{"id":4767,"date":"2017-04-08T16:37:59","date_gmt":"2017-04-08T14:37:59","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=4767"},"modified":"2026-04-12T12:51:38","modified_gmt":"2026-04-12T10:51:38","slug":"kurzes-96-die-schoene-kuenstlerin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=4767","title":{"rendered":"Kurzes #96 \u00b7 Die \u203aSch\u00f6ne K\u00fcnstlerin\u2039"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/titel\/20160831_283_800_2.jpg\"\/><\/p>\n<p><em>Die Fortsetzung von:<\/em> <a href=\"?p=4758\">Der Einzug<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dank Saskias tatkr\u00e4ftiger Hilfe ging das Auspacken und Einr\u00e4umen z\u00fcgiger vonstatten, als er vermutet hatte. Innerhalb weniger Tage schien es ihm, als wohne er bereits einige Jahre in diesem Haus, wozu die l\u00e4ndliche Ruhe ihr \u00fcbriges beitrug. Nachdem er das Konzept seiner Erz\u00e4hlung \u00fcberarbeitet und verschiedenes gestrichen hatte \u2013 nicht wenig davon beruhte auf Saskias durchaus berechtigten Einw\u00e4nden \u2013, machte er sich an den ersten Entwurf.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Das Arbeitszimmer hatte er im Eckzimmer im Obergescho\u00df eingerichtet.<!--more--> In unmittelbarer N\u00e4he des Fensters stand eine alte riesige Buche mit weit ausladendem Ge\u00e4st und \u00fcppigem Laub, die an warmen Sommertagen k\u00fchlenden Schatten auf das Haus warf. Den Schreibtisch hatte er fast vors Fenster gestellt, damit er ohne aufzustehen nach drau\u00dfen sehen konnte und gerade soviel Platz gelassen, da\u00df man halbwegs bequem ans Fenster treten konnte. Der Anblick des \u00fcppigen Gartens, in dem sich jede Phase des erwachenden Fr\u00fchlings mit allen Sinnen sp\u00fcren lie\u00df, lie\u00df seine Arbeit wie von selbst anlaufen. Er hatte stets eines der beiden Fenster ge\u00f6ffnet, au\u00dfer es regnete, da es dann je nach Windrichtung mal mehr mal weniger hineinregnete.<\/p>\n<p class=\"einzug\">In den Pausen, wenn er eine Szene in Gedanken auf ihren Gehalt pr\u00fcfte, wandte sich sein Blick der gegen\u00fcberliegenden Villa zu, die auf ihn eine eigenartige Faszination aus\u00fcbte. Dabei hatte sich seit seinem Einzug dort nichts ereignet, was dies irgendwie gerechtfertigt h\u00e4tte. Es hatte sich niemand im Garten gezeigt, die Fensterl\u00e4den waren ausnahmslos geschlossen. Fast schien es, als st\u00fcnde das Haus leer. Das war jedoch nicht der Fall. Der Makler hatte nebenbei bemerkt, da\u00df seine unmittelbaren Nachbarn ruhig seien. So wie er das Wort \u203aNachbarn\u2039 gebraucht hatte, konnte es sich ebenso gut um eine einzelne Person wie um eine Gro\u00dffamilie mit Gefolgschaft handeln. Er hatte aus einem unerfindlichen Grund nicht nachgehakt, obwohl er gerne wu\u00dfte, neben wem er ein Haus erwarb.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er ertappte sich dabei, wie er beim Hin\u00fcbersehen bisweilen den Gedanken verga\u00df, den er eigentlich weiterverfolgen wollte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der andere Garten, das Grundst\u00fcck war um rund ein Drittel gr\u00f6\u00dfer, wurde durch eine niedrige, schadhafte alte Ziegelmauer von seinem Grundst\u00fcck getrennt. Teile des Mauerwerks waren herausgebrochen und der grobe, nachl\u00e4ssig aufgebrachte Putz war an vielen Stellen gro\u00dffl\u00e4chig abgebr\u00f6ckelt. Anscheinend war niemand, weder der Besitzer der Villa noch der Vorbesitzer seines Hauses, je auf die Idee gekommen, diese wenigstens notd\u00fcrftig instandzusetzen. Man schien es lieber der Natur zu \u00fcberlassen, eine neue, nat\u00fcrliche Einfriedung zu schaffen. Auf beiden Seiten wuchsen dichte, leicht verwilderte Str\u00e4ucher davor und l\u00e4ngst hatte Efeu die meisten der verbleibenden freien Stellen erobert. Das nicht allzu hohe Gras lie\u00df die Vermutung zu, da\u00df der oder die Bewohner erst kurz vor seinem Einzug verreist waren. Links neben der gro\u00dfen Terrasse lag ein gro\u00dfes gepflegtes Beet, in dem sauber geschnittene niedrige Zierstr\u00e4ucher wuchsen, die bereits kr\u00e4ftig ausschlugen. Eine Buche, in Alter und Gr\u00f6\u00dfe \u00e4hnlich der vor seinem Fenster stehenden, beschattete die Terrasse w\u00e4hrend der hei\u00dfen Stunden des Tages. Vom Tor aus verlief ein breiter sauberer Kiesweg zum seitlich liegenden Eingang, zu dem drei breite, nicht sehr hohe Stufen hinauff\u00fchrten. Beiden Grundst\u00fccken war gemein, da\u00df die gro\u00dfe hintere Rasenfl\u00e4che zu \u00fcber zwei Dritteln von gro\u00dfen B\u00e4umen beschattet wurde. Zu der Zeit, als die H\u00e4user erbaut worden waren, hielt man noch nicht viel davon, die eigene Haut lange ungesch\u00fctzt der Sonne auszusetzen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Was mochte sich wohl hinter den gro\u00dfen Fenstern im Obergescho\u00df, die bis zum Boden reichen mu\u00dften, verbergen? Die geschwungenen Gitter davor waren eindeutig mehr als nur architektonische Zierde. Selbstverst\u00e4ndlich kam er bei seinen Betrachtungen zu keinem Ergebnis. Er w\u00fcrde sich gedulden m\u00fcssen, bis der oder die Bewohner wieder zur\u00fcckgekehrt waren.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Zwei Wochen wohnte er jetzt hier. Die Schilderung des Einzugs seines jungen Protagonisten in dessen Wohnung hatte er fast abgeschlossen. Was nicht einfach gewesen war, denn er wollte den Leser einerseits in die besondere Stimmung der Erz\u00e4hlung einf\u00fchren, ihm andererseits noch nicht zu viel verraten, um nicht den Eindruck zu erwecken, es handle sich eindeutig um einen Tagtraum. Doch war er \u00fcberzeugt, da\u00df ihm diese Gratwanderung gegl\u00fcckt war.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Es war relativ fr\u00fch am Morgen. Er lag noch im Bett. Sein Schlafzimmer ging nach vorne hinaus. Er schlief nicht mehr. Er hatte sich angew\u00f6hnt, nach dem Aufwachen noch einige Zeit liegen zu bleiben, die Gedanken zu ordnen und seine Tr\u00e4ume, sofern er sich noch an sie erinnern konnte, Revue passieren zu lassen. Daneben lauschte er gerne der morgendlichen Stille, die hier lediglich unterbrochen wurde vom Gesang der V\u00f6gel und dem Rauschen des Laubes, und allenfalls vom entfernten Brummen eines Traktors, der \u00fcber die Felder fuhr und einem in der Ferne vorbeifahrendem Auto. Doch diesmal fuhr das Auto nicht an seiner Zufahrtsstra\u00dfe vorbei, sondern bog in sie ein und n\u00e4herte sich.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er horchte auf, fragte sich, wer um kurz nach neun hier etwas suchte. Der Wagen bremste ab und kam vor dem Nachbargrundst\u00fcck zum Stehen. Der Motor wurde jedoch nicht abgestellt. Er h\u00f6rte laute kraftvolle Schritte auf dem Asphalt und das deutlich wahrnehmbare Quietschen des nachbarlichen Gartentores. Sein erster Gedanke darauf war nicht, da\u00df sein Nachbar offenbar zur\u00fcckgekommen war, sondern kurioserweise, da\u00df er sein Gartentor noch immer nicht ge\u00f6lt hatte. Das Gartentor wurde vollst\u00e4ndig ge\u00f6ffnet, denn er h\u00f6rte eine l\u00e4ngere Zeit das Knirschen von Schritten auf Kies. Kurze Zeit sp\u00e4ter wurde die Wagent\u00fcr wieder zugeschlagen und der Wagen erneut in Bewegungen gesetzt. Der Kies knirschte unter den Reifen. Obwohl er auf seinen Nachbarn neugierig war, war er um diese Zeit noch zu tr\u00e4ge, um aufzustehen und nachzusehen. Der Wagen hielt noch einmal. Das Motorenger\u00e4usch erstarb. Die Autot\u00fcr knarrte, erneut knirschten Schritte auf Kies. Es waren stets dieselben Schritte. Ein wenig sp\u00e4ter war zweimaliges T\u00fcrenschlagen mit etwas Abstand voneinander zu vernehmen, vermutlich Fahrert\u00fcr und Kofferraum. Die Schritte \u2013 auf Kies war es wirklich unm\u00f6glich unbemerkt zu gehen \u2013, klangen schwerer, wahrscheinlich trug der Ank\u00f6mmling sein Gep\u00e4ck zum Haus. Kurz darauf fiel die Haust\u00fcr ins Schlo\u00df. Es kehrte wieder die morgendliche Ruhe ein.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wenig sp\u00e4ter stand er auf und ging ins Bad. Noch vor einem leichten Fr\u00fchst\u00fcck, das den Namen kaum verdiente, morgens a\u00df er nur wenig, hatte die Neugier schlie\u00dflich den Sieg davon getragen. Er begab sich ins Arbeitszimmer und sah zur Villa hin\u00fcber.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die Fenster auf der Terrassenseite waren ge\u00f6ffnet. Jetzt erkannte er auch, warum das Haus exakt nach S\u00fcden ausgerichtet war, wenngleich man fr\u00fcher meist die n\u00f6rdliche Seite daf\u00fcr gew\u00e4hlt hatte; im Obergescho\u00df war ein gro\u00dfz\u00fcgiges Atelier eingerichtet, das zudem als solches benutzt wurde. Auf einer Staffelei stand ein mit einem Tuch abgedecktes Bild. An den W\u00e4nden lehnten, mit der Bildseite zur Wand, Bilder in verschiedenen Formaten. Ein gro\u00dfer Zeichentisch, auf dem wohlgeordnet diverse Zeichen- und Malutensilien lagen, stand unmittelbar unter einem der Fenster. Au\u00dfer dem Atelier befand sich auf dieser Etage noch ein Schlafzimmer und ein Bad. Das Schlafzimmer wurde von einem Spiegelschrank und einem filigranen Metallbett beherrscht. Durch die bis zum Boden reichenden Fenster konnte er sehen, da\u00df keinerlei Teppiche auf dem Parkett lagen, das einen gepflegten Eindruck machte. Dagegen wies das Parkett im Atelier die unvermeidlichen Gebrauchsspuren auf, die eine derartige Raumnutzung unweigerlich nach sich zog. \u00dcber das Bett waren verschiedene Kleidungsst\u00fccke gebreitet, ob es die eines Mannes oder einer Frau waren \u2013 die Schritte hatten ihm keinen eindeutigen Hinweis geben k\u00f6nnen \u2013, konnte er aus der Entfernung nicht beurteilen, eine gro\u00dfe dunkelblaue, offenbar noch unausgepackte Sporttasche befand sich ebenfalls auf dem Bett. Der Bewohner schien wohl noch nicht dazu gekommen zu sein, die Sachen nach dem Auspacken wegzur\u00e4umen. Mehr als da\u00df das Bad von einer altmodischen gro\u00dfen Wanne dominiert wurde und die graublauen Fliesen bis unter die Decke reichten, konnte er durch das schmale Fenster nicht sehen. Im Erdgescho\u00df war, so weit er das von seiner erh\u00f6hten Position aus erkennen konnte, ein gro\u00dfes Wohnzimmer, fast schon ein Salon, und eine Art E\u00dfzimmer. Das Interieur in beiden R\u00e4umen war stilvoll und alles andere als \u00fcberladen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Das Klingeln des Telefons beendete vorerst seine Beobachtungen. Offenbar war es ihm noch nicht verg\u00f6nnt, seinen Nachbarn zu sehen. Es war sein Verleger, der ihn fragte, ob er bei seiner Einweihungsparty vor zwei Tagen nicht sein Notizbuch bei ihm vergessen hatte. Er verneinte und sie kamen wie \u00fcblich ins Plaudern. Als er den H\u00f6rer nach fast einer Stunde wieder auflegte, blickte er noch einmal zum Haus hin\u00fcber.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Das Badezimmerfenster war geschlossen worden, die anderen waren aber weiterhin ge\u00f6ffnet. Die Kleidungsst\u00fccke und die Sporttasche lagen noch immer auf dem Bett. Er \u00fcberlegte schon, ob er seinen Beobachtungsposten nicht aufgeben sollte, da trat eine Frau ins Schlafzimmer und ging direkt zum Fenster. Sie st\u00fctzte sich auf das schmiedeeiserne Gel\u00e4nder, stellte die Beine leicht gekreuzt und sah in den Garten hinunter. H\u00e4tte sie zu ihm hin\u00fcbergesehen, h\u00e4tte sie ihn am Fenster stehen sehen k\u00f6nnen, aber sie machte keinerlei Anstalten in seine Richtung zu schauen, was ihm Gelegenheit gab, sie ungest\u00f6rt zu betrachten.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Sie mu\u00dfte Ende drei\u00dfig sein, war relativ gro\u00df, das schwere weizenblonde Haar hatte sie im Nacken zusammengebunden, einige Str\u00e4hnen hingen ihr nachl\u00e4ssig in der Stirn. Da\u00df sie gut aussah, konnte er auch aus der Entfernung erkennen, und da\u00df sie \u00fcber ein \u00fcppiges Dekollet\u00e9. Er mu\u00dfte schmunzeln, als ihm bewu\u00dft wurde, da\u00df er wie viele M\u00e4nner seine Aufmerksamkeit sogleich darauf lenkte, allerdings war es auch schwer, den Blick nicht darauf zu werfen. Ihr enger, knielanger blauer Lederrock betonte die etwas zu breiten H\u00fcften und die leichte W\u00f6lbung ihres Bauches. Ihre F\u00fc\u00dfe steckten in dunkelblauen hochhackigen Schuhen. Sie schien mit ihren Gedanken weit weg zu sein, stand eine ganze Weile so da, strich sich nur ab und zu gedankenverloren eine Str\u00e4hne aus der Stirn, die ein leichter Windhauch dorthin geweht hatte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nach einem kurzen Blick in Richtung der Stra\u00dfe ging sie ins Zimmer zur\u00fcck und begann die auf dem Bett liegenden Kleidungsst\u00fccke in den Schrank zu r\u00e4umen. Als sie sich daran machte, den Inhalt der Sporttasche gleichfalls in den Schrank zu r\u00e4umen, konnte er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Es waren ausschlie\u00dflich Kleidungsst\u00fccke aus Latex, soweit er das von seinem Standpunkt aus erkennen konnte, darunter zwei Ganzanz\u00fcge und drei Kleider, in diversen Blaumetallic-T\u00f6nen. Das best\u00e4tigte seine Theorie, da\u00df Gummifetischismus im Grund relativ weit verbreitet war.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Seine Neugierde war f\u00fcrs Erste gestillt. Er beobachtete sie nicht weiter, weil er fand, sie nun genug \u203abel\u00e4stigt\u2039 zu haben. In jedem Fall war er angetan davon, eine attraktive Nachbarin zu haben, die zudem Fetischistin zu sein schien. Latex empfand er bei einer Frau als sehr sexy, wenngleich ihm das Material an sich auch gefiel, so besa\u00df er keinen eigentlichen Fetisch daf\u00fcr. Unter seiner Garderobe befanden sich zwar einige St\u00fccke als Latex, die auch hin und wieder gerne trug, die er aber in erster Linie angeschafft hatte, um eine Frau auf eine Fetischparty begleiten zu k\u00f6nnen und weil er immer wieder Frauen kennenlernte, denen Latex an einem Mann gefiel.<\/p>\n<p class=\"einzug\">In deutlich gehobener Stimmung setzte er sich an den Schreibtisch und setzte die Arbeit an seiner Geschichte fort.<\/p>\n<p class=\"einzug\">In den folgenden Tagen sa\u00df die \u203aSch\u00f6ne K\u00fcnstlerin\u2039 \u2013 wie er sie bei sich nannte \u2013 fast t\u00e4glich am Zeichentisch, die Atelierfenster weit ge\u00f6ffnet, schlie\u00dflich zeigte sich der Fr\u00fchling von seiner besten Seite und vermittelte einen Vorgeschmack auf den nahenden Sommer.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Im Haus schien sie \u00e4rmellose knielange k\u00f6rperbetont geschnittene Baumwollkleider mit gro\u00dfen hellbunten Blumenmustern zu bevorzugen, die nicht zuletzt, weil sie vorne durchgehend vom Saum bis zum Kragen gekn\u00f6pft wurden, an Kittel erinnerten. Obwohl sie eindeutig nach praktischen Erw\u00e4gungen ausgesucht waren, betonten sie ihre Silhouette aufs angenehmste. Das lange Haar trug sie meist zu einem Zopf geflochten. Sie hegte offenkundig eine Leidenschaft f\u00fcr hohe Abs\u00e4tze, denn er sah sie selbst im Haus so gut wie nie auf flachen Sohlen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Auf einem aparten zartbestrumpften Frauenbein, \u00fcber dessen Fu\u00df ein hochhackiger Schuh gestreift war, lie\u00df er nur zu gerne seinen Blick ruhen. Ihm gefiel ein Rocksaum auf H\u00f6he der Waden mehr als allzu nah bei der Taille, obwohl das nat\u00fcrlich auch seine Reize besa\u00df. Lediglich einen Teil ihres Beines zu sehen, die Knie bedeckt, vor allem wenn sie leger die Beine \u00fcbereinandergeschlagen hatte, besa\u00df f\u00fcr ihn mehr Reiz, befl\u00fcgelte eher seine Phantasie. Er stellte sich dabei gerne vor, wie es weiter oben aussah, welche S\u00e4ume ihre Str\u00fcmpfe hatten. Zuviel zu sehen fand er auf Dauer langweilig.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Gelegentlich trug sie einen Ganzanzug aus Latex unter ihren Baumwollkleidern. Sie schien bei Ganzanz\u00fcgen eine Vorliebe f\u00fcr Blaumetallic-T\u00f6nen zu haben, denn er sah sie nie in einem andersfarbigen. Es erstaunte ihn, wie viele verschiedene T\u00f6ne es davon gab. Birgit, eine befreundete passionierteste Fetischistin, h\u00e4tte ihm diesbez\u00fcglich sicherlich umfangreich Auskunft geben k\u00f6nnen. Wenn sie nicht gerade kunsthistorische Texte lektorierte, war Latex das einzige Thema, das sie interessierte und \u00fcber das sie reden wollte. Nur wer sie nicht kannte, nahm ihre Aussage, ihre Wohnung sei ein begehbarer Kleiderschrank f\u00fcr Latexbekleidung, als \u00fcbertriebene Koketterie.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Zuerst war ihm gar nicht bewu\u00dft, da\u00df er immer h\u00e4ufiger zu der \u203aSch\u00f6nen K\u00fcnstlerin\u2039 hin\u00fcbersah. Waren es anfangs nur spontane fl\u00fcchtige Blicke, so sah er bald absichtlich hin\u00fcber. An den ersten beiden Tagen z\u00f6gerte er noch, sein Fernglas aus der unteren Schreibtischschublade zu holen und zu benutzen. Er f\u00fcrchtete, da\u00df sie, sollte sie zuf\u00e4llig im gleichen Moment in seine Richtung blicken, ihn mit dem Fernglas sehen k\u00f6nnte. Doch war diese Bef\u00fcrchtung, wie er wu\u00dfte, unbegr\u00fcndet. Obwohl die Gardine vor seinem Fenster kaum mehr als ein hauchzarter Gazeschleier war, war sie doch dicht genug, da\u00df sie ihn, solange die Sonne nicht unmittelbar ins Zimmer schien, kaum mit blo\u00dfem Auge w\u00fcrde sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Am dritten Tag \u00fcberwand er seine \u203aSkrupel\u2039. Es war ein starkes hochwertiges Fernglas. Er hatte es gekauft, als er vor einigen Jahren eine Zeitlang mit einer jungen Ornithologin liiert gewesen war, die er durch Birgit kennengelernt hatte und wie diese eine passionierte Gummifetischistin war \u2013 Birgit schien \u00fcberhaupt nur Fetischistinnen zu kennen. Er hatte sie gerne auf ihren Beobachtungsstreifz\u00fcgen begleitet.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er sah durch das Fernglas seine Nachbarin so deutlich, als s\u00e4\u00dfe er ihr fast unmittelbar gegen\u00fcber. Zwar zeichnete die d\u00fcnne Gardine das Bild ein wenig weich, aber das gab allem etwas romantisch Vertr\u00e4umtes.<\/p>\n<p class=\"einzug\">An was sie arbeitete, konnte er nicht erkennen. Daf\u00fcr entdeckte er, da\u00df sie braune Augen hatte \u2013 sie hatte f\u00fcr den Moment aufgeschaut, doch nicht direkt zu ihm hin\u00fcber, sondern ein wenig an ihm vorbei, war mit den Gedanken ganz woanders \u2013, und ein kleines Muttermal auf der linken Wange, ein wenig unter dem Ohr, das, trug sie ihr Haar offen, von diesem verdeckt wurde, zudem waren ihre Lippen stets in einem kr\u00e4ftigen Rot geschminkt. Das Bild auf der Staffelei war noch immer mit einem Tuch abgedeckt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Jetzt, wo er seine Scheu \u00fcberwunden hatte, benutzte er das Fernglas h\u00e4ufiger, bald regelm\u00e4\u00dfig, doch nur, wenn sie sich im Atelier aufhielt. So weit, sie im Schlafzimmer oder gar im Bad zu beobachten, war er noch nicht. Auch als sie an einem sp\u00e4ten Nachmittag, die Sonne hatte schon einen Teil ihrer Kraft eingeb\u00fc\u00dft, nackt auf einer Liege auf der Terrasse lag, warf er nur einen verstohlenen Blick hin\u00fcber.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Einen Tag in der Woche fuhr sie mit einer gro\u00dfen Zeichenmappe unter dem Arm weg und kam erst am sp\u00e4ten Abend zur\u00fcck. Ihre kittel\u00e4hnlichen Kleider vertauschte sie dann mit k\u00f6rperbetont geschnittenen Kost\u00fcmen, deren R\u00f6cke wirklich sehr kurz waren und in Kombination mit hochhackigen Schuhen ihre Beine noch l\u00e4nger erscheinen lie\u00dfen, als sie ohnehin schon waren, zudem trug sie das sch\u00f6ne dichte Haar offen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Ohne es vorerst zu wissen, hatte sie einen neuen Bewunderer gewonnen. Er \u203abedauerte\u2039 einzig die K\u00fcrze ihrer R\u00f6cke, in engen knielangen h\u00e4tte sie ihm besser gefallen, wenngleich sie f\u00fcr sein Empfinden sehr sch\u00f6ne Beine besa\u00df. Zugleich hatte er \u203aentdeckt\u2039, da\u00df sie zu ihren kurzen R\u00f6cken Strumpfhosen ohne Zwickel trug und ohne etwas darunter. Fr\u00fcher hatte er Strumpfhosen als piefig empfunden, seit er aber von einer Frau \u00fcber das erotische Potential von Strumpfhosen aufgekl\u00e4rt worden war, die einen Fetisch daf\u00fcr besa\u00df, hatte sich seine Meinung diesbez\u00fcglich ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Jeden Morgen, w\u00e4hrend er sein eher spartanisches Fr\u00fchst\u00fcck zu sich nahm, sah er sie durchs K\u00fcchenfenster von ihrem Morgenlauf zur\u00fcckkommen. War es halbwegs warm, trug sie lediglich ein knappes enganliegendes Trikot, das gerade soviel vom K\u00f6rper verdeckte, wie n\u00f6tig war. Obwohl sie innerhalb weniger Augenblicke an seinem Fenster vorbei war, ohne jemals auch nur einen Blick auf sein Haus zu werfen, konnte er doch deutlich das Spiel ihrer Muskeln bewundern. Sie kehrte fast immer um die gleiche Zeit zur\u00fcck. Schon bald wartete er ihre R\u00fcckkehr am Fenster stehend ab. Er fragte sich nicht nur, wohin sie ihr Morgenlauf f\u00fchrte, sondern vor allem wann sie mit ihm begann. Von dieser Frage bis zum Entschlu\u00df ihr einmal zu folgen, war es kein allzu gro\u00dfer Schritt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Bereits an einem der n\u00e4chsten Tage suchte er seine alte Sporthose und die Joggingschuhe heraus und legte sie f\u00fcr den n\u00e4chsten Morgen bereit. Vor sich selbst rechtfertigte er es damit, da\u00df er ruhig etwas mehr Bewegung gebrauchen k\u00f6nnte. Dabei ignorierte er einfach, da\u00df er fast jeden Nachmittag seine Runde auf dem Rad zwischen den Feldern drehte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Entgegen seiner Gewohnheit und wissend, alles andere als ein Fr\u00fchaufsteher zu sein, stand er fr\u00fchzeitig am n\u00e4chsten Morgen und zum Laufen fertig am K\u00fcchenfenster und wartete darauf, da\u00df sie an seinem Fenster vorbeikam. Fast eine Dreiviertelstunde stand er dort, mehrmals g\u00e4hnend und mehr dem Bett als einem Langlauf zugeneigt, bevor er ihr Gartentor quietschen h\u00f6rte. Kurze Zeit sp\u00e4ter lief sie fr\u00f6hlich vorbei, die langen Haare im Nacken zusammengebunden. Er wartete nur wenige Augenblicke, dann verlie\u00df auch er das Haus. Als er auf der Stra\u00dfe stand, besa\u00df sie schon etwa f\u00fcnfzig Meter Vorsprung. Es war ein frischer Morgen, der ihm sagte, da\u00df trotz der W\u00e4rme des Tages es eben doch noch Mai und nicht Sommer war. Die K\u00fchle vertrieb jedoch seine M\u00fcdigkeit und er setzte sich in Bewegung.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Sie legte ein sch\u00f6nes Tempo vor, wie er fand. Er mu\u00dfte sich sputen, um sie nicht aus den Augen zu verlieren.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Zuerst lief sie ein ganzes St\u00fcck den Feldweg entlang. Langsam kam er in den richtigen Rhythmus, sp\u00fcrte aber, da\u00df ihm das Laufen ungewohnter als das Radfahren war. Einholen w\u00fcrde er sie nicht. Das brauchte er nicht zu f\u00fcrchten. Er konnte schon froh sein, wenn er die Distanz hielt und keine Seitenstiche bekam.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Vom Ort und schon gar nicht von ihren beiden H\u00e4usern war mehr etwas zu sehen, als sie in einen unbefestigten Nebenweg einbog, der direkt zum Wald f\u00fchrte. Er versuchte, die Distanz ein wenig zu verk\u00fcrzen. Ihm gelangen indessen nur wenige Meter. Zwar wollte er sie im Wald nicht gleich aus den Augen verlieren, andererseits bewahrte ihn ein gr\u00f6\u00dferer Abstand davor, von ihr entdeckt zu werden. Solange sie nicht f\u00fchlte, da\u00df ihr jemand folgte, solange w\u00fcrde sie sich auch nicht umdrehen. Hoffte er zumindest.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Im Wald war es merklicher frischer. Die ersten Strahlen der Morgensonne, die sich einen Weg durch eine leichte Diesigkeit bahnen mu\u00dften, hatten nicht gen\u00fcgend Kraft, die Luft im Inneren des Waldes zu erw\u00e4rmen. Andererseits war ihm diese Erfrischung recht, denn ihm war schon reichlich warm geworden.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nachdem sie vielleicht zwanzig Minuten gelaufen waren, machte sich in ihm der Wunsch breit, abzubrechen. Um diesem Drang nicht zu erliegen, konzentrierte er sich auf ihre R\u00fcckfront, dachte nur an sie und zwang sich somit, ihr weiterhin zu folgen. Bald hatte er den ersten toten Punkt \u00fcberwunden und es lief sich besser, ja er verringerte den Abstand zu ihr auf etwa drei\u00dfig Meter.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Sie lief eine Schleife und verlie\u00df den Wald auf einem anderen Weg, der gut dreihundert Meter von ihren H\u00e4usern entfernt auf den befestigten Feldweg zur\u00fcckf\u00fchrte. Eine Stunde war fast um. Sie hatte sich nicht einmal umgedreht. Er war froh, als sie wieder auf dem Feldweg waren. Allzu lange h\u00e4tte er nicht mehr durchgehalten. Ihr dagegen war nicht die geringste Ersch\u00f6pfung anzusehen. Sie lief noch immer, als h\u00e4tte sie gerade erst begonnen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die letzten Schritte bis zum Haus lief er nicht mehr, sondern ging. Er h\u00f6rte ihr Gartentor quietschen \u2013 er hatte das seine mittlerweile ge\u00f6lt, so da\u00df es lautlos in den Angeln lief \u2013, und atmete erleichtert mehrmals tief durch. Sein Puls raste und das T-Shirt hatte er durchgeschwitzt. Im Haus lie\u00df er sich der L\u00e4nge nach im Wohnzimmer auf die Couch fallen. Es war lange her, da\u00df ihn eine Frau derart geschafft hatte, und das, ohne da\u00df sie einander selten n\u00e4her als ungef\u00e4hr drei\u00dfig bis vierzig Meter gekommen waren. Das wollte etwas hei\u00dfen!<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nachdem Herzschlag und Atemfrequenz wieder normale Werte angenommen hatten, stand er auf, ging in die K\u00fcche und leerte fast eine ganze Flasche Wasser. Dann duschte er und legte sich anschlie\u00dfend noch mal aufs Bett. So schnell w\u00fcrde er einer Frau nicht mehr hinterherlaufen, zumindest nicht bevor er besser trainiert war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Fortsetzung von: Der Einzug &nbsp; Dank Saskias tatkr\u00e4ftiger Hilfe ging das Auspacken und Einr\u00e4umen z\u00fcgiger vonstatten, als er vermutet hatte. Innerhalb weniger Tage schien es ihm, als wohne er bereits einige Jahre in diesem Haus, wozu die l\u00e4ndliche Ruhe ihr \u00fcbriges beitrug. 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