{"id":3241,"date":"2016-11-25T01:21:43","date_gmt":"2016-11-25T00:21:43","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=3241"},"modified":"2026-04-13T11:23:46","modified_gmt":"2026-04-13T09:23:46","slug":"zitat-des-tages-111","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=3241","title":{"rendered":"Zitat des Tages #111"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/zitat.png\" \/><\/p>\n<div id=\"zitat\">\n<p class=\"zitattitel\">Die Einkommensteuer<\/p>\n<p>Bei meiner schriftlichen Erkl\u00e4rung zur Bemessung der Einkommensteuer ging ich heuer mit jener Bescheidenheit vor, wie sie wahrhaft gro\u00dfen M\u00e4nnern geziemt. Das wichtige Schriftst\u00fcck sendete ich eingeschrieben an das zust\u00e4ndige Steueramt. Ich w\u00e4hlte diesen Weg, um den f\u00fcr die Erhaltung des Staates so wichtigen Steuerbeamten durch meine Erscheinung nicht in unn\u00f6tige Aufregung zu versetzen.<!--more--><\/p>\n<p class=\"einzug\">Die Folge meines Vorgehens war eine freundliche Aufforderung, an einem bestimmten Tage und zu einer bestimmten Stunde zuversichtlich im Zimmer Nr. 8 des Steueramtes zu erscheinen. Da ich daraus ersah, da\u00df die Herren dringend w\u00fcnschten, mich pers\u00f6nlich kennenzulernen, folgte ich der Einladung und begab mich um die angegebene Zeit in das Zimmer Nr.&nbsp;8.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Dort fand ich einen Herrn in mittleren Jahren, dem ich mich vorstellte. Er begr\u00fc\u00dfte mich mit so gewinnender Liebensw\u00fcrdigkeit, wie ich eine solche einem Steuerbeamten niemals zugetraut h\u00e4tte. Noch gr\u00f6\u00dfer aber ward mein Erstaunen, als der freundliche Herr, statt mit seinen Amtsobliegenheiten zu beginnen, mir zu meinen gro\u00dfen Erfolgen als Dichter herzlichst Gl\u00fcck w\u00fcnschte. Ich war \u00fcberrascht und erz\u00e4hlte ihm, da\u00df meine Theaterst\u00fccke schon auf allen B\u00fchnen \u00d6sterreichs und auch auf vielen deutschen B\u00fchnen aufgef\u00fchrt werden. Der Beamte war entz\u00fcckt und gratulierte mir nochmals auf die herzlichste Weise.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Sein Interesse war durch meine Ausf\u00fchrungen so geweckt worden, da\u00df er mich schlie\u00dflich bat, ihm g\u00fctigst sagen zu wollen, was so ein St\u00fcck dem Autor ungef\u00e4hr eintrage. Ich nannte wahrheitsgem\u00e4\u00df die bescheidene Summe. Der Herr sch\u00fcttelte ungl\u00e4ubig l\u00e4chelnd das Haupt. Er konnte es nicht glauben, da\u00df ein so bedeutendes Meisterwerk so wenig eintragen solle. Geschmeichelt durch seine Bewunderung, \u00fcbertrieb ich ein wenig und nannte einen Betrag, den ich nicht einmal in meinen k\u00fchnsten Tr\u00e4umen jemals gesehen hatte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er war entz\u00fcckt und bat mich, diese interessante Tatsache sich notieren zu d\u00fcrfen. Ich gew\u00e4hrte dem scharmanten Herrn in meiner Herzensg\u00fcte diese Bitte, und als er mich bewundernd um ein Autogramm bat, setzte ich meine Unterschrift unter seine Notiz, die er sonderbarerweise auf einer amtlichen Drucksorte aufgeschrieben hatte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Ich schied von ihm in der herzlichsten Weise und in dem freudigen Gef\u00fchle, noch nie einem so liebensw\u00fcrdigen Manne begegnet zu sein.<\/p>\n<p class=\"einzug\">In der freundlichsten Stimmung kam ich nach Hause und teilte meiner Frau mit, wie herzlich der Herr Beamte gegen mich gewesen sei. Meine Frau meinte, da\u00df ich mich gewi\u00df habe \u00fcbert\u00f6lpeln lassen. Ich wendete mich gekr\u00e4nkt ab und ging in mein Zimmer.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Einige Tage darnach \u00fcbergab mir der Brieftr\u00e4ger ein gr\u00fcnlich-graues Aktenst\u00fcck. Als ich es \u00f6ffnete, ward mir eine freudige \u00dcberraschung zuteil. Nun war ich von meinem Ruhm vollkommen \u00fcberzeugt. Ich war in der Wertsch\u00e4tzung der Steuerkommission als Dichter auf das F\u00fcnffache gestiegen. Das Aktenst\u00fcck war ein Zahlungsauftrag f\u00fcr 12&nbsp;400 Schilling!<\/p>\n<p class=\"einzug\">Unbegreiflicherweise fiel meine Frau bei dieser Nachricht in Ohnmacht; ob das die Freude war?<\/p>\n<\/div>\n<p class=\"autor\">Rudolf Hawel (19.4.1860&ndash;25.11.1923)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Einkommensteuer Bei meiner schriftlichen Erkl\u00e4rung zur Bemessung der Einkommensteuer ging ich heuer mit jener Bescheidenheit vor, wie sie wahrhaft gro\u00dfen M\u00e4nnern geziemt. 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