\u00f6tzlich am Rand einer Ohnmacht, wurde ihm \u00fcbel und wachte in einem k\u00fchlen Schlafzimmer schwei\u00dfgebadet auf.<br \/>\nMit einer fahrigen Geste griff Holger nach einem Handtuch und wischte sich den kalten Schwei\u00df von der Stirn, der sich eigenartig \u00f6lig anf\u00fchlte.<br \/>\nHolger versuchte weiterhin ruhig ein- und auszuatmen. Seine Verfassung besserte sich sp\u00fcrbar. Er hielt die immer noch leicht zitternden H\u00e4nde unter den k\u00fchlenden und belebenden Wasserstrahl, wusch sich durchs Gesicht. Dann drehte er das Wasser ab und rieb sich mit dem Handtuch ausgiebig durchs Gesicht. Er schaltete das Licht aus und verlie\u00df das Bad.<br \/>\nDie Knie zitterten ihm immer noch. Sein Mund f\u00fchlte sich trocken an. Er mu\u00dfte unbedingt etwas trinken. Vorsichtig ging er die Treppe zur K\u00fcche hinunter.<br \/>\nZwar war er erleichtert, da\u00df er soeben keinen Infarkt, sondern nur eine Angstattacke gehabt hatte &ndash; wenn das denn die richtige Bezeichnung daf\u00fcr war &ndash; aber das machte es f\u00fcr ihn nicht wirklich besser. Im Gegenteil, w\u00e4re er tats\u00e4chlich mitten in der Nacht im Bad mit einem Infarkt zusammengebrochen, w\u00e4re seiner Familie in der zu erwartenden Situation weitaus mehr geholfen. Vor halb sieben stand Marianne kaum auf. Es kam h\u00f6chst selten vor, da\u00df sie nachts das Bad aufsuchen mu\u00dfte. Sein Sohn Daniel schlief in der Regel ebenfalls durch. Somit w\u00fcrde Holger mindestens drei Stunden unentdeckt auf den kalten Fliesen gelegen haben, bevor ihn jemand fand. Kein Arzt h\u00e4tte ihm dann noch helfen k\u00f6nnen. Von der zu erwartenden Auszahlung der Lebensversicherung h\u00e4tten Daniel und Bernadette ihr Studium beenden, wie auch Marianne die Zeit bis zum Erhalt der eigenen Rente einigerma\u00dfen problemlos h\u00e4tte \u00fcberbr\u00fccken k\u00f6nnen. Noch hatte sie ja ihre Halbtagsstelle. Es m\u00fc\u00dfte ihnen sogar m\u00f6glich sein, das Haus zu behalten.<br \/>\nKaum hatte er die \u00dcberlegung angestellt, da wurde Holger auch schon der ihr innewohnende Zynismus und vor allem Egoismus bewu\u00dft. Das konnte er den Kindern und Marianne nicht antun, auch wenn das Verh\u00e4ltnis zwischen Marianne und ihm in den letzten Jahren sp\u00fcrbar zu einem geschwisterlichen geworden war, was jedoch f\u00fcr ihn nach fast drei\u00dfig Jahren Ehe ganz nat\u00fcrlich zu sein schien.<br \/>\nHolger tastete nach dem Lichtschalter in der K\u00fcche. Er hatte sich aus einem unerfindlichen Grund nicht getraut, das Licht im Flur einzuschalten. Andererseits, wie oft war er in den vergangenen f\u00fcnfzehn Jahren die schmale Treppe bereits hinuntergegangen? Er kannte sich so gut im Haus aus, da\u00df er im Grunde nachts nirgendwo Licht einschalten mu\u00dfte.<br \/>\nEr wollte tief durchatmen, doch es wurde mehr ein tiefer Seufzer.<br \/>\nHolger holte eine angebrochene Flasche Mineralwasser aus dem K\u00fchlschrank und ein Glas aus dem Schrank \u00fcber der Sp\u00fcle. Mit beiden setzte er sich an den K\u00fcchentisch.<br \/>\nDie Anzeige des K\u00fcchenradios zeigte 3:15 Uhr. Also hatte sein \u00bbSchw\u00e4cheanfall\u00ab &ndash; er hatte sich entschlossen ihn so zu bezeichnen &ndash; nur wenige Minuten gedauert, obwohl es ihm wesentlich l\u00e4nger erschienen war.<br \/>\nEr schraubte die Flasche auf und f\u00fcllte das Glas. Das Mineralwasser sch\u00e4umte schwach und leise zischend auf. Er stellte die Flasche unverschlossen auf den Tisch und trank einen Schluck aus dem Glas.<br \/>\nAls sich das Aggregat des K\u00fchlschranks einschaltete, schrak er zusammen. Derma\u00dfen laut war es ihm noch nie vorgekommen. Aber schienen nicht alle n\u00e4chtlichen Ger\u00e4usche in einem Haus unnat\u00fcrlich laut zu sein? Die normalerweise kaum wahrnehmbaren Ger\u00e4usche der gew\u00f6hnlichen Materialspannungen in M\u00f6beln und anderen Gegenst\u00e4nden wurden auf einmal geheimnisvoll. So entstanden vermutlichen die Legenden von Poltergeistern.<br \/>\nAus diesem Haus ausziehen zu m\u00fcssen, w\u00e4re f\u00fcr Marianne und ihn die schlimmste Vorstellung, die sie sich machen konnten. Was hatten sie alles in Kauf genommen, um endlich aus jener kleinen Dreizimmerwohnung herauszukommen. Das Kinderzimmer war nicht nur f\u00fcr zwei Kinder zu klein, sondern insgesamt kaum mehr als ein Schuhkarton gewesen. Selbst H\u00fchnern in Legebatterien wurde ein Minimum an Platz zugestanden, doch Kinderzimmer durften so klein sein, wie es dem Bauherrn gefiel. Als Bernadette und Daniel noch klein waren, war es es ja noch gegangen. Aber als Bernadette gr\u00f6\u00dfer wurde, machte sie ihrem \u00c4rger mit ihrem kleinen Bruder ein Zimmer teilen zu m\u00fcssen, immer h\u00e4ufiger Luft. Sieben Jahre trennten die Geschwister. Dabei h\u00e4tten es h\u00f6chstens zwei sein sollen, doch wollte Marianne nach Bernadettes Geburt kein zweites Mal schwanger werden, obwohl sie sich bem\u00fcht hatten. Sie hatten schon die Hoffnung auf ein zweites Kind aufgeben wollen, da wurde Marianne schlie\u00dflich doch noch schwanger.<br \/>\nBernadettes Reaktion war ja zu verstehen gewesen. Schlie\u00dflich war sie gewohnt ein Zimmer ganz f\u00fcr sich allein zu haben und die Rolle als Einzelkind schien ihr zu gefallen. Und auf einmal gab es da einen kleinen Bruder, der von einem Tag auf den anderen den ersten Platz in der Familie einzunehmen schien.<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich ben\u00f6tigt ein kleines Kind mehr Aufmerksamkeit als eine Siebenj\u00e4hrige, die zudem reichlich aufgeweckt f\u00fcr ihr Alter gewesen war. Allerdings schien Bernadette das nicht einsehen zu wollen. Sie sah nur, da\u00df sie auf einmal nicht mehr zu jeder Tageszeit in ihr Zimmer durfte, hielt ihr kleiner Bruder seinen Mittagsschlaf, und dann sein n\u00e4chtliches Schreien \u2026<br \/>\nDaniel z\u00e4hlte kaum ein Jahr, da stand f\u00fcr seine Eltern fest, da\u00df sie ein eigenes Haus br\u00e4uchten. Leicht war es nicht gewesen, eine ad\u00e4quate Finanzierung auf die Beine zu stellen, obwohl Holgers Einkommen relativ gut war und auch Marianne wieder arbeiten gehen wollte, sobald Daniel alt genug f\u00fcr den Kindergarten w\u00e4re.<br \/>\nUnd wenn er nun wirklich die Arbeit verlor? Nach fast f\u00fcnfundzwanzig Jahren in der gleichen Firma einfach vor die T\u00fcr gesetzt wurde?<br \/>\nLediglich noch f\u00fcnf Jahre und das Haus w\u00e4re abbezahlt. F\u00fcr sich allein eine \u00fcberschaubare Zeit, doch eine unvorstellbar lange, war man ohne Arbeit. Mit dem zu erwartenden Arbeitslosengeld w\u00fcrde es gerade gelingen, die Raten zu begleichen. Auf ein eigenes Auto w\u00fcrde Holger problemlos verzichten k\u00f6nnen, Mariannes kleines altes gen\u00fcgte. Aber nach dem einen Jahr? Wenn sich bis dahin nichts finden lassen w\u00fcrde? Holger war schlie\u00dflich Mitte F\u00fcnfzig und es gab genug j\u00fcngere und vergleichbar Qualifizierte, die seit Jahren eine Stelle suchten. Au\u00dferdem w\u00fcrde er ja nicht alleine gehen m\u00fcssen. Langj\u00e4hrige Kollegen wurden von einem Tag auf den anderen zu Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt. Mit den zu erwartenden Hartz-IV-Bez\u00fcgen w\u00fcrden sie das Haus nicht halten k\u00f6nnen. Zumal Holger ja nicht einmal wu\u00dfte, wieviel von Mariannes Gehalt ihm angerechnet w\u00fcrde.<br \/>\nHolger schenkte sich noch etwas Wasser ein und nahm einen langen Schluck. Drau\u00dfen wurde eine Autot\u00fcr zugeschlagen und kurz darauf der Motor gestartet. Langsam fuhr das Auto am Haus vorbei.<br \/>\nHolger warf einen Blick auf die Anzeige des K\u00fcchenradios &ndash; 3:37 Uhr. Das mu\u00dfte Berger sein, vier H\u00e4user weiter. Berger war B\u00e4cker bei einem gro\u00dfen Filialisten.<br \/>\nIm Haus war es immer noch still. Der K\u00fchlschrank brummte leiste.<br \/>\nWenigstens um Bernadette brauchte Holger sich keine Sorgen zu machen. Im Fr\u00fchjahr w\u00fcrde sie ihr Studium abschlie\u00dfen. Sie ben\u00f6tigte die finanzielle Unterst\u00fctzung ihrer Eltern l\u00e4ngst nicht mehr. Allerdings war sie schon immer sehr selbst\u00e4ndig gewesen. Kaum hatte sie ihr Abitur in der Tasche gehabt, da hatte sie ihren Eltern fast im selben Atemzug verk\u00fcndet, da\u00df sie bereits einen Studienplatz nebst einer kleinen Wohnung in Hannover in Aussicht h\u00e4tte.<br \/>\nZum Ausgleich war Daniel das typische Nesth\u00e4kchen. Er war sp\u00fcrbar zur\u00fcckhaltender als seine Schwester. Zwar war ihm die Schule stets leicht gefallen und auch das Studium forderte ihm nicht allzuviel ab, aber es gelang ihm nur schwer, w\u00e4hrend der Ferien einen Job zu finden. Vielleicht war er auch immer zu sehr von seiner Mutter verw\u00f6hnt worden. Was w\u00fcrde er dazu sagen, wenn sie auf Grund von finanziellen Schwierigkeiten das Haus aufgeben mu\u00dften?<br \/>\nHolger dachte an die Nachbarn von schr\u00e4g gegen\u00fcber. Der Mann war vor f\u00fcnf Jahren arbeitslos geworden, seine Firma hatte gewisserma\u00dfen von einen Tag auf den anderen Konkurs angemeldet. Die Muttergesellschaft hatte den Betrieb einfach aufgel\u00f6st. Niemand, nicht einmal der \u00f6rtliche Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer hatte zuvor etwas davon erfahren. Der Betrieb hatte ja stets schwarze Zahlen geschrieben. Doch das z\u00e4hlte in den Augen der Muttergesellschaft nicht. Einzig die H\u00f6he der Rendite war relevant und die war seit mehreren Jahren deutlich unter den gesteckten Erwartungen geblieben. Ein K\u00e4ufer hatte sich nicht gefunden, weshalb der Standort kurzerhand geschlossen worden war. Fast die gesamte Belegschaft stand auf der Stra\u00dfe &ndash; immerhin rund achtzig Leute. Doch weil es letztlich nur ein kleiner Betrieb gewesen war, hatte das kaum jemanden interessiert. Im ersten Jahr hatten Holgers Nachbarn noch gehofft, da\u00df der Mann wieder eine Arbeit finden w\u00fcrde, immerhin war er Ingenieur mit langj\u00e4hriger Erfahrung. Dennoch war er potentiellen Arbeitgebern scheinbar zu alt. Ihrer Auffassung nach w\u00fcrden Menschen in seinem Alter sich nur noch schwer in neue Strukturen finden, besonders wenn sie zuvor, wie er, \u00fcber zwanzig Jahre im selben Betrieb gewesen waren. Abgesehen davon stiegen mit zunehmenden Alter ja auch die krankheitsbedingten Ausf\u00e4llen \u00fcberproportional an. Die Frau war im Gegensatz zu Marianne nicht berufst\u00e4tig gewesen. Sie waren ja \u00fcberzeugt gewesen, da\u00df sein Einkommen als Ingenieur mehr als ausreichend sei. Sie hatten das Haus noch etwas mehr als zwei Jahre nach dem Verlust seiner Arbeit halten k\u00f6nnen, dann war es zwangsversteigert worden. Die Arbeit eines halben Lebens f\u00fcr nichts. Je l\u00e4nger der Mann ohne Arbeit war, desto gedr\u00fcckter wirkten beide. Irgendwann schlichen sie buchst\u00e4blich aus dem Haus, als f\u00fcrchteten sie, da\u00df mit H\u00e4me auf sie gezeigt w\u00fcrde, auf den \u00bbVersager\u00ab, der es nicht nur nicht geschafft hatte, seine Arbeit zu behalten, sondern nicht einmal in der Lage war, eine neue zu finden. Dabei spielte es \u00fcberhaupt keine Rolle, ob die Anderen sie tats\u00e4chlich so ansahen oder ob sie nur glaubten, da\u00df sie von ihnen so angesehen w\u00fcrden. Tats\u00e4chlich wu\u00dfte Holger von niemandem, der auf sie hinuntergesehen h\u00e4tte. Im Grunde war jeder nur froh &ndash; noch &ndash; nicht in einer vergleichbaren Lage zu sein.<br \/>\nHeute wohnten sie irgendwo in einer der Vorst\u00e4dte. Mehr wu\u00dfte Holger nicht. Allerdings hatten Marianne und er nie mehr als einige Worte mit ihnen gewechselt. Sie hatten keine Kinder gehabt. Alle Nachbarn mit denen Marianne und Holger Kontakt hatten, hatten selbst Kinder in Bernadettes oder Daniels Alter.<br \/>\nJetzt bewohnte eine junge Migrantenfamilie mit f\u00fcnf Kindern das ehemalige Haus des Ingenieurs, das von einer Wohnungsbaugesellschaft g\u00fcnstig ersteigert worden war. Soviel Holger wu\u00dfte, vermietete diese Gesellschaft bevorzugt an vermeintlich sozial Schwache, die genau genommen \u00f6konomisch schwach waren. Das war ein garantiertes Einkommen, da das Amt die Miete stets p\u00fcnktlich \u00fcberwies. Die Kinder hatten Leben in die ruhige Stra\u00dfe gebracht. Ansonsten waren es angenehme und freundliche Nachbarn, wenn auch anfangs ein wenig ungewohnt in einer Stra\u00dfe mit ausschlie\u00dflich Einfamilienh\u00e4usern.<br \/>\nHolgers Firma war nur unwesentlich gr\u00f6\u00dfer als die des Ingenieurs und wie die seine, war auch sie vor mehreren Jahren von einem Mischkonzern aufgekauft worden. In Holgers Fall jedoch war die Muttergesellschaft durch allzu ehrgeizige Expansionsbestrebungen in einem Metier, in dem die Marktanteile seit langem relativ fest vergeben waren, kr\u00e4ftig ins Trudeln geraten und die Banken hatten so gut wie alle Kredite gek\u00fcndigt oder standen kurz davor es zu tun. Monatelang hatte die Gesch\u00e4ftsleitung herumgedruckst, obwohl es die Spatzen l\u00e4ngst von den D\u00e4chern gepfiffen hatten, da\u00df sich \u00fcbernommen worden war, in der derzeitigen Konstellation kaum noch etwas zu machen sei und ein Konkurs unausweichlich sein w\u00fcrde.<br \/>\nHolger trank das Glas leer und stellte es in die Sp\u00fcle. Bevor er die K\u00fcche verlie\u00df und das Deckenlicht ausschaltete, warf er einen beinahe wehm\u00fctigen Blick auf den Tisch, an dem w\u00e4hrend der ersten Jahre hier die ganze Familie jeden Morgen gemeinsam gefr\u00fchst\u00fcckt hatte und, nachdem Bernadette nach Hannover \u00fcbergesiedelt war, nur noch Marianne, Daniel und er. Aber auch Daniel fr\u00fchst\u00fcckte immer seltener gemeinsam mit seinen Eltern.<br \/>\nNein, f\u00fcr den heute angesetzten Streik gab es keine Alternative. Die Gesch\u00e4ftsleitung mu\u00dfte erkennen, da\u00df sie mit ihren Leuten, die in guten Zeiten schlie\u00dflich daf\u00fcr gesorgt hatten, da\u00df sich eine Menge Leute die Taschen hatten vollstopfen k\u00f6nnen, nicht nach Belieben umspringen konnte. Zwar w\u00fcrde der Verkauf des Betriebs an einen indischen Investor nicht alle Kollegen vor der Arbeitslosigkeit retten. Aber die Inder hatten wenigstens einigerma\u00dfen glaubhaft versichert, da\u00df sie den Betrieb weiterf\u00fchren wollten. Daran, da\u00df sie die Mitarbeiter nicht vollem Umfang \u00fcbernehmen konnten, hatten sie zudem nie einen Zweifel gelassen, und ebensowenig, da\u00df sie von der jetzigen Gesch\u00e4ftsleitung niemanden behalten wollten, was nur zu verst\u00e4ndlich war, dieser aber gar nicht gefiel und wahrscheinlich der Grund war, warum sie nicht ernsthaft \u00fcber einen Verkauf nachdachte.<br \/>\nDie Entscheidung, solange als m\u00f6glich die Arbeit niederzulegen, war richtig. Sie hatten alle einfach zuviel zu verlieren &ndash; abgesehen von der Gesch\u00e4ftsleitung.<br \/>\nHolger schaltete das Licht aus und ging wieder nach oben ins Schlafzimmer. Marianne schlief noch immer tief und fest.<br \/>\nSo behutsam wie er aufgestanden war, legte er sich wieder ins Bett. Marianne bewegte sich kurz im Schlaf.<br \/>\nHolger sah auf die Uhr. Noch knapp zwei Stunden bis er aufstehen mu\u00dfte. Vielleicht gelang es ihm noch ein wenig zu schlafen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Angst ist ein gef\u00e4hrliches Raubtier, das geduldig auf den Moment lauert, in dem sein Opfer am ahnungslosesten ist, um dann gnadenlos zuzupacken. &nbsp; Die Leuchtziffern des Radioweckers zeigten 2:52 Uhr. Holger versuchte sich zu erinnern, was ihn geweckt hatte. Soweit er sich entsinnen konnte, waren seine Tr\u00e4ume reichlich konfus gewesen. 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