{"id":592,"date":"2009-01-15T17:13:31","date_gmt":"2009-01-15T16:13:31","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=592"},"modified":"2026-04-03T12:15:36","modified_gmt":"2026-04-03T10:15:36","slug":"kurzes-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=592","title":{"rendered":"Kurzes #5 \u00b7 Begegnung im Zug"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" \/><\/p>\n<p>F\u00fcr einige Wochen mu\u00dfte er beruflich jeden Tag in einen etwas entfernteren Ort fahren. Selbstverst\u00e4ndlich nahm er den Zug. Dieser ben\u00f6tigte rund eine Stunde. Was f\u00fcr andere eine Qual gewesen w\u00e4re, war f\u00fcr ihn nat\u00fcrlich ein Vergn\u00fcgen. Zu der Zeit, wo er seine Fahrt antrat, war der Zug halb leer. Wie gew\u00f6hnlich setzte er sich in den mittleren Waggon. Der Zufall entt\u00e4uschte ihn nicht. Schon zwei Stationen sp\u00e4ter stieg eine junge Frau ein. Sie war ihm bereits auf dem Bahnsteig aufgefallen, obwohl er sie nur kurz bei der Einfahrt des Zuges gesehen hatte. Als sie den Gang entlang kam, eine Tasche unter dem Arm, sah er, da\u00df sie einen wadenlangen, dunklen Rock und schwarze Str\u00fcmpfe trug. Sie mochte etwa drei\u00dfig sein. Sie war h\u00fcbsch, mit kurzen, dichten, fast schwarzen Haaren, die ihre vollen tiefrot geschminkten Lippen f\u00f6rmlich leuchten lie\u00dfen. Sie war schlank, aber nicht von der extremen Schlankheit, die heute gerne als Ideal propagiert wird und die letztlich nur Magerkeit ist. Im Vergleich dazu konnte sie fast schon als mollig bezeichnet werden.<!--more--><br \/>\nZielsicher steuerte sie die Bank auf der anderen Seite des Ganges ihm gegen\u00fcber an. Es schien wie abgesprochen. Sie setzte sich, stellte ihre Tasche neben sich und schlug sogleich die Beine mit damenhafter Eleganz \u00fcbereinander. Sie z\u00e4hlte offenkundig zu den Frauen, die sich der Sch\u00f6nheit ihrer Beine bewu\u00dft sind, die sie gerne bewundert sehen und die Komplimente \u00fcber ihre Beine genie\u00dfen. \u00dcberhaupt schien sie ein Gl\u00fccksfall zu sein.<br \/>\nF\u00fcr ihn war die Art, wie eine Frau die Beine \u00fcbereinanderschl\u00e4gt, beredt genug. Da gibt es das nachl\u00e4ssige, das gelangweilte, das trotzig abwehrende, das selbstverst\u00e4ndliche, das nur an die eigene Bequemlichkeit denkende \u00dcbereinanderschlagen. Es gibt das m\u00e4dchenhafte, das burschikose, das gezierte und das provokante, das kokette, das sinnliche, ja es gibt sogar ein l\u00fcsternes, das eigentlich eine offene Aufforderung zur gemeinsamen Unzucht ist, das jedoch nur in intimen Stunden wirklich zur Ausf\u00fchrung kommt.<br \/>\nDer Zug fuhr an. Sie holte eine Zeitung aus der Tasche und begann aufmerksam darin zu lesen. Er dagegen lie\u00df seine Blicke unauff\u00e4llig auf ihren Beinen ruhen.<br \/>\nSein Blick begann beim Saum ihres Rockes, der jetzt etwa eine Handbreit unter dem Knie endete. Es war ein weicher, ein feiner Stoff, der sanft zu der Haut ist, sie z\u00e4rtlich ber\u00fchrt. Ihre Str\u00fcmpfe waren fast blickdicht. Vermittelten aber nicht den Eindruck, da\u00df sie sie trug, weil sie eine weniger anziehende Haut habe. Ihre Wade verlief in einer flie\u00dfenden, einer fast vollkommenen Kurve, wie er sie schon seit Wochen nicht mehr zu sehen bekommen hatte und endete in einer ungew\u00f6hnlich schmalen und zarten Fessel, die vom Riemchen ihrer hochhackigen schwarzen Schuhe umfangen wurde. Die Abs\u00e4tze waren von mittlerer H\u00f6he, wie sie derzeit in Mode waren.<br \/>\nEs war nicht so, da\u00df er w\u00e4hrend der ganzen Fahrt ausschlie\u00dflich auf ihre Beine gesehen h\u00e4tte. In regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden sah er auch auf ihre H\u00e4nde, denn H\u00e4nde erz\u00e4hlen mindestens ebensoviel \u00fcber ihren Besitzer, ihre Besitzerin, wie Beine. Die ihren waren schlank, mit kurzen, unlackierten N\u00e4geln. Es war ihnen anzusehen, da\u00df ihre Besitzerin sie mit Sorgfalt behandelte. Ebenso verfing sich sein Blick auf ihrem Antlitz, ihren Lippen, die manchem zu stark geschminkt sein mochten, aber mit ihrem Typ harmonierten. Sie hielt die Lippen leicht ge\u00f6ffnet. Es gelang ihm aber nicht herauszufinden, ob es an einer zu kurzen Oberlippe lag oder Gewohnheit war.<br \/>\nImmer wenn der Zug sich einer Station n\u00e4herte, sein Tempo drosselte, bedauerte er schon, da\u00df sie gleich aussteigen und er sie vermutlich nie wiedersehen w\u00fcrde. Es war kein entt\u00e4uschtes Bedauern, kein Bedauern \u00fcber eine verpa\u00dfte Gelegenheit. Er hatte bisher nie eine der Frauen, auf deren Beine seine Blicke bewundernd geruht hatten, angesprochen. Es war das Bedauern \u00fcber das unvermeitliche Ende eines sch\u00f6nen Augenblicks, in dem auch die n\u00fcchterne Akzeptanz des Unwiderbringlichen liegt. Wer bewundert, zieht den Genu\u00df aus dem Bewundern an sich, nicht aus dem m\u00f6glichen Besitz des Objektes seiner Bewunderung. Der Besitz ist dem Bewunderer unwichtig. Im Gegenteil, Besitz bindet. Er mu\u00df unabh\u00e4ngig sein, um vorbehaltlos bewundern zu k\u00f6nnen. Wer besitzt, sch\u00e4tzt seinen Besitz im Wert h\u00f6her ein als anderes. Au\u00dferdem h\u00e4tte es das Objekt seiner Bewunderung aus der Anonymit\u00e4t gerissen, h\u00e4tte ihn in die Banalit\u00e4t ihres Alltags gef\u00fchrt. Ihre vielleicht eint\u00f6nige Arbeit, da\u00df Kinder und ein Mann, der die Sch\u00f6nheit ihrer Beine, ihre Attraktivit\u00e4t l\u00e4ngst nicht mehr sah, auf sie warteten. So konnte er, wenn er wollte \u2013 und manchmal tat er es auch \u2013, ihr eine Biographie geben, die ihrem Bild einen harmonischen Abschlu\u00df gab.<br \/>\nAber sie faltete ihre Zeitung auch vor dieser Station nicht zusammen, fuhr noch eine weitere mit ihm, und noch eine. Erst eine Station bevor er selbst ausstiegen mu\u00dfte, verlie\u00df sie den Zug. Er sah ihr vom Fenster aus nach, wie sie flinken Schrittes zum Ausgang ging. Der Zug ruckte an. Er lehnte sich zufrieden zur\u00fcck, zufrieden dar\u00fcber, da\u00df sie, solange seine Reisegef\u00e4hrtin gewesen war. Wieder eine Sch\u00f6ne mehr in seiner \u203aSammlung\u2039, die wie ein vor\u00fcberfliegender Schmetterling auf immer seinen Blicken, seiner Gegenwart entflogen war.<br \/>\nLange hatte er nicht Gelegenheit, der Erinnerung nachzusinnen, da er sich nun seinerseits bereit machen mu\u00dfte, denn er mu\u00dfte ja an der folgenden Station ausstiegen.<\/p>\n<p><i>Auszug aus der Kurzgeschichte \u00bbEin Bewunderer\u00ab aus dem Erz\u00e4hlband<\/i> \u00bbGeheimnisvolles Rendezvous\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr einige Wochen mu\u00dfte er beruflich jeden Tag in einen etwas entfernteren Ort fahren. Selbstverst\u00e4ndlich nahm er den Zug. Dieser ben\u00f6tigte rund eine Stunde. Was f\u00fcr andere eine Qual gewesen w\u00e4re, war f\u00fcr ihn nat\u00fcrlich ein Vergn\u00fcgen. Zu der Zeit, wo er seine Fahrt antrat, war der Zug halb leer. 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