{"id":1989,"date":"2011-06-02T03:12:03","date_gmt":"2011-06-02T01:12:03","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1989"},"modified":"2026-04-11T19:28:53","modified_gmt":"2026-04-11T17:28:53","slug":"kurzes-57-der-brief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=1989","title":{"rendered":"Kurzes #57 \u00b7 Der Brief"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/titel\/20160828_002_800_2.jpg\" \/><\/p>\n<p>Kaffeeduft erf\u00fcllte wie jeden Morgen seit \u00fcber f\u00fcnf Jahrzehnten die kleine, zur Stra\u00dfe hinausliegende K\u00fcche im dritten Stock. Auf dem K\u00fcchentisch stand ein altmodischer Toastst\u00e4nder mit zwei frischen, leicht gebr\u00e4unten Scheiben Toast neben einem Glas Erdbeermarmelade, einer Butterdose und einem Teller mit einem St\u00fcck Leberwurst und Holl\u00e4nderk\u00e4se.<br \/>\nFr\u00fcher war die K\u00fcche um diese Zeit stets von L\u00e4rm erf\u00fcllt gewesen, schien sie zu klein f\u00fcr die beiden Kinder, ihren Mann und sie selbst zu sein. Wie oft hatte sie sich damals gew\u00fcnscht, hin und wieder allein fr\u00fchst\u00fccken zu k\u00f6nnen. Dabei liebte sie die Gesch\u00e4ftigkeit am Morgen, das fr\u00f6hliche Lachen der Kinder, der stets halbverschlafene Zustand ihres Mannes.<br \/>\nDie Kinder waren gr\u00f6\u00dfer und ruhiger geworden, waren seltener zum gemeinsamen Fr\u00fchst\u00fcck erschienen. Mit ihrem Auszug war es mit einem Schlag ruhiger und ihr Mann noch wortkarger als fr\u00fcher geworden. Sie a\u00dfen schweigend. Er las die Zeitung, bis es f\u00fcr ihn Zeit war, zur Arbeit zu fahren.<!--more--><br \/>\nAls ihr Mann in den Ruhestand getreten war, hatten sie eine Stunde sp\u00e4ter gefr\u00fchst\u00fcckt. Auch nach seinem pl\u00f6tzlichen Tod hatte sie diese Zeit beibehalten, obwohl sie eine Fr\u00fchaufsteherin war.<br \/>\nKamen die Enkelkinder f\u00fcr einige Tage zu Besuch, f\u00fchlte sie sich in die Zeit zur\u00fcckversetzt, als deren Eltern noch klein waren und sich gleich um Jahre j\u00fcnger.<br \/>\nDoch nun waren auch die Enkelkinder in einem Alter, in dem sie begannen, sich von den eigenen Eltern abzunabeln und besuchten auch sie seltener. Sie wu\u00dfte, da\u00df die geselligen Fr\u00fchst\u00fccke mit Kinderl\u00e4rm nun unwiderruflich vorbei waren, denn um der Lebendigkeit m\u00f6glicher Urenkel standzuhalten, w\u00fcrde sie zu alt sein.<br \/>\nSie go\u00df sich eine Tasse Kaffee ein und setzte sich. Sie bestrich einen Toast mit Butter, wobei ihr Blick auf die alte K\u00fcchenuhr \u00fcber der T\u00fcr fiel. In wenigen Minuten w\u00fcrde leise und doch vernehmlich zweimal kurz hintereinander die Klingel bei Webers zu h\u00f6ren sein, deren Name als erste auf der Klingelleiste stand. Jedem im Haus war die Art, wie die Klingel bet\u00e4tigt wurde, vertraut. Nur der Brieftr\u00e4ger, der seit bald zwanzig Jahren die Post in ihrem Viertel austrug, bet\u00e4tigte sie auf diese Weise. Er kam fast immer zur selben Zeit, denn er f\u00fchrte seine morgendliche Tour mit beinahe schlafwandlerischer Sicherheit durch.<br \/>\nWenige Augenblicke nach dem Klingeln w\u00fcrde der Summer ert\u00f6nen und der Brieftr\u00e4ger kurz darauf sein sonores \u00bbPost!\u00ab durchs Treppenhaus schallen lassen. Dann w\u00fcrden mehrmals, die an der linken Wand in drei Reihen angebrachten Briefk\u00e4sten klapperten. Anschlie\u00dfend w\u00fcrde wieder die Haust\u00fcr ins Schlo\u00df fallen und der Brieftr\u00e4ger seine morgendliche Runde fortsetzen.<br \/>\nFr\u00fcher war sie, sobald sie die Haust\u00fcr ins Schlo\u00df fallen h\u00f6rte, aufgestanden, hatte den Briefkastenschl\u00fcssel, an dem ein gr\u00fcner Plastikanh\u00e4nger befestigt war, auf dem in bereits leicht verbla\u00dfter, akkurater Handschrift verfa\u00dft, \u00bbBriefkasten\u00ab stand, vom Schl\u00fcsselbrett genommen und war hinuntergegangen, um nach der Post zu sehen.<br \/>\nIhre Eltern und die ihres Mannes, die nicht viel vom Telefon gehalten hatten, ihre beiden \u00e4lteren Schwestern, denn Ferngespr\u00e4che waren lange Zeit teuer gewesen, hatten regelm\u00e4\u00dfig geschrieben. Doch mit der Zeit wurden pers\u00f6nliche Briefe seltener. Die Eltern starben und Ferngespr\u00e4che wurden billiger, so da\u00df auch ihre Schwestern immer seltener schrieben. Mit ihren Kinder und ihren Enkelkinder telefonierte sie ausschlie\u00dflich. L\u00e4ngst lagen fast nur noch Rechnungen und Reklame im Briefkasten, oder aber es kam nichts.<br \/>\nDas Telefon war ja auch eine praktische Errungenschaft, aber sie vermi\u00dfte das intime eines Briefes. F\u00fcr einen Brief mu\u00df man sich Zeit nehmen, gleicherma\u00dfen zum Lesen wie zum Schreiben. Gedanken werden meist ausformuliert, nicht nur angerissen, wie oft im m\u00fcndlichen, wenn der n\u00e4chste Gedanke sich schon aufdr\u00e4ngt, w\u00e4hrend der vorherige noch nicht ausgesprochen ist. Einen Brief kann man mehrmals lesen und in Ruhe auf ihn antworten.<br \/>\nSie hatte gerade einen zweiten Toast mit Butter bestrichen, als sie das bekannte Klingeln h\u00f6rte. Sie sah erneut auf die Uhr. Kaum f\u00fcnf Minuten \u00fcber der gew\u00f6hnlichen Zeit. Vernehmlich hallte das Klappern der Briefk\u00e4sten durchs Treppenhaus, dann fiel die Haust\u00fcr wieder ins Schlo\u00df.<br \/>\nSie a\u00df ihren Toast und trank noch eine zweite Tasse Kaffee. Dann ging sie, wie jeden Tag in den letzten f\u00fcnfzig Jahren, nach unten zum Briefkasten.<br \/>\nAls sie ihn aufschlo\u00df, war sie \u00fcberzeugt, da\u00df er leer sein oder h\u00f6chstens Reklame enthalten w\u00fcrde. An letzteres dachte sie sofort, als sie einen Umschlag herausholte. Beinahe fl\u00fcchtig blickte sie darauf.<br \/>\nDoch das war keine Reklame. Sie erkannte die Handschrift von Thomas, ihrem j\u00fcngsten Enkel, die noch halb Kinderschrift war. Der Umschlag f\u00fchlte sich dick an.<br \/>\nMechanisch schlo\u00df sie den Briefkasten und ging nach oben. Sie konnte es kaum erwarten, den Brief zu \u00f6ffnen und zu lesen, was Thomas ihr geschrieben hatte.<br \/>\nSie setzte sich an den K\u00fcchentisch, go\u00df sich noch eine Tasse Kaffee ein. Das Lesen des Briefes wollte sie ausgiebig genie\u00dfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaffeeduft erf\u00fcllte wie jeden Morgen seit \u00fcber f\u00fcnf Jahrzehnten die kleine, zur Stra\u00dfe hinausliegende K\u00fcche im dritten Stock. Auf dem K\u00fcchentisch stand ein altmodischer Toastst\u00e4nder mit zwei frischen, leicht gebr\u00e4unten Scheiben Toast neben einem Glas Erdbeermarmelade, einer Butterdose und einem Teller mit einem St\u00fcck Leberwurst und Holl\u00e4nderk\u00e4se. 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