{"id":305,"date":"2008-11-28T23:31:48","date_gmt":"2008-11-28T22:31:48","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=305"},"modified":"2026-04-02T18:09:48","modified_gmt":"2026-04-02T16:09:48","slug":"von-scheinbaren-tabubruchen-charlotte-roches-feuchtgebiete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=305","title":{"rendered":"Von (scheinbaren) Tabubr\u00fcchen: Charlotte Roches \u00bbFeuchtgebiete\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/betrach.png\" \/><\/p>\n<p>Ich mu\u00df es zu geben, ich habe das Buch, das seit seiner Erscheinung wohl wie kaum ein zweites in der letzten Zeit die Medien \u2013 die Boulevardpresse wie das \u203aseri\u00f6se\u2039 Feuilleton \u2013 besch\u00e4ftigt, (noch) nicht gelesen. Deshalb h\u00fcte ich mich, ein Urteil \u00fcber die literarischen Qualit\u00e4ten zu f\u00e4llen.<\/p>\n<p>Nach den meist aufgeregten \u2013 besser aufgebauschten \u2013 Reaktionen, gewinnt man den Eindruck, da\u00df die Autorin mitten hinein ins b\u00fcrgerliche (Wespen-)Nest gestochen und Unaussprechliches zur Sprache gebracht hat. Doch was spricht sie wirklich an? Ein weiblicher Teenager liegt im Krankenhaus weil sie bei einer Intimrasur abgerutscht ist und \u00c4u\u00dfert w\u00e4hrend ihrer Genesung offen und frei und in deutlicher Sprache ihre Gedanken \u00fcber ihren K\u00f6rper, ihre Sexualit\u00e4t. Also Dinge mit denen sich letztlich jeder jeden Tag besch\u00e4ftigt.<!--more--><\/p>\n<p>Weitaus interessanter \u2013 ohne der Autorin nahe treten zu wollen \u2013 ist nicht das Buch, sondern die Reaktionen darauf. Mit dem Terminus \u203aTabubruch\u2039 ist man sofort zur Hand. Und denkt sogleich: Himmel, was wird da angesprochen! In welche menschlichen Abgr\u00fcnde wird da eingetaucht! \u00dcber was f\u00fcr ein verderbtes z\u00fcgelloses Mensch wird da berichtet! Nun, die Abgr\u00fcnde sind bei n\u00e4herem Hinsehen keine, sondern banaler Alltag. Alle Menschen haben eine Verdauung und alle Menschen haben Sex \u2013 mehr oder weniger h\u00e4ufig.<\/p>\n<p>Aus der Aufgeregtheit der (Mainstream-)Presse, mu\u00df man somit schlie?en, da\u00df deren Vertreter \u00fcber diese Dinge ausschlie\u00dflich im Medizinerlatein sprechen, eine sittsam umschreibende Hochsprache benutzen? \u2013 Schatz, ich w\u00fcrde dich gerne beschlafen, aber nur wenn es dir recht ist? \u2013 und lassen sich nicht nur vor dem Sex chemisch reinigen. Man mu\u00df schon \u00fcber eine gewisse Weltfremdheit oder \u2013 weniger schmeichelhaft \u2013 Verklemmtheit verf\u00fcgen, um in helle Aufregung zu geraten, wenn in umgangssprachlichen Ausdr\u00fccken, die Geschichte einer jungen Frau erz\u00e4hlt wird, die sich \u00fcber ihren K\u00f6rper, ihre Sexualit\u00e4t Gedanken macht. Was im Prinzip jeder gesunde Mensch nicht nur in dem Alter macht und in der Regel in derselben Sprache tut. Wer das leugnet, war entweder nie jung oder geh\u00f6rt einer sehr alten Generation an, oder leidet \u2013 was wahrscheinlicher ist \u2013 unter einem schlechten Ged\u00e4chtnis. Es sei denn er geh\u00f6rt zu den ganz wenigen Menschen, die nie jemanden hatten, mit dem sie sich offen austauschen konnten, was aber wohl seinen Grund haben d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Wieviel von dieser Echauffiertheit zum klappernden Handwerk geh\u00f6rt und wieviel ihre Ursache im Neid hat, l\u00e4\u00dft sich kaum festmachen. Zumindest hat es dem Buch zum Erfolg verholfen. Aber sicherlich nicht allein. Vermutlich sind einfach nur viele Leser froh, da\u00df endlich mal ein Autor die allt\u00e4glichen Dinge beim \u2013 ungeschminkten \u2013 Namen nennt, mit Worten, die sie selbst benutzen. Die Surrealisten haben das auch schon einmal gemacht. George Bataille in seinem \u203aObsz\u00f6nen Werk\u2039, dort aber gewaltsamer und damit ins Absurde hinein gesteigert. Aber das waren und sind die Lieblinge der Intellektuellen, da betrachtet man das in einem philosophischen Kontext \u2013 zurecht \u00fcbrigens. Vielleicht h\u00e4tte Frau Roche etwas \u203aphilosophisches Gepl\u00e4ngel\u2039 einflie\u00dfen lassen sollen, damit ihr Buch einen besseren Anklang im Feuilleton findet?<\/p>\n<p>Oder ist am Ende das eigentlich schockierende, da\u00df eine Frau hier eine eindeutige Sprache w\u00e4hlt? Weil offenbar immer noch das Vorurteil, Frauen seien empfindsame Wesen, die \u00fcber solche Dinge nicht zu sprechen wagen und allenfalls dar\u00fcber err\u00f6ten, nicht auszurotten ist? Da\u00df weibliche erotische Phantasien sich ausschlie\u00dflich um weichgesp\u00fclten Kuschelsex drehen? Spiegelt sich hier die Angst des \u2013 unsicheren \u2013 Mannes vor der selbstbewu\u00dften unabh\u00e4ngigen Frau wider?<\/p>\n<p>Bei Pauline Reages literarischem Klassiker \u203aDie Geschichte der \u00abO\u00bb\u2039 \u2013 hier lange Jahre auf dem Index, im Ursprungsland Frankreich mehrfach preisgekr?nt \u2013 der phantasievollen Geschichte einer erf\u00fcllten sadomasochistischen Liebe, bestritten selbst Gr\u00f6\u00dfen wie Albert Camus, da\u00df das Buch von einer Frau sei, denn eine Frau k\u00f6nne niemals so etwas schreiben. Gefangen in der Erziehung und gesellschaftlicher Vorurteile.<\/p>\n<p>Ein Schelm wer diese Dinge in Beziehung zueinander setzt.<br \/>\n<br \/>\nCharlotte Roche: Feuchtgebiete<br \/>\nPauline Reage: Geschichte der \u00abO\u00ab<br \/>\nGeorges Bataille: Das obsz\u00f6ne Werk<br \/>\n<br \/>\n<strong>Nachtrag Sommer 2012<\/strong><\/p>\n<p>Mittlerweile habe ich den Roman gelesen. Mein Eindruck ist ein \u00fcberwiegend postiver. Nach der Lekt\u00fcre sind mir die mit unter schroff ablehnenden Reaktionen noch unverst\u00e4ndlicher. Es werden offensichtlich Dinge hineininterpretiert, die so gar nicht vorhanden sind, so da\u00df man den Eindruck bekommt, es wurde teilweise nur oberfl\u00e4chlich gelesen. Im Grunde ist es die Geschichte einer ganz normalen jungen Frau, deren Eltern sich getrennt haben, mit dem \u00fcblichen daraus entstehenden zwiesp\u00e4ltigen Gef\u00fchlen f\u00fcr die betroffenen Kinder. Es l\u00e4\u00dft sich h\u00f6chstens \u203abem\u00e4geln\u2039 da\u00df die Gedanken, die Helen mitunter \u00e4u\u00dfert, zu reif f\u00fcr eine Achtzehnj\u00e4hrige sind und in dieser Form mehr bei einer Achtundzwanigj\u00e4hrigen vermutet werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich mu\u00df es zu geben, ich habe das Buch, das seit seiner Erscheinung wohl wie kaum ein zweites in der letzten Zeit die Medien \u2013 die Boulevardpresse wie das \u203aseri\u00f6se\u2039 Feuilleton \u2013 besch\u00e4ftigt, (noch) nicht gelesen. Deshalb h\u00fcte ich mich, ein Urteil \u00fcber die literarischen Qualit\u00e4ten zu f\u00e4llen. 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