{"id":2118,"date":"2012-05-19T04:17:54","date_gmt":"2012-05-19T02:17:54","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=2118"},"modified":"2026-04-11T19:33:42","modified_gmt":"2026-04-11T17:33:42","slug":"kurzes-58-die-tote-im-abbruchhaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=2118","title":{"rendered":"Kurzes #58 \u00b7 Die Tote im Abbruchhaus"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/werkstatt.jpg\" \/><\/p>\n<p><em>Der folgende Text ist ein Auszug aus dem ersten Kapitel meines Kriminalromans \u00bbEin (fast) allt\u00e4glicher Fall\u00ab<\/em>, <a href=\"https:\/\/buchshop.bod.de\/ein-fast-alltaeglicher-fall-armin-a-alexander-9783744852180\" target=\"_blank\">Bestellm\u00f6glichkeit hier<\/a> <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Klingeln des Mobiltelephons ri\u00df Evas aus ihren Gedanken. Sie holte es aus der Innentasche ihrer Jacke. Es war ihr Kollege Lars.<br \/>\n\u00bbJa, was gibt\u2019s?\u00ab blaffte Eva ihn an, die bisweilen gerne einen Teil ihres Frustes an ihm auslie\u00df.<br \/>\nLars arbeitete bereits zu lange mit Eva zusammen, um sich von den Launen seiner bildsch\u00f6nen Kollegin noch aus dem Konzept bringen zu lassen.<br \/>\n\u00bbWo bist du, Eva?\u00ab fragte Lars gelassen.<br \/>\n\u00bbZuerst einmal sagt man \u203aGuten Morgen\u2039, du Stoffel\u00ab, herrschte Eva ihn an, was Lars gleichfalls ignorierte. War sie in ihrer augenblicklichen Stimmung, war es letztlich gleich, was er sagte, Eva w\u00fcrde stets vergleichbar reagieren. Zwischen ihnen hatte sich \u00fcber die Jahre eine Art Ha\u00dfliebe entwickelt. \u00bbWenn du wissen willst, wo ich bin; ich stecke mitten in einem Stau. Wo sollte man auch sonst an einem Montagmorgen um diese Zeit stecken? Von wegen, da\u00df der Stadt bald der Verkehrsinfarkt droht; der ist doch schon l\u00e4ngst da!\u00ab<br \/>\nLars h\u00f6rte sich ihre Tirade mit stoischem Gleichmut an und sagte, nachdem sie geendet hatte:<br \/>\n\u00bbDu f\u00e4hrst am besten sogleich nach \u2026 Moment \u2026\u00ab Eva h\u00f6rte Papier rascheln, anschlie\u00dfend nannte Lars ihr eine Adresse, die gar nicht weit von ihrem jetzigen Standort lag.<br \/>\n\u00bbUnd warum soll ich das?\u00ab fragte Eva schon gem\u00e4\u00dfigter, denn sie ahnte den Grund; es gab nur eine M\u00f6glichkeit, wenn Lars sie bereits auf der Fahrt zum Pr\u00e4sidium anrief.<!--more--><br \/>\n\u00bbWeil dort in einem Abbruchhaus eine weibliche Leiche gefunden wurde. Es sieht eindeutig nach Fremdeinwirkung aus, wie die uniformierten Kollegen berichten. Sie sind bereits vor Ort. Ich mache mich auch sofort auf den Weg. Wir sehen uns dort.\u00ab<br \/>\nLars beendete das Gespr\u00e4ch, bevor Eva etwas erwidern konnte.<br \/>\nDiese Nachricht brachte Eva wieder zur Vernunft. Sie schn\u00fcrte ihr f\u00fcr den Moment das Herz zusammen. So reagierte sie immer, wurde sie zu den Folgen einer Gewaltat gerufen. Das w\u00fcrde sich vermutlich nie \u00e4ndern. Zum Gl\u00fcck dauerten diese Empfindungen stets nur wenige Augenblicke, dann hatte Eva sich wieder in der Gewalt. Andernfalls h\u00e4tte sie ihren Beruf nicht aus\u00fcben k\u00f6nnen. Zum Gl\u00fcck hatte sie noch nie den Fall eines gewaltsam get\u00f6teten Kindes untersuchen m\u00fcssen &ndash; ihr schlimmster Alptraum.<br \/>\nEva achtete nur insoweit auf die anderen Verkehrsteilnehmer, damit keiner bei ihrem etwas waghalsigen Ausscheren auf den Standstreifen ihrem nur wenige Monate alten franz\u00f6sischen Coup\u00e9 zu nahe kam. Sie fuhr auf dem Standstreifen zur etwa f\u00fcnfhundert Meter entfernten Ausfahrt.<br \/>\n\u00bbHoffentlich sehen mich die Kollegen von der Autobahnstreife nicht\u00ab, murmelte Eva leise vor sich hin, w\u00e4hrend sie die Verkehrsregeln sehr weitr\u00e4umig auslegte.<br \/>\nEva war immer wieder aufs neue erstaunt, welche Kraft ihr neuer Wagen entfalten konnte, der beinahe ein Spontankauf gewesen war.<br \/>\nIm Grunde waren Autos f\u00fcr Eva nie etwas anderes als reine Fortbewegungsmittel gewesen. Und die meisten ihrer bisherigen Fahrzeuge hatten innen wie au\u00dfen auch so ausgesehen. Aber ebenso wie Eva hin und wieder das Bed\u00fcrfnis versp\u00fcrte, statt Jeans, Pullover und praktische flache Schuhe, schicke Kleider, Nahtnylons und hochhackige Schuhe mit beinahe narzi\u00dftischem Vergn\u00fcgen zu tragen, so hatte sie immer wieder mit einem eleganten Auto gelieb\u00e4ugelt, und elegant waren in ihren Augen nur franz\u00f6sische Autos. Da war nichts von dem spie\u00dfigen, miefigen oder protzigen Image einheimischer Erzeugnisse.<br \/>\nEva stellte nicht in Abrede, da\u00df die Art und Weise wie Birger sich von ihr getrennt hatte, mit ein Grund gewesen war, das anthrazitfarbene Coup\u00e9 mit den beigen Ledersitzen gegen ihren bereits in die Jahre gekommenen Golf einzutauschen, in den Birger sich nie setzen wollte, da er ihm zu heruntergekommen war.<br \/>\nEva vermied alles, wodurch der Eindruck enstehen k\u00f6nnte, das Coup\u00e9 sei der mit Abstand teuerste Frustkauf in ihrem Leben gewesen. Die Kollegen hatten nicht schlecht gestaunt, als sie Eva an einem M\u00e4rzmorgen &ndash; es war der erste Tag, der mehr als eine Ahnung vom Fr\u00fchling vermittelte &ndash; in ihrem neuen Wagen vorfahren sahen. Nur Lars war nicht erstaunt gewesen; Eva konnte ihn schon lange nicht mehr \u00fcberraschen, daf\u00fcr kannte er sie l\u00e4ngst zu gut.<br \/>\nKaum zehn Minuten nach Lars\u2019 Anruf traf Eva am mutma\u00dflichen Tatort ein.<br \/>\nEs war eine kleine, Anfang der 1950er Jahre errichtete Siedlung mit Mehrfamilienh\u00e4usern, die abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden sollten, da eine Renovierung, der nach dem Krieg, um schnell Wohnraum zu schaffen, z\u00fcgig hochgezogenen H\u00e4usern, nach \u00fcber f\u00fcnfzig Jahren teurer als Neubauten geworden w\u00e4ren. Die Fenster waren bereits \u00fcberall herausgenommen und im Erdgescho\u00df zugemauert worden. Der Dauerregen der letzten Tage hatte den Boden um die H\u00e4user aufgeweicht. Vor einem Haus parkten zwei gro\u00dfe lkws, die mit ihren m\u00e4chtigen Zwillingsreifen tiefe Furchen in den Boden gegraben hatten. Ein imposanter Kettenbagger stand unmittelbar neben einem Haus, dessen st\u00e4hlerne Baut\u00fcre offenstand. Zwei Streifenwagen parkten auf dem letzten festen St\u00fcck Wegs. Zwei Polizistinnen standen im wieder einsetzenden leichten Regen vor dem Haus, die Dienstm\u00fctzen in die Stirn geschoben und die Kragen ihrer Jacken hochgeschlagen. Sie unterhielten sich leise miteinander.<br \/>\nEva stellte ihren Wagen hinter dem letzten der beiden Streifenwagen ab. Sie war froh, feste Schuhe angezogen zu haben, und doch versp\u00fcrte sie wenig Lust \u00fcber den morastigen Boden zu laufen. Zwar hatte jemand daran gedacht Holzdielen vor den Eingang zu legen, aber dennoch w\u00fcrde sie eine kurze Strecke \u00fcber den aufgeweichten Boden gehen m\u00fcssen.<br \/>\nEva schlug den Kragen ihrer Jacke hoch und stieg aus.<br \/>\nDie beiden Beamtinnen waren bereits auf sie aufmerksam geworden. Eva kannte die eine von einer fr\u00fcheren Ermittlungen her. Auch sie erkannte Eva sofort wieder. Sie gr\u00fc\u00dfte freundlich und fragte, ob sie sie ins Haus f\u00fchren sollte. Eva lehnte ein wenig zerstreut ab.<br \/>\n\u00bbZwei unserer Kollegen nehmen gerade die Aussagen der Arbeiter auf, die die Tote heute fr\u00fch gefunden haben\u00ab, informierte die Beamtin Eva freundlich.<br \/>\nEva nickte durchaus freundlich, aber auch ein wenig abwesend zur\u00fcck, und balancierte \u00fcber die Bretter auf den Eingang zu.<br \/>\nAls sie im Haus verschwunden war, bemerkte die andere Polizistin:<br \/>\n\u00bbDie von der Kripo glauben doch alle irgendwie etwas Besseres zu sein. Immer wird man von denen kurz abgefertigt.\u00ab<br \/>\n\u00bbNein, da t\u00e4uschst du dich, die Gerbroth ist nicht so. Ich habe sie schon ganz anders erlebt.\u00ab<br \/>\n\u00bbNa ja\u00ab, meinte ihre Kollegin nicht sehr \u00fcberzeugt.<br \/>\nZwei Uniformierte standen gemeinsam mit vier M\u00e4nnern unterschiedlichen Alters in Arbeitskleidung im Treppenhaus. W\u00e4hrend die beiden Beamten routinierte Gelassenheit ausstrahlten, war den M\u00e4nnern der Schrecken und die Aufregung \u00fcber ihre Entdeckung anzusehen. Sie sprachen durcheinander, w\u00e4hrend Evas Kollegen versuchten, eine zusammenh\u00e4ngende Aussage aufzunehmen.<br \/>\nDer \u00e4ltere der beiden Uniformierten gr\u00fc\u00dfte Eva freundlich. Eva gr\u00fc\u00dfte mehr pflichtschuldig zur\u00fcck.<br \/>\n\u00bbWo?\u00ab fragte Eva und mu\u00dfte ein leichtes Kratzen in der Stimme unterdr\u00fccken.<br \/>\nEs war immer wieder dasselbe. Sie versuchte den Augenblick hinauszuz\u00f6gern, an dem sie der Leiche gegen\u00fcbertreten mu\u00dfte.<br \/>\n\u00bbIm zweiten Obergescho\u00df\u00ab, erwiderte der Beamte, von dem Eva glaubte, da\u00df er Schr\u00f6der hie\u00df, aber sie war sich nicht sicher. \u00bbSoll ich Sie hinauff\u00fchren?\u00ab bot er ihr freundlich an.<br \/>\nAuf Eva wirkte er wie der Prototyp des gutm\u00fctigen Dorfpolizisten, wie die Comic-Figur der Wochenendbeilage der Lokalzeitung, die sie aus ihren Kindertagen kannte, nur fehlte ihm der Schn\u00e4uzer.<br \/>\n\u00bbIch warte noch auf meinen Kollegen\u00ab, lehnte Eva h\u00f6flich, aber bestimmt ab. \u00bbWer hat die Tote gefunden?\u00ab<br \/>\n\u00bbDiese beiden Herren\u00ab, erwiderte Schr\u00f6der &ndash; Eva war sich relativ sicher, da\u00df das sein Name war.<br \/>\nSchr\u00f6der wies auf die beiden J\u00fcngeren. Auch ohne den Hinweis war das f\u00fcr Eva klar, denn ihnen war der Schock \u00fcber ihren unerwarteten Fund noch immer anzusehen.<br \/>\n\u00bbHeute sollte mit dem Abri\u00df des Hauses begonnen werden. Die beiden sollten sich \u00fcberzeugen, da\u00df sich niemand mehr im Haus aufhielt und die Baut\u00fcre ausbauen, bevor der Bagger mit seiner Arbeit beginnt. Das Schlo\u00df der Baut\u00fcre ist \u00fcbrigens seit einigen Tagen defekt\u00ab, fuhr Schr\u00f6der fort.<br \/>\n\u00bbUnser Bauleiter meinte, da\u00df es nicht n\u00f6tig sei, f\u00fcr die paar Tage noch einen neuen Zylinder einzubauen. Es sei ja alles entfernt worden. H\u00e4tte er anders entschieden, w\u00e4re das vielleicht nicht passiert\u00ab, erkl\u00e4rte einer der Arbeiter mit leicht kratzender Stimme. \u00bbDie arme Frau.\u00ab<br \/>\n\u00bbWenn man alles vorher w\u00fc\u00dfte\u00ab, meinte der \u00c4lteste von ihnen lakonisch mit einem fast gleichg\u00fcltigen Achselzucken.<br \/>\nEr verbarg mit keiner Miene, da\u00df er alles f\u00fcr eine durch nichts gerechtfertigte Unterbrechung ihrer Arbeit ansah.<br \/>\n\u00bbTats\u00e4chlich ist das der einzige Zugang, Frau Gerbroth. Wie Sie gesehen haben, sind die Fenster im Erdgescho\u00df zugemauert worden, das gilt auch f\u00fcr die Kellerau\u00dfent\u00fcr. Abbruchh\u00e4user werden ja gerne als Unterkunft genutzt\u00ab, f\u00fcgte Schr\u00f6der hinzu, als sei damit alles gesagt.<br \/>\nBevor Eva etwas darauf erwidern konnte, h\u00f6rte sie Lars\u2019 jungenhafte Stimme hinter sich.<br \/>\n\u00bbGuten Morgen zusammen. Hallo Eva. Warst du schon oben?\u00ab<br \/>\nEva wandte sich um. Es gab tats\u00e4chlich Momente, da war sie erleichtert Lars zu sehen.<br \/>\nSeit \u00fcber vier Jahren waren sie bereits ein \u203aTeam\u2039. Und seit \u00fcber vier Jahren herrschte diese besondere Ha\u00dfliebe zwischen ihnen. Wobei die Vorbehalte auf ihrer und die Sympathien auf seiner Seite \u00fcberwogen. W\u00e4hrend Lars sie trotz allem f\u00fcr eine liebenswerte Kollegin hielt, st\u00f6rte Eva eigentlich alles an ihm. Sein jungenhaftes Gebaren, obwohl er die Vierzig l\u00e4ngst \u00fcberschritten hatte. Seine Art sich zu kleiden, als suche noch immer seine Mutter die Kleidung f\u00fcr ihn aus. Seine Gelassenheit, die s\u00e4uerliche Miene, die er zog, wenn sie sich aus irgendwelchen Gr\u00fcnden in Verbalinjurien erging. Da\u00df er seit \u00fcber f\u00fcnfzehn Jahren harmonisch mit Marietheres, einer ebenso h\u00fcbschen wie klugen und liebenswerten Frau, verheiratet war, die Evas Meinung nach etwas Besseres als einen derart unverbesserlichen Chauvi verdient h\u00e4tte, ver\u00fcbelte sie ihm ebenfalls. Eva w\u00fcrde wohl nie verstehen, was eine angesehene Familienrichterin an einem Mann fand, der sich nicht einen Deut um sein berufliches Fortkommen scherte. Vor zwei Jahren h\u00e4tte Evas Auffassung nach, ihm Wolters Position als ihr Vorgesetzter zugestanden, doch Lars hatte sich mehr als nur halbherzig um den vakanten Posten beworben, dabei wies er mehr aktive Dienstjahre als Wolters auf, der ein reiner Verwaltungsmensch war. Nicht da\u00df Eva Lars als Chef lieber gewesen w\u00e4re &ndash; Wolters lie\u00df ihnen weitgehend freie Hand, war insgesamt ein umg\u00e4nglicher Chef, vermutlich w\u00e4re sie mit Lars nur noch h\u00e4ufiger aneinandergeraten, w\u00e4re er ihr Vorgesetzter geworden &ndash; aber ihr ausgepr\u00e4gter Sinn f\u00fcr Gerechtigkeit str\u00e4ubte sich einfach dagegen. Dabei ignorierte sie v\u00f6llig, da\u00df sie sich auch nicht intensiver um ihre Karriere k\u00fcmmerte.<br \/>\nAuch jetzt wirkte Lars wieder wie aus dem Ei gepellt und von Mutti passend zum Wetter ausstaffiert.<br \/>\n\u00bbNein, Lars, ich habe auf dich gewartet\u00ab, wie Eva es sagte, grenzte es fast schon an Beleidigung.<br \/>\nLars quittierte es mit einem charmanten L\u00e4cheln. Vermutlich besa\u00df er einen leichten Hang zum Masochismus, denn ohne Evas t\u00e4gliche kleine Sticheleien h\u00e4tte ihm etwas im Leben gefehlt. Im Grunde tat Eva ihm leid, denn sie schien ein Talent zu haben, stets an die falschen M\u00e4nner zu geraten. Aber er wu\u00dfte auch, da\u00df es f\u00fcr eine gleicherma\u00dfen kluge, selbstbewu\u00dfte und sch\u00f6ne Frau wie Eva nicht leicht war, einen ad\u00e4quaten Mann zu finden, zumal wenn sie einen derart ausgepr\u00e4gten Hang zur Kratzb\u00fcrstigkeit besa\u00df.<br \/>\n\u00bbDann gehen wir einmal\u00ab, meinte Lars, als h\u00e4tten sie sich zu einem geselligen Beisammensein getroffen.<br \/>\n\u00bbIch zeige es Ihnen\u00ab, bot sich Schr\u00f6der an und ging bereits voraus.<br \/>\nLars folgte ihm und Eva schritt unsicheren Schrittes auf den ausgetretenen und mit Schutt \u00fcbers\u00e4ten Stufen hinauf.<br \/>\nDas Herz schlug ihr fast bis zum Hals und sie wunderte sich \u00fcber die scheinbare Gelassenheit, die die beiden vor ihr die Treppen hinaufgehenden M\u00e4nner an den Tag legten.<br \/>\nOben angekommen f\u00fchrte Schr\u00f6der sie in die rechte Wohnung und in den Raum, der urspr\u00fcnglich das Schlafzimmer gewesen sein mu\u00dfte. An den W\u00e4nden hingen vergilbte von der Feuchtigkeit fleckig gewordene bla\u00dfblaue Tapeten mit einem Muster, das vielleicht vor zwanzig Jahren oder mehr modern gewesen sein mu\u00dfte, in Fetzen hinunter. Unterhalb des Fensters hatte sich eine schmierige Pf\u00fctze auf dem nackten Estrich gebildet. Der Wind wehte regenfeuchte Luft herein. Alles war klamm und roch modrig. Mitten im ansonsten leeren Raum stand ein altes Messingbettgestell. Auf dem stockfleckigen Lattenrost lag die Tote nackt auf dem R\u00fccken, mit Armen und Beinen mittels roter W\u00e4scheleine an die Eckpfosten festgebunden, die leblos blickenden Augen zur Decke gerichtet, um den Hals einen verknoteten rosafarbenen leicht verschossenen Seidenschal.<br \/>\nEva, Lars und Schr\u00f6der blieben and\u00e4chtig im T\u00fcrrahmen stehen, als bef\u00e4nden sie sich vor einer Aufgebahrten in einer Kapelle.<br \/>\nEva zitterte leicht, ihr war unbehaglich und sie fr\u00f6stelte. Sie versuchte die Tote mit beruflicher Gelassenheit zu betrachten und sich nach Anhaltspunkten umzusehen, die f\u00fcr ihre Ermittlungen wichtig sein k\u00f6nnten.<br \/>\nDie Frau schien in den fr\u00fchen Vierzigern zu sein, mittelgro\u00df, mit einem K\u00f6rper, der ohne weiteres als sch\u00f6n bezeichnet werden konnte, das Geschlecht haarlos, das auf Eva wie eine klaffende Wunde wirkte, als h\u00e4tte jemand in Raserei mit einem gro\u00dfen scharfen Messer eine \u00d6ffnung in diesen K\u00f6rper geschnitten. So weit Eva das von ihrem Platz aus sehen konnte, hatte die Tote zu Lebzeiten auf ihren K\u00f6rper geachtet; F\u00fc\u00dfe und H\u00e4nde waren sehr gepflegt. Nur die Wimperntusche und der Lippenstift waren sichtbar verschmiert und gaben ihrem totenblassen Gesicht etwas Clowneskes.<br \/>\n\u00bbF\u00fcr mich sieht das aus, als w\u00e4re etwas geh\u00f6rig schiefgegangen\u00ab, war Schr\u00f6der der erste von ihnen, der etwas sagte. Er sprach leise, als k\u00f6nnte allzu lautes Sprechen die Tote aus dem Schlaf der Ewigkeit wecken. \u00bbEs scheint wahrscheinlich, da\u00df die Frau sich freiwillig hat fesseln lassen. Ihr K\u00f6rper scheint \u00e4u\u00dferlich keine Spuren von Gewalteinwirkung aufzuweisen, die auf das Gegenteil schlie\u00dfen lassen, sieht man vom Schal um den Hals ab. So weit man das auf den ersten Blick \u00fcberhaupt beurteilen kann.\u00ab<br \/>\nWie kann so etwas nur passieren? Wie kann man nur so offenkundig leichtsinnig sein, durchfuhr es Eva verst\u00e4ndnislos, die sich bereitwillig Schr\u00f6ders Vermutung anschlo\u00df.<br \/>\n\u00bbVerwunderlich ist nur, da\u00df sie hier liegengelassen wurde. Normalerweise ruft der andere Beteiligte in solchen F\u00e4llen den Notarzt\u00ab, sagte Schr\u00f6der nachdenklich.<br \/>\n\u00bbPanik?\u00ab vermutete Lars.<br \/>\n\u00bbMan steckt nicht drin\u00ab, meinte Schr\u00f6der achselzuckend.<br \/>\nEr war bereits zu lange in dem Beruf, um sich noch gro\u00dfartigen Mutma\u00dfungen hinzugeben, bevor ausreichend Anhaltspunkte vorhanden waren.<br \/>\n\u00bbMan sollte annehmen, da\u00df Menschen in ihrem Alter sich verantwortungsvoller benehmen\u00ab, sagte Eva verst\u00e4ndnislos, die sogleich die Naivit\u00e4t ihrer Aussage erkannte und sich am liebsten zur Strafe auf die Zunge gebissen h\u00e4tte.<br \/>\n\u00bbAch, in unserem Beruf bekommt man soviel zu sehen\u00ab, meinte Schr\u00f6der ein wenig v\u00e4terlich.<br \/>\n\u00bbWer mag die Tote sein?\u00ab sagte Eva mehr zu sich selbst.<br \/>\n\u00bbMeines Erachtens jemand besser Gestelltes\u00ab, mutma\u00dfte Lars.<br \/>\nVon unten hallten die Schritte der Kollegen von der Spurensicherung herauf. Innerhalb weniger Minuten war das Haus derma\u00dfen von Gesch\u00e4ftigkeit erf\u00fcllt wie schon lange nicht mehr. Eva, Schr\u00f6der und Lars gingen wieder nach unten. Viel konnten sie hier nicht ausrichten.<br \/>\nKaum am Fu\u00df der Treppe angekommen, mu\u00dfte Eva mit pl\u00f6tzlich aufsteigender \u00dcbelkeit k\u00e4mpfen. Ihr trat der kalte Schwei\u00df aus, die Knie wurden ihr weich, vor ihren Augen flimmerte es, in ihren Ohren rauschte es. Die Stimmen der Kollegen schienen von weither zu kommen. Sie f\u00fcrchtete gleich zusammenzubrechen. Mit zitternden Knien tastete sie sich nach drau\u00dfen, lehnte sich mit dem R\u00fccken an die Wand neben dem Eingang und atmete tief die regenfeuchte erdig riechende Morgenluft ein.<br \/>\nHoffentlich sackt mir nicht der Kreislauf weg. Nicht hier, nicht vor den Kollegen, dachte Eva, die das Gef\u00fchl hatte, Horden von Ameisen krabbelten durch ihre Venen. Ihr Herz raste.<br \/>\nLangsam wurde es besser, das Flimmern vor den Augen verschwand. Eva konnte wieder klarer sehen. Das Rauschen in ihren Ohren wurde schw\u00e4cher, die Umweltger\u00e4usche drangen wieder lauter zu ihr. Aber das Schwindelgef\u00fchl wollte nur z\u00f6gerlich weichen. Ihr war kalt.<br \/>\nIm gleichen Ma\u00df wie ihr Zustand sich besserte, wurde Eva sich des Ausl\u00f6sers f\u00fcr diesen Anfall bewu\u00dft. Es war ohne jede Vorwarnung \u00fcber sie hereingebrochen; f\u00fcr einen Moment hatte sie sich dort auf dem Bett liegen gesehen; nackt, gefesselt und tot. Es war die Assoziation einer klaffenden Wunde mit dem Geschlecht der Toten, die alles noch verst\u00e4rkt hatte.<br \/>\nDas letzte Mal war Eva etwas Vergleichbares vor zwei Jahren bei der bereits in Verwesung \u00fcbergegangen Leiche eines Selbstm\u00f6rders widerfahren. Aber da war ihr lediglich schlecht geworden. Sie hatte sich \u00fcbergeben m\u00fcssen, weil sie zuvor etwas gegessen hatte, und der Gestank in der kleinen alten Wohnung nicht auszuhalten gewesen war. Es war mitten im hei\u00dfesten Sommer gewesen. Unz\u00e4hlige Fliegen hatten sich in dem Zimmer befunden. Obwohl die Fenster geschlossen waren, war alles voller Insekten gewesen. Doch war nicht nur ihr allein schlecht geworden. Aber der K\u00f6rper der Toten oben zeigte noch keine Spuren \u00e4u\u00dferlicher Zersetzung.<br \/>\n\u00bbGeht es dir gut, Eva\u00ab, h\u00f6rte sie Lars ehrlich besorgt neben sich sagen. \u00bbDu bist wei\u00df wie eine Wand.\u00ab<br \/>\nLars f\u00fchlte sich an den Herzanfall seines Schwiegervaters w\u00e4hrend einer Familienfeier vor zwei Jahren erinnert, die zum Gl\u00fcck glimpflich verlaufen war. Aber Eva war eigentlich noch zu jung f\u00fcr einen Herzanfall, wie er sich sogleich ein wenig beruhigte.<br \/>\nEva wischte sich mit einer fahrigen Geste \u00fcber die Stirn. Sie war tats\u00e4chlich na\u00df vom Schwei\u00df, der sich \u00f6lig anf\u00fchlte. Ihr wurde bewu\u00dft, da\u00df Lars sie das mindestens einmal bereits gefragt hatte.<br \/>\n\u00bbJa, es geht wieder. Ich h\u00e4tte heute fr\u00fch besser etwas essen sollen\u00ab, entschuldigte sie sich.<br \/>\nLars wu\u00dfte, da\u00df das eine Notl\u00fcge war. Eva hatte wie jeden Morgen ausreichend gefr\u00fchst\u00fcckt. Aber sie wollte Lars nicht mit einer Vision ihrer \u00c4ngste bel\u00e4stigen. Nein, das, was sie gerade \u00fcberwunden hatte, war kein \u00dcbelkeitsanfall, sondern eindeutig eine Panikattake gewesen. So etwas hatte sie noch nie gehabt. Das war ihr nicht einmal vor Jahren passiert, als sie sich tats\u00e4chlich in einer \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrlichen Situation befunden hatte und sich sp\u00e4ter nur wundern konnte, da\u00df sie unversehrt dort heraus gekommen war.<br \/>\nLars akzeptierte die Entschuldigung, obwohl er erkannt hatte, da\u00df nicht \u00dcbelkeit allein Schuld f\u00fcr den gegenw\u00e4rtigen Zustand seiner Kollegin war.<br \/>\n\u00bbDie haben mit ihren lkws ganze Arbeit geleistet\u00ab, bemerkte Eva mit noch leicht unsicherer Stimme und wies auf den zerfurchten Boden vor ihnen, \u00bbhier drau\u00dfen lassen sich jedenfalls keine Spuren mehr feststellen.\u00ab<br \/>\n\u00bbWas erwartest du auch bei dem Wetter\u00ab, schien Lars das nicht weiter zu bek\u00fcmmern.<br \/>\nSie gingen wieder ins Haus zur\u00fcck, Eva noch etwas wacklig auf den Beinen.<br \/>\n\u00bbWie lange mag sie schon da oben liegen?\u00ab dachte Eva laut.<br \/>\nSie war zwar noch ein wenig bleich um die Nase, f\u00fchlte sich jedoch wieder sicherer auf den Beinen.<br \/>\nSchr\u00f6der, der in ihrer N\u00e4he stand und mit seinem Kollegen mit der vorl\u00e4ufigen Befragung der vier Arbeiter, die nun interessiert dem Treiben im Haus zusahen, zum Ende gekommen war, glaubte die Frage als an sich gerichtet und antwortete:<br \/>\n\u00bbKeinesfalls vor Freitagnachmittag. Denn Freitagmittag hatten die Arbeiter noch einen letzten Rundgang durchs Haus gemacht.\u00ab<br \/>\n\u00bbWas ist mit dem Bettgestell?\u00ab fragte Eva.<br \/>\n\u00bbDas kann ebenfalls fr\u00fchestens Freitagnachmittag ins Haus geschafft worden sein. Die befragten Zeugen best\u00e4tigen \u00fcbereinstimmend, da\u00df das Haus leer war, als sie es Freitagmittag verlie\u00dfen.\u00ab<br \/>\n\u00bbBest\u00e4tigt nur die Vermutung, da\u00df hier etwas radikal anders verlief als beabsichtigt\u00ab, meinte Lars.<br \/>\nIn diesem Moment h\u00f6rten sie drau\u00dfen den Leichenwagen vorfahren. Fast zeitgleich kam die Gerichtsmedizinerin die Treppe herunter; eine mittelgro\u00dfe, blasse, aber nicht uninteressante Blondine Mitte Vierzig.<br \/>\n\u00bbF\u00fcr mich sieht es nach einem au\u00dfer Kontrolle geratenen Atemreduktionsspiel aus\u00ab, meinte sie lakonisch zu Eva und Lars. \u00bbDa scheinen zwei so gut wie alles falsch gemacht zu haben, was man in einer solchen Situation nur falsch machen kann. Genaueres kann ich erst nach der Obduktion sagen, aber das ist ja f\u00fcr Sie nichts Neues. Nichts gegen Sex an ungew\u00f6hnlichen Orten, aber ich kann mir etwas Sch\u00f6neres als dieses sch\u00e4bige Abbruchhaus vorstellen, auch wenn alles so verlaufen w\u00e4re, wie es gedacht gewesen war.\u00ab<br \/>\n\u00bbSie gehen demnach von einem Unfall aus\u00ab, fragte Eva nicht sonderlich \u00fcberrascht.<br \/>\n\u00bbZumindest sieht es so aus, als h\u00e4tte die Frau sich freiwillig fesseln lassen. Nichts deutet auf einen Kampf hin. Ihr K\u00f6rper weist keinerlei sichtbare frische Verletzungen auf. Aber das kann man erst nach der Obduktion zweifelsfrei sagen. Schade, eigentlich eine sch\u00f6ne Frau. &ndash; Sobald ich N\u00e4heres wei\u00df, informiere ich Sie. &ndash; Sie sehen bla\u00df aus, Frau Gerbroth. Ich hoffe, das liegt lediglich an der Toten dort oben.\u00ab<br \/>\nEva sch\u00fcttelte leicht den Kopf.<br \/>\n\u00bbJa, vermutlich weil ich schlecht geschlafen habe und heute morgen nur eine Tasse Kaffee hatte.\u00ab<br \/>\n\u00bbEs klingt zwar nach Binsenweisheit, aber ein gutes Fr\u00fchst\u00fcck ist wichtig. Dar\u00fcber hinaus alles bei Ihnen in Ordnung? Der Kreislauf?\u00ab meinte die Gerichtsmedizinerin mit einem Unterton, der keinen Zweifel daran lie\u00df, worin sie in erster Linie die Ursache f\u00fcr Evas Verfassung sah.<br \/>\n\u00bbJa, und ich bin auch nicht tr\u00e4chtig\u00ab, f\u00fcgte Eva etwas hitzig hinzu.<br \/>\nWie sollte ich auch, schlie\u00dflich habe ich seit bald zwei Monaten mit keinem Mann mehr gev\u00f6gelt, seufzte Eva innerlich.<br \/>\nDie Gerichtsmedizinerin zuckte gleichg\u00fcltig mit den Achseln und verlie\u00df Lars und Eva mit einem knappen Gru\u00df.<br \/>\nKurz darauf kamen die Tr\u00e4ger mit der Bahre.<br \/>\n\u00bbF\u00fcr uns gibt es hier im Augenblick wohl nichts mehr zu tun\u00ab, meinte Lars, der froh war, von hier wegzukommen. \u00bbKomm, Eva, ich lade dich zu einem Kaffee und einem Br\u00f6tchen ein. Nachher kippst du mir von Neuem um\u00ab, f\u00fcgte er f\u00fcrsorglich hinzu.<br \/>\n\u00bbDanke, Lars, aber fahre schon einmal ins Pr\u00e4sidium\u00ab, lehnte Eva sein Angebot mit einem verungl\u00fcckten L\u00e4cheln an. \u00bbIch mu\u00df jetzt etwas f\u00fcr mich allein sein.\u00ab<br \/>\n\u00bbWie du meinst\u00ab, sagte Lars von einem Achselzucken begleitet.<br \/>\nEr hatte es nur gut gemeint. Aber schlie\u00dflich war Eva alt genug, um zu wissen, was sie tat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Text ist ein Auszug aus dem ersten Kapitel meines Kriminalromans \u00bbEin (fast) allt\u00e4glicher Fall\u00ab, Bestellm\u00f6glichkeit hier &nbsp; Das Klingeln des Mobiltelephons ri\u00df Evas aus ihren Gedanken. Sie holte es aus der Innentasche ihrer Jacke. 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