{"id":3370,"date":"2016-12-23T01:34:31","date_gmt":"2016-12-23T00:34:31","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=3370"},"modified":"2026-04-11T20:25:03","modified_gmt":"2026-04-11T18:25:03","slug":"kurzes-73-ein-bewunderer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=3370","title":{"rendered":"Kurzes #73 \u00b7 Ein Bewunderer"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/titel\/20160625_324_800_3.jpg\"\/><\/p>\n<p class=\"rechts\"><em>Die Beine der Frauen sind wie Zirkel, welche den Erdball in allen Himmelsrichtungen ausmessen<br \/>und ihm sein Gleichgewicht und seine Harmonie geben<\/em><\/p>\n<p class=\"rechts\"><small>aus \u00ab\u00a0L\u2019homme qui aimait les femmes\u00a0\u00bb<br \/> von Fran\u00e7ois Truffaut<\/small><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>W\u00fcrde er gefragt, wie er sich sehe, so w\u00fcrde er ohne sonderlich nachzudenken und mit einem gewissen Stolz, vorausgesetzt, der Betreffende habe sein Vertrauen erweckt, antworten: als ein Verehrer sch\u00f6ner Beine, begleitet von einem L\u00e4cheln, das den dezenten Genie\u00dfer verr\u00e4t.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Je nach Naturell w\u00fcrde die Reaktion darauf von verst\u00e4ndnislosem Kopfsch\u00fctteln \u00fcber eine derart wunderliche Eigenart bis hin zur Freude, einen Gleichgesinnten im Geiste getroffen zu haben, reichen. Wir gehen einmal davon aus, da\u00df unser Frager sich vom Wesen her in der Mitte bewegt. H\u00f6flich w\u00fcrde er erwidern, doch mit un\u00fcberh\u00f6rbarem Unterton, der keinen Zweifel daran lie\u00df, da\u00df er es nicht ganz nachvollziehen k\u00f6nne, weshalb er darin f\u00fcr sich etwas Besonderes sehen w\u00fcrde, schlie\u00dflich erfreuen sich doch die meisten M\u00e4nner an sch\u00f6nen Frauenbeinen, wenn sie auch selten zu sehen seien, und nicht nur, weil viele Frauen, vor allem die es sich \u203aleisten\u2039 k\u00f6nnten, lieber Hosen als R\u00f6cke tragen.<!--more--><\/p>\n<p class=\"einzug\">Unser Freund w\u00fcrde \u00fcber eine in seinen Augen derart naive Aussage nachsichtig l\u00e4cheln. Und geradewegs mit einem durchaus missionarischen Eifer dem anderen zu erkl\u00e4ren versuchen, wie einseitig doch der allgemeine Sch\u00f6nheitsbegriff sei. Nicht nur weil den Leuten von allen Seiten suggeriert wird, was sch\u00f6n zu sein hat, ohne da\u00df jemals auch nur im Ansatz ernsthaft versucht wird, das zu begr\u00fcnden. Zudem, w\u00fcrde unser Freund ruhig und nicht weniger eindringlich fortfahren, gibt es per se keine wirklich h\u00e4\u00dflichen Frauenbeine, einmal von Krankheit und der Nachl\u00e4ssigkeit ihrer Besitzerinnen gezeichneten abgesehen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Hier w\u00fcrde er eine Pause machen, seine Worte auf den anderen wirken lassen und vielsagend l\u00e4cheln.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nach dieser leichten Einschr\u00e4nkung w\u00fcrde unser Freund vielleicht auf diese Weise fortfahren: Es gibt kr\u00e4ftige Beine, muskul\u00f6se Beine und st\u00e4mmige Beine, was nicht das gleiche ist; schlanke Beine, lange Beine, kurze Beine, schlichtweg normale Beine, die weder das eine noch das andere sind, die eigentlich alle Merkmale enthalten, von denen aber keines derart \u00fcberwiegt, da\u00df es eine Einordnung in eine Kategorie rechtfertige. Es lassen sich dar\u00fcber hinaus beliebig viele Kategorien entwickeln, die jede f\u00fcr sich einen besonderen Reiz betone.<\/p>\n<p class=\"einzug\">An dieser Stelle w\u00fcrde dem Fragenden wohl zum ersten Mal bewu\u00dft werden, wie eingeschr\u00e4nkt seine Perspektive bisher gewesen ist. Somit ist seine Neugier geweckt, mehr von dem Bewunderer zu erfahren. Und wie jeder Bewunderer, so spricht auch der unsere nur zu gerne \u00fcber seine Passion, hat er einen geneigten Zuh\u00f6rer gefunden.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er w\u00fcrde diesem erz\u00e4hlen, da\u00df er nicht unbedingt die kurzen R\u00f6cke bevorzuge, obwohl sie eine nahezu ungehinderte Sicht auf die Beine ihrer Besitzerin gew\u00e4hren, daf\u00fcr jedoch der Phantasie so gut wie keinen Raum mehr lassen. Ein Bewunderer liebt schlie\u00dflich nicht wenig das Geheimnisvolle, das sich den Blicken eben nicht sogleich offenbart. Ihm sagen die \u00fcber die Knie reichenden R\u00f6cke, die nahezu wadenlangen, mehr zu. Die nur die untere H\u00e4lfte der Waden zeigen, den Beginn dieser mal mehr weniger ausgepr\u00e4gt geschwungenen Linie, und die Fesseln. Den Rest gibt er lieber seiner Phantasie anheim. Zarte Str\u00fcmpfe in allen Farben und hochhackiges Schuhwerk, bevorzugt mit schlanken, nicht zwingend d\u00fcnnen Abs\u00e4tzen, sind seinen Augen ein Labsal. Aber auch flache Schuhe k\u00f6nnen unter Umst\u00e4nden einen reizvoll harmonischen Abschlu\u00df bilden. Klobiges Schuhwerk jedoch st\u00f6\u00dft ihn ab, kann selbst ein ungew\u00f6hnlich vollkommenes Bein in seinen Augen entstellen, wenngleich auch das wiederum seine Verehrer findet.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nachdem sich unser Bewunderer seiner Schw\u00e4rmerei hingeben, seinen Zuh\u00f6rer gefesselt und er vorerst geendet hat, k\u00f6nnte eigentlich nur noch eine Frage gestellt werden; an welchen Orten er seiner Passion fr\u00f6nt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00dcberall, w\u00fcrde unser Freund, dem dies etwas sehr naiv erschien, mit einer euphorischen Geste antworten. Man m\u00fcsse nur die Augen offenhalten; im Bus, in der Bahn, im Zug, auf der Stra\u00dfe, im Caf\u00e9, im Restaurant, in der Oper, im Theater, im Museum. \u00dcberall dort wo Menschen sind. Darum benutze er in erster Linie \u00f6ffentliche Verkehrsmittel. Nirgendwo sonst besitze man diese Ruhe. Wenn eine Frau in der Zeitung, in einem Buch lese, oder ihren Gedanken nachhinge, aus dem Fenster s\u00e4he, habe sie oftmals die Beine \u00fcbereinander geschlagen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der andere begriffe augenblicklich, mit welchen Scheuklappen er bisher durch die Welt geschritten war und sch\u00e4mte sich innerlich ein wenig seiner Ignoranz, was er hinter der voyeuristischen Frage verberge, ob er denn nie das Objekt seiner Bewunderung auch begehrt habe.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Hier nun w\u00fcrde die Antwort nicht so z\u00fcgig wie auf die Fragen zuvor kommen. Unser Freund w\u00e4re sogar ein wenig im Zweifel, ob er denn antworten solle, was den anderen etwas verwirrte und er sich \u00fcber seine eigene, voreilige und vermeintliche Indiskretion \u00e4rgerte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nein, w\u00fcrde er fast schon zu entschieden erwidern. Nicht da\u00df er sich nicht die Zeit nehmen w\u00fcrde, nicht auch einen Blick auf das Gesicht der Betreffenden zu werfen, ihren Blick zu suchen. Doch f\u00fcr mehr seien die Begegnungen in der Regel zu kurz.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wirklich nie, insistierte sein Gegen\u00fcber fast schon mit einem diabolischen L\u00e4cheln, da es ihm auf diese Weise gelang, die eigene Unsicherheit \u00fcber die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Frage \u00fcberdecken.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Unser Freund w\u00fcrde kurz den Blick abwenden und einen Schluck von seinem Kaffee nehmen. Sie sa\u00dfen an diesem sonnigen Tag auf der Terrasse eines Caf\u00e9s. Dann w\u00fcrde er sich entschlie\u00dfen, die Wahrheit zu sagen, schlie\u00dflich hatte er dem anderen schon zuviel Vertrauen geschenkt, um sich jetzt noch zur\u00fcckziehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Doch, w\u00fcrde er einr\u00e4umen, ein einziges Mal. Er sah auf die Uhr. Es war noch Zeit. Warum sollte er es nicht erz\u00e4hlen? Sein gegen\u00fcber w\u00fcrde diese kleine Anekdote sicherlich zu sch\u00e4tzen wissen. Er war immerhin ein Mensch mit Lebensart, vielleicht w\u00fcrde er auch f\u00fcr sich eine Lehre daraus ziehen k\u00f6nnen. Unser Freund beginnt zu erz\u00e4hlen, der Aufmerksamkeit des anderen gewi\u00df seiend.<\/p>\n<p class=\"einzug\">F\u00fcr einige Wochen mu\u00dfte der Bewunderer beruflich jeden Tag in einen etwas entfernteren Ort fahren. Selbstverst\u00e4ndlich nahm er den Zug. Dieser ben\u00f6tigte rund eine Stunde. Was f\u00fcr andere eine Qual gewesen w\u00e4re, war f\u00fcr ihn selbstverst\u00e4ndlich ein Vergn\u00fcgen. Zu der Zeit, wo er seine Fahrt antrat, war der Zug halb leer. Wie gew\u00f6hnlich setzte er sich in den mittleren Waggon. Der Zufall entt\u00e4uschte ihn nicht. Schon zwei Stationen sp\u00e4ter stieg eine junge Frau ein. Sie war ihm bereits auf dem Bahnsteig aufgefallen, obwohl er sie nur kurz bei der Einfahrt des Zuges gesehen hatte. Als sie den Gang entlang kam, eine Tasche unter dem Arm, sah er, da\u00df sie einen wadenlangen, dunklen Rock und schwarze Str\u00fcmpfe trug. Sie mochte etwa drei\u00dfig sein, mit kurzen, dichten, fast schwarzen Haaren, die ihre vollen, tiefrot geschminkten Lippen f\u00f6rmlich leuchten lie\u00dfen, die Mimik ist leicht runden Gesichts dr\u00fcckte innere Zufriedenheit aus. Sie war schlank, aber nicht von der extremen Schlankheit, die heutzutage gerne als Ideal propagiert wird und die letztlich nur Magerkeit ist. Im Vergleich dazu konnte sie fast schon als mollig bezeichnet werden.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Zielsicher steuerte sie die Sitzbank auf der anderen Seite des Ganges ihm gegen\u00fcber an. Sie setzte sich, stellte ihre Tasche neben sich und schlug sogleich die Beine mit damenhafter Eleganz \u00fcbereinander. Sie z\u00e4hlte offenkundig zu den Frauen, die sich der Sch\u00f6nheit ihrer Beine bewu\u00dft sind, die sie gerne bewundert sehen und die Komplimente \u00fcber ihre Beine genie\u00dfen. \u00dcberhaupt schien sie ein Gl\u00fccksfall zu sein.<\/p>\n<p class=\"einzug\">F\u00fcr ihn war die Art, wie eine Frau die Beine \u00fcbereinanderschlug, beredt genug. Da gab es das nachl\u00e4ssige, das gelangweilte, das trotzig abwehrende, das selbstverst\u00e4ndliche, das nur an die eigene Bequemlichkeit denkende \u00dcbereinanderschlagen. Es gab das m\u00e4dchenhafte, das burschikose, das gezierte und das provokante, das kokette, das sinnliche, ja es gibt sogar ein l\u00fcsternes, das eigentlich eine offene Aufforderung zur gemeinsamen Unzucht ist, das jedoch nur in intimen Stunden wirklich zur Ausf\u00fchrung kommt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der Zug fuhr an. Sie holte eine Zeitung aus der Tasche und begann aufmerksam darin zu lesen. Er dagegen lie\u00df seine Blicke unauff\u00e4llig auf ihren Beinen ruhen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Sein Blick begann beim Saum ihres Rockes, der im Sitzen etwa eine Handbreit unter dem Knie endete. Es war ein weicher, ein feiner Stoff, der sanft zu der Haut ist, sie z\u00e4rtlich umschmeichelt. Ihre Str\u00fcmpfe waren fast blickdicht. Vermittelten aber nicht den Eindruck, da\u00df sie trug, um eine weniger anziehende Haut zu verbergen. Die Wade verlief in einer flie\u00dfenden, einer fast vollkommenen Kurve, wie er sie schon seit Wochen nicht mehr zu sehen bekommen hatte und endete in einer ungew\u00f6hnlich schmalen und zarten Fessel, die vom Riemchen ihrer hochhackigen schwarzen Schuhe umfangen wurde. Die Abs\u00e4tze waren von mittlerer H\u00f6he, wie sie derzeit in Mode waren.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Es war nicht so, da\u00df er w\u00e4hrend der ganzen Fahrt ausschlie\u00dflich auf ihre Beine gesehen h\u00e4tte. In regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden sah er auch auf ihre H\u00e4nde, schlie\u00dflich erz\u00e4hlen H\u00e4nde mindestens ebensoviel \u00fcber ihren Besitzer, ihre Besitzerin wie Beine. Die ihren waren schlank, mit halblangen, in einem dezenten Erdton lackierten N\u00e4geln. Es war ihnen anzusehen, da\u00df ihre Besitzerin sie mit Sorgfalt behandelte. Ebenso verfing sich sein Blick auf ihrem Antlitz, ihren Lippen, die manchem zu stark geschminkt sein mochten, aber mit ihrem Typ harmonierten. Sie hielt die Lippen leicht ge\u00f6ffnet. Es gelang ihm aber nicht herauszufinden, ob es an einer zu kurzen Oberlippe lag oder Gewohnheit war.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Immer wenn der Zug sich einer Station n\u00e4herte, sein Tempo drosselte, bedauerte er bereits, da\u00df sie gleich aussteigen und er sie vermutlich nie wiedersehen w\u00fcrde. Es war kein entt\u00e4uschtes Bedauern, kein Bedauern \u00fcber eine verpa\u00dfte Gelegenheit. Er hatte bisher nie eine der Frauen, auf deren Beine seine Blicke bewundernd geruht hatten, angesprochen. Es war das Bedauern \u00fcber das unvermeidliche Ende eines sch\u00f6nen Augenblicks, in dem auch die n\u00fcchterne Akzeptanz des Unwiederbringlichen liegt. Wer bewundert, zieht den Genu\u00df aus dem Bewundern an sich, nicht aus dem m\u00f6glichen Besitz des Objektes seiner Bewunderung. Der Besitz ist dem Bewunderer unwichtig. Im Gegenteil, Besitz bindet. Er mu\u00df unabh\u00e4ngig sein, um vorbehaltlos bewundern zu k\u00f6nnen. Wer besitzt, sch\u00e4tzt seinen Besitz im Wert h\u00f6her ein als anderes. Au\u00dferdem h\u00e4tte es das Objekt seiner Bewunderung aus der Anonymit\u00e4t gerissen, h\u00e4tte ihn in die Banalit\u00e4t ihres Alltags gef\u00fchrt. Ihre vielleicht eint\u00f6nige Arbeit, da\u00df Kinder und ein Mann, der die Sch\u00f6nheit ihrer Beine, ihre Attraktivit\u00e4t l\u00e4ngst nicht mehr sah, auf sie warteten. So konnte er, wenn er wollte &ndash; und manchmal tat er es auch &ndash;, ihr eine Biographie geben, die ihrem Bild einen harmonischen Abschlu\u00df gab.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Aber sie faltete ihre Zeitung auch vor dieser Station nicht zusammen, fuhr noch eine weitere mit ihm, und noch eine. Erst eine Station bevor er selbst ausstiegen mu\u00dfte, verlie\u00df sie den Zug. Er sah ihr vom Fenster aus nach, wie sie flinken und selbstbewu\u00dften Schrittes zum Ausgang ging. Der Zug ruckelte an. Er lehnte sich zufrieden zur\u00fcck, zufrieden dar\u00fcber, da\u00df sie solange seine Reisegef\u00e4hrtin gewesen war. Wieder eine Sch\u00f6ne mehr in seiner \u203aSammlung\u2039, die wie ein vor\u00fcberfliegender Schmetterling auf immer seinen Blicken, seiner Gegenwart entflogen war.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Lange hatte er nicht Gelegenheit, der Erinnerung nachzusinnen, da er sich nun seinerseits bereit machen mu\u00dfte, schlie\u00dflich mu\u00dfte er ja an der folgenden Station ausstiegen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Am fr\u00fchen Abend sa\u00df er im Zug der Gegenrichtung, gespannt darauf, was sich ihm diesmal bieten w\u00fcrde. Zwar erhoffte er sich kein vergleichbares Erlebnis wie auf der Hinfahrt. Es geschah \u00e4u\u00dferst selten, da\u00df er mehr als einer besonderen Frau am Tag begegnete. Aber man konnte ja nie wissen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er war nicht wenig \u00fcberrascht, als an der n\u00e4chsten Station seine Sch\u00f6ne vom heutigen Morgen einstieg und sich &ndash; was f\u00fcr ein angenehmer Zufall! &ndash; ihm wieder gegen\u00fcber auf die andere Seite des Ganges setzte, erneut in der gleichen Weise die Beine \u00fcbereinanderschlug. Diesmal las sie keine Zeitung, sondern ein Buch, dessen Titel er aber nicht entziffern konnte. Die Gnade dieses besonderen Zufalls nutzend, hing er f\u00f6rmlich mit den Blicken an ihren sch\u00f6nen Waden, ihren schmalen Fesseln, ihrem schlanken Fu\u00df, ihren hochhackigen Schuhen, ganz als sei er sich bewu\u00dft, da\u00df es das letzte Mal sei, da\u00df ihm ein solcher Anblick gew\u00e4hrt w\u00fcrde. Mit einem tiefen inneren Seufzer sah er ihr nach, als sie an ihrer Station den Zug verlie\u00df.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nachdenklich ging er die wenigen Schritte vom Bahnhof zu seiner Wohnung.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wie merkw\u00fcrdig doch manchmal das Leben verl\u00e4uft, dachte er. Es war das erste Mal, da\u00df er derselben Frau, deren Beine er bewundert hatte, an ein und demselben Tag zweimal begegnete. Selten sah er sie mehr als einmal, falls nicht,  geschah es nur im Abstand von mehreren Tagen, oft Wochen oder gar Monaten.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Am n\u00e4chsten Morgen sa\u00df er wieder im Zug und zu seiner \u00dcberraschung stieg auch die Sch\u00f6ne wieder ein. Doch so angenehm ihm dieses erneute Wiedersehen war, so entt\u00e4uscht war er zugleich. Trug sie doch heute eine Hose, wenn auch eine k\u00f6rperbetont geschnittene aus braunem Leder. Diese sagte ihm, da\u00df sie muskul\u00f6se Schenkel hatte, die aber eine ideale Fortsetzung ihrer sch\u00f6n geschwungenen Waden waren. Diesmal konnte er einzig ihre schmalen Fesseln bewundern, was ihn nicht wirklich befriedigte. Zumindest entsch\u00e4digten ihn ihre hellen zarten Str\u00fcmpfe, die eine makellose Haut durchscheinen lie\u00dfen und ihre hochhackigen Schuhe ein wenig. Daf\u00fcr warf er h\u00e4ufiger und l\u00e4nger den Blick auf ihr Antlitz. Er entdeckte ihre tiefbraunen Augen, ihre dichten Brauen und langen Wimpern, die offenkundig echt waren. Ebenso da\u00df die Umgebung ihrer Nase mit vielen kleinen Sommersprossen bedeckt war.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Sie fuhr am Abend mit demselben Zug zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Auch am folgenden Tag sahen sie sich wieder. Es war der erste wirklich warme Fr\u00fchlingstag in diesem Jahr. \u00dcberhaupt schienen heute alle irgendwie froher durch die Welt zu gehen. Sie trug ein helles Kost\u00fcm mit taillierter Jacke und einem dekolletierten seidenem Oberteil. Der Rock war sehr kurz. Zum ersten Mal sah er fast vollst\u00e4ndig ihre Beine, die von hellen Str\u00fcmpfen umh\u00fcllt wurden, was sein Herz vor Freude fast h\u00fcpfen lie\u00df.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Diesmal schlug sie die Beine fast kokett \u00fcbereinander, begleitet von einem besonderen Besitzerstolz.<\/p>\n<p class=\"einzug\">W\u00e4hrend der ganzen Fahrt blieb sie in ihre Zeitung vertieft.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Doch anders als bisher hielt sie die Beine nicht ruhig, allenfalls hatte sie gelegentlich mit der Fu\u00dfspitze leicht gewippt. Relativ h\u00e4ufig rieb sie die eine Wade an der anderen. Und w\u00e4re das Fahrger\u00e4usch nicht gewesen, so w\u00e4re jedesmal ein leichtes Knistern zu vernehmen gewesen. Selbst so meinte er, es zu h\u00f6ren. Sie schien heute die Kokette geben zu wollen. H\u00e4tte er es nicht besser gewu\u00dft, w\u00e4re nicht dieser sch\u00f6ne warme Fr\u00fchlingstag gewesen, man h\u00e4tte annehmen k\u00f6nnen, sie mache es f\u00fcr einen Zuschauer, einen Verehrer.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Ihre runden Knie gefielen ihm und ihre muskul\u00f6sen Schenkel, die die sch\u00f6n geschwungene Linie ihrer Waden vollendet fortf\u00fchrten. Selten hatte er eine Frau gesehen, die gleicherma\u00dfen kurze wie lange R\u00f6cke tragen konnte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00dcber nahezu drei Wochen begegneten sie sich t\u00e4glichg im Zug. Drei Wochen, w\u00e4hrend denen sie sich nie offen ansahen, geschweige denn ein Wort miteinander wechselten. Ein Au\u00dfenstehender w\u00e4re \u00fcberzeugt gewesen, da\u00df sie einander nicht aufgefallen waren. Auf der Hinfahrt las sie die Zeitung, auf der R\u00fcckfahrt ein Buch. Dennoch schien sich mehr und mehr eine Atmosph\u00e4re der Vertrautheit zwischen ihnen aufzubauen. Stets setzte sie sich ihm gegen\u00fcber auf die andere Seite des Ganges. Lediglich zweimal trug sie eine Hose, das zweite Mal eine derart eng anliegende schwarze Lederhose, da\u00df er sich fragte, wie sie dort \u00fcberhaupt hineingekommen war. Das war w\u00e4hrend der ersten Woche, danach sah er sie nur noch in R\u00f6cken, selten zweimal in demselben.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er hatte sich an ihre Gegenwart gew\u00f6hnt. Es war f\u00fcr ihn derart selbstverst\u00e4ndlich geworden, da\u00df sie an der zweiten Station einstieg, da\u00df er ganz verwirrt war, als sie nach diesen drei Wochen das erste Mal nicht wie gewohnt zustieg. Er gelang ihm nicht, sich einen Reim darauf zu machen. Dabei gab es eine Unzahl einfacher Erkl\u00e4rungen; sie konnte den Zug vers\u00e4umt haben, sie konnte einen Tag frei haben, ihr Urlaub konnte begonnen haben, sie konnte mit einer Erk\u00e4ltung im Bett liegen &ndash; in der Tat war seit einigen Tagen das ideale Erk\u00e4ltungswetter ausgebrochen. Auch am Abend stieg sie nicht ein. Die These mit dem vers\u00e4umten Zug, auf die er den ganzen Tag \u00fcber seine Hoffnung gesetzt hatte, erwies sich damit als Irrtum.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Als sie am n\u00e4chsten Tag wieder nicht zustieg, begann er sich wirklich Sorgen zu machen, als h\u00e4tte nicht der Zufall sie dahin gef\u00fchrt, t\u00e4glich mit demselben Zug zu fahren, sondern als best\u00fcnde eine tiefere Bindung zwischen ihnen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">In jener Nacht schlief er schlecht. Ob er sich eingestehen wollte oder nicht, er vermi\u00dfte sie. Sie war f\u00fcr ihn mehr geworden, als eine zuf\u00e4llige Reisebekanntschaft. Sobald er sie wiedersah, w\u00fcrde er sie ansprechen, nahm er sich vor.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die beiden Stationen bis zu ihrem Bahnhof sa\u00df er am n\u00e4chsten Tag mit steigender innerer Unruhe da, knetete nerv\u00f6s die H\u00e4nde. Als der Zug ihre Station erreichte, schlug sein Herz schneller, je st\u00e4rker der Zug bremste. Als sie einstieg, frisch und munter, blieb ihm vor Freude fast das Herz stehen. So erleichtert hatte er sich schon seit langem nicht mehr gef\u00fchlt. Vermutlich hatte sie wirklich zwei freie Tage gehabt, versuchte er die Anspannung der letzten Tage vor sich selbst herunterzuspielen. Dar\u00fcber verga\u00df er sein Vorhaben, sie anzusprechen. Sein Drang zu bewundern war gr\u00f6\u00dfer. Dennoch war seine Erleichterung, sie wiederzusehen, so gro\u00df, da\u00df es ihn nicht st\u00f6rte, da\u00df sie heute das erste Mal wieder eine Hose trug, wenn auch jene enge aus handschuhweichem schwarzen Leder, dazu dunkle Stiefeletten, so da\u00df er nicht einmal ihre Fesseln sehen konnte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die wirkliche \u00dcberraschung aber erwartete ihn am Abend. Anstatt sich wie gewohnt ihm gegen\u00fcber auf die andere Seite des Ganges zu setzen, trat sie zu ihm hin und setzte sie sich ihm unmittelbar gegen\u00fcber, den Oberk\u00f6rper leicht vorgebeugt. Als sie ihre Beine, diesmal vertraulich z\u00e4rtlich, \u00fcbereinanderschlug, ber\u00fchrte sie wie zuf\u00e4llig seine Wade. Sie holte kein Buch heraus, um zu lesen, sondern sah ihn mehr als nur freundlich l\u00e4chelnd an.<\/p>\n<p>\u00c2\u00a0<\/p>\n<p>An dieser Stelle seines Berichtes w\u00fcrde unser Bewunderer innehalten. Sein Gegen\u00fcber, dessen Spannung gerade in diesem Moment unertr\u00e4glich zu werden beginnt, ist versucht zu fragen; und, wie ging es weiter?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Um die Mundwinkel unseres Freundes w\u00fcrde sich ein sanftes, nachsichtiges L\u00e4cheln spielen, als wolle er sagen, wie k\u00f6nne es schon weitergegangen sein? Liegt das nicht nahe? Aber in ihm ist keine Spur von \u00dcberheblichkeit. Er wei\u00df, da\u00df der andere es mit seinen Worten h\u00f6ren und sich nicht den eigenen Vermutungen \u00fcberlassen sehen will.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nach einer Kunstpause, die die Spannung nur in die H\u00f6he treiben soll und die Aufmerksamkeit seines Zuh\u00f6rers versichern, will er fortfahren. Doch im selben Moment sehen sie eine gro\u00dfe, schlanke ein wenig zum Molligen neigende Frau mit schwarzen Haaren, vollen tiefrot geschminkten Lippen, in einem hellen dekolletierten kurzen Kleid, hauchzarten hellen Str\u00fcmpfen und hochhackigen Schuhen mit einem L\u00e4cheln das der Sch\u00f6nheit des Sommertages in nichts nachsteht, auf sie zukommen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der andere l\u00e4chelt verstehend. Er kennt jetzt den Ausgang der Geschichte, zumindest glaubt er es. Er verabschiedet sich diskret, kaum da\u00df die Frau zu ihnen getreten ist, sie begr\u00fc\u00dft hat.<\/p>\n<p class=\"einzug\">W\u00e4hrend der Bewunderer und die Frau zur\u00fcckbleiben, ist er noch sichtlich bewegt von dieser sch\u00f6nen Liebesgeschichte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Beinahe l\u00e4uft er gegen eine Frau, die aus einer schmalen Seitenstra\u00dfe kommt. Er entschuldigt sich. Doch h\u00e4lt zugleich erstaunt inne. Denn diese Frau ist eine gro\u00dfe, ein wenig zum Molligen neigende Schwarzhaarige mit vollen, rot geschminkten Lippen, einem kurzen dunklen Kleid, nackten Beinen und hochhackigen Schuhen. Das sind aber auch die einzigen Gemeinsamkeiten zwischen dieser und der Frau des Bewunderers. Aber auch in ihr glaubt er, die Sch\u00f6ne aus dem Zug wiederzuerkennen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Es als Wink des Schicksals begreifend, fragt er sie, ob er sie auf den Schreck nicht zu einer Tasse Kaffee einladen d\u00fcrfe. Sie l\u00e4chelt, das L\u00e4cheln nimmt ihn gefangen, sie \u00fcberlegt kurz nach und willigt schlie\u00dflich ein, so sympathisch ist ihr schon l\u00e4nger kein Mann mehr erschienen, mit dem sie beinahe zusammengesto\u00dfen w\u00e4re. Jedoch nur auf eine Tasse, sie habe nicht allzu viel Zeit, schr\u00e4nkt sie ein. Allerdings sagt ihre Mimik das Gegenteil aus.<\/p>\n<p class=\"einzug\">W\u00e4hrend er neben der sch\u00f6nen Schwarzen die wenigen Schritte bis zu einem nahegelegenen Caf\u00e9 geht, sie \u00fcber Belangloses plaudern, kann er sich des Gef\u00fchls nicht erwehren, da\u00df die Geschichte des Bewunderers dennoch anders ausgegangen sein k\u00f6nnte als er geglaubt hat. Wer sagt ihm denn, da\u00df jene Sch\u00f6ne, die zu ihnen an den Tisch getreten ist, die der Bewunderer erwartete, die seine Gef\u00e4hrtin ist, mit der Sch\u00f6nen aus dem Zug identisch ist? Gewi\u00df, auf sie pa\u00dft die Beschreibung. Doch auf die Sch\u00f6ne neben ihm pa\u00dft die Beschreibung gleichfalls. Dennoch haben beide Frauen wenig \u00c4hnlichkeit miteinander.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wie dem auch sei, die Gelegenheit, die Wahrheit zu erfahren, ist verpa\u00dft. Selbst wenn er dem Bewunderer wiederbegegnen sollte, fragen konnte er ihn nicht mehr. Daf\u00fcr hat er sich zu \u00fcberzeugt gegeben zu wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist. Doch was w\u00e4re geschehen, wenn w\u00e4re er dageblieben? Wenn er die Geschichte zu Ende angeh\u00f6rt h\u00e4tte? Er w\u00fcrde zwar das Ende kennen, aber dann w\u00e4re er dieser Sch\u00f6nen nicht begegnet. Was er tief bedauern w\u00fcrde, selbst wenn es bei einem Kaffee bliebe. Nun, gleich wie es weiter gehen w\u00fcrde: Diese Begegnung wog das Unwissen um das Ende der Geschichte bei weitem auf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Beine der Frauen sind wie Zirkel, welche den Erdball in allen Himmelsrichtungen ausmessenund ihm sein Gleichgewicht und seine Harmonie geben aus \u00ab\u00a0L\u2019homme qui aimait les femmes\u00a0\u00bb von Fran\u00e7ois Truffaut \u00a0 W\u00fcrde er gefragt, wie er sich sehe, so w\u00fcrde er ohne sonderlich nachzudenken und mit einem gewissen Stolz, vorausgesetzt, der Betreffende habe sein Vertrauen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"footnotes":""},"categories":[52,37,32],"tags":[61,50,38,41],"class_list":["post-3370","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erotisches","category-kurze-geschichten","category-literarisches","tag-erotisches","tag-fetisch","tag-kurzgeschichten","tag-literatur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3370","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3370"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3370\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8467,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3370\/revisions\/8467"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3370"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3370"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3370"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}