{"id":2134,"date":"2012-05-20T12:20:03","date_gmt":"2012-05-20T10:20:03","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=2134"},"modified":"2026-04-04T18:02:38","modified_gmt":"2026-04-04T16:02:38","slug":"unterschichten-im-spiegel-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=2134","title":{"rendered":"Unterschichten im Spiegel der Zeit"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"wp-content\/gallery\/logos\/betrach.png\" \/><\/p>\n<p><i>Sagt der arme Mann zum reichen Mann: \u00bbW\u00e4re ich nicht arm, w\u00e4rst du nicht reich.\u00ab<\/i> (Berthold Brecht)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Verbale Entgleisung und Diskreditierungen gegen\u00fcber den Schw\u00e4chsten einer Gesellschaft, den Armen, die auch gerne als Unterschicht bezeichnet werden oder neuerdings auch als Prekariat, was nur scheinbar weniger abwertend klingt, durchziehen die gesamte abendl\u00e4ndische Geschichte. Verbale Entgleisungen gegen eine Gesellschaftsschicht, die zwar immer mit ihrer \u2013 billigen \u2013 Arbeitskraft half, den Wohlstand einer Gesellschaft zu mehren, aber zugleich von den Fr\u00fcchten dieses Wohlstandes ausgeschlossen war. \u00bbW\u00e4re ich nicht arm, w\u00e4rst Du nicht reich\u00ab, wie Brecht den armen zum reichen Mann sagen l\u00e4\u00dft, beschreibt in einfachen Worten treffend Ursache und Wirkung. Die Armen haben immer nur Arbeiten verrichten m\u00fcssen, die von der Gesellschaft als niedere angesehen worden, oder wurden herangezogen, wenn die anfallende Arbeit f\u00fcr die regul\u00e4ren Kr\u00e4fte allein nicht zu schaffen war, zur Erntezeit in der Landwirtschaft. Die Landwirtschaft war bis zur einsetzenden Industrialisierung der Wirtschaftszweig mit den meisten Besch\u00e4ftigten. Sie wurden abwertend als Tagel\u00f6hner, heute euphemistisch Saisonarbeiter, bezeichnet, wodurch sie auch sprachlich vom Arbeitenden mit regul\u00e4rem Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis abgesetzt wurden, der seinen Lohn w\u00f6chentlich erhielt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Da\u00df sie dumm seien, an ihrem Elend selbst Schuld, dem Trunk verfallen, derb, es nie zu etwas bringen w\u00fcrden, faul, an regelm\u00e4\u00dfiger Arbeit nicht interessiert, sich hemmungslos ihren Trieben hingeben w\u00fcrden, und was es an Vorurteilen mehr gibt, wurde ihnen fortw\u00e4hrend vorgehalten, ohne auch nur die M\u00f6glichkeit in Betracht zu ziehen, da\u00df hier Ursache mit Wirkung verwechselt wurde. Als ob Menschen, die systematisch ausgegrenzt und diffamiert werden, das auch noch mit Begeisterung und Dank und besonders vorbildlichem Verhalten quittieren w\u00fcrden!<!--more--><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h3>Ein historischer Abri\u00df<\/h3>\n<p>Nicht nur wirtschaftlich sondern auch politisch waren Unterschichten gewollt. In den streng hierarchisch gegliederten Gesellschaften und Staatssystemen der europ\u00e4ischen Vergangenheit sorgten die Unterschichten daf\u00fcr, da\u00df die Bev\u00f6lkerungsgruppen, die die Hauptwirtschaftsleistung erbrachten und damit erst den Prunk der Herrscherh\u00e4user und des Klerus erm\u00f6glichten, aber ebenso wie die Unterschichten von der politischen Willensbildung ausgeschlossen waren, sich dennoch ihrer Ohnmacht nicht so bewu\u00dft werden konnten; es gab eine Bev\u00f6lkerungsschicht, die noch niedriger stand als sie und denen, ebenso wie ihnen selbst, der Aufstieg in eine h\u00f6here Schicht so gut wie verwehrt war. Geht es einem selbst nicht so gut, dann kann es durchaus beruhigend sein, zu wissen, da\u00df es jemand gibt, dem es noch schlechter geht. Dar\u00fcber hinaus konnte sich im Mittelalter die beg\u00fcterte Oberschicht mit Mildt\u00e4tigkeit den Armen gegen\u00fcber einen besseren Platz im Paradies \u00bberkaufen\u00ab, ein m\u00f6glicherweise schlechtes Gewissen mit ein paar Kupferm\u00fcnzen beruhigen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Auch an Vorschl\u00e4gen der Bessergestellten, den vermeintlichen Eliten, wie die Armen ihr Los mildern k\u00f6nnten, ist nie gespart worden. Marie-Antonettes: \u00bbWenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen\u00ab, ist stellvertretend daf\u00fcr zu sehen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Mit dem Beginn der industriellen Revolution, eingel\u00e4utet durch die Erfindung des mechanischen Webstuhls und der Dampfmaschine, sollte die Durchl\u00e4ssigkeit der Gesellschaftsschichten gr\u00f6\u00dfer werden, vor allem nach unten. Zwar ist das industrielle Zeitalter auch der Beginn des B\u00fcrgertums, das \u00fcberwiegend aus den Kaufleuten und den Handwerkern hervorging, aber eben auch der Beginn der Verarmung breiter Bev\u00f6lkerungsschichten bedeutete, die vorher zu der gleichen Gesellschaftsschicht wie das sp\u00e4tere B\u00fcrgertum geh\u00f6rten.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die Weber waren die erste Berufsgruppe, die durch die Einf\u00fchrung des mechanischen Webstuhls zuerst in England, Massenarbeitslosigkeit zu sp\u00fcren bekamen. Doch nicht nur in England wurden zahllose kleine Weber von den Fabriken verdr\u00e4ngt. Die maschinelle Massenproduktion von Tuch erm\u00f6glichte es, die Preise drastisch zu senken und gro\u00dfe Mengen zu exportieren. Obwohl sich in Deutschland die Industrie erst allm\u00e4hlich w\u00e4hrend der zweiten H\u00e4lfte des 19 Jhd. zum wichtigsten Wirtschaftszweig entwickelte, bekamen die Weber ihn bereits zu Beginn der 1840er Jahre zu sp\u00fcren. Gewebt wurde bis dahin vorwiegend in Heimarbeit im Auftrag einiger weniger Gro\u00dfh\u00e4ndler, die das Garn stellten und die durch die billigeren Produkte aus England gezwungen waren, ebenfalls billig zu produzieren, was im vorindustriellem Deutschland nur ging, in dem die L\u00f6hne der Weber drastische gesenkt wurden, so da\u00df der Verdienst nicht mehr zum Leben reichte. 1844 kam es in Folge der starken Verarmung zum sogenannten Weberaufstand, der von der Obrigkeit blutig niedergeschlagen wurde. Bis hinein ins 20 Jhd. sollte noch der Staat aktiv in Arbeitsk\u00e4mpfe zugunsten des Kapitals eingreifen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Durch die Industrialisierung waren nicht nur die Weber, sondern auch T\u00f6pfer, Schneider und Schuhmacher, um nur einige als Beispiel zu nennen, mit ihren Waren des t\u00e4glichen Bedarfs gegen\u00fcber der industriellen Massenproduktion nicht mehr konkurrenzf\u00e4hig. Weshalb ihnen nichts anderes \u00fcbrig blieb, als sich in den Fabriken f\u00fcr weniger Geld bei gleicher Arbeit zu verdingen, was ein gesellschaftlicher Abstieg bedeutete. Nur wenigen gelang es, sich mit ihren handgefertigten Produkten weiterhin in einer Nische ein Auskommen zu verschaffen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die Folgen des gesellschaftlichen Abstiegs, das Los, der von wenigen Industriellen Abh\u00e4ngigen, beschreibt Charles Dickens bereits fr\u00fch, besonders anschaulich, mit der ihm eigenen Portion Ironie, in \u00bbHarte Zeiten\u00ab. Die Dichter des Naturalismus, allen voran Emile Zola mit \u00bbGerminal\u00ab, nahmen sich den Problemen der Arbeiterschaft an und versuchten Vorurteile gegen\u00fcber Unterschichten zu widerlegen und die wahren Ursachen f\u00fcr deren Lebensumst\u00e4nde aufzuzeigen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Im 20 Jhd. beraubte der konsequente Einsatz von Maschinen in der Landwirtschaft, die l\u00e4ngst der Wirtschaftszweig mit dem intensivsten Maschineneinsatz geworden ist, unz\u00e4hlige Bauern ihrer Existenz, die sich nun ebenfalls in den Fabriken verdingen mu\u00dften. Doch durch den gro\u00dfen Bedarf an Industrieg\u00fctern und da\u00df die fr\u00fchindustrielle Produktion noch im hohen Ma\u00df manuelle Arbeit erforderte, fand die Mehrzahl jedoch Arbeit, wenn auch schlecht bezahlte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Jedoch erkannte die Arbeiterschaft, die sich ja urspr\u00fcnglich \u00fcberwiegend aus der Mittelschicht rekrutierte, schnell, da\u00df sie sich organisieren mu\u00dfte, wollte sie nicht trotz Arbeit verarmen. Die organisierte Arbeiterschaft sorgte daf\u00fcr, da\u00df die, die den Reichtum einiger weniger durch ihre Arbeit mehrten, einen Anteil daran bekamen und somit die n\u00f6tige Kaufkraft, um die von ihnen gefertigten Produkte auch erwerben zu k\u00f6nnen und dadurch den allgemeinen Wohlstand erst erm\u00f6glichten.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der beispiellose wirtschaftliche Aufschwung der fr\u00fchen Nachkriegsjahre lie\u00df die Unterschicht scheinbar fast zu einem Relikt der Vergangenheit werden. Es gab mehr als genug Arbeit, so da\u00df Arbeitskr\u00e4fte aus dem Ausland rekrutiert werden mu\u00dften.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Doch nahm bereits in den 1960er Jahre eine Entwicklung ihren Anfang, die die Arbeitswelt ebenso umw\u00e4lzen sollte, wie seinerzeit die Dampfmaschine und der automatische Webstuhl: Die EDV. Die eben nicht nur in der Industrieproduktion Einzug hielt, sondern in alle Wirtschafts- und Lebensbereiche, die \u00f6ffentlichen wie die privaten derma\u00dfen durchdrang, da\u00df l\u00e4ngst ohne sie nichts mehr funktionieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Trotz Flie\u00dfbandproduktion waren es lange Zeit noch Menschen, die mit Unterst\u00fctzung der Maschinen Waren produzierten, die EDV jedoch erm\u00f6glicht, da\u00df Maschinen selbst\u00e4ndig G\u00fcter hoher Qualit\u00e4t herstellen k\u00f6nnen. Menschenleere Fabrikhallen, in denen Roboter alle Produktionsschritte verrichten, sind l\u00e4ngst keine Utopie mehr.<\/p>\n<p class=\"einzug\">In der Verwaltung sieht es nicht viel anders aus. Arbeitszeiterfassungssysteme sind an die Stelle der alten Stechuhr getreten, Daten werden zentral erfa\u00dft und ausgewertet, schneller und effektiver als Menschen es je k\u00f6nnten. Geldautomaten haben viele Angestellte am Schalter \u00fcberfl\u00fcssig werden lassen und mit dem Online-Banking nimmt der Kunde den Banken auch Arbeit ab.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Und ein Ende dieser Entwicklung ist noch lange nicht abzusehen. Nicht ohne Grund stellte der US-amerikanische \u00d6konom Jeremy Rifkin bereits 1996 in seinem Buch \u00bbDas Ende der Arbeit\u00ab die These auf, da\u00df die konsequente Rationalisierung dazu f\u00fchren wird, da\u00df nur noch wenige Menschen f\u00fcr den Arbeitsproze\u00df notwendig sind.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h3>Gegenw\u00e4rtige Situation<\/h3>\n<p>Traf die Automatisierung Anfangs die \u00fcberwiegend die angelernten Kr\u00e4fte in der Industrie, so sind heute l\u00e4ngst auch h\u00f6her qualifizierte Kr\u00e4fte davon betroffen. Maschinen arbeiten billiger und effizienter.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Unterschichten rekrutieren sich l\u00e4ngst nicht mehr nur aus den sogenannten Geringqualifizierten. Noch nie war in der neueren Geschichte die Gefahr gesellschaftlich abzurutschen so gro\u00df wie in der gegenw\u00e4rtigen Situation. Denn neben dem Wegfall vieler Arbeitspl\u00e4tze hat eine kaum weniger fatale Entwicklung eingesetzt; der ausufernde und gewollte Niedriglohnsektor, der daf\u00fcr sorgt, da\u00df Menschen trotz Vollzeitstelle nicht genug f\u00fcr den t\u00e4glichen Bedarf haben, der zwar von staatlicher Seite aufgestockt wird, aber letztlich nichts anderes als versteckte Lohnsubvention ist.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Dieser Niedriglohnsektor wurde und wird unter dem Scheinargument der internationalen Wettbewerbsf\u00e4hig mit aller Macht betrieben. Ist Arbeit nur billig genug, werden die Unternehmer mehr Leute einstellen und alle haben Arbeit und der Konsum kommt von allein in Gang. Offenbar f\u00e4llt den Urhebern der neoliberalen Ideologie \u2013 die weder neo noch liberal ist \u2013 gar nicht auf, da\u00df, selbst wenn alle in Lohn und Brot sind, was gar nicht gew\u00fcnscht ist, denn bei Vollbesch\u00e4ftigung verlagert sich das Machtgef\u00fcge zu den Arbeitnehmern hin, da Vollbesch\u00e4ftigung nichts weniger bedeutet, als da\u00df jeder jederzeit Arbeit findet und leicht von den Arbeitgebern einen angemessenen Lohn fordern kann. In der gegenw\u00e4rtigen Situation bedeutet der Verlust des Arbeitsplatzes oft genug den finanziellen Abstieg. Nicht nur, weil die Arbeitslosenunterst\u00fctzung lediglich noch f\u00fcr ein Jahr gew\u00e4hrt wird, sondern weil der Druck, der dadurch erzeugt wird, den Menschen keine Zeit l\u00e4\u00dft, sich nach einer anderen ad\u00e4quaten Stellung umzusehen. Unter der Angst des finanziellen Abstiegs sind die Menschen zwangsl\u00e4ufig bereit, ihre Arbeitskraft unter Wert zu verkaufen. Schlie\u00dflich ist nicht nur das nicht zum Leben reichende ALG II \u2013 vulgo Hartz IV genannt \u2013 eine erschreckende Perspektive, sondern die Schikanen, die die Bezieher von ALG II beh\u00f6rdlicherseits und in den Mainstreammedien ausgesetzt sind, die eindeutig gegen die Menschenw\u00fcrde versto\u00dfen, sind weitaus schlimmer.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Abgesehen davon haben Menschen, deren Einkommen gerade zum Leben reicht, kein Geld f\u00fcr Waren \u00fcbrig, die nicht zu den G\u00fctern des t\u00e4glichen Bedarfs z\u00e4hlen und oft reicht es kaum dazu. Im Grunde herrschen wirtschaftlich bereits wieder feudale Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Daher ist es mehr als nur perfide, das Prekariat mit den alten \u2013 neuen \u2013 Vorteilen zu belegen, wie Faulheit, Dummheit, Z\u00fcgellosigkeit, trunks\u00fcchtig und was auch immer, und weiterhin die Umverteilung von unten nach oben zu betreiben.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Mit aberwitzigen und weltfremden Vorschl\u00e4gen, wie das \u00bbfinanzielle Austrocknen\u00ab des Prekariats, damit sie sich Arbeit suchen m\u00fcssen, ohne zu sagen, wo diese Arbeit denn herkommen soll, dem Prekariat vorzuwerfen, es w\u00fcrde sich hemmungslos vermehren und es m\u00fcsse verhindert werden, da\u00df Frauen aus dem Prekariat Kinder bekommen, da diese ja nur das Heer der Dummen vergr\u00f6\u00dfern w\u00fcrde, die niemals qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte werden k\u00f6nnen. Diese Vorschl\u00e4ge machte der Bremer Soziologen Professor Dr. Dr. Gunnar Heinsohn in einem Interview der FAZ vom 16 M\u00e4rz 2010. Auch hier wird in reiner Schwarzwei\u00dfmalerei Ursache mit Wirkung verwechselt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Da\u00df Menschen, die in Perspektivlosigkeit gedr\u00e4ngt werden, bestimmte von Hoffnungslosigkeit gepr\u00e4gte Verhaltensweisen entwickeln, wird ignoriert. Es gilt: <i>\u00bbWer will, da\u00df Menschen sich schlecht benehmen, der mu\u00df sie nur schlecht behandeln\u00ab.<\/i><\/p>\n<p class=\"einzug\">L\u00e4ngst entscheidet in Deutschland die soziale Herkunft \u00fcber den schulischen Werdegang eines Kindes. Es ist gerade existenziell wichtig daf\u00fcr zu sorgen, da\u00df die F\u00e4higkeiten der Kinder entwickelt werden.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Da\u00df eine h\u00f6here soziale Herkunft nicht automatisch kl\u00fcgere Kinder bedeutet, zeigt der steigende Bedarf an professioneller Nachhilfe, die sich eben nur die Eltern leisten k\u00f6nnen, die \u00fcber ein ad\u00e4quates Einkommen verf\u00fcgen. Familien, die mit jedem Euro rechnen m\u00fcssen, k\u00f6nnen sich eine professionelle Nachhilfe nicht leisten und geraten dadurch zwangsl\u00e4ufig ins Hintertreffen. Auf diese Weise tut ein Teufelskreis auf, denn auch diese Kinder werden dadurch nie in die Lage, ihren Kindern eine h\u00f6here Bildung zu finanzieren, was nat\u00fcrlich die pseudointellektuelle Argumentation gewisser Personenkreise best\u00e4tigt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Abhilfe w\u00fcrde eine ganzt\u00e4gliche Betreuung der Kinder schaffen, vormittags Unterricht nachmittags betreute Hausaufgaben, die keinen Unterschied zwischen Arm und Reich macht und Kinder aus bildungsfernen Schichten zu Kindern mit Bildung macht. Kinder nur wegen ihrer sozialen Herkunft von h\u00f6herer Bildung auszuschlie\u00dfen, bedeutet nicht zuletzt eine beispiellose Verschwendung von Talenten.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Doch es f\u00e4llt in der gegenw\u00e4rtigen Situation leicht, das Prekariat auszugrenzen. Anders als die Arbeiter des 19 Jhd. und 20 Jhd. ist das Prekariat nicht organisiert und \u00fcberwiegend unpolitisch. Die Gewerkschaften haben durch Zur\u00fcckhaltung in den Tarifverhandlungen trotz Wirtschaftswachstum seit den 1990er Jahren viel Vertrauen verspielt, das sie erst wiedergewinnen m\u00fcssen. Ans\u00e4tze gibt es dazu bereits, aber sie sind und bleiben zu zaghaft und haben es bisher nicht geschafft, die neoliberale Propaganda als solche nachhaltig zu entlarven. Noch immer glaubt der sogenannte Mittelstand, da\u00df seine Interessen sich mit denen der wohlhabenden, der selbsternannten Eliten deckt. Dabei decken sich die Interessen des Mittelstandes ausschlie\u00dflich mit denen des sogenannten Prekariats. Erst wenn das Prekariat verschwindet, das eben nicht nur zu Rekrutierung billigster Arbeitskr\u00e4fte dient, sondern ebenso als Pr\u00fcgelknabe und Schreckgespenst, um den Mittelstand zu disziplinieren und auszubeuten, dann wird es auch wieder einen soliden Mittelstand geben, der letztlich die wahre St\u00fctze einer Gesellschaft bildet. Ohne Prekariat gibt es n\u00e4mlich nur einen Mittelstand, abgesehen von ein paar Wohlhabenden und mittelm\u00e4\u00dfig Reichen, mit denen eine Gesellschaft aber leben kann, au\u00dferdem werden dann Einzelpersonen kaum noch \u00fcber soviel Kapital verf\u00fcgen k\u00f6nnen, um die Mehrheit damit manipulieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Je weiter die Schere zwischen Arm und Reich auseinanderklafft, desto mehr ist der in \u00fcber einhundert Jahren erk\u00e4mpfte soziale Frieden gef\u00e4hrdet, der nicht zuletzt auch die Demokratie als solche gef\u00e4hrdet, nicht weil es das Prekariat sonst selbst ernannten Heilsbringern in die Arme treibt, sondern weil sie in ihrer Politikm\u00fcdigkeit sich selbst von der politischen Willensbildung ausschlie\u00dfen und damit sich der M\u00f6glichkeit berauben, an ihrer Situation etwas zu \u00e4ndern und somit nur diejenigen st\u00e4rken, die von der Armut des Prekariats profitieren.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00a0<\/p>\n<p><i>Dieser Beitrag ist eine leicht \u00fcberarbeitete Version, die bereits am 2.5.2010 unter dem Titel <i>\u00bbW\u00e4re ich nicht arm, w\u00e4rst Du nicht reich\u00ab<\/i> im mittlerweile eingestellten und offline genommenen online-Magazin einseitig.info publiziert worden ist.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sagt der arme Mann zum reichen Mann: \u00bbW\u00e4re ich nicht arm, w\u00e4rst du nicht reich.\u00ab (Berthold Brecht) &nbsp; Verbale Entgleisung und Diskreditierungen gegen\u00fcber den Schw\u00e4chsten einer Gesellschaft, den Armen, die auch gerne als Unterschicht bezeichnet werden oder neuerdings auch als Prekariat, was nur scheinbar weniger abwertend klingt, durchziehen die gesamte abendl\u00e4ndische Geschichte. 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