{"id":4980,"date":"2017-06-25T22:03:38","date_gmt":"2017-06-25T20:03:38","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=4980"},"modified":"2026-04-03T01:20:36","modified_gmt":"2026-04-02T23:20:36","slug":"ulla-hahn-ein-mann-im-haus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=4980","title":{"rendered":"Ulla Hahn \u00bbEin Mann im Haus\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<div><img decoding=\"async\"  class=\"buchtitel\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/ulla-hahn-ein-mann-im-haus.jpg\" \/><\/div>\n<p>Maria ist Goldschmiedin in einer am Rhein gelegenen Kleinstadt unweit von K\u00f6ln. Hansegon, dort K\u00fcster, ist verheiratet mit der Tochter des ortsans\u00e4ssigen Wurstfabrikanten. Das Geld seiner Frau erm\u00f6glicht ihm, seiner K\u00fcnstlernatur nachzugehen. Der Kirchenchor hat sich unter seiner Leitung einen Ruf \u00fcber die Stadtgrenzen hinaus erworben. Seine Beziehung mit Maria w\u00e4hrt bereits viele Jahre. \u00bb<i>[\u2026]\u00bbWarte bis die Kinder aus dem Haus sind\u00ab, hatte Hansegon gesagt. Nun waren die Kinder aus dem Haus, aber Hansegon immer noch drin. [\u2026]<\/i>\u00ab darin hatte Maria ihre Hoffnung gelegt. <!--more-->Es ist Vorweihnachtszeit, wo Marias Gesch\u00e4ft am besten l\u00e4uft. W\u00e4hrend eines gemeinsamen Abends, er wie gew\u00f6hnlich mit einem Essen beginnt, das Maria f\u00fcr ihn zubereitet und mit sexueller T\u00e4tigkeit endet, mischt sie ihm ein Schlafmittel unters Essen. Hansegon erkl\u00e4rt seine regelm\u00e4\u00dfigen Abwesenheiten damit, da\u00df er noch in der Kirche zu tun habe. Er erwacht am n\u00e4chsten Morgen zu seinem Erschrecken an Marias Bett gefesselt. Sie hat diesen Abend lange vorbereitet, hat ihm innen gepolsterte Fesseln aus Gold angefertigt. Das Gold war \u00bb<i>[\u2026] ein liebes Andenken an Onkel Leopold, der, bevor er das Metall gem\u00e4\u00df seiner Profession in kari\u00f6sen Z\u00e4hnen hatte unterbringen k\u00f6nnen, einem Herzinfarkt erlegen war.[\u2026]<\/i>\u00ab Sie verschlie\u00dft ihm den Mund mit Klebeband, in das ein Loch macht, um ein silbernes R\u00f6hrchen einzuf\u00fchren, damit er Nahrung und Fl\u00fcssigkeit zu sich nehmen kann. Maria bedient sich seiner auch sexuell. \u00bb<i>[\u2026]Mit der Pr\u00e4zision eines Sch\u00f6pfwerks bewegte sie sich \u00fcber K\u00fcstermann auf und nieder. Es machte ihr Spa\u00df, ihren K\u00f6rper funktionieren zu f\u00fchlen.[\u2026]<\/i>\u00ab Kaum hat sie ihren Orgasmus l\u00e4\u00dft sie von ihm ab. Sie w\u00e4scht ihn, versorgt ihn. Anf\u00e4nglich wehrt er sich gegen seine Gefangennahme. Langsam gibt er seine fruchtlosen Versuche, sich zu befreien, auf. Er scheint sich nicht nur mit der Situation abgefunden zu haben, sondern sogar wohl darin zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">W\u00e4hrend dessen gehen im Dorf die Ger\u00fcchte um. Anf\u00e4nglich wird gemunkelt, da\u00df er mit einer anderen Frau auf und davon ist, was ihm die Verachtung so gut wie aller eintr\u00e4gt. Doch bald verbreitet sich das Ger\u00fccht, er sie das Opfer eines Verbrechens geworden. In der Fantasie der Erz\u00e4hlenden durchleidet unz\u00e4hlige qualvolle Tode und die Stimmung schl\u00e4gt um, nun ist ein bemitleidenswertes Opfer.<\/p>\n<p class=\"einzug\">W\u00e4hrend er in Marias Schlafzimmer gefesselt liegt, geht au\u00dferhalb das Leben seinen gewohnten Gang. <\/p>\n<p class=\"einzug\">Maria l\u00e4\u00dft die Jahre mit ihm Revue passieren, die Heimlichkeiten in Hotelzimmer w\u00e4hrend der Reisen mit dem Chor. Die Heimlichkeiten im Ort, ihre Empfindungen seiner Frau gegen\u00fcber. Dabei entfernt sie sich innerlich immer mehr von ihm. Eines Abends trennt sie sich von allen Gegenst\u00e4nden, die mit ihm verbunden sind, in dem sie diese durch den offenen Mund einer \u203aTotenmaske\u2039, die sie von ihm angefertigt hat, in Abfalls\u00e4cke wirft. Er mu\u00df zusehen, wie nach und nach das gemeinsame Leben mit ihr in den M\u00fcll verschwindet. Nachdem sie sich von allem befreit hat, schiebt sie einen kleineren Beutel durch den Mund der Totenmaske, diesmal innen nach au\u00dfen, in sie einige Schmuckst\u00fccke bef\u00f6rdert. Die Maske mit den Schmuckst\u00fccken wird Teil ihrer Schaufensterdekoration zur Vorweihnachtszeit. Sie verabreicht ihm erneut ein Beruhigungsmittel. L\u00f6st ihm die Fesseln, zieht ihn an, bugsiert ihn in ihr Auto und f\u00e4hrt mit ihm weit au\u00dferhalb der Kleinstadt und setzt ihn hinter K\u00f6ln an einer einsamen Stelle am Rhein aus. Er str\u00e4ubt sich zuerst dagegen, er w\u00fcrde lieber bei ihr bleiben. Aber das Beruhigungsmittel l\u00e4\u00dft ihm kaum Kraft.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Am Tag darauf wird er aufgefunden. Er wehrt sich erfolglos dagegen, da\u00df ihm das Pflaster vom Mund abgenommen wird, wobei er \u00bb<i>[\u2026] \u00a0in ein schmerzhaftes Wiehern ausgebrochen sei. Seither schweige er. [\u2026]<\/i>\u00ab<\/p>\n<p class=\"einzug\">Maria fertig Masken mit ge\u00f6ffnetem Mund aus Silber und aus Gold, die unter vielen Tannenb\u00e4umen, an vielen Frauenh\u00e4lsen hingen und auch M\u00e4nner war begeistert davon.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00a0<\/p>\n<p>\u00bbEin Mann im Haus\u00ab, erschienen 1991, ist der erste Roman der Lyrikerin <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ulla_Hahn\" target=\"_blank\">Ulla Hahn<\/a> (*1945).<\/p>\n<p class=\"einzug\">Oft ist davon gesprochen worden, da\u00df es sich um die Rache einer Frau an einem Mann handelt, der ihr immer wieder versprochen hat, sich von seiner Frau zu trennen und mit ihr eine Beziehung einzugehen, ohne zu bedenken, da\u00df sie sein Spiel jahrelang mitgespielt hat. Hansegon hat es verstanden, sich sein Leben behaglich einzurichten. Die wohlhabende Ehefrau, die ihm erm\u00f6glichte seine musikalische Leidenschaft ungehindert auszuleben und dem Kirchenchor ein Renommee zu verschaffen und ihn somit zum respektablen Mitb\u00fcrger zu machen. Maria gibt ihm als attraktive sexuell aktive Geliebte das, was ihm seine Frau nicht geben kann oder will. Sie wird aus Marias Sicht als alternde Frau mit einem durch \u00dcbergewicht vermeintlich unansehnlichen K\u00f6rper beschrieben, die St\u00fctzstr\u00fcmpfe tragen mu\u00df und einen Badeanzug mit eingearbeitetem Korsett, als sexuell unattraktiv, wobei sie das vermutlich nur ist, weil sie sich so f\u00fchlt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Allerdings ist es mehr als nur eine Rache. Zwar r\u00e4cht sie sich auch an ihm, aber zuv\u00f6rderst fesselt sie ihn an sich, an ihr Haus und das nicht im \u00fcbertragenen, sondern im Wortsinn. Da sie sich seiner in seiner Hilflosigkeit auch sexuell bedient, verleibt sie sich ihn als ihr Eigentum ein. Parallel findet ein Machtkampf zwischen ihnen statt. Er will sich aus ihren Fesseln befreien, doch sie beherrscht die Situation. Er ergibt sich schlie\u00dflich in sein \u203aSchicksal\u2039 und scheint sich am Ende sogar wohl in seiner Lage zu f\u00fchlen, w\u00e4hrend sie sich immer mehr von ihm l\u00f6st. Er erkennt zu sp\u00e4t, da\u00df er sich zu ihr h\u00e4tte bekennen m\u00fcssen. Sein Schweigen l\u00e4\u00dft sich auch dahingehend interpretieren, da\u00df er Maria nicht blo\u00dfstellen will, weil sie ihm noch immer wichtig ist.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Das Mitleid mit ihm h\u00e4lt sich beim Lesen in Grenzen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Parallel zur Beziehung von Maria und Hansegon schildert Ulla Hahn farbenfroh das Leben einer rheinischen Kleinstadt und die Hoffnungen und verlorenen Illusionen der Menschen von Marias Umgebung mit leichter Ironie und auch W\u00e4rme.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Maria ist Goldschmiedin in einer am Rhein gelegenen Kleinstadt unweit von K\u00f6ln. Hansegon, dort K\u00fcster, ist verheiratet mit der Tochter des ortsans\u00e4ssigen Wurstfabrikanten. Das Geld seiner Frau erm\u00f6glicht ihm, seiner K\u00fcnstlernatur nachzugehen. Der Kirchenchor hat sich unter seiner Leitung einen Ruf \u00fcber die Stadtgrenzen hinaus erworben. 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