{"id":3431,"date":"2017-01-05T17:02:06","date_gmt":"2017-01-05T16:02:06","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=3431"},"modified":"2017-06-25T22:19:19","modified_gmt":"2017-06-25T20:19:19","slug":"franz-werfel-eine-blassblaue-frauenschrift","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=3431","title":{"rendered":"Franz Werfel ?Eine bla?blaue Frauenschrift?"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<div><img decoding=\"async\"  class=\"buchtitel\" src=\"wp-content\/gallery\/logos\/werfel-eine-blassblaue-frauenschrift.jpg\" \/><\/div>\n<p>Leonidas hat vor kurzem seinen f?nfzigsten Geburtstag gefeiert. Noch immer befinden sich Gl?ckwunschbriefe unter der Post. Es ist einer jener Oktobertage, die noch mehr dem Sommer zugeh?rig scheinen, aber jederzeit in herbstlich st?rmisches Wetter umschlagen k?nnen. Seine Lebensbilanz scheint auf der Habenseite sehr ?ppig aufgefallen. Als Sohn eines armen Schullehrers, dem er in einem Anflug von Selbstbewu?tsein, den vermeintlich hochtrabenden Vornamen verdankt, und ?ber den er mittlerweile gar nicht mehr ungl?cklich ist, der sich w?hrend seiner Studienzeit eine Zeitlang aus Hauslehrer verdingen mu?te, ist ein angesehener Sektionschef im Ministerium f?r Kultur in Wien geworden, der zudem eine reiche Heirat get?tigt hat, mit Amelie, einer Frau, die in der Wiener Gesellschaft f?r ihre Sch?nheit ber?hmt und begehrt war und die heute noch alles unternimmt, um f?r ihren Mann die gertenschlanke Sch?nheit zu bleiben, das Zierliche zu behalten, f?r das ihr Mann sie begehrt. Auch an ihm scheinen die Jahre ?u?erlich beinahe spurlos vor?bergegangen zu sein.<!--more--><\/p>\n<p class=\"einzug\">Er ist ?berzeugt, da? er alles einer gl?cklichen F?gung und dem Selbstmord eines Kommilitonen und Zimmernachbarn, der ihm seinen Frack hinterlassen, verdankt. Einem Frack, der ihm tadellos gepa?t hat und aus ihn einen schmucken jungen Mann werden lie?, der in der ?Gesellschaft? auff?llt und sich bald allgemeiner Beliebtheit erfreute. Das entspringt seiner ?berzeugung, da? ?u?erlichkeiten und gute Umgangsformen f?r eine Karriere in der ?ffentlichen Verwaltung und der guten Gesellschaft entscheidender sind, als fachliche Qualifikation und ein gesunder Ehrgeiz, beides besitzt er jedoch in ausreichendem Ma?.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Unter den versp?teten Gl?ckwunschbriefen befindet sich einer, dessen Adresse mit bla?blauer Tinte geschrieben ist. Er erkennt sogleich die Handschrift und wird dadurch aus seinem selbstzufriedenen Idyll gerissen. Er f?rchtet Amelies Eifersucht und steckt den Brief wie beil?ufig in die Tasche.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wie ein Penn?ler zieht er sich auf die Toilette zur?ck, um den Brief, der seine Gedanken seit seinem Erhalt beherrscht, zu lesen. Bevor er jedoch den Mut aufbringt, diesen zu ?ffnen, wird in ihm die Erinnerung an eine ?hnliche Situation vor vielen Jahren lebendig. Es war w?hrend eines Sommerurlaubs in den Bergen. Er war erst wenige Jahre verheiratet. Den damaligen Brief hat er aus Angst vor dem Inhalt ungelesen zerrissen. Er verliert sich in Erinnerungen an Vera, der er das erste Mal als bettelarmer Student im Haus ihrer Eltern begegnet ist, wo er ihrem Bruder Nachhilfeunterricht erteilte. Damals war er zu sch?chtern, sich ihr zu n?hern, obwohl er sich von der F?nfzehnj?hrigen auf besondere Weise angezogen gef?hlt hatte. Einige Jahre sp?ter, bereits auf dem Weg zu einer vielversprechenden Karriere und mit einer reichen Frau verheiratet, begegnete er ihr im Rahmen eines beruflichen Aufenthalts in Heidelberg erneut. Da ihm der Aufenthalt in einem Luxushotel zu wider ist, mietet er sich in einer Studentenpension ein, in der Vera wiedertrifft, nun selbst Studentin. Er forciert eine Liebesaff?re zwischen Vera und ihm, die in diese nur zu gerne einwilligt. Er n?hrt bei ihr die Illusion, da? eine Ehe zwischen ihnen sein Bestreben ist. Als er abreist, l??t er sie in dem Glauben, er w?rde sich in B?lde bei ihr melden. Doch hat er das nie geplant gehabt. Diesmal ist das Interesse, den Brief zu lesen gr??er, als vor f?nfzehn Jahren w?hrend des Sommerurlaubs. Ganz gleich, was er sich vorgestellt hat, der Brief beginnt zu seiner Erleichterung mit der f?rmlichen Anrede ?<i>Sehr geehrter Herr Sektionschef<\/i>?. Ihn ?berrascht der distanzierte Ton, in dem Vera ihn darum bittet, sich f?r einen jungen Mann einzusetzen, damit dieser in Wien seine gymnasiale Ausbildung fortsetzen kann, die ihm in seinem Heimatland auf Grund seines j?dischen Glaubens verwehrt ist. Leonidas wei?, da? es mittlerweile auch in ?sterreich nicht leicht f?r die j?dische Bev?lkerung ist, da die Sympathisanten unter der politischen Kaste f?r den Deutschen Weg stetig gr??er wird.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nach der anf?nglichen Erleichterung, setzt sich in ihm die ?berzeugung fest, da? dieser junge Mann sein Sohn sein k?nnte. In der Folge wirft er in Gedanken sein bisheriges Leben um, in dem er mit Vera und seinem Sohn ein neues Leben beginnt, einschlie?lich mit dem Abschied vom Ministerium. Er verleugnet vor sich auch nicht die Konsequenzen, die eine Trennung und Scheidung von Amelie nach sich ziehen w?rden. Die Vorstellung von diesem neuen Leben beseelt ihn derart, da? er in einer Sitzung, w?hrend der mehrere Professorenstellen neu vergeben werden, statt eines mittelm??igen Mediziners, sich f?r einen international renommierten einsetzt, dessen wesentlicher Nachtteil sein j?discher Glaube ist. W?hrend dieser Auseinandersetzung l??t der Minister ihn sp?ren, da? er ihn als einzigen im Raum Ernst nimmt, keinen Ja-Sager in ihm sieht. ?<i>[?]?Wie w?r?s, Herr Sektionschef, wenn wir diesem Bloch das gro?e goldne Ehrenkreuz f?r Kunst und Wissenschaft verleihen lassen und den Titel eines Hofrates dazu ??<\/i><\/p>\n<p class=\"einzug\"><i>Dieser Vorschlag bewies, da? der Minister seinen Sektionschef nicht f?r einen b?rokratischen Handlanger hielt wie den braven Jaroslav Skutecky, sondern f?r eine einflu?reiche Pers?nlichkeit, hinter der sich undurchsichtige M?chte verbargen, die nicht verletzt werden durften.[?]<\/i>?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nach dieser Sitzung sucht Leonidas Vera in ihrem Hotel auf. Sie empf?ngt ihn in einem Gesellschaftszimmer des Hotels. Sie ist auf dem Weg nach Montevideo (Uruguay), wo sie eine Dozentenstelle antreten wird. Immer noch im Glauben befindlich, einen mit ihr zu haben, l??t er sich zu einer Lebensbeichte hinrei?en, obschon sie keine von ihrem h?ren will. Sie hat die Vergangenheit f?r sich abgeschlossen. Sie desillusioniert ihn. Der junge Mann ist nicht ihr vermeintlicher gemeinsamer Sohn, sondern der einer Freundin. Der Vater des jungen Mannes, ein renommierter Physiker, wurde von den Nazis totgepr?gelt, weil er den falschen Glauben besitzt. Die Mutter starb wenig sp?ter. Leonidas weigert sich das zu glauben, obschon es ihm im tiefen Inneren als wahrscheinlich erscheint. Auch Veras wirklicher Sohn, der in jenem Sommer an den Folgen einer Krankheit starb, als sie den ersten Brief geschrieben hat, ist nicht von ihm. ?<i>Es war ein kleiner Junge?, sagte Vera, ?zwei und ein halbes Jahr alt. Er hie? Joseph, nach meinem Vater. Leider habe ich jetzt von ihm gesprochen. Und ich hatte mir fest vorgenommen, nicht von ihm zu sprechen, nicht mit Ihnen! Denn Sie haben kein Recht ?<\/i>? Noch w?hrend Leonidas die Eindr?cke dieser Begegnung verarbeitet, verl??t sie den Raum. Die Teerosen, die er f?r sie mitbrachte, die ihm zudem wie ein Ersatz f?r die Rosen erschienen, die er seinerzeit als Student gekauft, aber nicht getraut hatte, sie ihr auch zu ?berreichen, hat sie in einer Vase stehen lassen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nachdem Veras Er?ffnungen verarbeitet hatte, findet Leonidas in sein wohlig eingerichtetes Leben zur?ck. Er lenkt bei der Frage der Vergabe der Professorenstellen ein. ?<i>[?] Bitte Herrn Minister gehorsamst um Entschuldigung f?r die gestrigen Diffizilit?ten. Ich hab mir die Anregungen des Herrn Ministers ruhig ?berschlafen. Herr Minister haben wieder einmal das Ei des Kolumbus entdeckt. Hier hab ich gleich den Ordensantrag f?r Professor Bloch und das Ernennungsdekret f?r Professor Lichtl mitgebracht. Wir m?ssen uns endlich auf unsre nationalen Pers?nlichkeiten besinnen und sie gegen die internationale Reklame durchsetzen. Herr Minister sind doch ?u?erst expeditiv und werden beim heutigen Kabinettsrat diese St?cke gewi? durch den Herrn Bundeskanzler unterfertigen lassen. [?]?<\/i><\/p>\n<p class=\"einzug\">W?hrend eines Opernbesuchs wird er sich bewu?t, ?<i>[?] da? heute ein Angebot zur Rettung an ihn ergangen ist, dunkel, halblaut, unbestimmt, wie alle Angebote dieser Art. Er wei?, da? er daran gescheitert ist. Er wei?, da? ein neues Angebot nicht wieder erfolgen wird.<\/i>?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der vollst?ndige Text der Novelle steht online bei <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/eine-blassblaue-frauenschrift-8766\/1\" target=\"_blank\">Projekt Gutenberg-DE<\/a>.<\/p>\n<p>Wer es lieber in gedruckter Form mag: <a rel=\"nofollow\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/345836126X\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=345836126X&#038;linkCode=as2&#038;tag=fotokunstblog-21\" target=\"_blank\">Bei Amazon<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=fotokunstblog-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=345836126X\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leonidas hat vor kurzem seinen f?nfzigsten Geburtstag gefeiert. Noch immer befinden sich Gl?ckwunschbriefe unter der Post. 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