{"id":2420,"date":"2016-10-04T18:55:59","date_gmt":"2016-10-04T16:55:59","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=2420"},"modified":"2026-04-11T19:44:54","modified_gmt":"2026-04-11T17:44:54","slug":"kurzes-61-der-unbekannte-naechtliche-anrufer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=2420","title":{"rendered":"Kurzes #61 \u00b7 Der unbekannte n\u00e4chtliche Anrufer"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/titel\/20150602_005_800_2.jpg\" \/><\/p>\n<p>Das reizvolle Hell-Dunkelmuster, das das durch das Laub der gro\u00dfen Buche gebrochene Sonnenlicht auf den gepflegten Kiesweg warf und das durch den leichten Fr\u00fchlingswind, der das Laub leise rauschen lie\u00df, einer fortw\u00e4hrenden \u00c4nderung unterworfen war, entging Simons Aufmerksamkeit, obwohl er seit mehr als einer viertel Stunde wie gebannt darauf blickte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wie \u00fcblich zu fr\u00fch, h\u00e4tte er allein und entspannt auf dieser Bank sitzend, die vereinbarte Stunde abwarten und sich der Ruhe und der Sch\u00f6nheit dieses Parks, des bilderbuchhaften Fr\u00fchlingswetters an diesem fr\u00fchen Nachmittag erfreuen k\u00f6nnen, aber er sa\u00df, innerlich aufgew\u00fchlt, auf der Kante, wie ein Penn\u00e4ler, der vor dem Direktorzimmer auf den mehr oder weniger verdienten R\u00fcffel wartet.<\/p>\n<p class=\"einzug\"><i>Du bist ein Mann von vierzig Jahren, stehst sozusagen mitten im Leben, hast schon eine Menge H\u00f6hen und Tiefen erlebt und doch geb\u00e4rdest dich wie ein pubertierender J\u00fcngling vor seinem ersten Rendezvous.<\/i><\/p>\n<p class=\"einzug\">Er sch\u00fcttelte \u00fcber sein Verhalten den Kopf. Was aber nichts an seiner inneren Unruhe \u00e4nderte. Andererseits war seine augenblickliche Lage auch nicht gerade allt\u00e4glich. Ein <i>blind date<\/i> ist an sich nichts Ungew\u00f6hnliches und sich dazu in einem kleineren Hotel zu treffen, das in einem relativ ruhigen aber dennoch einigerma\u00dfen zentral gelegenen Stadtteil lag, ist ebensowenig etwas, \u00fcber das man sich gro\u00dfartig Gedanken machen m\u00fc\u00dfte. Doch war einem von seinem <i>date<\/i> au\u00dfer einer Stimme am Telefon nicht einmal der Name bekannt, konnte das durchaus Anla\u00df zur Nervosit\u00e4t geben. Bis vor gut einem Monat h\u00e4tte er sich absolut nicht verstellen, jemals in einem solch aufgew\u00fchlten Zustand zu geraten.<!--more--><\/p>\n<p class=\"einzug\">Simon hatte sich zumindest tags\u00fcber angew\u00f6hnt, nicht mehr sofort abzunehmen, wenn auf der Anzeige des Telefons \u203a<i>Unbekannt<\/i>\u2039 zu sehen war, sondern das Einschalten des Anrufbeantworters abzuwarten. In der Regel hinterlie\u00df der Anrufer keine Nachricht, sondern h\u00e4ngte sofort ab, dann handelte es sich wieder einmal um einen unerw\u00fcnschten Werbeanruf, die mittlerweile die Dimension einer biblischen Heimsuchung angenommen hatten. H\u00e4tte es im alten \u00c4gypten bereits Telefone gegeben, w\u00e4re als schlimmste der sieben Plagen unz\u00e4hlige t\u00e4gliche Werbeanrufe \u00fcber das Land geschickt worden, begleitet von exzessiven Spam-mails.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Abends kam eigentlich nur sein bester und \u00e4ltester Freund als \u203a<i>Unbekannt\u2039<\/i> herein, er hatte sich aus dem Telefonbuch austragen lassen. Darum war Simon zuerst versucht \u00bb<i>Hallo, altes Haus, du rufst aber sp\u00e4t an<\/i>\u00ab zu sagen, als Punkt Mitternacht das Handger\u00e4t l\u00e4utete, obwohl der Freund nur selten um diese sp\u00e4te Stunde anrief. Doch aus einem nicht n\u00e4her nachvollziehbaren Grund meldete er sich in aller F\u00f6rmlichkeit.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Einige Augenblicke herrschte Schweigen, die ihm weitaus l\u00e4nger erschienen als sie tats\u00e4chlich waren, lediglich leise und ruhige Atemz\u00fcgen waren zu vernehmen. Er wollte den Anrufer bereits wegdr\u00fccken, da sich hier jemand offenkundig verw\u00e4hlt zu haben schien, doch irgend etwas hielt ihn davor zur\u00fcck und sein Herzschlag beschleunigte sich leicht.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbHallo\u00ab, antwortete leise und weich eine angenehme Altstimme ein wenig wie aus weiter Ferne, zumindest erschien ihm das so.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbJa, wer ist denn da\u00ab, fragte er immer noch in der \u00dcberzeugung, da\u00df die Frau sich verw\u00e4hlt haben mu\u00dfte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbDu kennst mich nicht\u00ab, antwortete sie ruhig.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbIch glaube, Sie haben sich verw\u00e4hlt\u00ab, sagte er reflexartig.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbNein, ich habe die richtige Nummer gew\u00e4hlt, es sei denn, du h\u00e4ttest einen anderen Anschlu\u00df als \u2026\u00ab, sie betonte jede Ziffer seiner Nummer.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbJa \u2026 ich meine nein \u2026 das ist mein Anschlu\u00df\u00ab, war er sichtlich irritiert.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbSiehst du, ich habe mich also nicht verw\u00e4hlt.\u00ab<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die offenkundige Genugtuung seiner unbekannten Anruferin lie\u00df ein eigenartiges Gef\u00fchl in ihm zur\u00fcck. F\u00fcr einen Augenblick war er sogar erleichtert, da\u00df sie sich nicht verw\u00e4hlt hatte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbUnd was kann ich f\u00fcr Sie \u2026 dich tun?\u00ab<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbMir zuh\u00f6ren. Mit mir reden.\u00ab<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er unterdr\u00fcckte einen unwilligen Seufzer. Nicht da\u00df er kein offenes Ohr f\u00fcr seine Mitmenschen besa\u00df, aber um diese sp\u00e4te Stunde fehlten ihm prinzipiell die Lust und der Nerv dazu, zumal er sich innerlich schon ganz auf sein gem\u00fctliches Bett eingestellt hatte. Es lag ihm bereits die nicht allzu h\u00f6fliche Entgegnung auf der Zunge, da\u00df er nicht die Telefonseelsorge sei &ndash; euphemistisch gesprochen &ndash; aber er beherrschte sich. Die Stimme strahlte, so sanft sie auch klingen mochte, Entschlossenheit und das Gegenteil von einer Frau aus, die mitten in der Nacht irgend jemanden zum Reden suchte, weil sie die Einsamkeit kaum noch ertragen konnte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbJa, gut und \u00fcber was?\u00ab<\/p>\n<p class=\"einzug\">Kaum hatte er das gesagt, h\u00e4tte er sich am liebsten auf die Zunge gebissen &ndash; eine derma\u00dfen idiotische Antwort zu geben!<\/p>\n<p class=\"einzug\">Als Antwort folgte ein leises erheitertes und sp\u00fcrbar nachsichtiges Lachen, wie es f\u00fcr gew\u00f6hnlich als Reaktion erfolgt, sagt ein Kind in seiner drolligen Naivit\u00e4t irgend etwas g\u00e4nzlich Unpassendes.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbLasse dich einfach auf ein Gespr\u00e4ch ein. Das Thema ergibt sich von allein. Oder geh\u00f6rst du zu den Leuten, die f\u00fcr alles einen zwingenden Grund ben\u00f6tigen, weil sie andernfalls glauben, es handle sich um vergeudete Zeit? Die unf\u00e4hig sind, sich auf den Augenblick als solchen einzulassen, den Dingen eine faire Chance zu geben, auch wenn sie ihnen vielleicht gar nicht so recht in den Kram passen? Denen dadurch aber vieles entgeht, vor allem das Sch\u00f6ne und <i>wirklich<\/i> Wichtige?\u00ab<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbNein, das wollte ich auch nicht sagen\u00ab, beeilte er sich leicht besch\u00e4mt zu versichern und wu\u00dfte nicht, warum er deswegen Scham empfand, denn zu diesen Zeitgenossen rechnete er sich absolut nicht.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbNa also. Ich m\u00fc\u00dfte mich schon sehr in dir get\u00e4uscht haben, h\u00e4ttest du jetzt bejaht.\u00ab<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er lehnte sich entspannt zur\u00fcck und lauschte der unbekannten Stimme. Jetzt, da er ruhiger war, geno\u00df er sogar ihren angenehm warmen Klang, die Sanftheit, ja die Stimme besa\u00df auch viel Z\u00e4rtlichkeit. Er f\u00fchlte sich bisweilen, als w\u00fcrde er von ihr z\u00e4rtlich gestreichelt. Doch bestanden f\u00fcr ihn nicht einen Augenblick Zweifel daran, da\u00df SIE die Situation beherrschte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Fast eine Stunde dauerte das Gespr\u00e4ch, das buchst\u00e4blich \u00fcber Alles und Nichts ging. Am Ende h\u00e4tte er gar nicht sagen k\u00f6nnen, \u00fcber was sie im einzelnen gesprochen hatten und doch hatte er es als alles andere als ein Austausch von Belanglosigkeiten empfunden.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbIch werde dich wieder anrufen. Es war angenehm, mit dir zu reden\u00ab, hatte sie zum Abschlu\u00df gesagt, was er als gro\u00dfes Kompliment empfunden hatte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Es war verst\u00e4ndlich, da\u00df er in einer eigenartigen aber keineswegs unangenehmen Stimmung zu Bett gegangen war.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Am n\u00e4chsten Morgen war er \u00fcberzeugt, da\u00df er das gestrige Gespr\u00e4ch nur getr\u00e4umt oder zumindest doch einer einsamen Frau sein Ohr geliehen hatte. Da sein Tag mit Terminen angef\u00fcllt war, dachte er kaum noch an die n\u00e4chtliche Anruferin. Am Abend schien er sie bereits vergessen zu haben und ging fr\u00fch Schlafen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das reizvolle Hell-Dunkelmuster, das das durch das Laub der gro\u00dfen Buche gebrochene Sonnenlicht auf den gepflegten Kiesweg warf und das durch den leichten Fr\u00fchlingswind, der das Laub leise rauschen lie\u00df, einer fortw\u00e4hrenden \u00c4nderung unterworfen war, entging Simons Aufmerksamkeit, obwohl er seit mehr als einer viertel Stunde wie gebannt darauf blickte. 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