{"id":3251,"date":"2016-12-08T02:48:27","date_gmt":"2016-12-08T01:48:27","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=3251"},"modified":"2026-04-09T12:08:40","modified_gmt":"2026-04-09T10:08:40","slug":"alte-krimis-matto-regiert-von-friedrich-glauser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=3251","title":{"rendered":"\u00bbAlte\u00bb\u00ab Krimis \u00b7 \u00bbMatto regiert\u00ab von Friedrich Glauser"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<p>Aus der schweizerischen Heil- und Pflegeanstalt Randlingen im Kanton Bern gelingt dem Patienten Pieterlen die Flucht. Zur gleichen Zeit verschwindet Ulrich Borstli, der alte Direktor der Anstalt, spurlos. In seinem B\u00fcro sind Spuren eines Kampfes und ein wenig Blut auf dem Boden zu finden. Dessen Stellvertreter Dr. Ernst Laduner bittet den kantonalen Polizeidirektor, da\u00df Wachtmeister Studer in diesem Fall ermittelt, da Laduner \u00bb<i>gedeckt sein wolle, gedeckt von der Beh\u00f6rde. Und \u00fcber das Wort \u203agedeckt\u2039 hatte der kantonale Polizeidirektor noch einen Witz gemacht, der ziemlich faul war und nach Kuhstall roch.<\/i>\u00ab Dr. Laduner holt den Wachtmeister pers\u00f6nlich von zu Hause ab.<!--more--><\/p>\n<p class=\"einzug\">Studer ben\u00f6tigt ein wenig, bis er sich erinnert, unter welchen Umst\u00e4nden er dem Arzt zum ersten Mal begegnet ist. Studer war seinerzeit von den unkonventionellen Methoden mit denen der junge Laduner in der Anstalt f\u00fcr Schwererziehbare in Oberhollabrunn bei Wien beeindruckt hat. \u00bb<i>[\u2026] Studer sah eine kleine Stube vor sich, darin acht Buben, zw\u00f6lf- bis vierzehnj\u00e4hrig. Das Zimmer war ein Schlachtfeld. Der Tisch demoliert, die B\u00e4nke zu Brennholz zerkleinert, die Scheiben der Fenster zersplittert. Er stand unter der T\u00fcr und sah, wie gerade ein Bub auf einen andern mit dem Messer losging. \u00bbIch mach dich hin!\u00ab sagte der Bub. Und in einer Ecke stand Dr. Laduner und sah zu. Als er Studer in der T\u00fcre bemerkte, winkte er ganz sanft mit der Hand ab \u2013 Machen lassen! Und der Bub warf pl\u00f6tzlich das Messer von sich, begann zu heulen, traurig und langgezogen, wie ein gepr\u00fcgelter Hund, w\u00e4hrend Dr. Laduner aus seiner Ecke hervorkam und mit ruhiger, sachlicher Stimme sagte: \u00bbBis morgen ist dann das Zimmer in Ordnung und die Scheibe eingesetzt \u2026 Ja?\u00ab Und der Knabenchor sagte: \u00bbJa!\u00ab [\u2026]\u00ab <\/i>Doch Dr. Laduner scheint sich ver\u00e4ndert zu haben \u00bb<i>[\u2026] Damals in Wien hatte der Arzt noch nicht das Maskenl\u00e4cheln getragen, das L\u00e4cheln, das aussah, als sei es vor einem Spiegel aufgeklebt worden\u2026 Und dann: vielleicht war der Eindruck falsch, kontrollieren lie\u00df er sich nicht, aber es schien doch, als hocke Angst in den Augen des Dr. Laduner. [\u2026]<\/i>\u00ab <\/p>\n<p class=\"einzug\">Studers Aufenthalt in der Heil- und Pflegeanstalt wird auch eine Konfrontation mit einem unr\u00fchmlichen Kapitel der eigenen beruflichen Vergangenheit. Einer der Insassen ist Herbert Caplaun, der Sohn des Obersts Caplaun, der seinerzeit daf\u00fcr gesorgt hat, das Studer als Folge einer Ermittlung in einer Bankaff\u00e4re von seinem Posten als Kommissar zu Unrecht zur\u00fccktreten und als \u201aeinfacher\u2018 Fahnder neu anfangen mu\u00dfte. <i>\u00bb[\u2026] Es handelte sich um jenen Oberst Caplaun, von dem der Polizeidirektor in gem\u00fctlichen Stunden manchmal sagte, er w\u00fcrde niemanden lieber in Thorberg wissen [\u2026]\u00ab<\/i> Thorberg, genauer <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schloss_Thorberg\" target=\"_blank\">Schlo\u00df-Thorbeg<\/a>, ist ein bekanntes Gef\u00e4ngnis im Kanton Bern, Studers Heimat- und Wirkungsort als Fahnderwachtmeister. Dr. Laduner hat sich des jungen Caplaun pers\u00f6nlich angenommen. <i>\u00bb[\u2026] Ein typischer Fall von Angstneurose. Kein Wunder, bei dem Vater! Und \u00fcbrigens s\u00e4uft der Herbert Caplaun. [\u2026]\u00ab<\/i> <\/p>\n<p class=\"einzug\">Studer sp\u00fcrt von Anfang an, da\u00df dieser Fall seine besonderen T\u00fccken und Geheimnisse besitzt und wohl nichts so ist, wie es Anschein hat, oder wie von den Beteiligten versucht wird, diesen zu erwecken. W\u00e4hrend Studer gegen das Klinikpersonal Vorbehalte auf Grund ihres Verhaltens pflegt, fa\u00dft er schnell Sympathie f\u00fcr den rothaarigen Pfleger Gilgen. Doch auch Gilgen hat eine besondere Rolle in der Aff\u00e4re, wie sich sp\u00e4ter herausstellt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der verschwundene Direktor soll eine Beziehung zu einer jungen Schwester gehabt, \u00fcberhaupt der jungen Weiblichkeit zugetan sei. Vor seinem Verschwinden am Abend w\u00e4hrend einer internen Feier soll er einen Anruf von einer Frau erhalten haben. Einen Anruf, der nachweislich klinikintern erfolgte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Direktor Borstlis Leiche wird am Fu\u00df der Treppe gefunden, die zum Heizkessel hinunterf\u00fchrt. Anscheinend ist er auf Grund eines Fehltritts ungl\u00fccklich die Treppe hinuntergest\u00fcrzt, doch f\u00fcr Studer weist viel daraufhin, da\u00df er gesto\u00dfen worden ist, was den Fall noch ein wenig undurchsichtiger werden l\u00e4\u00dft als er ohnehin zu sein scheint.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der Direktor bleibt nicht das einzige Opfer, auch der Pfleger Gilgen wird wenig sp\u00e4ter tot aufgefunden. Studer sp\u00fcrt, da\u00df die unmittelbar beteiligten Personen mehr wissen und in anderen Beziehungen zueinander stehen, als sie bereit sind zuzugeben. Auch Dr. Laduner ist nicht so offen gegen\u00fcber Studer wie er vorgibt zu sein. Seelische Abgr\u00fcnde tun sich dem Wachtmeister auf und nicht nur bei den Insassen. Studer zweifelt zeitweise selbst, ob das, was er wahrnimmt, wirklich so ist, und nicht auch Matto von ihm langsam Besitz ergreift, was ist \u00fcberhaupt wahr und was nicht. Durch ein langes Gespr\u00e4ch mit Dr. Laduner Studer begibt sich Studer in die Tiefen der eigenen Seele. Bald \u00fcberschlagen sich die Ereignisse und der Fahnderwachtmeister beginnt klarer zu sehen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Das Motiv f\u00fcr den Mord am alten Direktor und die darauf erfolgten ist so \u00fcberraschend wie logisch f\u00fcr das Wesen einer Anstalt wie die Heil- und Pflegeanstalt Randlingen, die ihre eigenen Realit\u00e4ten und ihre eigenen Wahrheiten hat und hinterl\u00e4\u00dft nicht nur bei Studer einen eigenartigen Nachhall.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00bbMatto regiert\u00ab d\u00fcrfte der wohl bekannteste Roman mit Wachtmeister Studer sein, und mit Sicherheit derjenige, der bei seinem Erscheinen 1936 in der Schweiz die meiste Aufmerksamkeit erfahren hat. Hat er doch zu einer Reformation der schweizerischen Psychiatrie gef\u00fchrt. Friedrich Glauser hat hier seine pers\u00f6nlichen Erfahrungen verarbeitet, schlie\u00dflich hatte er selbst auf Grund seiner Morphinsucht mehrfach in der Psychiatrie verbringen m\u00fcssen und lange unter Vormundschaft gestanden. Eine Erfahrung, die er in seinem \u2013 auf Grund seines fr\u00fchen Todes im Alter von nur 42 Jahren am 8. Dezember 1938 am Vorabend seiner Hochzeit \u2013 leider nur schmalen literarischen Werk immer wieder thematisiert und sei es nur beil\u00e4ufig.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wachtmeister Studer reiht sich in die Gruppe der Antihelden ein, die einen durchaus angenehmen Gegensatz zu den streng rationalen Detektiv-Figuren der Kriminalliteratur wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arthur_Conan_Doyle\" target=\"_blank\">Conan Doyle<\/a>s <i>Sherlock Holmes<\/i> oder <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Edgar_Allan_Poe\" target=\"_blank\">Poe<\/a>s <i>Dupin<\/i> oder die vorbildlichen Kommissare und Inspektoren eines <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Edgar_Wallace\" target=\"_blank\">Edgar Wallace<\/a> oder eines <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Louis_Weinert-Wilton\" target=\"_blank\">Louis Weinert-Wilton<\/a> oder <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dorothy_L._Sayers\" target=\"_blank\">Dorothy L. Sayers<\/a> <i>Lord Peter Wimsey<\/i> und die ihre Geburt in den 1930er Jahren erleben. Die Verwandtschaften zu einem Sam Spade von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dashiell_Hammett\" target=\"_blank\">Dashiell Hammett<\/a> oder eines Philip Marlowe von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Raymond_Chandler\" target=\"_blank\">Raymond Chandler<\/a> sind offensichtlich und haben ihre eindeutige Ursache in den ver\u00e4nderten gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen. Da Studer jedoch Schweizer und kein Amerikaner ist, zudem ein mehr oder weniger biederer Familienvater mit Tochter und einer pfiffigen Frau, wird er nach seinem erzwungenen Ausscheiden als Folge einer Intrige aus dem h\u00f6heren Polizeidienst nicht Privatdetektiv, sondern beginnt noch einmal von vorne als einfacher Fahnder, mit Kontakten ins Ausland, wohlwissend, da\u00df er \u00fcber den Wachtmeister nicht hinauskommen wird, aber er besitzt die Genugtuung, da\u00df ihm nur die wirklich verzwickten F\u00e4lle anvertraut werden und er weitgehend freie Hand dabei hat, Genf, Z\u00fcrich und Bern sind nun einmal nicht New York oder Los Angeles oder San Francisco. Doch auch in der an sich beschaulichen Schweiz ereignen sich hin und wieder au\u00dfergew\u00f6hnliche Verbrechen, so da\u00df Studer seine besonderen kriminalistischen F\u00e4higkeiten in verschiedenen F\u00e4llen zur Anwendung bringen kann. Einer davon f\u00fchrt ihn bis nach Nordafrika.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus der schweizerischen Heil- und Pflegeanstalt Randlingen im Kanton Bern gelingt dem Patienten Pieterlen die Flucht. Zur gleichen Zeit verschwindet Ulrich Borstli, der alte Direktor der Anstalt, spurlos. In seinem B\u00fcro sind Spuren eines Kampfes und ein wenig Blut auf dem Boden zu finden. 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