{"id":309,"date":"2008-12-02T03:21:00","date_gmt":"2008-12-02T02:21:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=309"},"modified":"2026-04-02T19:01:19","modified_gmt":"2026-04-02T17:01:19","slug":"ende-gut-gutes-ende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=309","title":{"rendered":"Ende gut. Gutes Ende?"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/betrach.png\" \/><\/p>\n<p>In der Regel erwartet der Leser ein Ende das ihn zufrieden stellt. Die meisten w\u00fcrden spontan sagen, eines das eine Aufl\u00f6sung der aufgebauten Spannung bringt. Das klassische Happy End im weitesten Sinne w\u00e4re ohne diese Pr\u00e4misse undenkbar. Bei einem Krimi soll der T\u00e4ter am Ende \u00fcberf\u00fchrt werden, Liebende sollen einander finden auch wenn sie sich zwischendurch schon so gut wie verloren hatten. Selbst ein negatives Ende f\u00fcr den Protagonisten ist ein solches, denn es l\u00e4st ebenfalls die aufgestaute Spannung. So weit so gut \u2013 sollte man denken.<!--more--><\/p>\n<p>Nun gibt es aber F\u00e4lle \u2013 und die sind gar nicht mal so selten \u2013 in denen ein solch klassisches Ende nicht angebracht oder sogar entt\u00e4uschend w\u00e4re. Sei es, weil der Realismus der Geschichte es erfordert. Nicht immer mu\u00df der T\u00e4ter in einem Krimi \u00fcberf\u00fchrt werden; Stichwort \u203aH\u00f6here Gerechtigkeit\u2039. Das Opfer war der wirkliche skrupellose Verbrecher, dem mit den \u00fcblichen Mitteln der Justiz nicht beizukommen war. Der T\u00e4ter wurde durch den Zwang der Umst\u00e4nde dazu. Seine \u00dcberf\u00fchrung w\u00e4rde das Gerechtigkeitsempfinden verletzten. Dabei mu\u00df es sich bei den begangenen Verbrechen zwangsl\u00e4ufig nicht um Mord handeln. Eine Thematik die sich quer durch die Kriminalliteratur zieht.<\/p>\n<p>Oder das offene Ende \u2013 eigentlich ein Widerspruch in sich. Man greift aus dem Leben der Protagonisten eine beliebige Zeitspanne heraus, steigt mitten in der Geschichte ein, begleitet die Protagonisten eine Zeitlang und verl\u00e4\u00dft sie dann wieder. Der Grund kann in einem konsequenten Naturlismus liegen \u2013 es gibt ja auch im wirklichen Leben keinen eindeutigen Anfang und kein eindeutiges Ende alles geht ineinander\u00fcber. Jedes (scheinbare) Ende ist zugleich der Beginn von etwas (scheinbar) Neuem.<\/p>\n<p>Oder man l\u00e4\u00dft das Ende \u203aoffen\u2039 um die Phantasie des Lesers anzuregen. Das kann ein scheinbares sein \u2013 im Verlauf der Handlung wurden Hinweise gegeben, die im Prinzip nur eine bestimmte Vermutung zu lassen \u2013 oder ein echtes.<\/p>\n<p>Oder \u2013 und das ist ein besonderer Fall \u2013 man kann die Geschichte einfach nicht aufl\u00f6sen, mu\u00df dem Leser das Ende schlicht verweigern. Als ein prominentes Beispiel sei der \u203aArthur Gorden Pym\u2039 von Edgar Ellen Poe genannt. Der Held erlebt verschiedene Abenteuer, einschlie\u00dflich Schiffbruch, bis er mit einer Expediton am S\u00fcdpool landet. Poe erz\u00e4hlt in Form von Tagebuchaufzeichnungen. Doch bevor der Protagonist seinem Biographen von einer Begegnung mit einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Erscheinung berichten kann, stirb er pl\u00f6tzlich. Poe wu\u00dfte, da\u00df der Spannungsbogen, den er im Verlauf der Handlung systematisch aufbaut, letztlich keine Aufkl?rung vertr\u00e4gt, da sie den Spannungsbogen ins Nichts zusammenfallen lassen w\u00fcrde, den Leser nur entt\u00e4uschen kann! Es gibt Handlungen, die in sich so kraftvoll sind, da\u00df jede Aufl\u00f6sung sie im Nachhinein v\u00f6llig entwerten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Meiner Erz\u00e4hlung \u203aGeheimnisvolles Rendezvous\u2039 wurde auch schon vorgeworfen, da\u00df ich den Leser \u203aim Regen stehen lasse\u2039, weil ich die Identit\u00e4t der Unbekannten nicht l\u00fcfte. Kurz zur Erinnerung:<\/p>\n<p>Ein Mann bekommt von einer unbekannten Frau ein Dutzend erotische Aquarelle, die ihn neugierig machen sollen, und eine Einladung zu einem Rendezvous in einer verdunkelten Wohnung. Sie tritt ihm immer mit einer seidenen Maske gegen\u00fcber, sie sprechen kein Wort miteinander. Er erliegt ihrer Faszination. Nach ihrem letzten Treffen dort \u2013 er wei\u00df nicht, da\u00df es das letzte ist \u2013 h\u00f6rt er nichts mehr von ihr. Nach einiger Zeit des vergeblichen Wartens sucht er die Wohnung auf, die renoviert wird und angeblich lange leer gestanden haben soll. Er ist tief entt\u00e4uscht, da\u00df er seine sch\u00f6ne Unbekannte nicht mehr sehen soll. Mit dem Entschlu\u00df, die zu suchen, endet die Geschichte und die Indentit\u00e4t der Frau bleibt ungekl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Dieses Thema besitzt bereits aus sich heraus einen zu kraftvollen Spannungsbogen, und jede Aufkl\u00e4rung \u2013 wer diese Frau ist und was ihre Motive sind \u2013 w\u00fcrde die Handlung unweigerlich in die Banalit\u00e4t des Alltags werfen. Die Faszination besteht ja gerade darin, da\u00df die sch\u00f6ne Unbekannte eine solche bleibt.<\/p>\n<p>Wie man sieht bestimmt die Handlung selbst das Ende, auch wenn es im allgemeinen Verst\u00e4ndnis keines ist. Mit dem falschen Ende kann man eine sorgf\u00e4ltige Komposition sogar problemlos zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p><b>Noch eine Anmerkung zum \u203aArthur Gorden Pym\u2039:<\/b> Jules Verne hat in seinem Roman \u203aDie Eissphinx\u2039 versucht an der Stelle anzukn\u00fcpfen, wo der \u203aArthur Gorden Pym\u2039 endet. Und kommt zu einem ganz eigenen Schlu\u00df. Man sieht: Das fehlende Ende des einen Werkes kann einen anderen zu einer eigenen Geschichte inspirieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Regel erwartet der Leser ein Ende das ihn zufrieden stellt. Die meisten w\u00fcrden spontan sagen, eines das eine Aufl\u00f6sung der aufgebauten Spannung bringt. Das klassische Happy End im weitesten Sinne w\u00e4re ohne diese Pr\u00e4misse undenkbar. 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