{"id":2487,"date":"2016-10-06T02:31:58","date_gmt":"2016-10-06T00:31:58","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=2487"},"modified":"2026-04-11T19:46:42","modified_gmt":"2026-04-11T17:46:42","slug":"kurzes-62-ein-blinde-date-im-wortsinn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=2487","title":{"rendered":"Kurzes #62 \u00b7 Ein \u203ablinde date\u2039 im Wortsinn"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/titel\/20160625_515_800_2.jpg\" \/><\/p>\n<p><em>Der folgende Text ist die Fortsetzung von <a href=\"?p=2420\">\u00bbDer unbekannte n\u00e4chtliche Anrufer\u00ab<\/em><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weil Simon an den beiden darauffolgenden Abenden keinen weiteren Anruf von der Unbekannten erhielt, festigte es in ihm die \u00dcberzeugung, da\u00df es ein einmaliges Gespr\u00e4ch gewesen war. Doch am n\u00e4chsten Abend l\u00e4utete das Telefon Punkt Mitternacht, so wie beim ersten Mal. Er schrak heftig zusammen. Schon vor dem Abheben war ihm klar, da\u00df SIE es war.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbJa?\u00ab meldete er mit leicht unsicherer Stimme.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbHast du meinen Anruf erwartet\u00ab, es war eine Feststellung und keine Frage. Es war der gleiche ruhige, scheinbar aus leichter Entfernung kommende Tonfall wie beim ersten Mal.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbJa\u00ab, antwortete er ohne nachzudenken, was ihm erst bewu\u00dft machte, da\u00df er nie an ihrem erneuten Anruf gezweifelt hatte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbWas anderes h\u00e4tte mich auch gewundert\u00ab, fuhr sie ohne eine Spur von Selbstgef\u00e4lligkeit fort.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbDu \u2026 Du hast eine wundervolle Stimme\u00ab, platzte er heraus.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Das Kompliment geschah aus einem inneren Zwang heraus. Er mu\u00dfte ihr einfach sagen, wie nachhaltig ihn ihre Stimme beeindruckt hatte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Ein warmes, herzliches, ja beinahe z\u00e4rtliches Lachen folgte als Antwort.<!--more--><\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbIch wei\u00df\u00ab, erwiderte sie mit dem Selbstverst\u00e4ndnis eines Menschen, der sich seiner Vorz\u00fcge bewu\u00dft ist und sie zielgerecht einzusetzen wei\u00df. \u00bbAber dennoch danke ich dir f\u00fcr das Kompliment. Aber deine Stimme klingt auch angenehm.\u00ab<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er f\u00fchlte, wie er err\u00f6tete. Dabei war sie nicht die erste Frau, die ihm das gesagt hatte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbDu brauchst nicht verlegen zu werden\u00ab, sagte die Unbekannte freundlich, was ihn erst recht verlegen werden lie\u00df, denn sie schien die F\u00e4higkeit zu haben, seine Reaktionen selbst aus seinem Schweigen zu erkennen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er wu\u00dfte so gut wie nichts von ihr, aber sie schien in ihm bereits lesen zu k\u00f6nnen wie in einem offenen Buch.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Erneut redeten sie genau eine Stunde, ohne da\u00df er wieder den genauen Inhalt h\u00e4tte rekapitulieren k\u00f6nnen und erneut befiel ihn die eigenartige Stimmung vom ersten Mal. Doch diesmal war sie am folgenden Morgen nicht g\u00e4nzlich verschwunden.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er begann auf ihren n\u00e4chtlichen Anruf bewu\u00dft zu warten. Er konnte es nicht vermeiden, sobald Mitternacht sich n\u00e4herte, angespannt dazusitzen und einen erwartungsvollen Blick auf das Telefon zu werfen. Als Mitternacht nur wenige Minuten vor\u00fcber war und das Telefon nicht geklingelt hatte, wu\u00dfte er, da\u00df sie heute nicht mehr anrufen w\u00fcrde. Eigentlich h\u00e4tte er entt\u00e4uscht sein m\u00fcssen, doch er war derart \u00fcberzeugt davon, da\u00df sie wieder anrufen w\u00fcrde, da\u00df er, obwohl leicht angespannt, ruhig zu Bett gehen konnte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Diesmal pausierte die geheimnisvolle Anruferin nur einen Tag. Das Telefon l\u00e4utete wie gewohnt p\u00fcnktlich um Mitternacht.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbIch habe deinen Anruf erwartet\u00ab, sah er keinen Grund etwas zu verheimlichen, das ihr sicherlich bewu\u00dft war. Seine Stimme klang beinahe fest, fast schon erfreut, obwohl er noch immer recht zu wissen schien warum.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbDas wei\u00df ich\u00ab, erwiderte sie im Brustton der \u00dcberzeugung und er glaubte zu sp\u00fcren, wie ein leises L\u00e4cheln ihre Mundwinkel umspielte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Auch dieses Gespr\u00e4ch dauerte exakt eine Stunde, als h\u00e4tte seine Unbekannte eine Stoppuhr vor sich stehen. Und nie wu\u00dfte er anschlie\u00dfend konkret, \u00fcber was sie gesprochen hatten, dennoch oder vielleicht gerade deswegen wurde sie ihm immer vertrauter, obwohl er eigentlich gar nichts Konkretes \u00fcber sie wu\u00dfte, nicht einmal ihren Namen geschweige ihre Nummer. Er richtete sich bereits darauf ein, da\u00df ihre Bekanntschaft auf diese mittern\u00e4chtlichen Telefonate beschr\u00e4nkt blieb, bis sie ihm eines Tages Ort und Termin eines Treffens nannte. Ohne zu \u00fcberlegen, ob er da \u00fcberhaupt Zeit hatte, sagte er zu. Sp\u00e4ter wurde ihm bewu\u00dft, da\u00df er zu der Zeit einen mehr oder weniger wichtigen Termin hatte. Ohne sich weiter Gedanken dar\u00fcber zu machen, verlegte er ihn ohne einen Grund zu nennen, was er noch nie gemacht hatte. Die Gewi\u00dfheit, da\u00df seine geheimnisvolle Anruferin nie wieder etwas von sich h\u00f6ren lassen w\u00fcrde, vers\u00e4umte er das Treffen, lie\u00df ihn so handeln. Wie nicht anders erwartet, rief sie nicht mehr an.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die folgenden f\u00fcnf Tage verbrachte er mit wachsender innerer Unruhe. Ihm war die Metapher \u203awie auf gl\u00fchenden Kohlen sitzen\u2039 noch nie so treffend erschienen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nun sa\u00df er also auf dieser Bank. Sah er auf, konnte er die obere Etage des Hotels zwischen den B\u00e4umen hindurch erkennen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Seit einigen Minuten wurde er das Gef\u00fchl nicht los, beobachtet zu werden. Suchend blickte er sich um. Nein, die zierliche blonde Mittzwanzigerin, die bed\u00e4chtig einen Kinderwagen vor sich herschob und nur Augen f\u00fcr ihren Nachwuchs zu haben schien, kam nun wirklich nicht als seine n\u00e4chtliche Anruferin in Frage. Dar\u00fcber hinaus konnte er noch einen \u00e4lteren Mann entdecken, der gem\u00e4chlich, die H\u00e4nde auf dem R\u00fccken, die gepflegten Kieswege entlang schlenderte und seine Aufmerksamkeit den Pflanzungen widmete.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er sah sich weiter um.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Zwei an einer Wegkreuzung stehende rauchende und schwatzende Halbw\u00fcchsige kamen noch weniger in Frage. Abgesehen davon schienen sie sich ohnehin nur f\u00fcr sich selbst zu interessieren. Nein, niemand zu sehen, der auch nur ansatzweise mit seiner geheimnisvollen Anruferin identisch sein k\u00f6nnte. Dennoch wurde er das Gef\u00fchl nicht los, beobachtet zu werden.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er schaute zum Hotel hin\u00fcber. Die oberen Fenster waren relativ gut von seinem Platz aus zu sehen, nur abschnittsweise vom einen oder anderen Laubwerk verdeckt. M\u00f6glich, da\u00df sie ihn von dort mit einem Fernglas beobachtete. Obwohl nicht allzu weit entfernt, war es doch zu weit, um mit blo\u00dfem Auge etwas zu erkennen. Aber konnte man \u00fcberhaupt aus dieser Entfernung sp\u00fcren, wurde man beobachtet?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wahrscheinlich spielten ihm seine Gef\u00fchle ohnedies einen Streich und er bildete sich das nur ein. Ganz gleich, was es war, eines war sicher; er hatte nicht die leiseste Vorstellung, was ihn innerhalb der n\u00e4chsten Stunden erwartete.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er sah auf die Uhr. Die Zeit war langsamer verstrichen als er geglaubt hatte. Er atmete tief durch. Ihm fehlte die innere Ruhe, sitzend abzuwarten, bis es Zeit war, ins Hotel hin\u00fcberzugehen. Er beschlo\u00df, eine Runde durch den Park zu drehen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Langsam stand er auf, schob die H\u00e4nde in die Hosentaschen, damit keiner sah, da\u00df sie vor Anspannung leicht zitterten. Etwas fahrig waren die ersten Schritte. Der Kies schien ihm unnat\u00fcrlich laut unter den Sohlen zu knirschen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Noch eine Runde zu drehen war eine gute Entscheidung gewesen; das Gehen entspannte etwas. Er kreuzte den Weg der zierlichen Blonden mit dem Kinderwagen. Sie redete leise mit fast kindlich klingender Stimme mit ihrem kleinen M\u00e4dchen. Er schmunzelte zufrieden, weil er sich in ihr nicht get\u00e4uscht hatte. Auch bei seinem Rundgang fiel ihm niemand auf, der auch nur im entferntesten als seine n\u00e4chtliche Anruferin in Frage kam.<\/p>\n<p class=\"einzug\">P\u00fcnktlich zur verabredeten Zeit stand er am Ausgang des Parks direkt gegen\u00fcber dem Hotel, getrennt durch eine schmale Stra\u00dfe.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Es war ein eher unauff\u00e4lliges Geb\u00e4ude aus der Gr\u00fcnderzeit. W\u00e4re nicht das kleine Schild <span style=\"font-family:&apos;Century Schoolbook L&apos;,serif\">\u203a<\/span>Hotel<span style=\"font-family:&apos;Century Schoolbook L&apos;,serif\">\u2039<\/span> \u00fcber dem Eingang, h\u00e4tte es sich auch um ein beliebiges Mehrfamilienhaus handeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er gab sich einen Ruck und \u00fcberquerte die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die Hotelhalle war nicht gro\u00df, erinnerte nicht einmal entfernt an die Bahnhofshallenatmosph\u00e4re gro\u00dfer H\u00e4user. Hinter der Theke stand ein distinguierter Mann mittleren Alters, der sofort aufsah. Simon verlangte mit einem leichten Kratzen in der Stimme den Zimmerschl\u00fcssel, der ihm mit gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfiger H\u00f6flichkeit \u00fcbergeben wurde und ging zur im hinteren Bereich gelegenen Treppe. Die dunkellasierten Holzstufen waren mit einem dicken Kokosl\u00e4ufer belegt, der jeden Schritt bis zur Lautloskeit d\u00e4mpfte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Das Zimmer lag im zweiten Stock, von seiner Bank im Park hatte er nur den oberen, dritten sehen k\u00f6nnen. Dicke Kokosl\u00e4ufer d\u00e4mpften auch auf den G\u00e4ngen jeden Schritt. Die W\u00e4nde waren bis auf halber H\u00f6he mit dunklem Holz get\u00e4felt. Dar\u00fcber waren sie in einem mittleren Beige gestrichen. Messingleuchten erhellten die G\u00e4nge mit einem warmen gelblichen Licht.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er fand das Zimmer sofort, das in der Mitte des Ganges lag. Wenn ihn seine Orientierung nicht trog, sah es nach hinten hinaus.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Bevor er die Zimmert\u00fcr aufschlo\u00df, sah er zu beiden Seiten des Gangs hinunter. Niemand war zu sehen, zu h\u00f6ren war eigentlich auch nichts. Was w\u00fcrde ihn wohl hinter dieser T\u00fcr erwarten?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er atmete tief durch und drehte den Schl\u00fcssel im Schlo\u00df.<\/p>\n<p class=\"einzug\">D\u00e4mmerlicht umfing ihn. Die dicken Vorh\u00e4nge waren zugezogen. Zuerst sah er wenig. Er trat dennoch ein, da es ihm albern schien, unschl\u00fcssig in der offenen T\u00fcr zu stehen. Was mochte jemand von ihm denken, der jetzt zuf\u00e4llig vorbeigekommen w\u00e4re?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er trat ein, schlo\u00df die T\u00fcr leise hinter sich und steckte eher mechanisch den Schl\u00fcssel von innen ins Schlo\u00df.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die Augen gew\u00f6hnten sich schnell ans D\u00e4mmerlicht und nun war es gar nicht mehr so dunkel im Zimmer. Im Gegenteil, es herrschte ein angenehmes D\u00e4mmerlicht, gerade richtig, um einen Nachmittag in angenehmer Entspannung zu verbringen. Auf dem Boden lagen gleichfalls dicke alles d\u00e4mpfende Teppiche. Ein breites bequemes sauber bezogenes Bett, ein ger\u00e4umiger Schrank, ein Tisch mit drei St\u00fchlen und ein bequemer Sessel in der linken Ecke neben dem Fenster bildeten die Einrichtung. Es roch angenehm, leicht nach Lavendel. Neben dem Schrank war eine T\u00fcr, die ins angrenzende Zimmer f\u00fchrte. Helles Licht fiel durch den schmalen Spalt unter der T\u00fcr. Er ging zu der T\u00fcr und dr\u00fcckte vorsichtig mit leicht klopfendem Herzen die Klinke hinunter. Doch wie nicht anders zu erwarten, war sie verschlossen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er widerstand der Versuch, die Vorh\u00e4nge aufzuziehen, oder zumindest einen Blick hinter sie zu werfen, um zu sehen, wie es drau\u00dfen aussah.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er sah sich unschl\u00fcssig um, obwohl ihre Anweisungen nichts an Deutlichkeit zu w\u00fcnschen \u00fcbrig lie\u00dfen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der schmale Lichtstreifen unter der T\u00fcr zum Nachbarzimmer zog seine Aufmerksamkeit auf sich. F\u00fcr den Moment glaubte er einen sich dahinter bewegenden leichten Schatten zu erkennen. Aber kein Ger\u00e4usch drang her\u00fcber. Er starrte einige Minuten auf den Lichtstreifen, bis bunte Flecken vor seinen Augen tanzten, aber kein Schatten bewegte sich. Er zuckte mit den Achseln, seine Phantasie hatte ihm wohl einen Streich gespielt. Er stellte einen der St\u00fchle wie angewiesen etwa einen Schritt vom Fenster entfernt, so da\u00df er die Verbindungst\u00fcr im R\u00fccken hatte. Er setzte sich aufrecht darauf, die H\u00e4nde im Scho\u00df gefaltet. Wie ein braver Sch\u00fcler w\u00e4hrend des Unterrichtes sitzen sollte, durchfuhr es ihn unwillk\u00fcrlich. Er mu\u00dfte dar\u00fcber schmunzeln und dieser heitere Gedanke entspannte f\u00fcr einige Augenblicke.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er sa\u00df abwartend da, einen imagin\u00e4ren Punkt auf dem schweren dunklen Vorhang fixierend. Er lauschte angestrengt auf jedes noch so kleine Ger\u00e4usch. Seine eigenen Atmenz\u00fcge waren die einzigen Ger\u00e4usche unmittelbar im Zimmer.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Irgendwo im Haus wurde die Toilettensp\u00fclung bet\u00e4tigt. Kurz darauf rauschte Wasser durch die Leitung. Einige Augenblicke Stille. Leise Schritte n\u00e4herten sich, kaum wahrnehmbar. Trotzdem konnte er h\u00f6ren, da\u00df es kraftvolle entschlossene Schritte waren. Sie konnten die eines Mannes sein, aber auch einer Frau, eindeutig lie\u00df sich das vorerst nicht unterscheiden. Nein, das waren zweifellos m\u00e4nnliche Schritte, die da ohne auch nur einen Augenblick zu z\u00f6gern, an seinem Zimmer vorbeigingen. Kurz darauf fiel weiter hinten im Gang eine T\u00fcr ins Schlo\u00df.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er atmete tief durch. Eigentlich unwahrscheinlich, da\u00df seine geheimnisvolle Anruferin nicht schon lange vor seinem Eintreffen im Zimmer nebenan auf ihn wartete.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die Minuten flossen z\u00e4h dahin. Jede Sekunde erschien wie eine kleine Ewigkeit. Drau\u00dfen quietschte leise eine T\u00fcr. \u00dcber ihm Schritte, eindeutig das Klacken hoher Abs\u00e4tze, von irgendwoher ein leises, lustvolles St\u00f6hnen und das kaum wahrnehmbare rhythmische Quietschen eines Bettes.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er hob den Blick zur Decke. In der rechten Ecke \u00fcber dem Fenster auf H\u00f6he des Waschbeckens war ein kaum sichtbarer Feuchtigkeitsfleck und leichte Staubf\u00e4den.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wie lange mochte er schon hier sitzen? Er hatte jegliches Zeitgef\u00fchl verloren. Es konnte erst eine viertel Stunde oder schon der halbe Nachmittag verstrichen sein. Einfach in die Hosentaschen greifen und die Taschenuhr hervorzuholen, wagte er nicht. Die Anweisung lautete schlie\u00dflich unmi\u00dfverst\u00e4ndlich; ganz gleich was passiert, dazusitzen und sich nicht bewegen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Von irgendwo her vernahm er leises Husten. Sein Geh\u00f6r war bereits so gesch\u00e4rft, da\u00df er mittlerweile wirklich die sprichw\u00f6rtlichen Fl\u00f6he h\u00e4tte husten oder das Gras wachsen h\u00f6ren k\u00f6nnen, auch Ger\u00e4usche, die es nur in seiner Vorstellung gab.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Ein leiser durch das geschlossene Fenster dringender Vogelruf erinnerte ihn daran, da\u00df es noch eine Welt au\u00dferhalb dieses Hotelzimmers gab, wenn ihm diese auch unglaublich weit weg erschien.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Stille. Seine Atemz\u00fcge kamen ihm l\u00e4ngst unnat\u00fcrlich laut vor.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Dann wurde f\u00fcr ihn absolut unerwartet der Schl\u00fcssel im Schlo\u00df der Verbindungst\u00fcr gedreht. Ganz behutsam, damit er nicht mehr Laut als n\u00f6tig erzeugte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er hielt den Atem an und erwartete, da\u00df jetzt Licht hereinflutete. Doch nichts dergleichen geschah. Es mu\u00dften dr\u00fcben ebenfalls die dicken Vorh\u00e4nge zugezogen worden sein.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er f\u00fchlte einen Luftzug nahen. Und richtig, wenige Augenblicke nachdem die T\u00fcr ge\u00f6ffnet worden war, umstr\u00f6mte ein leichtes s\u00fc\u00dflich herbes Aroma seine N\u00fcstern. Nein, ihm fiel keine Frau ein, der er in den letzten Jahren begegnet war, die ein solches Parfum benutzt hatte. Das Aroma h\u00e4tte er im Ged\u00e4chtnis behalten, dazu war es zu ungew\u00f6hnlich, aber nichtsdestoweniger sehr angenehm.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er sp\u00fcrte deutlich auf ihn ruhende Blicke. Er hielt den Atem an, aber er konnte nichts h\u00f6ren, kein Rascheln von Stoff, nichts. Und doch war SIE hinter ihm. So sehr hatte er k\u00f6rperlich noch nie die Gegenwart eines anderen Menschen gesp\u00fcrt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Ein leises Klicken. SIE hatte die Verbindungst\u00fcr geschlossen. Er sp\u00fcrte ihre Anwesenheit jetzt noch intensiver. Es kostete ihn gro\u00dfe Anstrengung, nicht einfach den Kopf zu wenden. Nein, so dumm wie Orpheus w\u00fcrde er nicht sein. Er w\u00fcrde sich nach seiner Eurydike erst dann umsehen, wenn sie das Tor zum Hades meilenweit hinter sich gelassen hatte, wenn sie es ihm ausdr\u00fccklich erlaubte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Dann sp\u00fcrte er sie pl\u00f6tzlich dicht hinter sich. Sie ber\u00fchrte ihn fast. Er h\u00f6rte ihren gleichm\u00e4\u00dfigen und entspannten Atem, sp\u00fcrte ihre W\u00e4rme, roch ihr Parfum intensiver, nicht nur ihr Parfum, vor allem SIE selbst. SIE roch unglaublich angenehm und &ndash; vertraut.<\/p>\n<p class=\"einzug\">So wie er bewegungslos auf seinem Stuhl sa\u00df, nicht einmal wagte, die Augen zu bewegen, immer nur den einen imagin\u00e4ren Punkt vor ihm auf dem Vorhang betrachtend, stand sie dicht hinter ihm.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die Zeit verlor sich, die Gedanken waren einzig auf ihre Gegenwart konzentriert. Er dachte nicht einmal daran, was sie wohl machen, wie lange sie so hinter ihm stehen w\u00fcrde. Ja, er geno\u00df einfach ihre Anwesenheit, vielleicht mehr als h\u00e4tte er ihr von Angesicht zu Angesicht gegen\u00fcbergestanden.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Dann sp\u00fcrte er, wie sie sich langsam zur\u00fcckzog. Es geschah genauso lautlos, wie sie hinter ihn getreten war. Er war sich sicher, da\u00df sie ihn dabei immer im Blick behielt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Leise wurde die Verbindungst\u00fcr ge\u00f6ffnet und ebenso leise wieder geschlossen. Der Schl\u00fcssel kratzte kaum wahrnehmbar im Schlo\u00df. Sie hatte ihn ohne ein Wort verlassen. Die Anspannung fiel von ihm ab, um einem anderen Gef\u00fchl Platz zu machen. Er wu\u00dfte nicht, was er von der letzten Stunde halten sollte. In der Gewi\u00dfheit, da\u00df jetzt nichts mehr geschehen w\u00fcrde, hatte er sich aus seiner selbstgew\u00e4hlten Starre gel\u00f6st und die Uhr aus der Tasche geholt. Nicht einmal vor zwei Stunden hatte er das Zimmer betreten. Ihm war es l\u00e4nger vorgekommen und zugleich wieder nicht.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er stand auf. Unschl\u00fcssig blickte er auf den Stuhl, auf dem er die vergangenen beiden Stunden verbracht hatte. Licht fiel wieder unten durch den Spalt der Verbindungst\u00fcr. Nicht das leiseste Ger\u00e4usch war zu vernehmen. Er machte nicht den Versuch, die Klinke zu bet\u00e4tigen. Es war klar, da\u00df sie abgeschlossen war und wenn nicht, dann w\u00fcrde er mit Sicherheit in ein leeres Zimmer schauen. In dem au\u00dfer IHREM Parfum nichts war, was ihre Anwesenheit bezeugte. Ihr Parfum dominierte zwar immer noch sein Zimmer, verfl\u00fcchtigte sich aber langsam. Er war \u00fcberrascht, f\u00fcr seine Dezentheit hielt es sich sehr lange im Raum. Er atmete tief ein, um so viel als m\u00f6glich davon in sich aufzunehmen. Er stellte den Stuhl zur\u00fcck. Noch einmal wanderte er mit dem Blick durch das Zimmer. Nichts sprach dagegen, zu gehen. Und so verlie\u00df er das Zimmer, mit einem letzten wehm\u00fctigen Blick und ging nach unten.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der Portier nahm den Schl\u00fcssel entgegen, als sei es das selbstverst\u00e4ndlichste von der Welt, da\u00df ein Gast vorbestellen l\u00e4\u00dft, das Zimmer nur rund zwei Stunden nutzte und nach der Rechnung fragt, die im \u00fcbrigen bereits bezahlt war.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbVon wem\u00ab, wollte er wissen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die Frage war mehr reflexartig als bewu\u00dft ge\u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbVon einer Dame\u00ab, erwiderte der Portier freundlich und gab damit zugleich zu verstehen, da\u00df das alles war, was er an Auskunft geben w\u00fcrde.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er verlie\u00df das Hotel. Drau\u00dfen blieb er einen Augenblick stehen. Er \u00fcberlegte kurz, ob er nochmal durch den Park gehen sollte, doch dann entschlo\u00df er sich, ohne Umwege zur Bushaltestelle zu gehen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Zu Hause wu\u00dfte er nicht so recht, was er machen sollte. Aus der Distanz und in der vertrauten Umgebung sahen die Dinge schon anders aus. Sollte das nun alles gewesen sein? Einfach zwei Stunden dazusitzen, in einem halbdunkeln Zimmer? Er hatte mit mehr gerechnet, wenn er auch nicht wu\u00dfte, mit was.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er kam zu keinem Ergebnis, wu\u00dfte nicht, ob er entt\u00e4uscht oder voller Hoffnung sein sollte, ob es eine Pr\u00fcfung oder ein Ulk war. Gut, gegen einen Ulk sprach so ziemlich alles.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Das einzige was aus einem unerkl\u00e4rlichen Gef\u00fchl heraus f\u00fcr ihn sicher schien, war, da\u00df sie sich wieder melden und dieses Treffen nicht das einzige bleiben w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Text ist die Fortsetzung von \u00bbDer unbekannte n\u00e4chtliche Anrufer\u00ab &nbsp; Weil Simon an den beiden darauffolgenden Abenden keinen weiteren Anruf von der Unbekannten erhielt, festigte es in ihm die \u00dcberzeugung, da\u00df es ein einmaliges Gespr\u00e4ch gewesen war. Doch am n\u00e4chsten Abend l\u00e4utete das Telefon Punkt Mitternacht, so wie beim ersten Mal. 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