{"id":5184,"date":"2017-09-18T00:27:58","date_gmt":"2017-09-17T22:27:58","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=5184"},"modified":"2026-04-02T23:34:10","modified_gmt":"2026-04-02T21:34:10","slug":"richtige-versus-andere-literatur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=5184","title":{"rendered":"\u203aRichtige\u2039 versus \u203aandere\u2039 Literatur"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/betrach.png\" \/><\/p>\n<p>Das korrekte Antonym zu \u203arichtig\u2039 w\u00e4re \u203afalsch\u2039, doch im Kontext von Literatur als Gattung der K\u00fcnste, w\u00e4re \u203afalsch\u2039 so ziemlich das falscheste, das sich \u203arichtig\u2039 gegen\u00fcberstellen l\u00e4\u00dft. Dennoch taucht der Begriff \u203arichtige\u2039 Literatur immer auf, wenn es darum geht, E- und U-Literatur \u2013 sogenannte Ernste- und Unterhaltungs-Literatur \u2013 voneinander abzugrenzen. So klar eine solche Unterscheidung auf den ersten Blick auch erscheinen mag, bei n\u00e4heren Hinsehen verschwimmt diese Eindeutigkeit. An welchen einigerma\u00dfen objektiven Kriterien l\u00e4\u00dft sich eine solche Unterscheidung fest machen?<!--more--><\/p>\n<p class=\"einzug\">An der behandelten Thematik vielleicht? Liebes- und Kriminalromane werden von vielen per se zur Unterhaltungsliteratur gerechnet. Doch in Goethes \u00bb<i>Wahlverwandtschaften<\/i>\u00ab geht es vorrangig um die Liebe eines reifen Mannes zu einer j\u00fcngeren Frau und wie sehr steht bei \u00bb<i>Die Leiden des jungen Werther<\/i>\u00ab eine ungl\u00fcckliche, unerf\u00fcllte Liebe im Vordergrund mit bekannt tragischem Ausgang. Oder bei Charles Dickens, in dessen Werk oft genug mindestens eine Liebesgeschichte enthalten ist. \u00bb<i>Dombey und Sohn<\/i>\u00ab beispielsweise \u2013 2015 von 82 internationalen Literaturkritikern und -wissenschaftlern zu einem der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/BBC-Auswahl_der_100_bedeutendsten_britischen_Romane\">bedeutendsten britischen Romane<\/a> gew\u00e4hlt \u2013, enth\u00e4lt gleich mehrere gl\u00fccklich und ungl\u00fcckliche. Dickens\u2019 Zeit seines Lebens vorhandener tiefsitzender Optimismus l\u00e4\u00dft \u00bbDombey und Sohn\u00ab f\u00fcr die Mehrzahl seiner Protagonisten zu einem positiven Ende kommen, das aus heutiger Sicht leicht kitschig erscheinen mag. Ebensowenig w\u00fcrde jemand auf den Gedanken kommen, Poes \u00bb<i>Die Doppelmorde in der Rue Morgue<\/i>\u00ab, wo er mit der Figur C. Auguste Dupin einen der ersten Detektive der Literaturgeschichte kreiert, als U-Literatur zu bezeichnen, ebenso beinhaltet E.T.A. Hoffmanns \u00bb<i>Das Fr\u00e4ulein von Scuderi<\/i>\u00bb alles, was zu einer guten und spannenden Kriminalgeschichte geh\u00f6rt, bevor es dieses eigenst\u00e4ndige Genre \u00fcberhaupt gab, doch wird so gut wie niemand die Zugeh\u00f6rigkeit zur E-Literatur bestreiten.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Das sind einige wenige, sehr prominente Beispiele von Autoren, deren Bedeutung f\u00fcr die Literaturgeschichte unbestritten ist.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Das Genre an sich ist ein denkbar schlechtes Mittel, um daran die Qualit\u00e4t eines Textes festzumachen, es f\u00fchrt allenfalls zur Stigmatisierung aller Texte, die sich dieses Genres bedienen. Qualit\u00e4t kann und sollte letztlich einzig an der Umsetzung einer Thematik festgemacht werden.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wie sind die Protagonisten dargestellt? Sind sie glaubw\u00fcrdig oder nur Stereotypen? Wie steht es mit dem Milieu, in dem die Handlung spielt? Auch hier ist die Frage um die Glaubw\u00fcrdigkeit wichtig. Ist die Handlung in sich logisch? Befolgt sie konsequent die in ihr festgelegten Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten? Beinhaltet sie <i>unglaubw\u00fcrdige<\/i> Br\u00fcche? In einer Erz\u00e4hlung, in der es die Regel ist, da\u00df alle an der Decke spazieren, kann niemand ohne nachvollziehbaren Grund auf dem Boden gehen. Ist das Genre bei n\u00e4herem Hinsehen gew\u00e4hlt worden, um damit etwas anderes zu verdeutlichen? Das Genre des \u203aHistorischen\u2039 Roman ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr. Zu Lebzeiten Lion Feuchtwangers oder Stefan Zweigs oder R. L. Stevensons wurde dieses Genre zuv\u00f6rderst benutzt, um aktuelle gesellschaftliche Probleme und Verh\u00e4ltnisse zu verdeutlichen, oder weshalb aktuell bestimmte Dinge so sind, wie sie sind. Heutzutage ist es fast ausschlie\u00dflich zu einem rein spannungsorientierten Genre geworden, das sich nur mehr oder weniger grob an historische Gegebenheiten orientiert und noch weniger zeitgen\u00f6ssische Problematik anhand historischer Parallelen verdeutlichen will. Analoges gilt f\u00fcr das im sp\u00e4ten 19. Jhd. entstandene Genre des \u203aScience fiction\u2039, das vom Fortschrittsgl\u00e4ubigen bis hin zur Verdeutlichung gesellschaftlicher und technologischer Fehlentwicklungen reicht, wobei im Verlauf des 20. Jhd. das kritische zu \u00fcberwiegen begonnen hat. F\u00fcr <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dashiell_Hammett\" target=\"_blank\">Dashiell Hammett<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Raymond%20Chandler\" target=\"_blank\">Raymond Chandler<\/a> war letztlich das Milieu, in dem Kriminalit\u00e4t entsteht, wichtiger als deren Aufkl\u00e4rung, ihre Detektive gelangen mehr oder weniger zuf\u00e4llig zur L\u00f6sung.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wie sieht mit der sprachlichen Umsetzung aus? Ein auf den ersten Blick am umgangssprachlichen orientierter Stil kann sich bei n\u00e4herem Hinsehen st\u00e4rker als Qualit\u00e4tskriterium erweisen, als ein scheinbar noch so ausgefeilter Stil, wenn er sich letztlich nur selbst gen\u00fcgt, oder noch schlimmer, wenn der Autor meint, auf diese Weise seine Sprachgewandtheit demonstrieren zu m\u00fcssen, seine Zuflucht im Manierismus sucht. Der Gebrauch von Sprache zum Selbstzweck gerinnt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die Anwendung erprobter inhaltlicher wie sprachlicher Muster gibt es nicht nur in der vermeintlichen U-Literatur. Die fr\u00fchen, um 1900 entstanden Erz\u00e4hlungen von Alfred D\u00f6blin, Heinrich Mann, Robert Musil, Hermann Hesse \u2013 um nur einige zu nennen \u2013 spiegeln teilweise auff\u00e4llig einen bestimmten literarischen Zeitgeschmack wider, der seinerzeit mehr oder weniger erprobte sprachliche und inhaltliche Muster nutzt, die sich deutlich von deren sp\u00e4teren, gesellschaftlich engagiertem Werk unterscheidet.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der U-Literatur haftet automatisch der Makel der geringeren Qualit\u00e4t an, dabei ist es alles andere als einfach Leute ansprechend zu unterhalten, insbesondere, wenn sie anspruchsvoll sind. Gute Unterhaltung dient im wesentlichen dazu, um abschalten zu k\u00f6nnen und Kraft zur Bew\u00e4ltigung f\u00fcr die Probleme des Alltags zu sammeln. Da\u00df es schwerer ist, jemanden zum Lachen zu bringen als zum Weinen, wei\u00df man beim Theater schon sehr lange. <\/p>\n<p class=\"einzug\">So bequem es auf den ersten Blick auch sein mag, die Qualit\u00e4t am Genre festzumachen, dem der Text zuzuordnen ist, was in vielen Fall, durchaus gerechtfertigt sein mag, so sollte sich niemand davon verf\u00fchren lassen zu pauschalisieren, sondern die Einzelfallpr\u00fcfung sei stets empfohlen, manchmal f\u00e4llt diese kurz aus, weil es in der einen wie anderen Richtung offensichtlich ist, manchmal wird sie aufwendiger und wartet am Ende sogar mit einer angenehmen \u00dcberraschung auf. Auch heute l\u00e4ngst als pr\u00e4gend f\u00fcr die Literaturgeschichte anerkannte Autoren, haben in ihrem Werk bisweilen Texte, die nicht ihrem eigenen Niveau gen\u00fcgen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Statt zwischen E- und U-Literatur, \u203arichtiger\u2039 und anderer Literatur zu unterscheiden, ist es weitaus hilfreicher zwischen und <i>guter<\/i> und <i>schlechter<\/i> Literatur zu unterscheiden, da es ebenso <i>schlechte<\/i> E- wie <i>gute<\/i> U-Literatur gibt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">In den K\u00fcnsten kann es ohnehin nie ein <i>richtig<\/i> oder <i>falsch<\/i> geben, sondern immer nur ein <i>gut<\/i> oder <i>schlecht<\/i>. Es mu\u00df sich schon etwas M\u00fche gegeben werden, um das entscheiden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das korrekte Antonym zu \u203arichtig\u2039 w\u00e4re \u203afalsch\u2039, doch im Kontext von Literatur als Gattung der K\u00fcnste, w\u00e4re \u203afalsch\u2039 so ziemlich das falscheste, das sich \u203arichtig\u2039 gegen\u00fcberstellen l\u00e4\u00dft. Dennoch taucht der Begriff \u203arichtige\u2039 Literatur immer auf, wenn es darum geht, E- und U-Literatur \u2013 sogenannte Ernste- und Unterhaltungs-Literatur \u2013 voneinander abzugrenzen. 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