{"id":2382,"date":"2016-09-24T22:46:08","date_gmt":"2016-09-24T20:46:08","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=2382"},"modified":"2026-04-04T16:24:36","modified_gmt":"2026-04-04T14:24:36","slug":"ueber-die-schoenheit-dicker-frauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=2382","title":{"rendered":"\u00dcber die Sch\u00f6nheit \u203adicker\u2039 Frauen"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/betrach.png\" \/><\/p>\n<p><i>Dieser Essay behandelt weniger vermeintliche und tats\u00e4chliche gesundheitliche Risiken von \u00dcbergewicht, sondern besch\u00e4ftigt sich in erster Linie mit den \u00e4sthetischen und gesellschaftlichen Dimensionen eines weiblichen Sch\u00f6nheitsideals.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da bei M\u00e4nnern erst in neuer Zeit Dicksein als \u00bbunsch\u00f6n\u00ab angesehen wird, und das bei weitem nicht in dem Ma\u00dfe wie bei Frauen, werden diese hier au\u00dfen vor gelassen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbDick\u00ab ist ein Adjektiv, das als Attribut f\u00fcr die Beschreibung von \u2013 menschlichen \u2013 K\u00f6rpern eindeutig negativ besetzt ist. Es wird mit Faulheit, Gefr\u00e4\u00dfigkeit, Plumpheit, Schwerf\u00e4lligkeit auch in geistiger Hinsicht, mangelnder Selbstdisziplin nicht nur bez\u00fcglich der Ern\u00e4hrungsgewohnheiten gleichgesetzt, sogar ein per se sozial, wirtschaftlich niedriger Status mit entsprechend niedrigem Bildungsstandard wird damit unterstellt, im besten Fall noch Krankheit. Wer dick ist, hat sich schlecht zu f\u00fchlen. Dick in Verbindung mit dem menschlichen K\u00f6rper wird somit zu einem Schimpfwort.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Darum wird hier mit Absicht das negativ konnotierte \u00bbDick\u00ab und nicht die eher positiv und teilweise auch mit leichter Ironie besetzten Begriffe \u00bbMollig\u00ab, vermittelt m\u00fctterliche Behaglichkeit, \u00bbStattlich\u00ab, \u00bbMatrone\u00ab etc. verwendet. Eine Sonderstellung nimmt der Begriff \u00bb\u00dcppig\u00ab ein, damit wird Verschwendung, \u00dcberf\u00fclle, aber auch schw\u00fcle Erotik \u2013 Wollust \u2013 assoziiert. Nur eine \u00fcppige Frau kann sich wahrhaftig woll\u00fcstig geb\u00e4rden.<!--more--><\/p>\n<p class=\"einzug\">Als dick wird alles bezeichnet, was nicht einem hageren, im Grunde mageren Ideal von K\u00f6rperlichkeit entspricht, dem \u00fcberwiegend positive Eigenschaften beigegeben werden, Selbstdisziplin, die F\u00e4higkeit zur \u201arichtigen\u2018 \u201ama\u00dfvollen\u2018 Ern\u00e4hrung, hoher Bildungsstandard, dynamische Erscheinung, Gesundheit und so weiter und sofort. Schlankheit ist ein Zeichen vom Sieg \u00fcber den K\u00f6rper, die sichtbar gewordenen Selbstoptimierung. Um diesem Sch\u00f6nheitsideal zu entsprechen, bleibt vielen gar nichts anderes \u00fcbrig, als ihre Ern\u00e4hrungsgewohnheiten zu kontrollieren, die ber\u00fchmten Kalorien zu z\u00e4hlen, sich im Fitness-Studio zu qu\u00e4len, bis der Schwei\u00df aus allen Poren trieft, oder fr\u00fchmorgens vor Arbeitsbeginn, seine Runden durch den nahen Park zu drehen. Wer sich selbst derart effizient unter Kontrolle hat, besitzt auch die n\u00f6tige Leistungsbereitschaft f\u00fcr die moderne Arbeitswelt, in der die Menschen nicht nur ausgebeutet werden, sondern sich selber ausbeuten. Als ob sogenannte dicke Menschen unsportlich w\u00e4ren, oder nur tr\u00e4ge ihre Arbeit verrichten w\u00fcrden und k\u00f6nnten und nur begrenzt leistungsf\u00e4hig w\u00e4ren.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Das f\u00fchrt so weit, da\u00df sich Menschen bereits dick und somit schlecht f\u00fchlen, wenn sie objektiv kaum vom Magerkeitsideal abweichen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nach den Ursachen f\u00fcr vermeintliches \u00dcbergewicht wird nicht gefragt, auch nicht danach, ob \u00dcbergewicht allein, in Abgrenzung zu den verschiedenen Stufen der Fettleibigkeit <a id=\"firstHeading\"><\/a>(Adipositas), \u00fcberhaupt und ab welcher Gr\u00f6\u00dfenordnung tats\u00e4chlich f\u00fcr sich genommen ein \u2013 gesundheitliches \u2013 Risiko darstellt, insbesondere bei Personen, die weder Rauchen noch regelm\u00e4\u00dfig Alkohol konsumieren.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Manche Menschen besitzen grunds\u00e4tzlich eine adip\u00f6se Disposition. Mit zunehmenden Alter legen S\u00e4ugetiere generell an Gewicht zu, was dazu f\u00fchrt, da\u00df dicke Menschen per se j\u00fcnger wirken, da Falten sich weniger deutlich bilden. Eine hagere Zwanzigj\u00e4hrige mag durch ihre jugendlich glatte Haut noch ein angenehmer Anblick sein, eine F\u00fcnfzigj\u00e4hrige mit gleicher Figur wirkt dagegen weniger ansprechend und \u00e4lter als sie eigentlich ist. W\u00e4hrend die Gleichaltrige mit den ber\u00fchmten Kilos zu viel ges\u00fcnder und j\u00fcnger wirkt.<\/p>\n<div class=\"illustration\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/titel\/20150408_166_600.jpg\" \/><\/div>\n<p class=\"einzug\">Der Begriff der Sch\u00f6nheit eines Menschen hat sich derma\u00dfen auf die Form des K\u00f6rpers reduziert, besonders bei Frauen, da\u00df von vielen eine dem derzeitigen Sch\u00f6nheitsideal entsprechende Frau per se als sch\u00f6n empfunden wird, obwohl sie dar\u00fcber hinaus im Grunde nichtssagend ist. Dagegen kann eine dicke Frau nicht auch sch\u00f6n sein, wenngleich ein Schreiten mit offenen Augen durch die Welt jedem t\u00e4glich das Gegenteil beweisen sollte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Das Diktat eines \u00fcberschlanken Sch\u00f6nheitsideals geht zudem so weit, da\u00df nicht wenige M\u00e4nner sich scheuen, offen zuzugeben, da\u00df sie die ber\u00fchmten Kilos zuviel und sogar noch mehr bei einer Frau \u00e4u\u00dferst anziehend finden und einer solchen Frau als Lebens- und insbesondere als Sexualpartnerin prinzipiell den Vorzug geben.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Das \u00fcberschlanke Ideal verleiht Frauen eine mehr oder weniger starke Androgynit\u00e4t, da es wesentliche weibliche Attribute wie breiten H\u00fcften und \u00fcppige Br\u00fcste, schlie\u00dflich sind diese seit alters her Synonyme f\u00fcr eine lustvolle Sexualit\u00e4t, negiert oder zumindest auf ein Minimum reduziert.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wie anders da das Barock mit seinen \u00fcppigen Venus-Darstellungen, aus denen die Lebensfreude und die Lust am Genie\u00dfen ins Auge springt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wahrscheinlich ist das Barock die einzige europ\u00e4ische Epoche, in der der Sch\u00f6nheit dicker Frauen gehuldigt wurde. Davor und danach wurde und wird das Sch\u00f6nheitsideal der zierlichen, \u00fcberschlanken Frauen propagiert, mal mehr mal weniger asketisch ausgepr\u00e4gt. Die zierliche, \u00fcberschlanke Frau f\u00fcgte sich nur zu gut in das b\u00fcrgerliche Ideal der sanften, schutzbed\u00fcrftigen Frau, die mehr Porzellanpuppe als eigenst\u00e4ndige Person sein durfte und somit kaum eine ernstzunehmende Konkurrentin f\u00fcr den Mann darstellte. Das Patriarchat betrachtet die Frau grunds\u00e4tzlich als Gegnerin des Mannes nicht als seine gleichberechtigte Partnerin, die nur ertr\u00e4glich ist, wenn sie klein gehalten wird und \u2013 wichtiger \u2013 sich selbst klein h\u00e4lt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Hatte die Frau ihre Schuldigkeit in der Reproduktion getan und dem Mann einen oder mehrere Erben \u00bbgeschenkt\u00ab, so durfte sie von der Zierlichkeit Abschied abnehmen, infolge diverser Schwangerschaften nicht selten ohnehin an Gewicht auf nat\u00fcrliche Weise zugelegt, und ihr Leben offiziell in einer m\u00fctterlich rundlichen, der Matrone, eine asexuelle Existenz weiterf\u00fchren. Dem gegen\u00fcber stand die Walk\u00fcre, das gro\u00dfe, kr\u00e4ftige Vollweib, das dem Mann physisch etwas entgegensetzen konnte und somit als Schreckgespenst der Bedrohung der m\u00e4nnlichen Vormachtstellung fungierte. Kr\u00e4ftige, mollige Frauen gab es nur im Volk, B\u00e4uerinnen wurde zugestanden, st\u00e4mmige K\u00f6rper mit breiten H\u00fcften und \u00fcppigen Br\u00fcsten zu haben. Das ben\u00f6tigten sie auch, um die k\u00f6rperlich schweren Arbeiten in einer Landwirtschaft, die noch keine entlastenden Maschinen kannte, durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen, oder f\u00fcr die zierlichen Frauen der Oberschicht als Ammen t\u00e4tig zu sein. Die schweren niederen Arbeiten wurden schon immer nur zu gerne den Frauen zugemutet, \u00bbB\u00e4uerlich\u00ab gilt auch heute noch als Synonym f\u00fcr dicklich, plump, wenig attraktiv, ungebildet.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wie sehr ausladende H\u00fcften und \u00fcppige Br\u00fcste als Zeichen von Lebensfreude ein zeitloses Symbol sind und als solche erkannt werden, auch und gerade in einer Zeit, in das \u00dcberschlanke als einziges Sch\u00f6nheitsideal gilt, zeigen die Nanas der franz\u00f6sischen K\u00fcnstlerin <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Niki_de_Saint_Phalle\" target=\"_blank\">Niki de Saint Phalle<\/a> (* 29.10.1930, \u2020 21.05.2002). Die Nanas sind Skulpturen, meist \u00fcberlebensgro\u00df mit \u00fcberzeichnenden Attributen des Weiblichen ausgestattet sind, oft in ausgelassen teilweise selbstvergessenen t\u00e4nzerischen und Posen und fr\u00f6hlich bunter Bemalung. Das positiv lebensbejahende der Nanas erschlie\u00dft sich auf Anhieb nicht nur dem k\u00fcnstlerisch geschulten Rezipienten, sondern allen, bei Kindern sind die Nanas sehr beliebt. Die \u201aSprache\u2018, die dahinter steht, ist universell. Schon fr\u00fcheste skulpturale Darstellung von Frauen zeigen die mit ausladenden H\u00fcften, \u00fcppigen Br\u00fcsten und drallen K\u00f6rpern, was sicherlich nicht allein an der Geschicklichkeit der namenlosen K\u00fcnstler lag. Eine Wirkung, die eine asketisch wirkende Figur nie haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wer sich dem Diktat eines vorgegebenen Sch\u00f6nheitsideals, das dazu angetan ist, die Menschen dazuzubringen, sich selbst zu kontrollieren, zu entziehen vermag, und beginnt, Sch\u00f6nheit losgel\u00f6st von einem mageren K\u00f6rper zu betrachten, der wird auf einmal entdecken, wie viele sch\u00f6ne dicke lebensfrohe und verf\u00fchrerische Frauen es gibt und sich und anderen gegen\u00fcber eingestehen, da\u00df sich der Faszination \u00fcppiger Weiblichkeit nur schwer entziehen kann.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Eine Frau, die mit sich und ihrem K\u00f6rper im Reinen ist, ihre \u00dcppigkeit mit modisch ansprechender Kleidung, von der es nicht weniges gibt, betont \u2013 nur wer sich wie die Wurst in der Pelle f\u00fchlte, wird auch in k\u00f6rperbetonter Kleidung auf dritte so wirken \u2013 strahlt eine Faszination aus, der sich niemand entziehen kann.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Es t\u00e4te der Gesellschaft gut, w\u00fcrde sie sich einem Sch\u00f6nheitsideal, das Lebensfreude und Genu\u00dff\u00e4higkeit vermittelt, verpflichten und Sch\u00f6nheit nicht auf blo\u00dfes K\u00f6rpervolumen reduzieren, sondern in all seinen vorkommenden Facetten \u2013 Haare, Augen, H\u00e4nde, Bewegung und Sprache, Ausstrahlung, Proportionen etc. \u2013 akzeptieren. Denn Sch\u00f6nheit lag schon immer einzig in den Augen des Betrachters.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Essay behandelt weniger vermeintliche und tats\u00e4chliche gesundheitliche Risiken von \u00dcbergewicht, sondern besch\u00e4ftigt sich in erster Linie mit den \u00e4sthetischen und gesellschaftlichen Dimensionen eines weiblichen Sch\u00f6nheitsideals. &nbsp; Da bei M\u00e4nnern erst in neuer Zeit Dicksein als \u00bbunsch\u00f6n\u00ab angesehen wird, und das bei weitem nicht in dem Ma\u00dfe wie bei Frauen, werden diese hier au\u00dfen vor [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"footnotes":""},"categories":[35,52,63],"tags":[58,61,62],"class_list":["post-2382","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gedanken","category-erotisches","category-sexualitaet","tag-gedanken","tag-erotisches","tag-sexualitaet"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2382","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2382"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2382\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8196,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2382\/revisions\/8196"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2382"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2382"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2382"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}