{"id":3431,"date":"2017-01-05T17:02:06","date_gmt":"2017-01-05T16:02:06","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=3431"},"modified":"2026-04-09T14:15:59","modified_gmt":"2026-04-09T12:15:59","slug":"franz-werfel-eine-blassblaue-frauenschrift","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=3431","title":{"rendered":"Franz Werfel \u00bbEine bla\u00dfblaue Frauenschrift\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<div><img decoding=\"async\"  class=\"buchtitel\" src=\"wp-content\/gallery\/logos\/werfel-eine-blassblaue-frauenschrift.jpg\" \/><\/div>\n<p>Leonidas hat vor kurzem seinen f\u00fcnfzigsten Geburtstag gefeiert. Noch immer befinden sich Gl\u00fcckwunschbriefe unter der Post. Es ist einer jener Oktobertage, die noch mehr dem Sommer zugeh\u00f6rig scheinen, aber jederzeit in herbstlich st\u00fcrmisches Wetter umschlagen k\u00f6nnen. Seine Lebensbilanz scheint auf der Habenseite sehr \u00fcppig aufgefallen. Als Sohn eines armen Schullehrers, dem er in einem Anflug von Selbstbewu\u00dftsein, den vermeintlich hochtrabenden Vornamen verdankt, und \u00fcber den er mittlerweile gar nicht mehr ungl\u00fccklich ist, der sich w\u00e4hrend seiner Studienzeit eine Zeitlang aus Hauslehrer verdingen mu\u00dfte, ist ein angesehener Sektionschef im Ministerium f\u00fcr Kultur in Wien geworden, der zudem eine reiche Heirat get\u00e4tigt hat, mit Amelie, einer Frau, die in der Wiener Gesellschaft f\u00fcr ihre Sch\u00f6nheit ber\u00fchmt und begehrt war und die heute noch alles unternimmt, um f\u00fcr ihren Mann die gertenschlanke Sch\u00f6nheit zu bleiben, das Zierliche zu behalten, f\u00fcr das ihr Mann sie begehrt. Auch an ihm scheinen die Jahre \u00e4u\u00dferlich beinahe spurlos vor\u00fcbergegangen zu sein.<!--more--><\/p>\n<p class=\"einzug\">Er ist \u00fcberzeugt, da\u00df er alles einer gl\u00fccklichen F\u00fcgung und dem Selbstmord eines Kommilitonen und Zimmernachbarn, der ihm seinen Frack hinterlassen, verdankt. Einem Frack, der ihm tadellos gepa\u00dft hat und aus ihm einen schmucken jungen Mann werden lie\u00df, der in der \u201aGesellschaft\u2018 auff\u00e4llt und sich bald allgemeiner Beliebtheit erfreute. Das entspringt seiner \u00dcberzeugung, da\u00df \u00c4u\u00dferlichkeiten und gute Umgangsformen f\u00fcr eine Karriere in der \u00f6ffentlichen Verwaltung und der guten Gesellschaft entscheidender sind, als fachliche Qualifikation und ein gesunder Ehrgeiz, beides besitzt er jedoch in ausreichendem Ma\u00df.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Unter den versp\u00e4teten Gl\u00fcckwunschbriefen befindet sich einer, dessen Adresse mit bla\u00dfblauer Tinte geschrieben ist. Er erkennt sogleich die Handschrift und wird dadurch aus seinem selbstzufriedenen Idyll gerissen. Er f\u00fcrchtet Amelies Eifersucht und steckt den Brief wie beil\u00e4ufig in die Tasche.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wie ein Penn\u00e4ler zieht er sich auf die Toilette zur\u00fcck, um den Brief, der seine Gedanken seit seinem Erhalt beherrscht, zu lesen. Bevor er jedoch den Mut aufbringt, diesen zu \u00f6ffnen, wird in ihm die Erinnerung an eine \u00e4hnliche Situation vor vielen Jahren lebendig. Es war w\u00e4hrend eines Sommerurlaubs in den Bergen. Er war erst wenige Jahre verheiratet. Den damaligen Brief hat er aus Angst vor dem Inhalt ungelesen zerrissen. Er verliert sich in Erinnerungen an Vera, der er das erste Mal als bettelarmer Student im Haus ihrer Eltern begegnet ist, wo er ihrem Bruder Nachhilfeunterricht erteilte. Damals war er zu sch\u00fcchtern, sich ihr zu n\u00e4hern, obwohl er sich von der F\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen auf besondere Weise angezogen gef\u00fchlt hatte. Einige Jahre sp\u00e4ter, bereits auf dem Weg zu einer vielversprechenden Karriere und mit einer reichen Frau verheiratet, begegnete er ihr im Rahmen eines beruflichen Aufenthalts in Heidelberg erneut. Da ihm der Aufenthalt in einem Luxushotel zu wider ist, mietet er sich in einer Studentenpension ein, in der Vera wiedertrifft, nun selbst Studentin. Er forciert eine Liebesaff\u00e4re zwischen Vera und ihm, die in diese nur zu gerne einwilligt. Er n\u00e4hrt bei ihr die Illusion, da\u00df eine Ehe zwischen ihnen sein Bestreben ist. Als er abreist, l\u00e4\u00dft er sie in dem Glauben, er w\u00fcrde sich in B\u00e4lde bei ihr melden. Doch hat er das nie geplant gehabt. Diesmal ist das Interesse, den Brief zu lesen gr\u00f6\u00dfer, als vor f\u00fcnfzehn Jahren w\u00e4hrend des Sommerurlaubs. Ganz gleich, was er sich vorgestellt hat, der Brief beginnt zu seiner Erleichterung mit der f\u00f6rmlichen Anrede \u201e<i>Sehr geehrte Herr Sektionschef<\/i>\u00ab. Ihn \u00fcberrascht der distanzierte Ton, in dem Vera ihn darum bittet, sich f\u00fcr einen jungen Mann einzusetzen, damit dieser in Wien seine gymnasiale Ausbildung fortsetzen kann, die ihm in seinem Heimatland auf Grund seines j\u00fcdischen Glaubens verwehrt ist. Leonidas wei\u00df, da\u00df es mittlerweile auch in \u00d6sterreich nicht leicht f\u00fcr die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung ist, da die Sympathisanten unter der politischen Kaste f\u00fcr den Deutschen Weg stetig gr\u00f6\u00dfer wird.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nach der anf\u00e4nglichen Erleichterung, setzt sich in ihm die \u00dcberzeugung fest, da\u00df dieser junge Mann sein Sohn sein k\u00f6nnte. In der Folge wirft er in Gedanken sein bisheriges Leben um, in dem er mit Vera und seinem Sohn ein neues Leben beginnt, einschlie\u00dflich mit dem Abschied vom Ministerium. Er verleugnet vor sich auch nicht die Konsequenzen, die eine Trennung und Scheidung von Amelie nach sich ziehen w\u00fcrden. Die Vorstellung von diesem neuen Leben beseelt ihn derart, da\u00df er in einer Sitzung, w\u00e4hrend der mehrere Professorenstellen neu vergeben werden, statt eines mittelm\u00e4\u00dfigen Mediziners, sich f\u00fcr einen international renommierten einsetzt, dessen wesentlicher Nachtteil sein j\u00fcdischer Glaube ist. W\u00e4hrend dieser Auseinandersetzung l\u00e4\u00dft der Minister ihn sp\u00fcren, da\u00df er ihn als einzigen im Raum Ernst nimmt, keinen Ja-Sager in ihm sieht. \u00bb<i>[\u2026]Wie w\u00e4r\u2019s, Herr Sektionschef, wenn wir diesem Bloch das gro\u00dfe goldne Ehrenkreuz f\u00fcr Kunst und Wissenschaft verleihen lassen und den Titel eines Hofrates dazu \u2026\u00ab<\/i><\/p>\n<p class=\"einzug\"><i>Dieser Vorschlag bewies, da\u00df der Minister seinen Sektionschef nicht f\u00fcr einen b\u00fcrokratischen Handlanger hielt wie den braven Jaroslav Skutecky, sondern f\u00fcr eine einflu\u00dfreiche Pers\u00f6nlichkeit, hinter der sich undurchsichtige M\u00e4chte verbargen, die nicht verletzt werden durften.[\u2026]<\/i>\u00ab<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nach dieser Sitzung sucht Leonidas Vera in ihrem Hotel auf. Sie empf\u00e4ngt ihn in einem Gesellschaftszimmer des Hotels. Sie ist auf dem Weg nach Montevideo (Uruguay), wo sie eine Dozentenstelle antreten wird. Immer noch im Glauben befindlich, einen mit ihr zu haben, l\u00e4\u00dft er sich zu einer Lebensbeichte hinrei\u00dfen, obschon sie keine von ihrem h\u00f6ren will. Sie hat die Vergangenheit f\u00fcr sich abgeschlossen. Sie desillusioniert ihn. Der junge Mann ist nicht ihr vermeintlicher gemeinsamer Sohn, sondern der einer Freundin. Der Vater des jungen Mannes, ein renommierter Physiker, wurde von den Nazis totgepr\u00fcgelt, weil er den falschen Glauben besitzt. Die Mutter starb wenig sp\u00e4ter. Leonidas weigert sich das zu glauben, obschon es ihm im tiefen Inneren als wahrscheinlich erscheint. Auch Veras wirklicher Sohn, der in jenem Sommer an den Folgen einer Krankheit starb, als sie den ersten Brief geschrieben hat, ist nicht von ihm. \u00bb<i>Es war ein kleiner Junge\u00ab, sagte Vera, zwei und ein halbes Jahr alt. Er hie\u00df Joseph, nach meinem Vater. Leider habe ich jetzt von ihm gesprochen. Und ich hatte mir fest vorgenommen, nicht von ihm zu sprechen, nicht mit Ihnen! Denn Sie haben kein Recht \u2026<\/i>\u00ab Noch w\u00e4hrend Leonidas die Eindr\u00fccke dieser Begegnung verarbeitet, verl\u00e4\u00dft sie den Raum. Die Teerosen, die er f\u00fcr sie mitbrachte, die ihm zudem wie ein Ersatz f\u00fcr die Rosen erschienen, die er seinerzeit als Student gekauft, aber nicht getraut hatte, sie ihr auch zu \u00fcberreichen, hat sie in einer Vase stehen lassen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nachdem Veras Er\u00f6ffnungen verarbeitet hatte, findet Leonidas in sein wohlig eingerichtetes Leben zur\u00fcck. Er lenkt bei der Frage der Vergabe der Professorenstellen ein. \u00bb<i>[\u2026] Bitte Herrn Minister gehorsamst um Entschuldigung f\u00fcr die gestrigen Diffizilit\u00e4ten. Ich hab mir die Anregungen des Herrn Ministers ruhig \u00fcberschlafen. Herr Minister haben wieder einmal das Ei des Kolumbus entdeckt. Hier hab ich gleich den Ordensantrag f\u00fcr Professor Bloch und das Ernennungsdekret f\u00fcr Professor Lichtl mitgebracht. Wir m\u00fcssen uns endlich auf unsre nationalen Pers\u00f6nlichkeiten besinnen und sie gegen die internationale Reklame durchsetzen. Herr Minister sind doch \u00e4u\u00dferst expeditiv und werden beim heutigen Kabinettsrat diese St\u00fccke gewi\u00df durch den Herrn Bundeskanzler unterfertigen lassen. [\u2026]\u00ab<\/i><\/p>\n<p class=\"einzug\">W\u00e4hrend eines Opernbesuchs wird er sich bewu\u00dft, \u00bb<i>[\u2026] da\u00df heute ein Angebot zur Rettung an ihn ergangen ist, dunkel, halblaut, unbestimmt, wie alle Angebote dieser Art. Er wei\u00df, da\u00df er daran gescheitert ist. Er wei\u00df, da\u00df ein neues Angebot nicht wieder erfolgen wird.<\/i>\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leonidas hat vor kurzem seinen f\u00fcnfzigsten Geburtstag gefeiert. Noch immer befinden sich Gl\u00fcckwunschbriefe unter der Post. 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