{"id":3466,"date":"2017-01-14T18:07:29","date_gmt":"2017-01-14T17:07:29","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=3466"},"modified":"2026-04-11T20:39:42","modified_gmt":"2026-04-11T18:39:42","slug":"kurzes-81-die-neue-zimmerwirtin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=3466","title":{"rendered":"Kurzes #81 \u00b7 Die neue Zimmerwirtin"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/titel\/20140407_104_800_2.jpg\"\/><\/p>\n<p>Das Zimmer war ger\u00e4umig, die M\u00f6bel un\u00fcbersehbar neu. Das breite Bett, dessen Matratze sogar noch neu zu riechen schien, der Kleiderschrank wie auch das hohe schmale Regal, bislang ohne Inhalt, wollten erst noch in Besitz genommen werden. Nur der Schreibtisch und die beiden, um einen niedrigen Tisch mit einer farbenfrohen flachen Keramikschale darauf, aufgestellten bequemen Sessel waren eindeutig \u00e4lteren Datums, jedoch sehr gut gepflegt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbEs ist hier den ganzen Tag \u00fcber sehr ruhig\u00ab, war ihr Bem\u00fchen offensichtlich, da\u00df er das Zimmer nahm.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Sie stand mit vor dem Scho\u00df gefalteten H\u00e4nden im T\u00fcrrahmen und beobachtete ihn erwartungsvoll, w\u00e4hrend er sich umschaute.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die Art wie er das Zimmer durchma\u00df, verunsicherte sie leicht. Es gelang ihr nicht, die Bef\u00fcrchtung zu unterdr\u00fccken, da\u00df es ihm nicht gefallen k\u00f6nnte.<!--more--> Er war zwar nicht der erste Interessent, aber der erste, der <i>ihr<\/i> zusagte. Da sie nicht gezwungen war zu vermieten, konnte sie w\u00e4hlen. Selbst wenn es anders w\u00e4re, w\u00fcrde sie zwei Bewerbern auf jeden Fall abgesagt haben. Der eine war ein \u00e4lterer Herr. Nicht da\u00df sie grunds\u00e4tzlich Vorbehalte gegen\u00fcber \u00e4lteren Herren besa\u00df. Jener h\u00e4tte gut als Inbegriff des kultivierten und ruhigen Vertreter seiner Gattung herhalten k\u00f6nnen. W\u00e4re es ihr lediglich ums Geld gegangen, k\u00f6nnte sie sich keinen besseren Mieter vorstellen. Der andere Bewerber war eine Frau, die von ihrer Firma f\u00fcr einige Monate in diese Stadt versetzt worden war und lediglich eine Schlafgelegenheit f\u00fcr unter der Woche ben\u00f6tigte, da sie am Wochenende nach Hause fuhr. An \u00e4ltere Herren und Frauen wollte sie jedoch prinzipiell nicht vermieten. Dar\u00fcber hinaus hatten noch zwei Studenten auf die Annonce reagiert, bei denen sie f\u00fcr kurze Zeit Zweifel hegte, ob sie nicht doch einen von ihnen nehmen sollte. Letztendlich hatte sie sich dagegen entschieden; sie waren ihr einfach zu jung. Ihn dagegen sah sie bereits beim Vorgespr\u00e4ch am Telephon als aussichtsreichsten Kandidaten. Als er dann vor ihrer T\u00fcr stand, sagte ihr die Intuition, da\u00df er m\u00f6glicherweise der Richtige sei.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbVom Fenster aus haben Sie einen guten Blick in den Garten\u00ab, fuhr sie mit ihrer Anpreisung fort, eifriger als es wohl beabsichtigt war. \u00bbEr war der Stolz meines verstorbenen Mannes\u00ab, hier schneuzte sie sich leicht, aber es wirkte k\u00fcnstlich. Ihm schien, als sei sie \u00fcberzeugt, da\u00df dies von ihr erwartet w\u00fcrde. \u00bbUrspr\u00fcnglich wollte mein Mann hier ein Arbeitszimmer einrichten, doch er kam nicht mehr dazu. Einzig den Schreibtisch konnte er noch anschaffen. Ich habe alles gut gepflegt.\u00ab<\/p>\n<p class=\"einzug\">F\u00fcr einen Moment erwog Gero, das Zimmer nicht zu nehmen, obwohl es ihm zusagte, auch war der Preis zu dem sie es vermieten wollte &ndash; einhundertf\u00fcnfzig Euro im Monat &ndash; f\u00fcr die relativ nahe Lage zum Zentrum bemerkenswert g\u00fcnstig, weshalb er mit einer gewissen Skepsis zum Besichtigungstermin gefahren war, die sich angenehmerweise nicht bewahrheitet hatte. Trotzdem versp\u00fcrte er nur wenig Lust, in einer Art Mausoleum zu leben, wo alles und jedes an den verstorbenen Vorbesitzer erinnerte und nichts ver\u00e4ndert werden durfte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbIch vermiete es letztlich nur, weil ich in dem gro\u00dfen Haus nicht allein sein m\u00f6chte\u00ab, hatte sie Gero bereits am Telephon erkl\u00e4rt, so da\u00df ihr sp\u00e4ter nicht der Vorwurf gemacht werden konnte, sie habe andere Gr\u00fcnde vorgeschoben, und hatte schnell hinzugef\u00fcgt &ndash; war es doch f\u00fcr sie mit der ausschlaggebende Punkt bei ihm: \u00bbAn einen Kulturjournalisten sogar gerne.\u00ab<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er hatte sich ihr als Journalist f\u00fcr kulturelle Themen vorgestellt, was nur die halbe Wahrheit war. Er schrieb zwar hin und wieder Artikel, Kritiken und Essays \u00fcber Literatur und gelegentlich auch \u00fcber Kunst, aber nur um sich einigerma\u00dfen \u00fcber Wasser halten zu k\u00f6nnen. Eigentlich war er Schriftsteller, doch bisher \u00fcber die Ver\u00f6ffentlichung mehrerer Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und einen Band mit Erz\u00e4hlungen, der in einem kleinen r\u00fchrigen Verlag erschienen war, nicht hinausgekommen. Leider verkaufte sich der Band mehr schlecht als recht, obwohl ihm von verschiedener Seite au\u00dfergew\u00f6hnliche Begabung bescheinigt wurde, und die Kritik sich seiner wohl wollend angenommen hatte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbWir haben unser Haus einfach zu gro\u00dfz\u00fcgig geplant\u00ab, fuhr sie fort, w\u00e4hrend er durch das Fenster einen Blick hinunter in den gro\u00dfen gepflegten Garten warf. \u00bbAber mein Mann meinte, da\u00df es seiner Stellung angemessen sei.\u00ab<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er konnte sich nicht helfen, sie klang wie eine \u00e4ltliche Frau, die nach mindestens vierzig Jahren Ehe &ndash; einschlie\u00dflich l\u00e4ngst erwachsenen Kindern, die schon lange aus dem Haus waren, vermutlich gab es bereits Enkelkinder &ndash; pl\u00f6tzlich von einem Tag auf den anderen in die Witwenschaft gesto\u00dfen worden war, und nun versuchte, sich mit der Einsamkeit zu arrangieren, was ihr mehr schlecht als recht gelingen wollte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbIm Prinzip gef\u00e4llt mir ein gro\u00dfer Garten\u00ab, fuhr sie wie beil\u00e4ufig plaudernd fort, um jeden Eindruck zu vermeiden, sie wolle ihm das Zimmer aufdr\u00e4ngen. Sie hoffte, da\u00df er, je l\u00e4nger diese Besichtigung dauerte, sich leichter entschlie\u00dfen w\u00fcrde das Zimmer zu nehmen. \u00bbMeine Gro\u00dfeltern besa\u00dfen einen vergleichbar gro\u00dfen Garten.\u00ab<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er h\u00f6rte ihr lediglich mit halbem Ohr zu. Er w\u00fcrde das Zimmer doch nehmen. Allein auf Grund der Miete konnte er nicht ablehnen, aber noch mehr, weil er nicht l\u00e4nger in Wolfs Atelier wohnen wollte und konnte. Wolf war ohne Zweifel ein lieber Kerl und prima Kumpel, was auch niemand, der ihn n\u00e4her kannte jemals ernsthaft bestritten h\u00e4tte, doch lebte er in seiner eigenen Welt. Daneben begann Gero der Geruch von \u00d6lfarbe und Zitrusterpentin, der bei Wolf alles zu beherrschen schien, l\u00e4stig zu werden. F\u00fcr sich genommen beileibe kein unangenehmer Geruch, doch durchdrang er bei Wolf wirklich alles. Selbst soeben mitgebrachtes frisches Gem\u00fcse schien bereits danach zu schmecken. Zudem mu\u00dfte man immer aufpassen, da\u00df man sich nicht auf einen der vielen mit \u00d6l- und Acrylfarbe getr\u00e4nkten Lappen setzte, die Wolf \u00fcberall achtlos verteilte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbIch nehme es\u00ab, sagte Gero laut und wandte sich ihr wieder zu.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbWenn Sie wollen, k\u00f6nnen Sie sofort einziehen\u00ab, war sie sichtlich erleichtert \u00fcber seine Entscheidung.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbEs w\u00e4re mir tats\u00e4chlich ganz recht\u00ab, sagte er von einem lautlosen inneren Seufzer begleitet.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Es gelang ihm nicht, die Bef\u00fcrchtung zu unterdr\u00fccken, da\u00df sie ihn \u203abemuttern\u2039 k\u00f6nnte., wenngleich sie nur wenige Jahre \u00e4lter als er sein konnte. Sie schien der Typ daf\u00fcr zu sein, zumindest weckte ihr bisheriges Auftreten diesen Gedanken bei ihm, obwohl sie nur wenig M\u00fctterliches an sich hatte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Sie hatte nach ihrem Telephonat den Eindruck einer \u00e4ltlichen Witwe irgendwo in den Sechzigern bei ihm hinterlassen. Einzig ihre relativ junge Stimme, deren Tonfall Unsicherheit verriet, hatte ihn irritiert. Sie sei seit zwei Jahren Witwe. Ihr Mann, ein hoher Beamter bei der Stadtverwaltung, war nur wenige Jahre vor dem wohl verdienten Ruhestand \u00fcberraschend einem Herzinfarkt erlegen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Darum war Gero umso \u00fcberraschter, als ihm eine etwas mehr als mittelgro\u00dfe, ausnehmend attraktive, f\u00fcr seinen Geschmack allerdings ein wenig zu \u00fcppige Vierzigerin mit einem derart m\u00fctterlichen Busen, da\u00df sie ihm Stehen ihre F\u00fc\u00dfe nicht sah, in unaufdringlicher Eleganz gekleidet, \u00f6ffnete, das dichte schwarze Haar schulterlang und gut frisiert. Ihr Make-up war trotz der verwendeten dezenten Erdfarben un\u00fcbersehbar auf Wirkung bedacht, doch in keiner Weise aufdringlich. Es betonte ihre dunklen Augen und ihre vollen, fast schon ein wenig zu vollen Lippen. Alles in allem ein h\u00fcbsches, sympathisches rundes Gesicht, in dem die Proportionen aufs beste miteinander harmonierten. Im ersten Moment hatte er sie f\u00fcr die Tochter gehalten. Auch jetzt fiel es ihm noch schwer, ihre Erscheinung mit dem Bild in Einklang zu bringen, das er sich w\u00e4hrend des Telephonats von ihr gemacht hatte. Was verhinderte, da\u00df er ihre durchaus nicht schwache erotische Ausstrahlung bewu\u00dft wahrnahm. Er f\u00fchlte sich unbewu\u00dft zu ihr hingezogen &ndash; der wahre Grund weshalb der das Zimmer nahm. Sie z\u00e4hlte zu den Menschen, die vom ersten Moment etwas Liebeswertes ausstrahlen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Zuerst war es ihm nicht aufgefallen, aber ihr Parfum war trotz der fruchtigen Note ein wenig schwer; es beherrschte schnell den Raum, was aber nicht unangenehm war.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er zahlte die erste Monatsmiete sofort. Sie setzte sich an den Schreibtisch, wobei sie die Beine mit der l\u00e4ssigen Eleganz einer Frau \u00fcbereinanderschlug, die um deren Sch\u00f6nheit und Wirkung wei\u00df. Der seitliche Schlitz des Rocks \u00f6ffnete sich dabei soweit, da\u00df ein Teil des Strumpfsaums sichtbar wurde. Dadurch zog sie unwillk\u00fcrlich seinen Blick auf sich. Er nahm sie zum ersten Mal bewu\u00dft als Frau und nicht nur als seine neue Zimmerwirtin wahr. F\u00fcr den Moment durchfuhr ihn ein angenehmes Gef\u00fchl. Es waren sch\u00f6ne, muskul\u00f6se Schenkel mit einer fast makellosen Haut, auf denen sein Blick ruhte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Sie schien den bewundernden Blick, den er auf ihren Beinen, ihren schmalen Fesseln ruhen lie\u00df, nicht zu bemerken. Sie stellte ihm eine Quittung in einer steilen, ein wenig fahrig wirkenden Handschrift aus und reichte sie ihm mit einem leicht zaghaften freundlichen L\u00e4cheln. Sie wollte ihre Zufriedenheit nicht zu offen zeigen, aus Furcht, er k\u00f6nnte es sich im letzten Moment doch anders \u00fcberlegen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er nahm die Quittung entgegen und fragte sich, warum ihm nicht gleich aufgefallen war, da\u00df sie sch\u00f6ne gepflegte H\u00e4nde mit schlanken Fingern hatte, deren etwa mehr als halblange N\u00e4gel sie in einem hellen warmen Erdton lackiert hatte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er steckte die Quittung achtlos in die Jackentasche. Sie stand mit einer flie\u00dfenden Bewegung auf und \u00fcbergab ihm die Schl\u00fcssel. Nun war der Handel abgeschlossen. Mit einem sichtlich erleichterten L\u00e4cheln geleitete sie ihn zur T\u00fcr.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Obwohl er sich immer noch nicht dar\u00fcber im klaren war, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, war er froh, bereits diese Nacht wieder in einem richtigen Bett schlafen zu k\u00f6nnen und nicht mehr mit Wolfs zwar breiter doch reichlich unbequemer Schlafcouch vorliebnehmen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wolf tat zwar so, als bedauere er, ihn als Mitbewohner zu verlieren, doch seine Mimik sprach allzu offen ihre eigene Sprache. Der in seinen Augen vorhandene Ordnungsfimmel des Freundes war ihm bereits l\u00e4stig geworden. Gero nahm es Wolf nicht \u00fcbel. Er empfand \u00e4hnlich. Wolf fuhr Geros Sachen; die W\u00e4sche, die vier Kisten mit B\u00fcchern, das nicht mehr allzu neue Notebook und dem dazugeh\u00f6rigen Drucker nebst diverser Utensilien mit seinem altersschwachen Kombi zu Geros neuem Domizil.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Geros neue Zimmerwirtin hielt sich w\u00e4hrend des Einzugs erfreulicherweise im Hintergrund und Wolf verschwand, kaum da\u00df sie die Sachen in Geros Zimmer geschafft hatten, nicht ohne ihm vertraulich und mit einer leichten Anz\u00fcglichkeit zuzwinkern. \u00bbEine h\u00fcbsche Wirtin hast du dir da ausgesucht.\u00ab Ordentliches Einr\u00e4umen war nicht Wolfs Ding, er vertrat den Grundsatz; wo etwas lag konnte es liegen bleiben, man fand es sp\u00e4ter umso leichter wieder. Gero war zwar auch kein Freund \u00fcbertriebener Ordnung, doch bestimmte Dinge wu\u00dfte er gerne an ihrem Platz. Suchen war ihm l\u00e4stig.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Das Bett zwar zwischenzeitlich bezogen worden. Die unaufdringlich gemusterte Bettw\u00e4sche, nicht unangenehm zum Ansehen, roch frisch, war mit Sicherheit im Garten getrocknet und schien neu zu sein. Wolf dagegen \u203averga\u00df\u2039 bisweilen frische W\u00e4sche aufzuziehen, auch etwas, was ihn an dem Freund st\u00f6rte. W\u00e4hrend seiner Zeit bei Wolf hatte Gero daf\u00fcr gesorgt, da\u00df stets saubere Bettw\u00e4sche zur Verf\u00fcgung stand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Zimmer war ger\u00e4umig, die M\u00f6bel un\u00fcbersehbar neu. Das breite Bett, dessen Matratze sogar noch neu zu riechen schien, der Kleiderschrank wie auch das hohe schmale Regal, bislang ohne Inhalt, wollten erst noch in Besitz genommen werden. 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