{"id":5172,"date":"2017-09-07T03:03:57","date_gmt":"2017-09-07T01:03:57","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=5172"},"modified":"2026-04-03T00:33:21","modified_gmt":"2026-04-02T22:33:21","slug":"franziska-zu-reventlow-der-geldkomplex","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=5172","title":{"rendered":"Franziska zu Reventlow \u00bbDer Geldkomplex\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<p>Auf den ersten Blick teilt Franziska ein Schicksal mit vielen, es mangelt ihr st\u00e4ndig an Geld. Doch hat sich das bei ihr zu einem Komplex im psychologischen Sinn ausgeweitet. Das Geld liebt sie nicht, meidet sie, wo es nur kann, so zumindest ist ihr Eindruck und scheint ihr die Erfahrung recht zu geben. Sie gibt zu, da\u00df sie sich nie mit dem n\u00f6tigen Ernst ums Geld und somit um ihre finanzielle Situation gek\u00fcmmert hat, ihm Verachtung statt Ehrfurcht entgegen entgegenbringt, was ihr das Geld daher \u00fcbelzunehmen scheint, in dem es sie meidet, so ihre Vermutung. <!--more-->Ihre Hoffnung legt sie auf eine Erbschaft, die ihr Mann erwartet. Die Heirat war Gesch\u00e4ft zur Erlangung dieser Erbschaft. Ihr Mann hat nur Aussicht seinen Vater zu beerben, ist er verheiratet. Als Gegenleistung erh\u00e4lt sie die H\u00e4lfte des Erbes. Leider erweist sich der Erblasser z\u00e4her als erwartet. Um ihren Gl\u00e4ubigern zu entgehen, nimmt sie die Einladung eines ihr bekannten Nervenarztes, einem Freudianer, an, sie im Sanatorium des Professors X, seines v\u00e4terlichen Freundes, zu analysieren und wenn m\u00f6glich von ihrem \u203aGeldkomplex\u2039, an dem sie seiner Meinung nach leide, zu heilen. Der Direktor der Anstalt ist ein Gegner Freuds, weshalb sie ihm gegen\u00fcber nichts von den Pl\u00e4nen des jungen Arztes erw\u00e4hnen soll. W\u00e4hrend der junge Arzt sie nach den Regeln Freud behandelt, greift der Professor zu bew\u00e4hrten Methoden. Um die Monotonie im Tagesablauf zu durchbrechen, schlie\u00dft sie Bekanntschaft mit anderen Patienten und sammelte um sich eine illustre kleine Gesellschaft, deren Mitglieder letztlich an Belanglosigkeiten \u203aleiden\u2039, die Franziskas Meinung leicht mit dem Vorhandensein von Geld gel\u00f6st werden k\u00f6nnten. Ein Pastorensohn, der \u00fcber seine Hinwendung zum Atheismus eine Psychose bekommen hat, ein vermeintlich melancholischer blonder Landwirt, der am liebsten nach Kalifornien gehen w\u00fcrde, um die dortige Schweinezucht zu studieren, eine dicke Baumeisterswitwe, die \u00fcber den Bankrott ihres Mannes nervenkrank geworden ist, ein Privatdozent, der lediglich \u00fcberarbeitet ist und, nach Franziskas Vorstellungen, extravagante Vorstellung von der Erwerbst\u00e4tigkeit der Frau besitzt und eine Medizinstudentin, die davon \u00fcberzeugt, da\u00df Frauen intellektuell genauso leistungsf\u00e4hig sind wie M\u00e4nner, was ebenso wenig ihre Zustimmung findet. Als Langeweile geht die kleine Gruppe nachmittags zum Kegeln ins Dorf. Dort treffen sie auf Henry, einem alten Freund Franziskas, den sie seit Jahren nicht gesehen hat. Er war seinerzeit nach Amerika gegangen. Es war allgemein angenommen worden, da\u00df er dort reich werden w\u00fcrde, was aber nicht geschehen ist. Die nachmitt\u00e4glichen Kegelausfl\u00fcge werden dem Professor bekannt und m\u00fcssen eingestellt werden, andernfalls droht der Rauswurf aus dem Sanatorium, was sich aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden niemand leisten kann. Franziska \u00fcberredet Henry als Neurastheniker, der er ist, ebenfalls in die Klinik zu ziehen. Die kleine Gruppe bekommt schlie\u00dflich eine eigene Abteilung zugewiesen, um sie vor den wirklich behandlungsbed\u00fcrftigen Patienten abzutrennen. Der Schwiegervater verstirb zwischenzeitlich, doch der Antritt des Erbes verz\u00f6gert sich nicht nur, es wird voraussichtlich kleiner als erwartet ausfallen. W\u00e4hrenddessen arbeitet Henry weiter an den Pl\u00e4nen eines Bauprojekts, das zwischen Bangen und Hoffen am Ende scheitert. Auch die Erbschaft f\u00e4llt nach vielen Irrungen und Wirrung deutlich magerer aus. Selbst das Magere verschwindet am Ende noch im Konkurs der Bank, bei der es deponiert war. Franziska ist zwar nicht von ihrem \u203aGeldkomplex\u2039 geheilt, daf\u00fcr zum ersten Mal in ihrem Leben nach vielen Irrungen und Wirrungen selbst Gl\u00e4ubigerin.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fanny_zu_Reventlow\" target=\"_blank\">Franziska zu Reventlow (18.5.1871\u201325.7.1918)<\/a> erz\u00e4hlt in ihrem 1916 erschienen Buch auf parodistische Weise von den st\u00e4ndigen Geldn\u00f6ten ihrer Protagonistin, die Zeit ihres Lebens ihre eigenen waren. Sie vermischt Erfundenes mit pers\u00f6nlichen Erlebnissen. Die Erbschaft ist Teil ihrer Biographie und endete gleichfalls mit dem Konkurs der Bank bei dem das Geld deponiert war, wodurch ich es ihr gelang, wenigstens einmal im Leben Gl\u00e4ubigerin zu sein, was auch ihrer Protagonistin eine gewisse Befriedigung bereitet: \u00bb<i>[\u2026] Ich geh\u00f6re jetzt selbst zu den Gl\u00e4ubigern \u2013 der verkrachten Bank nat\u00fcrlich \u2013 und das gibt dem Geld gegen\u00fcber einen ganz anderen Gesichtspunkt. Wer wei\u00df, ob es mich nicht doch noch respektieren lernt, wie es eben nur Gl\u00e4ubiger respektiert, und auf ebenso unwahrscheinliche Weise wiederkehrt, wie es sich verabschiedet hat. [\u2026]<\/i>\u00ab. Daneben Sie ironisiert die zur Zeit der Entstehung der Erz\u00e4hlung noch recht neue und sehr in Mode seiende Psychoanalyse. \u00bb<i>[\u2026] Es handelt sich da um irgendeine neue Nervenheilmethode, die man Psychoanalyse nennt. Erfunden hat sie der bekannte Professor Freud in Wien \u2013 dies nur, damit Du verstehst, weshalb ihre Anh\u00e4nger \u203aFreudianer\u2039 hei\u00dfen. [\u2026]<\/i>\u00ab und f\u00fcgt, um Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse zu vermeiden, hinzu \u00bb<i>[\u2026]Man m\u00f6chte sonst glauben, es bedeutet irgend etwas besonders Lustiges oder gar Zweifelhaftes.[\u2026]<\/i>\u00ab, um zu zeigen, da\u00df sie diese nicht so ganz ernst nimmt, wenngleich sie an den bew\u00e4hrten Methoden des Professors \u00bb<i>[\u2026] Tageseinteilung, Ruhestunden, B\u00e4dern, Wickeln und dergleichen mittelalterlichen Foltern. [\u2026]<\/i>\u00ab doch ihre Zweifel hat, \u00bb<i>[\u2026] ob die Leute ihre Seelenschocks oder Depressionen wirklich dadurch loswerden. [\u2026]<\/i>\u00ab, denn auf sie \u00bb<i>[\u2026] wirkt es gerade umgekehrt, ich fange jetzt erst an, nerv\u00f6s zu werden.[\u2026]<\/i>\u00ab. In der Person des Privatdozenten Lukas und der jungen Medizinstudentin \u00e4u\u00dfert sie sich \u00fcber die von ihr Zeit ihres Lebens kritisierte \u00dcberzeugung des Feminismus gegen\u00fcber der Gleichheit der Frau bez\u00fcglich intellektueller Leistungsf\u00e4higkeit, wenngleich auch sie f\u00fcr das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung der Frau eingetreten war. Sie hat den Vater ihres Sohnes nie genannt und hatte zahlreiche Aff\u00e4ren und Beziehungen, teilweise mit prominenten Mitgliedern der M\u00fcnchner K\u00fcnstlerszene vor 1914, in der sie lange gelebt und die sie in ihren Erz\u00e4hlungen und Roman teilweise mit <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/herrn-dames-aufzeichnungen-1414\/1\" target=\"_blank\">warmer Ironie geschildert hat<\/a>. Wenngleich sie bestrebt war, eine akzeptierte Malerin zu werden, so hat ihr literarisches Schaffen, das sie selbst als Beiwerk angesehen hat, die Bedeutung erreicht, die sie sich von ihrer Malerei gew\u00fcnscht h\u00e4tte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der Verleger und Schriftsteller <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Korfiz_Holm\" target=\"_blank\">Korfiz Holm<\/a> (21.8.1872\u20135.8.1942) widmet ihr in seinen Erinnerungen \u00bbich \u2013 kleingeschrieben\u00ab ein eigenes Kapitel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf den ersten Blick teilt Franziska ein Schicksal mit vielen, es mangelt ihr st\u00e4ndig an Geld. Doch hat sich das bei ihr zu einem Komplex im psychologischen Sinn ausgeweitet. Das Geld liebt sie nicht, meidet sie, wo es nur kann, so zumindest ist ihr Eindruck und scheint ihr die Erfahrung recht zu geben. 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