{"id":581,"date":"2009-01-15T17:02:22","date_gmt":"2009-01-15T15:02:22","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=581"},"modified":"2026-04-03T12:09:37","modified_gmt":"2026-04-03T10:09:37","slug":"kurzes-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=581","title":{"rendered":"Kurzes #4 \u00b7 Das Gewitter"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" \/><\/p>\n<p>Das Gewitter kam pl\u00f6tzlich aber nicht unerwartet. Er schaffte es gerade noch einen sch\u00fctzenden Hausdurchgang zu erreichen, bevor der Himmel seine Schleusen \u00f6ffnete. Der Himmel war fast schwarz, Blitze zuckten, der Donner grollte ungew\u00f6hnlich laut, der Regen peitschte durch die Stra\u00dfen; das Gewitter befand sich genau \u00fcber dem Stadtteil. Das Wasser konnte gar nicht so schnell abflie\u00dfen wie es von oben kam. Die auftreffenden Tropfen bildeten auf der d\u00fcnnen, alles \u00fcberziehenden Wasserschicht Blasen, in den Stra\u00dfenrinnen hatten sich rei\u00dfende kleine B\u00e4che gebildet. Keine Menschenseele war mehr zu sehen.<!--more--><br \/>\nEr lehnte sich mit der linken Schulter an die Wand des Durchgangs, beobachtete interessiert das Naturschauspiel, das sich ihm bot. Was blieb ihm auch anderes \u00fcbrig, wollte er nicht innerhalb weniger Augenblicke bis auf die Haut durchn\u00e4\u00dft werden.<br \/>\nEs mochten ein paar Minuten vergangen sein, als er hinter sich eine T\u00fcr gehen h\u00f6rte und darauf dieses ganz gewisse Klacken, wie es nur hohe Abs\u00e4tze auf Betonplatten erzeugen k\u00f6nnen. Eine Melodie, die ihn stets mit einem leichten, angenehm sinnlichen Gef\u00fchl erf\u00fcllte. Es waren kraftvolle, entschlossene Schritte, die sich schnell n\u00e4herten. Er widerstand dem ersten Drang, sich umzudrehen, weil er kaum mehr als Umrisse gesehen h\u00e4tte, lag doch der ganze Durchgang im Dunkel. Die Schritte verstummten auf seiner H\u00f6he, kurz darauf vernahm er einen ungehaltenen Seufzer, der zur H\u00e4lfte in einem erneuten Donner unterging. Erst jetzt blickte er leicht zur Seite, konnte es viel unauff\u00e4lliger tun, als wenn er sich sogleich, kaum da\u00df er den ersten Schritt vernommen hatte, umgedreht h\u00e4tte.<br \/>\nAlso, in diesem Fall konnte das Gewitter ruhig noch etwas dauern, war sein erster Gedanke, als er sie sah. Sie war gro\u00df, w\u00e4re es auch ohne ihre hohen Abs\u00e4tze gewesen. Ihre Schuhe waren aus schwarzem, fast handschuhweichem Leder, handgen\u00e4ht und un\u00fcbersehbar auf ihren schlanken Fu\u00df gearbeitet. Schwarze hauchzarte Str\u00fcmpfe umh\u00fcllten ein Paar schmaler Fesseln und wohlgeformter Waden. Ihren blauen Trenchcoat hatte sie eng geg\u00fcrtet, was ihre Taille schmaler erscheinen lie\u00df als sie tats\u00e4chlich war und ihre Oberweite betonte. Das mittellange \u00fcppige blonde Haar wirkte auf den ersten Blick ein wenig struwwelig, doch alles andere als nachl\u00e4ssig, eher als h\u00e4tte sie es erst vor kurzem frisch gewaschen und nach dem Trocknen nicht gek\u00e4mmt, was ihm, je l\u00e4nger er sie betrachtete, als wahrscheinlich galt. Es war diese Art gepflegter \u203aNachl\u00e4ssigkeit\u2039, die den Eindruck erwecken soll, da\u00df eine Frau gerade aus den Armen ihres Liebhabers kommt, und sie es gar nicht einsieht, warum sie die Spuren der genossenen Lust schamhaft verstecken sollte.<br \/>\nSie blickte trotzig aus sch\u00f6nen dunkelbraunen, unter dichten Brauen liegenden Augen in den Regen hinaus, als empf\u00e4nde sie das Wetter als pers\u00f6nlichen Affront, bi\u00df nerv\u00f6s auf ihren vollen Lippen herum. Die H\u00e4nde hatte sie in die Manteltaschen geschoben. Sie tippte, ihre Ungeduld damit zus\u00e4tzlich unterstreichend, mit der rechten Fu\u00dfspitze auf den Boden, drehte den Fu\u00df gelegentlich auf dem Absatz hin und her, was ein scharrendes Ger\u00e4usch verursachte. Sie schenkte ihm offensichtlich keinerlei Beachtung, tat, als sei er gar nicht vorhanden.<br \/>\nVielleicht stimmte ja seine Vermutung und sie hatte in diesem Haus ihren Liebhaber f\u00fcr ein kurzes, fr\u00fchnachmitt\u00e4gliches Sch\u00e4ferst\u00fcndchen besucht. Dar\u00fcber hatten beide die Zeit vergessen, bis ihr schlagartig bewu\u00dft wurde, da\u00df ihr keine Zeit mehr blieb, sich in Ruhe anzuziehen, die Haare zu k\u00e4mmen, das Make-up aufzufrischen. Sie war hastig aus dem Bett gesprungen, eilig in ihre Kleider geschl\u00fcpft, hatte sich im Bad noch schnell die Lippen nachgezogen, die Augen mit dem Kajalstift umrandet, war in ihren Mantel geschl\u00fcpft, w\u00e4hrend sie ihm noch einen letzten, fl\u00fcchtigen Ku\u00df gab, der trotzdem ein Danke war f\u00fcr die sch\u00f6nen Stunden, die wie immer leider viel zu kurz gewesen waren, hatte die Wohnung verlassen und war die Treppen hinuntergeeilt. Und jetzt hielt sie dieses heftige Gewitter hier im Hausdurchgang fest. Der Grund f\u00fcr ihren \u00fcberst\u00fcrzten Aufbruch, ihre Ungeduld konnte mehrere Ursachen haben, ein wichtiger gesch\u00e4ftlicher Termin oder gar die zur\u00fcckkehrende Ehefrau oder Lebenspartnerin des Geliebten, oder da\u00df ihr Ehemann, ihr Lebenspartner sie um eine bestimmte Stunde zur\u00fcckerwartete.<br \/>\nIm ersten Fall entging ihr vielleicht ein lukrativer Auftrag, bei den beiden anderen M\u00f6glichkeiten konnte es eine unangenehme Begegnung sein, vielleicht kannten sich beide Frauen ja, war die feste Beziehung am Ende eine gute Freundin.<br \/>\nEs blitzte und donnerte ohne Unterla\u00df und der Regen fiel mit unverminderter Heftigkeit.<br \/>\nNat\u00fcrlich waren das alles nur wilde Vermutungen, ihre Ungeduld, der Anla\u00df ihres Aufenthaltes in diesem Haus konnte ein ganz banaler sein, der Besuch einer Freundin beispielsweise \u2013 da\u00df sie hier wohnte, schien wenig wahrscheinlich, denn dann h\u00e4tte sie das Ende des Gusses in ihrer Wohnung abgewartet, was gleichfalls die M\u00f6glichkeit eines Besuchs auch nicht wahrscheinlicher als seine romantischeren Spekulationen sein lie\u00df, dann h\u00e4tte sie ebenfalls im Haus das Gewitter abwarten k\u00f6nnen, w\u00e4re zudem dazu aufgefordert worden, denn welcher Gastgeber l\u00e4\u00dft seinen Gast schon im Gewittergu\u00df gehen? Einzig ihre jetzige Ungeduld konnte ihren Grund in der Ohnmacht gegen\u00fcber den Naturgewalten haben, die sie hier festhielten.<br \/>\nMit einem resignierenden Seufzer schien sie einzusehen, da\u00df sie das Ende des Gusses wohl oder \u00fcbel w\u00fcrde abwarten m\u00fcssen, wollte sie nicht f\u00f6rmlich geduscht werden, denn ihr Mantel h\u00e4tte sie lediglich vor einem leichten Regen hinreichend gesch\u00fctzt. Zudem war ihr Schuhwerk nur bedingt f\u00fcr Regenspazierg\u00e4nge geeignet. Sie schien sich ins Unvermeidliche zu f\u00fcgen, denn sie lehnte sich mit der rechten Schulter an die ihm gegen\u00fcberliegende Wand des Durchgangs.<br \/>\nEr schien f\u00fcr sie weiterhin nicht vorhanden zu sein, denn sie hatte bisher nicht einmal den Blick zu ihm gewandt. Es schien sie auch nicht zu interessieren, da\u00df er sie beinahe unverhohlen, wenn auch nicht aufdringlich, sondern vielmehr bewundernd betrachtete, was nur selten abwehrende Reaktionen hervorruft, denn wann wird einem schon einmal die Wartezeit im sch\u00fctzenden Hausdurchgang auf das Ende eines Gewitters durch die Gegenwart einer interessanten Frau verk\u00fcrzt?<br \/>\nAb und zu bi\u00df sie ungeduldig auf die Unterlippe, scharrte ungehalten mit den Fu\u00df und sah weiterhin zornig in den Regen hinaus.<br \/>\nDas Gewitter zog sich ungew\u00f6hnlich lange hin, oder kam es ihm nur so vor? Nur langsam wurden die Pausen zwischen den Blitzen l\u00e4nger, der Donner leiser. Der Regen dagegen hatte kaum etwas von seiner Heftigkeit eingeb\u00fc\u00dft. Ein Auto fuhr langsam vor\u00fcber, das Wasser spritzte in Font\u00e4nen zu beiden Seiten auf, die Scheibenwischer liefen auf h\u00f6chster Stufe, trotzdem durfte der Fahrer kaum etwas sehen.<br \/>\nSeine sch\u00f6ne \u201aLeidensgenossin\u2018 l\u00f6ste sich von der Wand. F\u00fcr den Augenblick bef\u00fcrchtete er schon, sie k\u00f6nne die Geduld verloren haben, und doch in den Regen hinausgehen, es in Kauf nehmen, schon nach wenigen Schritten durchn\u00e4\u00dft zu sein, damit zu demonstrieren, da\u00df sie die Dominanz der Natur nicht akzeptierte, doch sie ging nach hinten, in den dunklen Teil des Durchgangs, dort wo die T\u00fcr sein mu\u00dfte, aus der sie gekommen war. Er meinte schon ein wenig entt\u00e4uscht, sie w\u00fcrde wieder ins Haus zur\u00fcckgehen, doch sie ging auf die andere Seite, wo die Mauer einen leichten Versprung machte und einige M\u00fclltonnen standen. Sie hockte sich hinter die Tonnen. Kurz darauf h\u00f6rte er ein leichtes Prasseln auf dem Pflaster. Er mu\u00dfte schmunzeln. Sie pinkelte einfach hier im Durchgang, als sei sie allein und best\u00fcnde auch keine Gefahr, da\u00df pl\u00f6tzlich jemand aus der T\u00fcr kommen k\u00f6nnte, die genau gegen\u00fcber der Stelle war, wo sie hockte und von wo aus sie die Tonnen nicht so gut verdeckten.<br \/>\nAls sie fertig war, verharrte sie noch einen Augenblick, dann stand sie auf, schritt nun gem\u00e4chlich nach vorne, und nahm ihre alte Stelle an der Wand wieder ein, die H\u00e4nde l\u00e4ssig in den Manteltaschen. Sie wirkte nun nicht mehr ungeduldig, fast schon als sei es ihr gleich, wie lange der Regen noch dauerte, der schon merklich nachgelassen hatte, aber immer noch zu heftig niederging, um sich schon aus dem Schutz des Durchgangs wagen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nSie strich sich eine Haarstr\u00e4hne aus der Stirn. Er l\u00e4chelte ihr freundlich zu. Doch sie ignorierte ihn scheinbar weiterhin, dennoch umspielte ihre Augen ein schwaches, zustimmendes L\u00e4cheln, besa\u00df ihre Haltung absolut nichts Abweisendes.<br \/>\nAls nur noch vereinzelte Tropfen fielen \u2013 das Gewitter endete fast so pl\u00f6tzlich wie es begonnen hatte \u2013, trat sie unvermittelt aus dem Durchgang heraus, verharrte einen Augenblick, als sei sie unschl\u00fcssig, ob ihre getroffene Entscheidung die richtige sei, und schritt kraftvoll aus.<\/p>\n<p><i>Auszug aus der Kurzgeschichte \u00bbChambre d\u2019Amour\u00ab aus dem Erz\u00e4hlband<\/i> \u00bbGeheimnisvolles Rendezvous\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Gewitter kam pl\u00f6tzlich aber nicht unerwartet. Er schaffte es gerade noch einen sch\u00fctzenden Hausdurchgang zu erreichen, bevor der Himmel seine Schleusen \u00f6ffnete. Der Himmel war fast schwarz, Blitze zuckten, der Donner grollte ungew\u00f6hnlich laut, der Regen peitschte durch die Stra\u00dfen; das Gewitter befand sich genau \u00fcber dem Stadtteil. Das Wasser konnte gar nicht so [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"footnotes":""},"categories":[52,37,32,36],"tags":[42,61,38,41,57],"class_list":["post-581","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erotisches","category-kurze-geschichten","category-literarisches","category-werkstatt","tag-bucher","tag-erotisches","tag-kurzgeschichten","tag-literatur","tag-werkstatt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/581","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=581"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/581\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8019,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/581\/revisions\/8019"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=581"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=581"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=581"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}