{"id":4857,"date":"2017-05-27T14:41:41","date_gmt":"2017-05-27T12:41:41","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=4857"},"modified":"2026-04-12T14:44:56","modified_gmt":"2026-04-12T12:44:56","slug":"kurzes-109-der-wilhelminische-erziehungsratgeber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=4857","title":{"rendered":"Kurzes #109 \u00b7 Der wilhelminische Erziehungsratgeber"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/titel\/20150511_050_800_2.jpg\" \/><\/p>\n<p><i>Fortsetzung von:<\/i> <a href=\"?p=4852\">Nachhife tut Not<\/a><\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00a0<\/p>\n<p>\u00bbWir sehen uns dann Donnerstag.\u00ab Ulla reichte ihm zum Abschied die Hand.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Es war mehr eine vorsichtige Frage. Sie sp\u00fcrte, da\u00df R\u00fcdigers Geduld mit ihr langsam ersch\u00f6pft zu sein schien, wenngleich er so kollegial war, es nicht offen zu zeigen. Sie wu\u00dfte ja selbst, da\u00df es ihr einfach nicht gelingen wollte, sich zu konzentrieren. Sie konnte nicht verhindern, da\u00df ihre Gedanken st\u00e4ndig abschweiften. Es blieb kaum etwas von dem haften, was er ihr erkl\u00e4rte. Dabei war der Stoff eigentlich simpel.<!--more--> Sie \u00e4rgerte sich sicherlich selbst mehr dar\u00fcber als er. Er war unglaublich geduldig und wirklich sehr nett. Sein Studium bestritt er zielstrebig, arbeitete in den Semesterferien noch nebenbei. Wie sie h\u00e4tte er es nicht n\u00f6tig gehabt, wenn auch seine h\u00e4uslichen Zuwendungen weit weniger \u00fcppig waren als ihre. H\u00e4ufig sa\u00df er allein in der Cafeteria in ein Buch vertieft, fast immer am selben Platz neben dem Eingang, und die B\u00fccher hatten oft nichts mit dem Studium zu tun. Er sah ja auch alles andere als schlecht aus. War ihm eigentlich bewu\u00dft, da\u00df er einen ziemlichen Knackarsch besa\u00df? Sicher, sie konnte sich nicht vorstellen, da\u00df die eine oder andere Geschlechtsgenossin ihm das nicht bereits gesagt hatte. Diese h\u00fcbsche schwarzhaarige Architekturstudentin, mit der sie ihn eine Zeitlang gesehen hatte, hatte es ihm bestimmt gesagt. Das war eine, die so etwas zu sch\u00e4tzen wu\u00dfte, und nicht nur das! Sie war w\u00e4hlerisch und nahm ihre Chancen wahr. Sie geh\u00f6rte zu den Frauen, die ihren K\u00f6rper und ihren Sexualtrieb nicht verleugneten, sondern mit beidem in Einklang waren und dadurch eine Faszination ausstrahlen, der sich letztlich kein Mann entziehen konnte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00bbDonnerstag\u00ab, best\u00e4tigte er und dr\u00fcckte ihre Hand mehr pflichtschuldig, zumindest schien es ihr so.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Mit einem etwas gezwungenen L\u00e4cheln verlie\u00df sie ihn.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nachdem er die T\u00fcr hinter ihr geschlossen hatte, lie\u00df er die Hand noch einen Augenblick auf der Klinke ruhen, als wollte er die T\u00fcr noch einmal \u00f6ffnen und ihr etwas hinterherrufen. Er h\u00f6rte wie ihre Schritte im Treppenhaus verhallten und unten die Haust\u00fcr ging.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Mit einem Kopfsch\u00fctteln ging er in die kleine K\u00fcche und setzte Teewasser auf.<\/p>\n<p class=\"einzug\">So w\u00fcrde das nie etwas werden. W\u00fc\u00dfte er es nicht besser, n\u00e4hme er an, da\u00df ihr weder am Bestehen der Pr\u00fcfung noch an ihrem Studium etwas lag. Selbst die einfachsten Dinge schien sie nicht behalten zu k\u00f6nnen oder zu wollen. Fortw\u00e4hrend kaute sie auf ihrem Bleistift herum und wippte, hatte sie die Beine \u00fcbereinandergeschlagen, unausgesetzt mit dem freien Fu\u00df, so da\u00df der Stuhl, auf dem sie sa\u00df, permanent leise knarrte, ein Ger\u00e4usch, das einem relativ schnell l\u00e4stig wurde. Nicht da\u00df er sie nicht gerne bei sich hatte, im Gegenteil. Er mochte sie, nicht nur, weil sie so gut aussah, sch\u00f6ne Beine hatte und gleich ihm ein Faible f\u00fcr echte Nylons und elegante hochhackige Schuhe besa\u00df. Er hatte ihr diesbez\u00fcglich auch schon das eine oder andere Kompliment gemacht und nicht den Eindruck, da\u00df es ihr mi\u00dffiel. Sie hatte sogar ein wenig verlegen gel\u00e4chelt, als h\u00e4tte sie es gerade aus seinem Mund nicht erwartet. Aber all das t\u00e4uschte nicht dar\u00fcber hinweg, da\u00df seine Zuversicht, was das Bestehen ihrer Baustoffkundepr\u00fcfung betraf, nicht sehr gro\u00df war. Wenn sich Donnerstag bez\u00fcglich ihrer Unaufmerksamkeit nicht etwas einschneidend ver\u00e4nderte, w\u00fcrde er ihr sagen m\u00fcssen, da\u00df er keinen Sinn in einer Fortf\u00fchrung ihrer Nachhilfestunden sah und sie letztlich nur ihre Zeit verschwendeten. Er wu\u00dfte, da\u00df das hart war. Aber wozu Zeit und Energie in etwas investieren, das sich nicht auszahlte? Es w\u00e4re unredlich, nicht zuletzt, weil sie ihn, entgegen seiner Intension f\u00fcr ihre Stunden gro\u00dfz\u00fcgig entlohnte. \u00bbEs handelt sich um Arbeit und du k\u00f6nntest die Zeit sicherlich sinnvoller f\u00fcr dich nutzen\u00ab, hatte sie auf ihrem Standpunkt beharrt, sich seine Hilfe nicht schenken zu lassen. Das Band der Freundschaft behinderte sie schlie\u00dflich nicht, sie kannten sich ja kaum.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Das Teewasser kochte. Er sch\u00fcttete das hei\u00dfe Wasser \u00fcber das Teesieb in die Kanne.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Andererseits hatte sie in der Matheklausur, die alles andere als leicht war, fast die volle Punktzahl erreicht. \u00dcberhaupt schien ihr alles was mit Mathematik zu tun hatte, leicht zu fallen. Schlie\u00dflich bestand das Studium zum gr\u00f6\u00dften Teil aus Mathematik. Am Ende sollte sie am simplen Auswendiglernen scheitern? Das w\u00e4re bitterb\u00f6se Ironie des Schicksals. Eine Welle des Mitleids mit ihr durchstr\u00f6mte ihn.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er sah auf die Uhr. Der Tee war ausreichend lang gezogen. Er holte das Sieb aus der Kanne. Er go\u00df sich eine Tasse ein, gab einen kr\u00e4ftigen Spritzer Zitrone hinzu und setzte sich mit ausgestreckten Beinen aufs Sofa.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Was k\u00f6nnte er tun, das ihr half, sich besser zu konzentrieren?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Sie mu\u00dfte sicher ein kleines Verm\u00f6gen f\u00fcr ihre Str\u00fcmpfe ausgeben, schlie\u00dflich trug sie bald jeden Tag andere. Immerhin handelte es sich dabei um echte Nylons, das hatte sein Kennerblick sofort entdeckt. W\u00fcrde man einen Wettbewerb unter den Kommilitoninnen zur \u203aMiss Leg\u2039 veranstalten; Ulla st\u00fcnde als Titeltr\u00e4gerin sofort fest. Andererseits bes\u00e4\u00dfen Sandra und Ilka auch eine gewisse Chance. Noch ein wenig atemberaubender als ihre sch\u00f6nen, zartbestrumpften Beine empfand er ihre engen R\u00f6cke, die sie gelegentlich trug, bei denen er sich mitunter fragte, wie es ihr gelungen waren, den Rei\u00dfverschlu\u00df problemlos zu schlie\u00dfen. Wenn es etwas gab, da\u00df die \u203aHarmonie\u2039 ihrer Figur ein wenig aus dem Gleichgewicht brachte, waren es ihre, f\u00fcr ihre Figur, auffallend breiten H\u00fcften, was ihr wiederum optisch eine schmalere Taille bescherte. War es Absicht, geschah es unbewu\u00dft, oder war es mit breiten H\u00fcften kaum m\u00f6glich anders zu gehen? Jedenfalls besa\u00df ihr Gang stets etwas mehr oder wenig erotisch provozierendes. Allerdings wirkten breite H\u00fcften auf ihn in der Regel erotisierend.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Hier ging es aber nicht um Ullas und schon gar nicht um Sandras oder Ilkas Beine, noch weniger um Ullas auffallend breite H\u00fcften, sondern darum sie durch diese d\u00e4mliche Baustoffkundepr\u00fcfung zu treiben.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Im Grunde war Herbotsheim einfallslos, was seine Pr\u00fcfungsfragen betraf. Er variierte sie von Jahr zu Jahr lediglich marginal. Eigentlich gen\u00fcgte es, eine beliebige zur\u00fcckliegende Klausur zu nehmen und die Fragen und Antworten auswendig zu lernen, um problemlos bestehen zu k\u00f6nnen. Die Note w\u00fcrde lediglich von der St\u00e4rke der Variation abh\u00e4ngen, aber selbst im ung\u00fcnstigsten Fall deutlich auf der sicheren Seite liegen. Vielleicht sollte er ihr vorschlagen, seine Klausur, bei denen er dreiundneunzig von einhundert m\u00f6glichen Punkten erreicht hatte, solange auswendig lernen zu lassen, bis sie die im Schlaf hersagen konnte? Doch das war nicht sein Ding. Er wollte, da\u00df sie es nicht nur herunterleiern konnte, sondern weitgehend begriff, wovon die Rede war.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Es m\u00fc\u00dfte sch\u00f6n sein, mit ihr zu v\u00f6geln und nicht nur, aber auch gerade wegen ihrer breiten H\u00fcften. Es war un\u00fcbersehbar, da\u00df sie zu genie\u00dfen wu\u00dfte, ihren K\u00f6rper mochte und ihren Sexualtrieb nicht verleugnete. Nicht wenigen Frauen fiel es schwer zu akzeptieren, da\u00df sie einen eigenen besa\u00dfen und sie das Recht hatten, diesen auszuleben. Wie Iliane \u2013 jene Architekturstudentin \u2013 deren Unstetigkeit und <i>Laisser-faire<\/i> nicht so ganz mit seiner Zuverl\u00e4ssigkeit harmonieren wollten, was letztlich zum Bruch gef\u00fchrt hatte. Ob Ulla ihr Schamhaar entfernte? Abgesehen davon, da\u00df ihm aus mehreren Gr\u00fcnden eine nackte Scham besser gefiel, hatte es den nicht zu untersch\u00e4tzenden praktischen Vorteil, sich im unpassendsten Augenblick nicht mit l\u00e4stigen H\u00e4rchen auf der Zunge herumplagen zu m\u00fcssen, denn gerade in Ullas Scho\u00df w\u00fcrde er nur zu gerne das Gesicht vergraben.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nein, so ging das nicht. Er schweifte ja selbst mit den Gedanken st\u00e4ndig ab. Anstatt konsequent zu \u00fcberlegen, wie er Ulla helfen k\u00f6nnte, ihre Konzentrationsprobleme zu l\u00f6sen, stellte er sich vor, wie es w\u00e4re, mit ihr zu v\u00f6geln. Vermutlich spielte auch ein wenig die Tatsache mit hinein, da\u00df er vor \u00fcber drei Monaten das letzte Mal mit einer Frau \u2013 eben jener Iliane \u2013 Sex gehabt hatte, so etwas wurde als Entzugserscheinungen oder so \u00e4hnlich bezeichnet.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er stand auf und stellte die leere Tasse auf dem Tisch ab.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Vielleicht sollte er noch kurz auf einen Sprung in seine Stammbuchhandlung gehen. In der Antiquariatsabteilung hatte er schon manch interessantes Buch gefunden.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er l\u00f6schte das Teelicht im St\u00f6vchen, schl\u00fcpfte in seine Schuhe und verlie\u00df seine kleine Studentenwohnung.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Es kam selten vor, da\u00df ihn das W\u00fchlen in der Grabbelkiste, aus der immer der muffige Geruch von alten Kellern und Dachb\u00f6den str\u00f6mte, nicht ablenkte. Aber seine Gedanken schienen heute fest auf Ulla fixiert zu sein.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er achtete kaum auf die Titel der B\u00fccher, die durch seine Finger gingen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Seinen Entschlu\u00df, ihr nach dem n\u00e4chsten Treffen zu sagen, da\u00df er die Fortsetzung ihrer Nachhilfestunden auf Grund ihr fortgesetzten Unaufmerksamkeit nicht f\u00fcr sinnvoll hielt, hatte er bereits verworfen. Nicht allein, weil sie ihm als Mensch und als Frau gefiel, ihre Gesellschaft sehr angenehm war, wenn man nicht gerade versuchte ihr etwas beizubringen, das partout nicht in ihren h\u00fcbschen braunen Lockenkopf wollte, warum auch immer. An den lukrativen Sal\u00e4r, der ihm dadurch entging, dachte er nicht einen Augenblick. Fiel das Scheitern des Sch\u00fclers nicht auch immer auf den Lehrer zur\u00fcck?<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00a0<\/p>\n<p><i>Ein guter Lehrer kann nahezu jedem Sch\u00fcler etwas beibringen. Wenn dieser nicht aus sich heraus motiviert ist, mu\u00df er motiviert werden, notfalls auch mit ungew\u00f6hnlichen Methoden.<\/i><\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00a0<\/p>\n<p>An das Motto seines Onkels, einem Lehrer aus Leidenschaft, der sich zu recht damit br\u00fcsten konnte, die mit Abstand geringste Quote von Wiederholern unter seinen Sch\u00fclern zu haben, mu\u00dfte er denken. Ulla einfach aufzugeben verstie\u00dfe gegen diesen Grundsatz und das wollte er seinem Lieblingsonkel nicht antun. Abgesehen davon fiel ja auch immer etwas vom Ruhm des Sch\u00fclers auf dessen Lehrer zur\u00fcck. Und wer hat nicht gerne Erfolgserlebnisse, nimmt er sich einer Sache an?<\/p>\n<p class=\"einzug\">R\u00fcdiger ha\u00dfte es zu scheitern. Ullas Scheitern w\u00e4re ebenso sein Scheitern.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er hielt schon eine ganze Weile dieses kleine zerlesene Buch mit dem speckigen Leineneinband zwischen den Fingern, das muffiger als die anderen roch. Wie lange mochte es wohl auf irgendeinem Dachboden in irgendeinem alten staubigen Koffer sein Dasein gefristet haben, ehe es bei einer Wohnungsaufl\u00f6sung wieder aufgetaucht war?<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00a0<\/p>\n<p><i>Wie man verstockte Z\u00f6glinge zum Lernen anh\u00e4lt<\/i><\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00a0<\/p>\n<p>Den in Fraktur gesetzten Titel las er bereits zum zweiten Mal, ohne sich dessen recht bewu\u00dft zu sein. Gedankenverloren bl\u00e4tterte er einige der vergilbten, teilweise abgegriffenen, aber noch gut zu lesenden Seiten durch, bis er langsam bemerkte, was er da in den H\u00e4nden hielt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Zuerst schmunzelte er, pa\u00dfte der Titel doch zu seiner Situation \u2013 oder wie ein anderer Onkel gerne salopp mit einem breiten Grinsen zu sagen pflegte: \u00bbWie Arsch auf Eimer.\u00ab<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die wenigen Illustrationen waren aus heutiger Sicht kurios anzusehen und nicht wirklich umsetzbar. Kinder auf einen Stuhl zu setzten, der mehr an ein mittelalterliches Folterinstrument erinnerte oder den Stuhl mit einer Fixiervorrichtung zu versehen, die kerzengerades aufrechtes Sitzen erm\u00f6glichte, war kaum mit modernen p\u00e4dagogischen Erkenntnissen vereinbar. Abgesehen davon waren diese Stahlschnitte von reichlich m\u00e4\u00dfiger Qualit\u00e4t, besa\u00dfen etwas unfreiwillig Karikierendes, von den mangelhaften anatomischen Kenntnissen des Illustrators einmal ganz abgesehen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wahllos las er einige Stellen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00a0<\/p>\n<p><i>Ein Hauptproblem f\u00fcr Unaufmerksamkeit ist Ablenkung. Erfahrungsgem\u00e4\u00df lassen sich selbst lernwillige Z\u00f6glinge gerne ablenken, wie sehr dann erst ein unwilliger? Darum sollten im Zimmer, in dem der Z\u00f6gling seine Hausarbeit verrichtet, so wenige Gelegenheiten wie m\u00f6glich zum Ablenken vorhanden sein. Der Tisch sollte am besten in Fenstern\u00e4he stehen, wegen des Lichts, aber nicht zu nahe, damit der Z\u00f6gling nicht durch das, was drau\u00dfen vor sich geht, abgelenkt werden kann. Selbst die folgsamsten Jungen lassen sich durch das rege Treiben auf der Stra\u00dfe ablenken, gibt man ihnen nur die Gelegenheit dazu. Ein Zimmer auf einen ruhigen Hinterhof hinaus ist grunds\u00e4tzlich einer l\u00e4rmenden Stra\u00dfe vorzuziehen. Der Stuhl sollte solide mit festem Sitz sein. Alles, was ein allzu bequemes Sitzen erm\u00f6glicht, sollte tunlichst vermieden werden. Des Weiteren sollte es im Raum nicht zu warm sein, da W\u00e4rme tr\u00e4ge erden l\u00e4\u00dft. Es sollte aber auch nicht zu kalt sein, da Frieren nicht weniger ablenkend sein kann, wenn auch aus anderen Gr\u00fcnden. Zwar ist es gut, erf\u00e4hrt der Z\u00f6gling eine gewisse Abh\u00e4rtung, doch alles mit Ma\u00df und Ziel. Verst\u00e4ndlicherweise sollten sich nur die Utensilien auf dem Tisch und in Reichweite des Z\u00f6glings befinden, die unerl\u00e4\u00dflich f\u00fcr seine Arbeiten sind. Ebenso sollte der betreffende Knabe stets unter Aufsicht stehen. Er mu\u00df sp\u00fcren, da\u00df das kleinste Vergehen, das ihn von seiner Arbeit abh\u00e4lt, sofort geahndet wird. Das ist wichtig, damit ihm der Zusammenhang zwischen Strafe und Vergehen bewu\u00dft bleibt. Verstreicht zwischen Vergehen und Strafe zuviel Zeit, wird aus Sicht des Knaben der Zusammenhang nicht mehr so verst\u00e4ndlich und es k\u00f6nnte bei ihm den Eindruck von Willk\u00fcr erwecken, was weder seiner pers\u00f6nlichen Entwicklung noch der Sache an sich dienlich ist.<\/i><\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00a0<\/p>\n<p>Er konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Was die sich damals alles ausgedacht haben! Wann war das B\u00fcchlein erschienen? Er bl\u00e4tterte nach vorne zum Impressum. Der aufgef\u00fchrte Verlag sagte ihm nichts. Vermutlich existierte der schon lange nicht mehr. Was ihn nicht wunderte. Hatte der noch mehr solche \u203aRatgeber\u2039 herausgebracht, mu\u00df er gleichzeitig mit diesen aus der Mode gekommen sein. Druckort war Leipzig. Das Jahr lie\u00df sich kaum noch eindeutig feststellen, lediglich die beiden ersten Ziffern waren zu entziffern, 1 und 8, die dritte k\u00f6nnte eine 6 oder auch eine 8 sein und die vierte vielleicht eine 3. Aber eigentlich war es nebens\u00e4chlich. Solche B\u00fccher mu\u00dfte es seinerzeit zuhauf gegeben haben. Erziehungsregeln, die einen modernen P\u00e4dagogen die H\u00e4nde vor Entsetzen \u00fcber den Kopf zusammenschlagen lie\u00dfen, zumal bei Kindern mit so etwas ohnehin nur das Gegenteil erreicht wurde. Abgesehen davon wurde ausschlie\u00dflich von Jungen und Knaben geredet, auch auf den Zeichnungen waren keine M\u00e4dchen zu sehen. Nat\u00fcrlich, nach damaliger Auffassung brauchten Frauen blo\u00df das absolute Minimum an Bildung, damit sie ihren M\u00e4nnern den Haushalt f\u00fchren und deren Kinder geb\u00e4ren konnten. Zum Gl\u00fcck waren diese Zeiten vorbei. Was sollte er auch mit einem Dummchen anfangen, selbst wenn sie so gut aussah wie Ulla oder Iliane? Grausliche Vorstellung. Er mu\u00dfte sich sch\u00fctteln.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00a0<\/p>\n<p><i>Ist mit dem Wissenserwerb eine unangenehme Erfahrung verbunden, wird der Z\u00f6gling sich noch einmal so gut an das erworbene Wissen erinnern. Denn, Hand aufs Herz, liebe leidgepr\u00fcfte Erzieher eines lernunwilligen Eleven, an was erinnern wir uns alle am besten? An Erfahrungen, die mit angenehmen Begleiterscheinungen einhergegangen sind oder an die doch viel zahlreicheren mit Unannehmlichkeiten verbundenen Dinge? Es handelt sich eindeutig um Letztere, die st\u00e4rker mit unserem Ged\u00e4chtnis verhaftet bleiben. Nat\u00fcrlich d\u00fcrfen sie nicht <\/i>zu <i>unangenehm f\u00fcr den Z\u00f6gling sein, also keine aus Wut und Entt\u00e4uschung \u00fcber dessen Unwillen verabreichten Schl\u00e4ge, sondern sorgf\u00e4ltig dosierte, die ihm nicht schaden und die vor allem ohne pers\u00f6nlichen Groll angewendet werden. Der Z\u00f6gling darf nicht den Eindruck gewinnen, da\u00df er pers\u00f6nlich angegriffen wird, sondern mu\u00df immer und in jedem Fall erkennen, da\u00df es nur zu seinem Besten ist und man es nicht tun w\u00fcrde, wenn es nicht unbedingt sein <\/i>m\u00fc\u00dfte<i>, und einen selbst die Schl\u00e4ge noch mehr schmerzen als ihm.<\/i><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Was Menschen doch f\u00fcr einen absoluten Bl\u00f6dsinn schreiben k\u00f6nnen, dachte er kopfsch\u00fcttelnd. Obwohl die Sache mit der negativen Erfahrung klang eigentlich sehr modern, wenn er es genau betrachtete. Bernadette, die Psychologiestudentin, mit der er vor etwas mehr als einem Jahr zusammen gewesen war, hatte ihm \u00e4hnliches erz\u00e4hlt. H\u00e4tte sie nicht so penetrant versucht, seine Psyche zu analysieren, h\u00e4tte mehr aus ihrer Beziehung werden k\u00f6nnen. Auch sie hatte wundervoll breite H\u00fcften und einen faszinierend \u00fcppigen Busen, war das, was zu Zeiten jenes Erziehungsratgebers als b\u00e4uerlich bezeichnet worden w\u00e4re.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Kopfsch\u00fcttelnd schlug er das kleine Kuriosum zu und wollte es schon wieder in die Grabbelkiste zur\u00fcckstellen, da hielt er mitten im Tun inne.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Aber halt! Mit solchen Methoden lie\u00dfen sich zwar keine empfindsamen Kinderseelen b\u00e4ndigen, aber war es deshalb wirklich vom ersten bis zum letzten Buchstaben Unsinn? Lag hier nicht ein Ansatz zur L\u00f6sung seines Problems? Nat\u00fcrlich waren die im Buch beschrieben Ratschl\u00e4ge v\u00f6llig inakzeptabel. Ulla w\u00fcrde sich bedanken, lie\u00df er sie w\u00e4hrend der ganzen Zeit auf dem harten Boden knien, wie in einem der ersten Kapitel beschrieben, ganz zu schweigen von dem Gestell, das ein absolut aufrechtes Sitzen erm\u00f6glichte und gerade einmal genug Bewegungsfreiheit lie\u00df, um zu schreiben. Abgesehen von der Bastelarbeit, die es erfordern w\u00fcrde, etwas Vergleichbares zu bauen. Au\u00dferdem war die mittelm\u00e4\u00dfige Zeichnung als Konstruktionsvorlage ungeeignet. Vermutlich hat die Vorrichtung ohnehin nur in der Phantasie des Autors existiert, der sein Machwerk nicht einmal mit Namen gezeichnet hatte, was er gut nachvollziehen konnte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er kaufte das B\u00fcchlein. Es kostete ohnehin nur einen Euro. Was konnte man bei einem Euro schon falsch machen? Au\u00dferdem machte es Spa\u00df, so eine kleine Kuriosit\u00e4t zu besitzen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Zu Hause las er das B\u00e4ndchen von der ersten bis zur letzten Seite aufmerksam durch. Je l\u00e4nger er darin las, \u00fcber das Geschriebene nachdachte, desto weniger hielt er es f\u00fcr unqualifiziertes Geschreibsel einer abstrusen Epoche. Zwar hatte sich an seiner \u00dcberzeugung, da\u00df es f\u00fcr die Kindererziehung untauglich war, nichts ge\u00e4ndert. Jedoch Ulla betreffend, begann er eine andere Meinung zu vertreten.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Keine Frage, es konnte sich schnell als eine aus der Verzweiflung heraus geborene Schnapsidee erweisen, vermutlich w\u00fcrde sie sich auch nicht darauf einlassen. So verzweifelt konnte sie gar nicht sein. Andererseits, wenn er es ihr ruhig erkl\u00e4rte \u2026 es w\u00fcrde gen\u00fcgen, sich auf etwas Einfaches zu beschr\u00e4nken, Knien zum Beispiel, aber auf einem Kissen, nicht auf dem harten Boden, wie im entsprechenden Kapitel gefordert. \u00dcber eine l\u00e4ngere Zeit zu knien, war an sich schon anstrengend genug.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: Nachhife tut Not \u00a0 \u00bbWir sehen uns dann Donnerstag.\u00ab Ulla reichte ihm zum Abschied die Hand. Es war mehr eine vorsichtige Frage. Sie sp\u00fcrte, da\u00df R\u00fcdigers Geduld mit ihr langsam ersch\u00f6pft zu sein schien, wenngleich er so kollegial war, es nicht offen zu zeigen. 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