{"id":5322,"date":"2017-10-25T14:34:54","date_gmt":"2017-10-25T12:34:54","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=5322"},"modified":"2026-04-02T23:45:21","modified_gmt":"2026-04-02T21:45:21","slug":"zitat-des-tages-136","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=5322","title":{"rendered":"Zitat des Tages #136"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/zitat.png\" \/><\/p>\n<div id=\"zitat\">\n<p class=\"zitattitel\">Der Zahnarzt<\/p>\n<p>Zwei Tagdiebe, die schon lange in der Welt miteinander herumgezogen, weil sie zum Arbeiten zu tr\u00e4g oder zu ungeschickt waren, kamen doch zuletzt in gro\u00dfe Not, weil sie wenig Geld mehr \u00fcbrig hatten und nicht geschwind wu\u00dften, wo nehmen. Da gerieten sie auf folgenden Einfall. <!--more-->Sie bettelten vor einigen Hausth\u00fcren Brot zusammen, das sie nicht zur Stillung des Hungers genie\u00dfen, sondern zum Betrug mi\u00dfbrauchen wollten. Sie kneteten n\u00e4mlich und drehten aus demselben lauter kleine K\u00fcgelein oder Pillen und bestreuten sie mit Wurmmehl aus altem zerfressenem Holz, damit sie v\u00f6llig aussahen wie die gelben Arzneipillen. Hierauf kauften sie f\u00fcr ein paar Batzen einige Bogen rotgef\u00e4rbtes Papier bei dem Buchbinder (denn eine sch\u00f6ne Farbe mu\u00df gew\u00f6hnlich bei jedem Betrug mithelfen): das Papier zerschnitten sie alsdann und wickelten die Pillen darein, je sechs bis acht St\u00fccke in ein P\u00e4cklein. Nun ging der eine voraus in einen Flecken, wo eben Jahrmarkt war, und in den roten L\u00f6wen, wo er viele G\u00e4ste anzutreffen hoffte. Er forderte ein Glas Wein, trank aber nicht, sondern sa\u00df ganz wehm\u00fctig in einem Winkel, hielt die Hand an den Backen, winselte halb laut f\u00fcr sich und kehrte sich unruhig bald so her, bald so hin. Die ehrlichen Landleute und B\u00fcrger, die im Wirtshaus waren, bildeten sich wohl ein, da\u00df der arme Mensch ganz entsetzlich Zahnweh haben m\u00fcsse. Aber was war zu thun? man bedauerte ihn, man tr\u00f6stete ihn, da\u00df es schon wieder vergehen werde, trank sein Gl\u00e4schen fort und machte seine Marktaffairen aus. Indessen kam der andere Tagdieb auch nach. Da stellten sich die beiden Schelme, als ob noch keiner den anderen in seinem Leben gesehen hatte. Keiner sah den anderen an, bis der zweite durch das Winseln des ersteren, der im Winkel sa\u00df, aufmerksam zu werden schien. \u00bbGuter Freund,\u00ab sprach er, \u00bbIhr scheint wohl Zahnschmerzen zu haben?\u00ab und ging mit gro\u00dfen und langsamen Schritten auf ihn zu. \u00bbIch bin der Doktor Schnauzius Rapunzius von Trafalgar,\u00ab fuhr er fort. Denn solche fremde vollt\u00f6nige Namen m\u00fcssen auch zum Betrug behilflich sein, wie die Farben. \u00bbUnd wenn Ihr meine Zahnpillen gebrauchen wollt,\u00ab fuhr er fort, \u00bbso soll es mir eine schlechte Kunst sein, Euch mit einer, h\u00f6chstens zweien, von Euren Leiden zu befreien.\u00ab \u2013 \u00bbDas wolle Gott\u00ab, erwiderte der andere Halunk. Hierauf zog der saubere Doktor Rapunzius eines von seinen roten P\u00e4cklein aus der Tasche und verordnete dem Patienten ein K\u00fcgelein daraus auf den b\u00f6sen Zahn zu legen und herzhaft darauf zu bei\u00dfen. Jetzt streckten die G\u00e4ste an den anderen Tischen die K\u00f6pfe her\u00fcber, und einer um den anderen kam herbei, um die Wunderkur mit anzusehen.  Nun k\u00f6nnt ihr euch vorstellen, was geschah. Auf diese erste Probe wollte zwar der Patient wenig r\u00fchmen, vielmehr that er einen entsetzlichen Schrei. Das gefiel dem Doktor. Der Schmerz, sagte er, sei jetzt gebrochen, und gab ihm geschwind die zweite Pille zu gleichem Gebrauch. Da war nun pl\u00f6tzlich aller Schmerz verschwunden. Der Patient sprang vor Freuden auf, wischte den Angstschwei\u00df von der Stirne weg, obgleich keiner daran war, und that, als ob er seinem Retter zum Danke etwas Namhaftes in die Hand dr\u00fcckte. \u2013 Der Streich war schlau angelegt und that seine Wirkung. Denn jeder Anwesende wollte nun auch von diesen vortrefflichen Pillen haben. Der Doktor bot das P\u00e4cklein f\u00fcr 24 Kreuzer, und in wenig Minuten waren alle verkauft. Nat\u00fcrlich gingen jetzt die zwei Schelme wieder einer nach dem anderen weiters, lachten, als sie wieder zusammenkamen, \u00fcber die Einfalt dieser Leute und lie\u00dfen sich\u2019s wohl sein von ihrem Geld. Das war teures Brot. So wenig f\u00fcr 24 Kreuzer bekam man noch in keiner Hungersnot. Aber der Geldverlust war nicht einmal das Schlimmste. Denn die Weichbrotk\u00fcgelein wurden nat\u00fcrlicherweise mit der Zeit steinhart. Wenn nun so ein armer Betrogener nach Jahr und Tag Zahnweh bekam und in gutem Vertrauen mit dem kranken Zahn einmal und zweimal darauf bi\u00df, da denke man an den entsetzlichen Schmerz, den er, statt geheilt zu werden, sich selbst f\u00fcr 24 Kreuzer aus der eigenen Tasche machte. Daraus ist also zu lernen, wie leicht man kann betrogen werden, wenn man den Vorspiegelungen jedes herumlaufenden Landstreichers traut, den man zum erstenmal in seinem Leben sieht, und vorher nie und nachher nimmer; und mancher, der dieses liest, wird vielleicht denken: \u00bbSo einf\u00e4ltig bin ich zu meinem eigenen Schaden auch schon gewesen.\u00ab \u2013 Merke: Wer so etwas kann, wei\u00df an anderen Orten Geld zu verdienen, l\u00e4uft nicht auf den D\u00f6rfern und Jahrm\u00e4rkten herum mit L\u00f6chern im Strumpf, oder mit einer wei\u00dfen Schnalle am rechten Schuh und am linken mit einer gelben.<\/p>\n<\/div>\n<p class=\"autor\">Johann Peter Hebel (10.5.1760\u201322.9.1826) \u00b7 Schatzk\u00e4stlein des rheinischen Hausfreundes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Zahnarzt Zwei Tagdiebe, die schon lange in der Welt miteinander herumgezogen, weil sie zum Arbeiten zu tr\u00e4g oder zu ungeschickt waren, kamen doch zuletzt in gro\u00dfe Not, weil sie wenig Geld mehr \u00fcbrig hatten und nicht geschwind wu\u00dften, wo nehmen. 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